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Themen:
TheaterpädagogikKulturelle Bildung an der SchuleTheater

Museumspädagogik

Land:
Russland

"Zemlja ONE". Jugendliche dem Museum, das Museum den Jugendlichen

Theaterstück Zemlja ONE. Foto: Anna Ostashver

"Zemlja ONE" – ein dokumentarisches Theaterstück im Genre des "Interaktiven Audiowalks", umgesetzt in den Hallen des Popov-Zentralmuseums für Post und Kommunikation. Das Projekt ist das Ergebnis einer im Rahmen des XI. Festivals "Kindertage in St. Petersburg" zustande gekommenen Kooperation zwischen dem Laboratorium "Jugendliche den Museen, die Museen den Jugendlichen" und dem Theaterprojekt "Vmeste". Regieteam: Natascha Borenko und Mascha Kolosowa. Projektteilnehmer: Ksjuscha Bogatskaja, Sascha Burjakowa, Gelja Kornejewa, Sascha Lugowenko, Grischa Musurow, Rimma Smirina, Sascha Starkowa, Nastja Jakowlewa, Polina Janina. Wir erzählen von einem ungewöhnlichen Stück und präsentieren die Kommentare der Zuschauer.

Die neuen Siedler der "Zemlja ONE" (Erde EINS) auszumachen, ist einfach: Kopfhörer in den Ohren, Tablets in den Händen. Kinderstimmen verraten euch, was ihr tun, wohin ihr sehen und was ihr drücken müsst. Nebenbei erzählen sie euch von der Entwicklungsgeschichte der verschiedenen Kommunikationsarten: Post-, Elektro-, Radio-, Tele- und Internetkommunikation.

Aber immer der Reihe nach: die Handlung beginnt in einer riesigen Halle, wohin ihr von einem Begleiter geführt werdet. Dort bittet man euch, einen Fragebogen auszufüllen. Neben allgemeinen Fragen zu Name, Alter und Geschlecht werdet ihr aufgefordert, Angaben zu machen, wie oft pro Tag und auf welche Weise ihr am liebsten kommuniziert (verbal/non-verbal, "live" oder über elektronische Medien), ob ihr TV guckt, einen Video-Blog führt oder vielleicht die Blogs anderer Leute seht oder ob ihr wisst, was "technologische Singularität" bedeutet.

Nachdem ihr den Bogen ausgefüllt habt, werdet ihr von einem weiteren Begleiter, der die Markierung Z1 auf der Wange trägt, begrüßt und gebeten, mit ihm in einen anderen Raum zu kommen. Dort bekommt ihr ein Gadget überreicht: eine Kinderstimme verkündet euch, dass ihr es mit einem Vertreter einer neuen Rasse zu tun habt, einem Menschen vom Planeten Zemlja ONE. Dieses Individuum (wie die futuristischen Wesen sich selbst bezeichnen) ist ein Gast aus der Zukunft. In der Zukunft gibt es keine Computer oder ähnliche Geräte, weil alles bereits in den Körper eingebaut ist: die Netzhaut des Auges an sich ist ein Gadget. Eine Abhängigkeit von der Technik gibt es nicht, die Arten der Kommunikation können variiert werden, was absolute, uneingeschränkte Freiheit bedeutet. Wir, die technisch deutlich zurückgebliebenen Menschen, befinden uns damit auf dem Weg zur Befreiung, zur technischen und technologischen Erlösung von der Sklaverei.

Der "Audiowalk" ist so aufgebaut, dass die Besucher durch die Hallen des Museums wandern und zunächst die einfachen Formen der Kommunikation – die Schriftformen – kennen lernen (der Besucher hat die Möglichkeit, verschiedene Typen und Arten von Papier, Schreibgerät, Briefkästen zu studieren). Danach sind die komplexeren Formen an der Reihe: Telefon, Radio, TV, Internet.

Je weiter wir uns in die Räume der Ausstellung hinein begeben, desto offensichtlicher wird folgende Tatsache: seit der Mensch begonnen hat zu kommunizieren, befindet er sich in einer virtuellen Realität. Virtualität ist nicht das Internet, Virtualität – das sind wir selbst in unserem alltäglichen Leben: beim Warten auf einen Brief im 18. Jahrhundert, auf einen Telefonanruf Ende des 19. Jahrhunderts, auf ein TV-Programm im 20. Jahrhundert oder auf die Skype-Sitzung im 21. Jahrhundert. Die Virtualität als Tatsache war schon immer in unserem Leben präsent, jedoch hat sich in den vergangenen drei Jahrhunderten das Verhältnis zwischen lebendigen und virtuellen Kommunikationsarten gravierend verlagert. Es ist offensichtlich, dass wir uns heute mehr und mehr voneinander abkapseln und die Kommunikation auf Distanz anderen Kommunikationsarten vorziehen – genau darüber reden auch die "Menschen der Zukunft" im Laufe einer ganzen Stunde.

Neben den eigenen Monologen machen sich die Charaktere des Stücks, durchgehend von Jugendlichen gespielt, auch die Worte anderer zu Eigen, etwa die Worte eines Schauspielers, der aus Prinzip nicht in sozialen Netzwerken angemeldet ist, die Worte eines Kernphysikers oder die des Entwicklers von "Vkontakte".

Um das etwas mehr als eine Stunde dauernde Stück vorzubereiten, mussten die Jugendlichen, angeleitet von den professionellen Dramaturgen Natascha Borenko und Maria Kolosowa, sich gründlich mit der Ausstellung im Kommunikationsmuseum befassen, eine Exkursion bei Yandex mitmachen und sogar ein Experiment an sich selbst durchführen: 24 Stunden lang völliger Verzicht auf alle Gadgets bei ausschließlich "lebendiger" Kommunikation. Die gleiche Aufgabe wartet auch auf all diejenigen, die sich dazu entschließen die Gesetze des Lebens auf "Zemlja ONE" kennen zu lernen. Das Besondere ist, dass die Tour von 17 Tracks begleitet wird, von denen ein jeder entweder eine historisch wichtige Information vermittelt (wie ich weiter oben schon schrieb: wo liegen die Ursprünge der Kommunikation in Russland?) oder Meinungen von Zeitgenossen zur Notwendigkeit der verschiedenen Kommunikationsformen wiedergibt. Der letzte Track ist eine persönliche, konkret an den Besucher gerichtete Aufgabe. Eine Aufgabe, die die Gäste aus der Zukunft für dich vorbereitet haben: versuche einmal, dich für 24 Stunden komplett aus dem Informationsfeld auszuklinken und bemühe dich, nicht irgendeine fremde Stimme, sondern deine eigene, deine innere Stimme zu hören.

Das Stück "Zemlja ONE" ist nach dem Genreprinzip eines Interaktiven Audiowalks konzipiert, das dem Publikum in St. Petersburg und in Moskau schon gut bekannt ist. Auf diesem Prinzip des ästhetisch gestalteten Rundgangs basieren beispielsweise die Projekte "Remote St. Petersburg" und "Remote Moskau", die gemeinsam mit der deutschen Gruppe "Rimini Protokoll" realisiert wurden. Nichtsdestotrotz besteht ein prinzipieller Unterschied zwischen einem "Audiowalk" in einem Museum, also einem geschlossenen Raum, und einer Tour an der frischen Luft. Wenn wir im Rahmen eines "Remote"-Rundgangs durch die Stadt schlendern, von einem Punkt zum nächsten, sind wir eher darum bemüht, unsere eigene Anwesenheit zu erfassen und zu dokumentieren, unseren persönlichen Aufenthalt in dieser Welt "abzustecken", uns das zu merken, was im Hier und Jetzt gerade passiert. Bei dem gesamten Prozess eines "Audiowalks" unter freiem Himmel handelt es sich um eine ganz spezifische und von vornherein durchdachte Art, "den Zuschauer und die ihn umgebende Umwelt unter Bedingungen zu konservieren, die der Autor im Voraus festgelegt hat". Die Museumsgeschichten sind ein gegensätzlicher Prozess, es handelt sich dabei im Gegenteil um eine "Entkonservierung", eine Belebung aller in den Hallen ausgestellter Artefakte. Es ist der Versuch des Projektautors, nicht nur zu zeigen, was vor hundert, zweihundert oder vor einer Million Jahren war, sondern den Besucher auf maximale Weise in die Bedingungen der vergangenen Zeiten eintauchen zu lassen. Und in diesem Sinne ist "Zemlja ONE" eine einzigartige Erfahrung. Der Besucher aus der Gegenwart wird nicht einfach den Ereignissen der Vergangenheit ausgesetzt, nein, er bekommt eine Perspektive, ja sogar eine Prognose für die Zukunft geboten, auf die er dann, je nachdem was er wahrgenommen hat, selbst Einfluss nehmen kann.

Anschließend seid ihr in der Lage, nicht nur eure virtuelle, sondern eure reale Umgebung selbst zu verändern. Ihr könnt Entscheidungen treffen, die später euer Leben und das Leben der euch nahe stehenden Menschen beeinflussen könnten.


MEINUNG
Anna Patrakova
, Lehrerin für Literatur

Da ich bereits Erfahrung mit "Interaktiven Audiowalks" habe, war für mich die Form des Projekts "Zemlja ONE" an sich nichts Unerwartetes: iPad, Kopfhörer, Trackauswahl. Und doch gab es Dinge, die mich sowohl überrascht als auch gefreut haben.

Erstens: Die Einbeziehung von lebendigen Erzählstimmen. Zuweilen kamen sie zu uns aus der Vergangenheit (die Erzählung der Telefonistin über ihre Arbeit), öfter aber aus der Gegenwart (sehr interessant fand ich die Geschichte eines Mitarbeiters des sozialen Netzwerks Vkontakte; wie viel ich noch nicht wusste!).

Zweitens: die Form. Es handelt sich nicht um eine Tour im klassischen Sinne. Vielmehr sind Elemente einer Tour vorhanden: man sieht bestimmte Exponate, hört Geschichten über sie, doch hinter all dem tritt allmählich ein zweiter Plan in Erscheinung.

Und schließlich der letzte Punkt: wie sich herausstellen sollte, handelt das Stück von mir selbst. Während das Stück nach und nach über die Mauern des Zentralmuseums für Kommunikation hinauswächst, wirft es Probleme auf, die mich schon lange beschäftigen und die, wie mir scheint, auch für die heranwachsende Generation interessant und wichtig sein könnten: das Problem des unbewussten Lebens. Viele merken überhaupt nicht, wie das Leben an ihnen vorüber rauscht, und fahren damit fort, ein Leben wie im Autopilot-Modus zu führen. Während ich also durch diese Hallen wanderte, spürte und entwickelte ich diese "Verbindungen" in mir selbst! Vom Einfachen (Brief auf Papier) zum Komplexen (Internet), von der "Betrachtung" zur Umbesinnung. Das Unbewusste tritt in den Bereich des Bewussten. Und das ist es, was nicht nur mir, sondern auch anderen Menschen, einschließlich meiner Schüler, so sehr fehlt.


Julia Mackiewicz, Koordinatorin des Festivals "Kindertage in St. Petersburg"

Die Sammlung ist immer der Kern des Museums, sie ist gleichzeitig Quelle und Ziel seiner Tätigkeit, aber hinter der Sammlung stehen Bedeutungen, Ideen, Probleme. Aus meiner Sicht zeichnet sich das Projekt "Zemlja ONE" dadurch aus, dass es dem Zuhörer/Zuschauer hilft, den kürzesten Weg von der Bekanntschaft mit der Museumssammlung bis zur Reflexion über den Wert der menschlichen Kommunikation, ihre möglichen Formen und Qualitäten zu gehen. Viele Vorzüge besitzt das Stück auch in der Hinsicht, dass es sich mit großer Treffsicherheit an sein Zielpublikum zu wenden versteht: turbulente Handlung, besondere Sprache, organisch ineinander gefügte Dialoge, Soundeffekte und Musik, lebhafte Stimmen der Jugendlichen, Aufrichtigkeit der schauspielerischen Transformation.

Ist es möglich, den Erfolg dieses Projekts in eine Formel zu fassen? Vermutlich schon. So wie ich das sehe, ist es eine Mischung aus Begeisterung und Energie, mit der die Jugendlichen sich selbst ausdrücken, sowie der Erfahrung und dem pädagogischen Talent der involvierten Theaterleute. Dieser für die Kreativität sehr nahrhafte Cocktail muss im Museum angemischt werden, um zu den allersubtilsten Inhalten vorzudringen, die er in sich birgt.

Text: Jana Postovalova
Übersetzung: Alexander Sauter

Copyright: Goethe-Institut Russland
Februar 2016
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