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Themen:
TheaterpädagogikKulturelle Bildung an der SchuleTheater

Land:
Russland

"Wir befinden uns mit unserem Publikum auf gleicher Augenhöhe."
Jelena Kovalskaja berichtet über Bildungsprojekte des Meyerhold-Zentrums

Jelena Kovalskaja im Meyerhold-Zentrum. Foto: ZIM

Das Meyerhold-Zentrum ist einer von unzähligen offenen Theaterräumen in Moskau. Das Theater ohne feste Truppe füllt seine Ankündigungsplakate mit den Stücken von jungen Regisseuren, Choreographen, Komponisten und unabhängigen Künstlergruppen. Schon drei Jahre in Folge führt das Meyerhold-Zentrum unter der Leitung von Wiktor Ryzhakow das Bildungsprojekt "Schule für Theater-Experten" durch, im Rahmen dessen es jungen Regisseuren, Theaterwissenschaftlern und Producern eine aktuelle Perspektive auf die Beziehung zwischen Theater und Gesellschaft anbietet. Davon abgesehen hat das Meyerhold-Zentrum ein weites Feld an Aktivitäten im Programm, die auf die Entwicklung der Zuschauer abzielen. Davon, was ein modernes, interdisziplinäres und auf die Gesellschaft orientiertes Theater ausmacht, berichtet Jelena Kovalskaja, Art Direktorin des Meyerhold-Zentrums:



Das künstlerische Credo des Meyerhold-Zentrums besteht aus interdisziplinärer Kunst sowie einem Dialog moderner Theater-Technologien und unterschiedlicher performativer Praktiken. Unser Team baut seine Strategie auf der Entwicklung und dem Verleih interdisziplinärer Stücke, sowie auf der Entwicklung eines Auditoriums für interdisziplinäres Theater auf. Wir machen also ein Theater, das es so noch nicht gibt. Und wir unterstützen Künstler, die etwas machen wollen, was in Russland bisher noch niemand macht. Modernes Theater ist die Kunst der Kommunikation. Und wir entwickeln diese Kommunikation, den Dialog zwischen dem Künstler und seinem Publikum, auch über die Grenzen des Stückes hinaus.

Zuerst haben wir ständig irgendwelche Vorträge organisiert, bei denen es um Kunst, Politik und gesellschaftliche Probleme ging. Aber wir haben schnell eingesehen, dass diese Vorträge die Entwicklung des Publikums nicht gerade befördern. Genauso haben wir unsere Konzerte, Filme und Ausstellungen eingestellt – weil wir bemerkten, dass sich die Zielgruppen dieser Genres untereinander nicht überschnitten, und dass sie auch keine Kontaktpunkte zum Theaterpublikum hatten. Für ein modernes, experimentelles Theater gibt es einfach nur eine kleine Menge an Zuschauern – selbst in einer Stadt wie Moskau, in der ein Zehntel der Bevölkerung Russlands lebt. Wir müssen, genau wie das Theater der Nationen, das "Praktika"(1), das "Gogol-Zentrum", dieses Publikum erst für uns gewinnen und es dann erweitern – qualitativ wie quantitativ.

Also haben wir uns gedacht: Warum lassen sich mit den Vorträgen nicht mehr Zuschauer anlocken, oder die Loyalität der bereits vorhandenen ausbauen? Wir kennen uns ja mit Dramapädagogik ganz gut aus – mit Methoden, die Kinder an das Theater heranführen sollen. Vor drei Jahren haben wir die Theaterpädagogin Claudia Mayer aus Deutschland zu uns eingeladen, die hier Theaterleuten und Schullehrern beigebracht hat, wie man sich Theater-Unterrichtsstunden gemeinsam ausdenken und durchführen kann. Diese Stunden sind spielerisch aufgebaut und rufen die Schüler über das Spiel dazu auf, die Sprache des Theaters zu lernen. Bei Abschluss des Workshops hatten unsere Teilnehmenden Dutzende von Theaterstunden für Moskauer Schüler gegeben. Mittlerweile organisieren sie selber Workshops in Moskau und verschiedenen anderen Städten Russlands. Einige russische Theater haben außerdem die Idee aufgegriffen, über dieses Mittel neue Zuschauer anzuwerben. Kurz gesagt: die Theaterpädagogik verbreitet sich im ganzen Land.

Wir stellten uns also die Frage: Warum werben wir unser Kinderpublikum mit Spielen an, und die Erwachsenen müssen sich Vorträge anhören? Als wir uns den "Edutainment"-Markt angesehen hatten, kamen wir zu dem Ergebnis, dass das Edutainment in Moskau fundamental im Kontrast zur Erwachsenenbildung steht. Institute und Akademien sind eher konservativ und kosten einen einige Lebensjahre, aber die Leute wollen heute eben auf dem schnellen Wege etwas lernen, und noch dazu viele unterschiedliche Sachen. Also haben wir nach Möglichkeiten gesucht, unseren Zuschauern neue Kompetenzen zu vermitteln und sie außerdem an uns zu binden. So ist das Programm "Kruschki", eine Art Zirkel, entstanden.

Beim "Zirkel der Kritik", das aus vier Unterrichtseinheiten besteht, bringe ich den Leuten bei, wie man Theaterstücke rezensiert. Ich gebe ihnen einen kurzen Überblick über die Theatergeschichte, wir diskutieren modernes Theater und ich gebe meine Erfahrungen als Rezensentin an sie weiter. Die Teilnehmenden schreiben dann Rezensionen zu Moskauer Stücken, darunter auch welchen des Meyerhold-Zentrums, ich kommentiere und redigiere sie, und danach werden sie in sozialen Netzwerken veröffentlicht. Unsere Dramaturgin Sascha Denisowa vermittelt den Leuten, wie man Stücke schreibt, und danach stellen unsere Regisseure und Schauspieler diese Stücke auf unserer Bühne vor. Witalij Borowik unterrichtet Performance. Der Komponist Nikolaj Chrust zeigt, wie man Musikinstrumenten ungewohnte Töne entlockt und erklärt im Wesentlichen, wie es in der Künstlerküche eines modernen Komponisten so aussieht. Jelena Nowika gibt einen Kurs, wie man sich Sketche für Komödien ausdenkt und sie umsetzt.

Im Prinzip läuft das Ganze so: Die Zirkel werden von den Künstlern geleitet, deren Arbeiten man im Meyerhold-Zentrum sehen kann. Deshalb sind sie darauf ausgerichtet, dass sich der Zuschauer in die Position des Künstlers hineinversetzt, dessen Arbeit er bei uns erleben kann. Die Zirkel sind einerseits eine Einnahmequelle, und andererseits dienen sie der Vergrößerung und der Ausbildung des Publikums. Wir sagen uns selbst, dass wir die Kunst – im Namen der Kunst – entmystifizieren.

Die Diskussion über das Stück ist ein nicht wegzudenkender Teil aus dem praktischen Leben des Meyerhold-Zentrums. Zu modernem Theater gehören, wie genauso zur modernen Kunst, das Stück selbst und auch Kommentare darüber. Deswegen organisieren wir Treffen zwischen den Zuschauern und den Machern der Stücke. Durchschnittlich finden bei uns pro Monat 12-15 Publikumsgespräche statt. Nach den Stücken bleibt etwa ein Drittel des Publikums zu diesen Gesprächen.

Außerdem besprechen wir die Stücke auch mit bekannten Leuten: mit Journalisten, Künstlern und Kritikern – kurz gesagt: mit "opinion makers”. Dieses Projekt heißt "Teatr posle", also "Nach dem Theater". Hier können sich die Zuschauer anhören, wie Profis über Theater sprechen.

In den letzten drei Jahren ist es uns gelungen, für das Meyerhold-Zentrum ein loyales Publikum aufzubauen. Es besteht aus Leuten, die für interdisziplinäre Kunst offen sind und die Vertrauen in unsere Bühne haben. Wir haben es auch geschafft, einen Teil der hiesigen Community mit einzubeziehen – für die hier ansässige Intelligenz sind wir zu einem Anwohner-Theater geworden. Mir gefällt das Wort "Aufklärung" eigentlich nicht. Wenn man jemanden aufklärt, dann steht man ja gewissermaßen über den Leuten. Wir aber befinden uns mit unserem Publikum auf gleicher Augenhöhe. Auch wir selber lernen etwas, gelangen zu Erkenntnissen und laden die Zuschauer ein, diesen Prozess gemeinsam mit uns zu durchlaufen. Wir haben zwar mehr Wissen und Fertigkeiten aus dem Bereich des Theaters als unsere Zuschauer, aber unser Publikum ist eben auch nicht auf den Kopf gefallen. Wir leben in dieser hermetisch abgeschlossenen Theaterwelt, doch die Leute, die wir im Rahmen der Diskussionen und der Zirkel treffen, gehen eben auch auf Ausstellungen, auf Konzerte, reisen und lesen die literarischen Neuerscheinungen. Daher können sie uns noch vieles beibringen. Der Austausch mit dem Publikum motiviert uns zur eigenen Weiterentwicklung.

Neben dem Publikum entwickeln wir aber auch die Theatergemeinschaft weiter. In der Fortsetzung des Projekts "Schule für Theater-Experten" führen wir in verschiedenen Städten des Landes Bildungsmodule durch, und dazu noch eine Sommerschule in Moskau. Das Meyerhold-Zentrum hat eine Ausbildungslizenz für eine weiterführende professionelle Ausbildung mit dem Schwerpunkt "Leitung staatlicher Theater". In dieser Nische haben wir zwar Konkurrenz in Moskau, aber wir haben ihr gegenüber auch einen klaren Vorteil: wir unterrichten mit Methoden der Modernisierung des Theaters, der Entwicklung des Publikums und der Verwandlung des Theaters in einen wichtigen Ort der Stadt – in einen Ort der Kommunikation zwischen Bürgern und Künstlern.

Gemeinsam mit dem nationalen Festival "Die goldene Maske" verwirklicht das Meyerhold-Zentrum auch das Programm "Institut des Theaters", das künstlerische Theaterlabors für die Weiterentwicklung des Publikums umfasst. Im Rahmen dieses Programms wurde auch das Projekt "Die Theaterklasse" von Claudia Mayer im Bereich Theaterpädagogik durchgeführt, von dem ich bereits erzählt habe. Wir haben viel Spaß mit dem demokratischen Genre des Storytellings gehabt und einen "Storytelling-Workshop" organisiert: Seminare mit westlichen Storytellern und Moskauer Künstlern. Die besten daraus entstandenen Arbeiten präsentieren wir auf den "Festivals der Geschichte" in Moskauer Parks. Im Rahmen des Projekts "Die Zauberflöte" hat sich die Regisseurin Natalja Anastasjewa mit der Erstellung und Umsetzung eines Opernstücks mit ganz gewöhnlichen Moskauer Schülern gemacht. Das Projekt "Klasse der Theaterkritik" ist dazu da, die Position junger Profis zu korrigieren. Bei uns hat man die Vorstellung, dass der Kritiker mit dem Künstler spricht, und der wiederum spricht mit der Ewigkeit. Wir gehen davon aus, dass der Adressat dieser Kritik die Gesellschaft ist. Im Projekt "Baby lab" entwickeln wir Theater für die Allerkleinsten – hier ist das Theater eine Form, die Welt zu entdecken. Im "Theaterlabor Komposition" arbeiten junge Regisseure und Komponisten eng zusammen. Und im Projekt "Potscherk" ("Die Handschrift") treffen die Leiter von sechs Theatern des Landes auf junge Designer, die für diese Theater ein Rebranding entworfen haben. Im Projekt "Sota" ("Die Zelle") werden Szenografen, Komponisten und Choreographen zusammengebracht. Das war wie ein Erweckungserlebnis für alle Teilnehmenden, mit einem unglaublichen Stück an verschiedenen Spielorten als krönendem Abschluss.

Das "Institut des Theaters" besteht weiter, trotz der finanziellen Kürzungen, von denen viele Moskauer Bildungsanstalten betroffen sind. Wir lernen jetzt, weniger zu machen, das aber dafür besser. Und es lohnt sich, in einer freien Minute und mit ein paar überzähligen Cents hier aufzutauchen, denn wir arbeiten bestimmt gerade an irgendeinem Theaterlabor oder an einem weiteren Projekt für das Theater der Zukunft. Denn die Zukunft lässt uns gar nicht mehr los.

Text: Anna Banasjukevich
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland
Februar 2016
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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(1)Das Theater "Praktika" ist ein junges Theater aus der russischen Hauptstadt. Es wurde am 7. Oktober 2005 eröffnet. Dies ist ein Moskauer Theater der neuen Generation, der neuen Texte und Helden der Gegenwart.