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Themen:
TheaterpädagogikTheater

Land:
Russland

ACHTUNG! Jugendliche im Theater

Theaterstück Achtzehntes Tagebuch im blauen Einband mit Teekanne. Foto: A. Solo

"Achtzehntes Tagebuch im blauen Einband mit Teekanne" ist ein dokumentarisches Theaterstück, das von dem Theaterprojekt "Vmeste" auf der Bühne des Labortheaters "ON. Theater" St.Petersburg unter Mitwirkung von Jugendlichen realisiert wurde. Im Folgenden berichten wir darüber und stellen einige Kommentare der Zuschauer vor.

Ein dokumentarisches Stück, bei dem Jugendliche mitwirken, inszeniert von einem professionellen Team und aufgeführt auf einer professionellen Bühne, ist nicht nur in St. Petersburg, sondern in ganz Russland ein selten gesehener "Bühnengast". Irgendwie hat das Theater seit den Zeiten Korogodskijs(1) junge Künstler (und Zuschauer) gar nicht mehr bedacht. Erst jetzt, da die Kluft zwischen den Generationen der Theaterliebhaber immer spürbarer wird, beginnt das Theater, mit dem Jugendlichen als potenziellem Zuschauer zu arbeiten. Für den Anfang stellt sich aber die Frage: Was überhaupt ist das – ein Jugendlicher?

Die Notwendigkeit einer Methodik, die neben künstlerischer auch pädagogische Arbeit impliziert, ist vermutlich einer der Hauptaspekte, die dem sozialen Theater den Zugang zu den großen Bühnen verwehren. Während die Arbeit nach dem "class act"-Prinzip in Großbritannien als überaus angesehen gilt und weithin gefördert wird und in Deutschland Fachleute und Theaterpädagogen ständig neue und wieder neue Wege der Einbeziehung von jungen Menschen in den Theaterprozess entwickeln, sind in Russland für Projekte mit Jugendlichen oft keine Fachkräfte vorhanden.

Die Autoren des Stücks, das den etwas blumigen Namen "Achtzehntes Tagebuch im blauen Einband mit Teekanne" trägt, befassen sich nicht das erste Jahr damit eine eigene Methode des Dokumentartheaters unter Einbeziehung von Kindern auszuarbeiten. Regisseurin und Pädagogin Ada Muchina und Bühnenautorin Natascha Borenko gestalten ihre Texte nach dem "Verbatim-Prinzip", also der wortgetreuen Wiedergabe dessen, was die Kinder voneinander und von anderen gehört haben. Jedes Stück erforscht ein ganz bestimmtes Thema. Im Jahre 2014 war es das Leben der jüdischen Gemeinde in St. Petersburg ("Ludejskaja Istorija"), das folgende Projekt widmet sich einem etwas abstrakteren Gegenstand, nämlich dem Problem "des Anderen".

Bühnenbild lädt zu geselligen Hausabenden ein. – Hausabende, die so gemütlich sind, dass eine Absage schlichtweg unmöglich ist. Es gibt Polsterstühle, Kuscheldecken, einen Diwan, es gibt bunte IKEA-Lampen, Tee und Kekse – maximaler Komfort für ein unbequemes Gespräch. Nicht selten aber ziehen die Darsteller den Boden den Polsterstühlen vor. Sie sitzen irgendwo in einem Eck oder unter dem Tisch, oder sie wählen einen unbequemen kleinen Stuhl bzw. stehen ganz. Das Stück ist nach dem "Forumsprinzip" gestaltet. Zu unzureichend strukturiert, um dem Begriff "Debatte" gerecht zu werden, entspricht der Dialog vielmehr dem Text eines Online-Forums, wo Gespräche nach Themen sortiert werden und zuweilen ganz unerwartete Entwicklungen nehmen.

Wichtig ist natürlich auch der eigentliche Akt der Einladung zum Teetrinken. Es ist als würden wir grünes Licht bekommen und für eine Stunde von "den Anderen" zu "den Eigenen" werden; wir treten ein in diese anstrengende und unbekannte Welt der Jugendlichen. Wer Ohren hat, wird hören. Die ersten, die in die Kategorie "der Anderen" fallen, sind erstaunlicherweise gar nicht mal die Rechtsextremen oder die Radikalen, auch nicht die "Asozialen", die da hockend in ihren Trainingshosen sitzen. Es ist also nicht die Art von Leuten, neben denen die Jugendlichen sich ganz bestimmt nicht in der U-Bahn setzen würden. Die ersten, von denen sich die Heranwachsenden "lossagen", sind ihre Eltern. Der Großteil der Väter und Mütter dieser Jugendlichen weiß nicht einmal, dass ihre Kinder sich im Theater engagieren. Offenbar hat sich jemand darüber beklagt, dass die Eltern über die Wahl ihrer Kinder nicht gerade glücklich sind. "Du hast es gut", bemerkt Igorjoscha, der einzige Junge in der Runde, "deine Eltern interessieren sich wenigstens für deine Existenz".

Den Höhepunkt im ersten Teil des Stücks bildet ein Monolog in Audioaufzeichnung, in dem eine der Hauptfiguren des Stücks von dem Versuch seiner Mutter erzählt den Vater zu ermorden, da dieser der Familie nachstellt und sie verprügelt. Hier tritt "der Andere" schon ganz offen als Feind und lebensgefährlicher Aggressor hervor. Der Vater überlebt, die Tat wird als Akt der Selbstverteidigung gewertet und die Mutter wird freigesprochen. Die moralische Seite der Geschichte wird vom Protagonisten des Stücks in keiner Weise kommentiert, über deren Folgen und den Grad der Verletzung können wir nur Vermutungen anstellen. Gleichzeitig fragen wir uns, wem wohl von den netten Jungs dort auf der Bühne dieser Monolog gehören könnte.

Es ist nun eine Sache, "die Anderen" nach ihrer Zugehörigkeit zu einer Subkultur, ihrem Aggressionspotenzial oder ihren Verhaltensnormen zu definieren. Die Fremden aber inmitten der Eigenen zu finden oder zu der Erkenntnis zu gelangen, dass "der Andere" du selbst bist, das ist schon eine ganz andere Erfahrung. Der zentrale Teil des Stücks ist wohl der erschütterndste und dynamischste, auch wenn sich Ada Muchinas Regiearbeit nicht gerade durch Kompaktheit der äußeren Handlung auszeichnet. Schmerzhafte Diskussionsmomente hebt die Regisseurin dadurch hervor, dass sie die statische Aufnahmeposition wechselt, von denen jede die zentrale Person der jeweiligen Szene und ihre Beziehung zur Welt unterstreichen soll. "Der Andere" kann auch durch seine Beziehung zu einem Hobby erscheinen, wie im Falle des Mädchens, das zum Entsetzen ihrer Freundin ihr Pferd beim Ausritt fast zu Tode geritten hätte. Noch schmerzhafter ist es, wenn ein enger Freund sich als Verräter erweist. Oder wenn ein Mensch, in den du dich beinahe verliebt hättest- sich ohne Erklärung von dir abwendet und dich völlig einsam und verwirrt zurücklässt. Auch die Selbstidentifikation kann schmerzhaft sein und in Widerspruch zu den Normen unserer Gesellschaft stehen. Vielleicht fühlst du dich zu Menschen des gleichen Geschlechts hingezogen oder du identifizierst dich mit dem anderen Geschlecht. Wie erklärt man "den Anderen" – zu Hause, in der Schule, im Freundeskreis –, dass das keine flüchtige Laune und kein Spiel ist?

Das Dokumentartheater setzt soziales Handeln voraus. Wie das moderne Dokumentarkino die Auswirkung der Kamera auf das Leben der Menschen, die sie in der Hand halten, erforscht, so beobachten wir auch auf der Bühne den Einfluss der Dokumentationsmechanismen auf den Jugendlichen. Im Chaos der Ereignisse sucht das Bewusstsein eines jungen Menschen nach Stützen, während er versucht, sein eigenes Wertesystem zu formulieren und seine eigene Weltanschauung zu formen.

Zum verbindenden "Lebensstoff" für die Gruppe unseres Theaterstücks wurde der Bruch mit einem der Projektteilnehmer, der die Gruppe eine Woche vor der Premiere verließ und das Stück damit ohne Hauptmonolog zurückließ. Der, den alle für einen "der Ihren" gehalten hatten, war innerhalb eines Augenblicks plötzlich hoffnungslos fremd geworden. Was tun? Diese gemeinsame Erfahrung wird im Hauptteil des Stücks behandelt, wenn die Kinder den Monolog ihres ehemaligen Kameraden vorlesen und mit uns gemeinsam den Versuch unternehmen, die Motive seines Handelns nachzuvollziehen. In seinem Monolog ging es um das Tagebuch mit einem Teekocher auf dem Einband, das im Titel des Stückes genannt wird. Dabei wird deutlich, dass diese Debatte über ehemaligen Kameraden nicht einstudiert war und dass die Argumente die ganze Woche über in denerhitzten Köpfen herumgeschwirrt waren, ohne zu einer endgültigen Antwort zu führen.

Aber auch in einer unklaren, erschreckend egoistischen und abgesonderten Welt gibt es die wahrhaft "Eigenen" – die, mit denen man den Sternenhimmel teilen kann, für die es nicht zu schade ist, der Welt zu entfliehen, und mit denen sich zu treffen stets eine Freude ist. Erstaunlich, wie wenig die Kinder von diesem "wahrhaft Eigenen" besitzen. Zum Beispiel das geliebte Pferd. Oder die Freundin aus Montenegro, die man nur ein Mal im Jahr treffen kann. Das Theater wird zum Territorium, auf dem alle Zuschauer für eine Minute zu "den Eigenen" werden, während sie sich unter dem "Sterneflimmern" der funkelnden Spiegelkugel ihren Gedanken hingeben.

In gewissem Sinne ist die Schule des Dokumentartheaters, wie die Kinder sich nennen, natürlich auch eine Schule des Lebens, die neben dem analytischen Denken auch ganz konkrete Fertigkeiten im Umgang mit Mitmenschen und die Fähigkeit des Zuhörens trainiert. Das alles gibt den Jugendlichen die Möglichkeit, sich selbst zu definieren, ihre eigene Geschichte zu schreiben und anschließend auf der Bühne einer Analyse zu unterziehen.


Olga Schiljajewa, Psychologin
- Ich denke, dass die Mitwirkung von Jugendlichen an solchen Projekten sehr nützlich für die psychologische Entwicklung dieser jungen Leute ist. Denn was sehen wir in dem Stück "Achtzehntes Tagebuch im blauen Einband mit Teekanne"? Wir sehen wie ein Mensch etwas sehr Persönliches und für ihn sehr Wichtiges erzählt – sei es der Streit mit der Freundin, der Tod der Großmutter oder Mobbing in der Schule –, während die anderen ihm aufmerksam zuhören, ohne ihn zu verurteilen oder auszulachen. Ich weiß, dass die Jugendlichen den Stoff für ihre Monologe aus Interviews schöpfen, die sie mit anderen Menschen und miteinander führen. Ich denke das Wichtigste, was sie in diesem ganzen Prozess der Aufzeichnung, Auswertung, und Auswahl eines Fragments und seiner Darbietung auf der Bühne gelernt haben, ist die Fähigkeit, anderen zuzuhören und die eigenen Gefühle sowie die Gefühle der anderen zu verstehen. Klingt vielleicht banal, aber es würde uns allen von Zeit zu Zeit nicht schaden, an dieser Fähigkeit zu arbeiten.

Die meisten Menschen kommen nach 30-35 Jahren, wenn sie genügend Fehler und negative Erfahrungen mit Beziehungen gesammelt haben, an einem Punkt an, an dem die Arbeit mit einem Psychologen notwendig wird, und dann fangen auch sie damit an, dass sie sich zunächst über die Hauptfragen klar werden. Was fühle ich? Was fühlt der Andere? Wie kann ich meine Gefühle so mitteilen, dass der Andere mich versteht? Wie zeige ich dem Anderen, dass ich ihn höre und verstehe?

Das sind Fertigkeiten, die absolut unerlässlich sind für eine erfolgreiche Kommunikation zwischen Eltern und Kindern, Ehepartnern, dem Polizisten und dem Autofahrer, dem Arzt und seinem Patienten, dem Wächter und einem Besucher usw. Darum denke ich, dass die Jugendlichen bei diesem Projekt lernen, wie man über sich selbst offen und aufrichtig spricht, wie man den Schmerz des anderen hört, die Einzigartigkeit des Anderen erkennt, ohne zu versuchen, ihn "zurechtzubiegen", wie man mit einem anderen Menschen umgeht, wenn er offen und verletzlich ist. Sie lernen das alles und zeigen es auch uns, die wir vergessen haben oder nicht wissen, wie das ist. An diesen Fähigkeiten besteht immer ein Mangel, heute mehr denn je.


Julia Osejewa, Lehrerin für Literatur
- Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich weiß, was der Unterschied zwischen einem Pädagogen und einem gewöhnlichen Menschen ist, aber ich möchte versuchen, im Namen des Pädagogen zu sprechen. Anders geht es wohl auch gar nicht. Also, das "Achtzehnte Tagebuch…". Ein überfüllter Saal, ein sehr gemischtes Publikum, das von Altersgenossen der Darsteller bis hin zu Großmüttern reichte. Die Anwesenheit dieser wie jener ist verständlich. Überrascht haben besonders die jungen Leute im Alter von 20 bis 25 Jahren. Offenbar waren es nicht die Freunde oder Verwandten der Darsteller, sondern echte "Theaterleute". Bei diesem Gedanken wurde mir sofort warm ums Herz, denn das bedeutet, dass nicht nur Freunde und Bekannte gekommen waren, sondern auch echte Zuschauer. Es war also ein wirkliches THEATERSTÜCK.

Die Jugendlichen sind sichtlich nervös und tun das, was man unter den gegebenen Umständen für gewöhnlich so tut – sie reden, ohne es selbst zu merken, etwas rauer als sonst miteinander, bewegen sich ein wenig schärfer und impulsiver, lachen etwas lauter. Auch ich verhalte mich vor einer offenen Unterrichtsstunde ganz ähnlich, das hat also nichts mit dem Alter zu tun.

Und dann beginnt das, was mit einem Wort gar nicht zu beschreiben ist. Ein "massenhaftes Comingout" meinten meine Freunde und Kollegen wie im Chor, als wir hinausgingen. Ja, das stimmt, das hat es gegeben. Aber doch nicht nur das. Im Ganzen würde ich für mich selbst drei Teile hervorheben: die Anderen, ich inmitten der Anderen, die Eigenen. Ich kann verstehen, warum manch einem gerade der mittlere Teil am stärksten im Gedächtnis geblieben ist, denn dieser Teil ist der ergreifendste, unverhohlenste und unbequemste von allen. Viele haben sich unwohl gefühlt, das habe ich gespürt. Indem die Jugendlichen über die Existenz als Transgender, über gleichgeschlechtliche Gefühle, über elterliche Gewalt sprachen, störten die Jugendlichen die Komfortzone einiger Zuschauer. Ich muss gestehen, bei den Worten "der schlimmste Ort auf der ganzen Welt ist die Schule" habe auch ich viele persönliche Emotionen durchlebt. Ich wollte widersprechen, wollte beweisen, dass sie es sind, die Unrecht haben, wollte mich beleidigt zurückziehen. Für mich waren dennoch die Geschichten über die fremden Menschen und die eigenen Menschen am wichtigsten. .

Als ich dem ersten Teil zuhörte, empfand ich ein Gefühl der persönlichen Schuld und Verantwortung gegenüber dieser Welt und ihren Gesetzen, denn ich bin ja schließlich erwachsen! Im letzten Teil empfand ich Glück und Erleichterung darüber, dass diese Jugendliche solche Prachtkerle sind und solchen Mut besitzen. Sie verstecken sich nicht und haben keine Angst mit ihren Eltern, Großeltern, Klassenkameraden, Lehrern und dem Publikum im Saal über sich selbst zu sprechen. Und das ist, wie man in der sowjetischen Schule zu sagen pflegte, ein "pädagogischer Sieg".

Und noch etwas. Die Geschichte mit dem Burschen, der eine Woche vor der Aufführung ging, ist etwas Unbegreifliches. Wenn das, was auf der Bühne von diesem Vorfall erzählt wurde, wahr ist, dann war das für die Jugendlichen eine der gewaltigsten und nützlichsten Lektionen. Ich habe keine Zweifel, dass sich das Leben der Jugendlichen ohnehin stark verändert hat, aber dieses Ereignis bildet die Krönung.

Die Jugendlichen, die 40 Minuten lang darüber sprachen, wie sie von Nahestehenden im Stich gelassen wurden und welche Schmerzen ihnen das bereitet hat, haben nun – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – die Gelegenheit bekommen, auf eine solche Tat aktiv zu reagieren, zu sagen, was sie darüber denken, nicht in dem Zustand der "verlassenen Kinder" zurückzubleiben, sondern als selbständige, erwachsene Menschen aufzutreten, die in der Lage sind zu verurteilen, sich Sorgen zu machen, die aber nicht mehr passiv leiden werden. Das ist wirklich ein brillanter Teil der Geschichte, für mich einer der allerwichtigsten! Danke, du unbekannter Bursche, dass du gegangen bist. Du weißt ja gar nicht, wie viel du damit deinen ehemaligen Bühnenkollegen und dem Theaterstück insgesamt gegeben hast.



Text: Alexandra Dunaeva
Übersetzung: Alexander Sauter

Copyright: Petersburger Theatermagazin (PTJ)
Februar 2016
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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(1) Korogodskij Zinowij Jakowlewitsch (1926 Tomsk—2004 Sankt-Petersburg) war ein russischer Regisseur, Professor, Leiter des Leningrader Theaters der Jungen Zuschauer, Reformer des Kindertheaters in Sowjetunion.