Zeit


Oh Gott, oh Gott! Ich bin zu spät!

© Guram Matskhonashvili Als Lewis Carroll 1865 das weiße Kaninchen mit diesen Worten durch die Büsche hüpfen ließ, hatte er keine Ahnung, dass er damit eine Art Prophezeiung machen würde. Ein halbes Jahrhundert später wird dieser Satz einer der von uns am häufigsten gesagten werden. Wie oft wir es eilig haben und unser Smartphonebildschirm zeigt, dass wir sogar schon zu spät sind und wir hetzten, um es dann doch gerade noch so zu schaffen am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein.

Als ich noch ganz jung war und die Ferien im Dorf bei meiner Großmutter verbracht habe, hat mich immer gewundert, wie es denn sein kann, dass die Kuh jeden Abend zur exakt derselben Zeit immer vom Feld nach Hause in den Stall kommt. Um Punkt 17 Uhr stand sie am Hofeingang mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen nach einem langen Arbeitstag. Im Dorf fließt die Zeit ganz anders. Die Menschen gucken nicht ständig auf die Uhr und fragen einander nie, wie spät es gerade ist. © Guram Matskhonashvili Je weiter weg vom Dorf und je näher an der Stadt, desto wichtiger wird Zeit. Je urbaner man lebt, desto mehr muss man Informationen systematisieren und Daten verarbeiten. Und obwohl Zeit etwas Illusorisches ist, ist es eine Art Vertrag, den Menschen untereinander abschließen, um nicht im Chaos zu versinken. Deswegen tragen wir Uhren, hängen sie an unsere Wände zu Hause und im Büro und stellen sie auf zentralen Plätzen unserer Städte auf: große, kleine, teure, billige Zeitanzeiger. © Guram Matskhonashvili In der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts haben Menschen das erste Mal angefangen, Enttäuschung gegenüber der Zeit als Institution zu spüren. Während der Studentenproteste in Frankreich 1968 hielt ein Demonstrant ein Plakat mit folgender Parole in den Händen: «Der Wecker klingelt: Der erste Horror des Tages».

Was unser heutiges Jahrhundert betrifft, so ist Zeit zu einem wahrhaftigen Grauen unseres Alltags geworden: Du bist alleine, aber weißt, dass dir die ganze Zeit jemand versucht in den Rücken zu fallen, ständig wirst du verfolgt, du rennst und rennst, und kannst nicht anhalten. Der Grund dieses Grauens ist offensichtlich: Zeitmangel. Eine rein menschliche Erfindung. Zeit ist ein Subjekt der Interpretation, und Menschen glauben in ihrer Mehrheit, dass sie ihre circadiane Rhythmik selbst kontrollieren und nicht umgekehrt. Doch es gibt keine Kontrolle. Die Städte sind voll von weißen Kaninchen, die chaotisch die Straßen rauf und runter rasen, panisch auf ihre Taschenuhren gucken und schreien: «Oh Gott, oh Gott, ich bin zu spät!». © Guram Matskhonashvili August Strindberg schrieb einst: «Mein Kammerspiel («Fräulein Julie») geht 1,5 Stunden und wenn Menschen in der Lage sind, genauso lange und sogar länger Vorlesungen, Predigten und Kongressdebatten zu verfolgen, dann müsste auch ein 1,5- stündiges Kammerspiel den Zuschauer nicht ermüden».

Bei dem Theaterpublikum in Tbilisi sind lange Vorführungen untendurch. In einem Theater lief während der Saison ein Stück in 6 Stunden Länge. Der Zuschauer sollte also die ganze Nacht im Theater verbringen und sich komplett von der Außenwelt und seinem eigenen Leben abkapseln. Nach einem Monat traf der Regisseur die Entscheidung, das Stück auf 3 Stunden zu kürzen.

Theater ist in Wirklichkeit ein Raum, in dem Experimente mit der Zeit möglich sind. Der Regisseur, die Schauspieler haben die Möglichkeit dem Publikum einen anderen Zeitfluss zu zeigen und gleichzeitig die Reaktionen, das Verhalten und die Bewertung der Zuschauer zu beobachten. Wenn der Zeitrhythmus im Theater langsamer ist, als draußen, beginnt das Publikum nervös zu werden und wird schnell müde.

Genauso ist es auch im Kino. Das Publikum amerikanischer Kinos ist dran gewöhnt, dass man in zwei Stunden das Leben der Protagonisten sehen kann: angefangen von ihrer Kindheit bis zu ihrem Rentenalter. (Was mich daran erinnert, wie man Literatur in der Schule unterrichtet hat: Im Text den Hauptgedanken finden und eine kurze Zusammenfassung auswendig lernen).

Wenn der Zuschauer die Geschichte des Protagonisten in real time sieht, wie er oder sie aufwacht, Kaffee trinkt, Zähne putzt, sich anzieht, ins Auto setzt, zur Arbeit fährt, dort arbeitet, wieder nach Hause fährt, sich umzieht, zu Abend isst, Zähne putzt und schlafen geht, beginnt der Zuschauer, der ein anderes Tempo gewöhnt ist, zu gähnen. (Wenn beispielsweise Andrej Tarkovski heute seinen Film «Stalker» drehen würde, müsste er die Produzenten erst davon überzeugen, dass er wirklich einen guten und interessanten Film drehen kann). Für moderne Produzenten ist der potenzielle Film wie schon halb verfallene Ware im Supermarkt, die noch schnell gekauft werden muss, bevor sie abläuft.

Der Film «Victoria» (2015) von Sebastian Schipper, der aus einer einzigen 140-minütigen Kameraeinstellung besteht, kann als ein großer Schritt nach vorne bezeichnet werden, was die Wahrnehmung des Lebens als Phänomen angeht. © Guram Matskhonashvili Im Georgien fließt Zeit auf ganz besondere Art und Weise. Die Hauptstadt Tbilisi guckt in Richtung Zukunft mit Betontürmen und schnellen Autos, während der Rest des Landes bewegungslos in der Erde verankert steht und erst gar nicht versucht die Grenze zwischen UdSSR und des unabhängigen Georgiens zu überschreiten. Zwei verschiedene Dimensionen sind hier verschmolzen, in den kleinen georgischen Dörfern. Zeit und Raum im Mix, wie im Bild von Salvador Dali «Die Beständigkeit der Erinnerung» oder auch bekannt als «Die weichen Uhren». Zeit löst sich in diesen Dörfern auf, ähnlich wie das Essen, was in der Hitze schnell verdirbt. Die Uhr schmilzt hier in der Weichheit der Zeit.

Unsterblichkeit war schon immer ein zentrales Thema georgischer Folklore. Das höchste Ziel, was den Sieg des Helden über der Zeit zeigt. Wenn ihnen ein Georgier eine Nachricht schreibt, dass er auf dem Weg ist und in fünf Minuten an Ort und Stelle, dann heißt es, dass er frühstens in 40 Minuten auftaucht.

Schon, nachdem ich den letzten Satz geschrieben hatte, schaffte es das weiße Kaninchen auch endlich bis zu mir. Ich stoppe also an dieser Stelle und folge ihm. Heute habe ich viel vor und habe es sehr eilig, sonst könnte ich zu spät kommen. Mr.Kaninchen, warte auf mich!
© Guram Matskhonashvili

Guram Matskhonashvili


Guram Matskhonashvili ist ein Theaterregisseur und Dramatiker aus Tiflis, Georgien.

Andere Themen





    Werde Teil der Konverter Community

    NEUES THEMA

    Medien

    Digitale Informationen und wie wir damit umgehen
    ZEITGEIST

    Zeit

    Gedanken über eine unserer ambivalentesten Ressourcen

    Verwandlung

    Beobachtungen über den Lauf der Zeit und seine Folgen
    KONSUM

    Haben und Sein

    Über Konsum, Gesellschaft und Geld

    Geld

    Über das Universalrezept zum Glücklichsein
    GRENZE

    GRENZZONE

    Schwankendes Gleichgewicht grenzwertiger Zustände

    ENT-FERNUNG

    Fotostrecken und Bildergalerien über Grenzen,greifbaren und mentalen
    INSPIRATION

    SEROTONIN

    Über die Inspiration und den Schlaf der Vernunft 

    SCHAU

    Über das Kino: was sehen und wie sehen
    SPECIALS

    BERLINALE-SPECIAL

    Konverter hat sich vom Filmfieber der Berlinale anstecken lassen und für Euch eine einzigartige Übersicht des Festivals vorbereitet

    TRÄUME AUS ST. PETERSBURG

    Das Fotoprojekt „Träume aus St. Petersburg vermittelt einen Eindruck von den Gefühlen und den Lebensrealitäten junger Petersburger