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Filmstudio

Themen:
Bildende Kunst

Land:
Russland

Kinderfilmstudio "Poisk". Animation ist keine langweilige Kunst

Kinderfilmstudio Poisk. Foto: Marina Sudnichenko

Seit über 40 Jahren gibt es in dem akademischen Städtchen Nowosibirsk das Kinderfilmstudio "Poisk". Es ist ein Studio, in dem Kinder ab drei Jahren ihre Zeichnungen lebendig machen und Trickfilme herstellen. Manche dieser Trickfilme erlangen Bekanntheit und werden auf diversen Festivals mit Preisen ausgezeichnet. Was aber noch wichtiger ist - die jungen Animateure wachsen heran, bewahren sich ihr Interesse für die schöpferische Arbeit und bringen später schon ihre eigenen Kinder ins Studio. "Poisk" ist eines der bekanntesten und ältesten Kinderanimationsstudios des Landes. Es veranstaltet das russlandweite Kinderfilmstudio-Festival "Zhar Ptiza" und trägt zur Entstehung neuer Zeichentrickstudios in anderen Regionen des Landes bei.

Heute umfasst das Kinderfilmstudio "Poisk" neben der Animation noch einige weitere Studios unterschiedlicher Arbeitsbereiche - bildende Kunst, Theater, Kinderfernsehen u.a. "Poisk" verfügt über ein eigenes Aufnahmestudio, um qualitativ hochwertige Tonspuren für Filme produzieren zu können. In naher Zukunft wird das Studio ein Museum des sibirischen Kinos eröffnen: es konnten bereits einzigartige Exponate zusammengetragen werden, darunter zum Beispiel eine intakte Kinokamera aus dem Jahre 1923. Insgesamt umfasst die Sammlung etwa 40 Kameras aus verschiedenen Epochen.

Entstanden ist das Kinostudio "Poisk" im Jahre 1973. Es begann als Amateur-Club für Kino- und Fotoliebhaber, organisiert von Pjotr Iwanowitsch Anofrikow, dem heutigen Intendanten des Studios, verdienten Kulturschaffenden der Russischen Föderation, Kinoregisseur und Mitglied der russischen Vereinigung der Filmschaffenden. Damals war es ein Hobbyclub, in dem erwachsene Menschen die Ausrüstung, den Film und alles, was für ein Kinostudio benötigt wird, selbst "beschafften" und Komödien drehten. Und während sie drehten, lernten sie gleichzeitig, wie man dreht, aber auch wie man den Film entwickelt, druckt und synchronisiert...

Staryj Trolleybus. Foto: Kinderfilmstudio PoiskSpäter, im Jahre 1982, entstand auf dem Gelände des Studios das Kindersommertheater "Staryj Trolleybus". Es befand sich in einem echten alten, ausgemusterten Trolleybus, der in ein Kinotheater umgewandelt wurde, in dem ältere Schüler während des gesamten Sommers jüngeren Schülern Zeichentrickfilme vorführten.

Die Schüler, die sich im "Staryj Trolleybus" engagierten, richteten im "Poisk" einen Arbeitskreis für Kinoliebhaber ein. Die jungen Leute hatten den großen Wunsch, Filme zu produzieren, die einem breiten Publikum interessant sein würden. Nach der ersten aktiven Saison des "Staryj Trolleybus" wurden die Mitglieder des Kinotheaters von der Administration mit einer Reise nach Moskau belohnt, wo die Kinder die beiden Filmstudios "Mosfilm" und "Sojusmultfilm" besuchten. Dort lernten sie den Prozess der Zeichentrickfilmherstellung und professionelle Animatoren kennen. So fiel der Startschuss für die Animationsarbeit im Kinostudio "Poisk". Im gleichen Jahr wurde der erste Tricktisch aus Moskau angeschafft. Ab dem Jahre 1986 arbeiteten bereits 6- bis 7-jährige Kinder im Studio.

In den ersten 7 Jahren wurden die Zeichentrickfilme auf einen 16mm-Film aufgezeichnet. Sie waren von schlechter Qualität und ohne synchrone Tonspur. Ab 1993 hatte sich das Studio aber bereits das 35-mm-Format zu Eigen gemacht, was ein hochwertiges Bild sowie eine synchrone Tonspur erlaubte und es möglich machte, Filme auf einer großen Leinwand vorzuführen.



Natürlich, heute werden Computertechnologien eingesetzt, um die Zeichentrickfilme zu produzieren, doch im Grunde genommen werden sie nach wie vor von Hand gefertigt. Heute wie damals denken sich die Kinder ihre Geschichten selbst aus, zeichnen die Helden ihrer Geschichten mit Wasserfarben, Bleistiften und Filzstiften auf Papier, statten sie mit ihren eigenen Gedanken und Sorgen aus und geben ihnen bei der Synchronisierung ihre Stimmen.

Das Trickfilmverfahren vereint viele verschiedene Künste in sich. Um einen Zeichentrick zu produzieren, muss man sich zunächst eine Geschichte ausdenken - das ist literarisch-schöpferische Arbeit. Die Raumgestaltung und die handelnden Figuren müssen ausgedacht und gezeichnet werden - das ist darstellende Kunst. Die Handlung der Geschichte muss durchgespielt und synchronisiert werden - und dafür sind bereits schauspielerische Fähigkeiten erforderlich. Nicht zuletzt muss die Geschichte auf Film festgehalten werden - das ist Animation. Danach muss sie montiert werden - Montage. Mit einem Wort: Um einen Zeichentrick herzustellen, müssen viele verschiedene, interessante Arbeitsschritte durchgeführt werden. Somit kann das Kind während der Herstellung seines Trickfilms in die Rollen eines Drehbuchautors, Regisseurs und Künstlers schlüpfen. Es verwandelt sich aus einem gewöhnlichen Zuschauer in den Schöpfer von etwas Schönem und Interessantem.

Kinderfilmstudio Poisk. Foto: Marina SudnichenkoFür Kinder ist "Poisk" ein Ort, wo sie nicht nur lernen können, wie man Trickfilme macht, sondern wo sie auch auf interessante Weise ihre Zeit verbringen können. Im Gegensatz zum regulären Schulunterricht, gibt es im Studio keine strengen Forderungen, "so zu zeichnen, und nicht anders". Hier gibt es keine Urteile wie "gut" oder "schlecht", dafür hört man aber oft Sätze wie: "braucht jemand Hilfe?" und "wollen wir doch mal versuchen, es besser zu machen".

Seit dem Jahr 2004 veranstaltet "Poisk" das russlandweite Workshop-Festival "Zhar Ptiza", zu dem Trickfilmstudios aus dem ganzen Land und dem nahe gelegenen Ausland anreisen. Die Einzigartigkeit dieses Festivals besteht darin, dass es keine ersten oder zweiten Plätze, keine besten und schlechtesten Filme gibt, dafür aber detaillierte Analysen im Anschluss an die Vorführung, wo die Meister der großen Animation die starken Seiten der Kinderarbeiten hervorheben und Tipps geben, wie die schwachen Seiten verbessert werden können. Alles in allem geben sie also wertvolle professionelle Ratschläge und helfen damit im Endeffekt sowohl den jungen Autoren als auch deren Ausbildern, auf diesem Gebiet zu wachsen und besser zu werden.

Kinderfilmstudio Poisk. Foto: Kononez DariaAus technischer Sicht betrachtet, ist es heute nicht besonders schwierig, ein Kinderfilmstudio zu gründen und auszustatten, da Kameras und Computer überall erhältlich sind. Die Schwierigkeit liegt jedoch darin, zusammen mit den Kindern einen interessanten und qualitativ hochwertigen Zeichentrickfilm herzustellen. Genau aus diesem Grund kommen die Studios zu dem Festival - sie wollen Erfahrungen austauschen und voneinander und von den Profis lernen. Im Jahre 2015 nahmen etwa 50 Studios an dem Festival teil. Damals wurde auch zum ersten Mal ein paralleles Online-Programm veranstaltet, an dem das Studio "Vesnjanka" aus Donezk teilnahm.

In Nowosibirsk gibt es außerdem das Therapie-Projekt "Kino-Pirog", das Kindern, die auf der Kinderstation des Zentralklinikums SO RAN behandelt werden, die Möglichkeit gibt, an Zeichentrickfilmen zu arbeiten. "Kino-Pirogs" Vorgänger hieß "Meschal-Kino". Im Herbst 2011 begann "Poisk" mit der Arbeit am Meschalkin-Klinikum für Kreislauferkrankungen. Seitdem sind mehrere Zeichentrickfilme entstanden. Doch die Hauptsache ist hier natürlich nicht die Menge der produzierten Filme, sondern der Prozess an sich, der die Kinder von ihrer Krankheit ablenkt. Die Zeichentricktherapie ist eine besondere Art der Kunsttherapie für Kinder, die in eine schwierige Lebenssituation geraten sind. Während der kollektiven Herstellung eines Zeichentricks machen die Kinder ihre Vorstellungen von der Welt, der Familie und dem Glück lebendig.

Die Kinder denken sich die Geschichten für ihre Zeichentrickfilme selbst aus. Zur Grundlage der Handlung werden Themen, die die Kinder beschäftigen. Sie erschaffen ihre Charakter selbst, gestalten deren Aussehen und Charakter, wobei die Autoren hier keinerlei Einschränkungen unterworfen sind, denn im Zeichentrick ist alles möglich.

Text: Lejla Sijanowa
Übersetzung: Alexander Sauter

Copyright: Goethe-Institut Russland
Dezember 2015
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org