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Themen:
TheaterpädagogikKulturelle Bildung an der SchuleTheater

Land:
Russland

Das Theater als Bildungsressource

Festival Kindertage in Sankt Petersburg, Vorstellung Fühlbare Geschichte im Atelier von M.K. Anikuschin. Foto: Angelina Klimenko

Elena Korobkova, Leiterin der Abteilung für kulturelle Bildung an der St. Petersburger Akademie für Lehrerfortbildung, reflektiert über die Entwicklung der Kooperation zwischen Theater und Schule in Russland im XX. Jahrhundert und erklärt, warum diese Kooperation heutzutage von großer Bedeutung ist.

Die moderne Bildung öffnet sich – genauso wie Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Zu den Grundcharakteristika offener Bildung gehört eine betonte Hinwendung zu Möglichkeiten, die der soziokulturelle Raum außerhalb des Schulgeländes zu bieten hat. Zu "Klassenzimmern" werden in diesem Fall die Stadt, ein Museum, eine Bibliothek, wissenschaftliche, gesellschaftliche oder kulturelle Zentren – im Prinzip also jeder Ort, an dem Kinder die einzigartige Erfahrung machen können, innerhalb einer Kultur zu existieren und deren Entstehung mitzuerleben. Ohne Zweifel ist das Theater eines der bedeutendsten Elemente eines solchen Kultur- und Bildungsraums.

Man muss dazu sagen, dass noch im 19. Jahrhundert die Frage eines Einsatzes des Theaters als Bildungsmittel für die Jugend große Diskussionen hervorgerufen hat. N. Pirogow wendet sich in seinem Beitrag "Sein und Schein" (1) gegen den Besuch Jugendlicher in öffentlichen Theatern und fasst die Möglichkeiten eines Einsatzes von Methoden des Theaters zu Bildungszwecken ziemlich pragmatisch als "sprachliche Übung und die Fähigkeit, seine Gedanken detailliert auszudrücken" zusammen. Dieser Standpunkt wurde von W. Ostrowskij und K. Uschinskij herausgefordert, zwei bedeutenden Pädagogen jener Zeit, die das Theater und damit verbundene Aktivitäten in der Schule als Mittel der Vertiefung von Schülerwissen und einer Erweiterung kulturellen Niveaus ansahen.

Spätere Arbeiten von S. Schatzkij und P. Blonskij betonen die Möglichkeiten des Einsatzes von Elementen der Theaterkunst in der Schule mit dem Ziel, das künstlerische und kreative Potential des Kindes zu fördern. Nach Meinung Blonskijs kann man "nur über das Mittel kreativer Übung ein schöpferisches Talent entwickeln" (2). Diese Position fand Niederschlag im Programm des Volkskommissariats für Bildungswesen, in dessen Rahmen das Theater als Mittel systematischer Entwicklung emotionaler und kreativer Fähigkeiten von Jugendlichen betrachtet wurde, was wiederum die Organisation "aktiven künstlerischen Engagements von Kindern auf allen Gebieten des Wissens, der Arbeit und Kunst"(3) begünstigen sollte.

Im gleichen Zeitraum – in den Jahren nach der Revolution – wird die Adaption von Stoffen für das Theater zu einem bedeutenden pädagogischen Mittel, das es Schülern erlaubt, sich in spielerischer Form Wissen und neue Formen gesellschaftlichen Umgangs anzueignen. Als Beispiel hierfür lässt sich die berühmte "Schkid" heranziehen, die Dostojewskij-Schule, die von dem legendären Wikniksor geleitet wird – von Wiktor Sorok-Rosinskij –, und in der die Auseinandersetzung mit dem Theater die gesamte pädagogische Arbeit ausmacht. Damit waren nicht nur traditionelle Stücke gemeint, sondern auch Theater-Adaptionen im Literatur-, Geschichts- und Fremdsprachenunterricht, und genauso auch öffentliche Abschlusskonzerte der Schule, die ein riesiges Publikum anlockten und ihrerseits eine gesellschaftlich-professionelle Aktivität der Schule als Ganzem und jedes ihrer Eleven darstellten. In den Erinnerungen der Schüler waren diese Konzerte ein lebendiger Wiederhall von Ereignissen, die sich in der Schule, der Stadt und im ganzen Land zutrugen.

So besetzte das Theater in den 1920er Jahren seine Nische in einem mehrkanaligen Bildungsmodell, das sich innerhalb der hiesigen Pädagogik ausgebildet hatte. Doch bereits in den 1930ern begann dieses Modell, sich zu verändern: die Mehrheit der Programme im Bereich der Theaterkunst, die Entdeckung der Stadt und ihrer Museen wurden eingestellt, und die progressiven Erfahrungen der Lehrer erfuhren keine weitere Verbreitung innerhalb des Systems der Volksbildung. Die Schule wurde zu einem Institut, das grundsätzliche Funktionen im Bereich der Erziehung, Bildung und Sozialisation von Kindern übernimmt, und ihre Partner sahen sich dazu gezwungen, vom Modell der Zusammenarbeit auf das Modell der Begleitung umzusteigen, welches ziemlich exakt in der Losung "Der Schule zuhilfe" wiedergegeben wurde. Entsprechend der Schwerpunkte dieses Schulprogramms wurden Ausstellungen in Bibliotheken und Museen organisiert, Theaterstücke inszeniert und Ausflüge in die Stadt unternommen.

Ein solches schulzentriertes Modell, das sich in den Jahren der Sowjetherrschaft ausgebildet hat, wird mit mehr oder weniger großem Erfolg bis heute weitergeführt, entspricht dabei aber in keiner Weise den Ansprüchen einer modernen Gesellschaft, in welcher der Anteil des Informellen immer gewichtiger und bedeutender wird. Die Zeit diktiert die Notwendigkeit der Gründung eines offenen und angebotsreichen Bildungsraums. Welche Aufgaben aus dem Bildungsbereich vermag das Theater in diesem neuen Raum zu übernehmen? Und was können Jugendliche heute von ihm lernen?

Theater als Medium emotionaler Entwicklung von Kindern und Jugendlichen

Eine offene Bildung ist nicht nur der Außenwelt, sondern auch dem Kind selbst gegenüber offen – offen für seine Bedürfnisse, Ansprüche, Gefühle und inneren Zweifel.Das Theater ist ein einzigartiges Medium für die emotionale Persönlichkeitsentwicklung, denn der Zuschauer hat es hier nicht mit den Ergebnissen künstlerischer Schöpfung zu tun, sondern mit der künstlerischen Schöpfung selbst. Er ist – ob er es will oder nicht – in einen Prozess des Erlebens und Miterlebens dessen, was auf der Bühne vor sich geht, eingebunden und durchlebt eine große Anzahl unterschiedlicher emotionaler Gemütszustände, die untereinander austauschbar sind. Aus diesem Erlebnis heraus entsteht eine unvergleichliche Erfahrung, die zur Grundlage der Formung von Persönlichkeit mittels eines besonderen, für die Theaterkunst charakteristischen Mittels wird.

Theater als Mechanismus der Enkulturation

Die Enkulturation von Persönlichkeiten, worunter wir die Aneignung von Traditionen, Bräuchen, Werten und Normen der eigenen Kultur durch die Lernenden verstehen, war immer schon eine der wichtigsten Aufgaben von Bildung. Die aktuelle Situation stellt die Bildung aber vor noch eine viel größere Herausforderung: heute soll sich Persönlichkeit nicht nur in kultureller Hinsicht entwickeln und damit in der Lage sein, die Traditionen der Nationalkultur zu bewahren und zu achten, sondern sich auch ständig neue Kulturschichten aneignen und selbst neue Kulturformen hervorbringen.

Der Weg in die Kultur beginnt damit, der Realität Bedeutung zu verleihen, und mit dem Übergang von Materiellem, Körperlichem zu etwas Sinnbehaftetem, Symbolischem. Das Theater ist ein Raum aus Zeichen und Symbolen, in dem ein Kind lernen kann, die Realität in eine symbolhaft gestaltete Form zu transformieren. Die Theaterpädagogik kann damit zu einem Instrument werden, das dem Kind dabei helfen kann, das reale Leben zu erfassen – welches widerum zum Gegenstand symbolischer Verarbeitung auf der Bühne wird. Sie gewährleitet ein körperliches Gruppenerlebnis, soziokulturelle Erfahrung und die hieraus erfolgende Ausbildung kultureller Muster.

Theater als Raum der Sozialisierung von Persönlichkeit

Das Theater als charakteristischer Raum für die Darstellung von Konfliktsituationen, die während des zwischenmenschlichen Austauschs entstehen, erlaubt es dem Zuschauer, gleichzeitig zwei Gestalten anzunehmen: bis zu einem bestimmten Grad kann er an der Handlung teilnehmen, sich emotional auf den Prozess einlassen; gleichzeitig aber auch nur ein Zuschauer sein, der die dargestellten Umstände im Ganzen und aus einer Außenseiterperspektive wahrnimmt. Emotionales Mitfiebern trifft hier auf die rationale Analyse dessen, was auf der Bühne vor sich geht, und im Ergebnis entstehen Schlussfolgerungen, die sich auf die durchlebte Erfahrung, die gedankliche Verarbeitung der Handlungen der Hauptfiguren des Stücks aus der Perspektive des Mitwirkenden und Außenstehenden stützen. In der Folge entsteht eine Neubewertung und Korrektur der Positionierungen des eigenen Lebens.

Aber können die Prinzipien der Theaterpädagogik eine einfache Schulstunde und damit den Stoff des täglichen Bildungsprozesses verändern? Oder kann dieser Erkenntnisprozess selbst emotional erfüllend, dramatisch und mitreißend sein – und das nicht nur aus der Perspektive des aktiven Beobachters, sondern auch aus der Sicht der daran Beteiligten? Die Antworten auf diese Fragen erfordern ein Verständnis der theoretischen Ebene sowie eine Analyse der bisher gesammelten praktischen Erfahrung. Zweifellos hat das Theater in der Schule Zukunft, und diese Zukunft geht mit einer Bereicherung des methodischen Repertoires von Lehrern durch Methoden der Theaterpädagogik einher.

Text: Elena Korobkova
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland
Februar 2016
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