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Themen:
TheaterpädagogikKulturelle Bildung an der SchuleTheater

Land:
Russland

Ein klassisches Drama – oder davon, wie es dem britischen Projekt CLASS ACT in Russland ergeht

Class Act in Kasan. Foto: Teens Drama Project

Was ist "Class Act"? Kurz zusammengefasst, geht es dabei um ein Theaterprojekt für Jugendliche, das es ihnen erlaubt, in einem professionellen Team den Gestaltungsprozess eines Theaterstücks mitzuerleben. Ein Projekt, in dem Erwachsene die Meinung jedes einzelnen Kindes wertschätzen und sich alle Teilnehmenden auf Augenhöhe begegnen.

Zur Geschichte des Projekts

In Großbritannien umfasst die Geschichte des Projekts bereits mehr als 25 Jahre. 1990 hatten Jane Ellis (Spezialistin für Ausbildungsprogramme im Traverse Theatre) und Jenny Wilson (Ausbilderin im Bereich Dramaturgie) "Writers About" ins Leben gerufen, ein dramaturgisches Projekt für Schüler der höheren Klassen an Edinburgher Schulen. Zum ersten Mal arbeiteten hier professionelle Dramaturgen aus dem Traverse Theatre mit Jugendlichen, denen sie dabei halfen, selbst kurze Stücke zu schreiben. Und die professionellen Schauspieler, die Regisseure, die Bereiche für künstlerische Umsetzung und PR des Theaters unterstützten sie dabei, diese Stücke vom Papier auf die Bühne zu bringen.

1993 wurde das Projekt in "Class Act" umbenannt; 2001 wurde es landesweit, und 2004 bereits in einem internationalen Rahmen umgesetzt. Durch die Initiative der Übersetzerin und Theaterexpertin Tatjana Oskolkowa und der Leiterin der Abteilung für Kunst im British Council in Russland, Anna Genina, erreichte es auch Russland und wurde in einigen Städten ausprobiert: 2004 in Toljatti, 2005 in Samara und Moskau, und 2006 ein weiteres Mal in Moskau. 2006 war eine Gala-Aufführung von "Class Act” auf dem Festival für moderne britische Dramaturgie im Meyerhold-Theaterzentrum zu sehen. In Schottland arbeiten führende Dramaturgen des Landes wie David Harrower, Nicola McCartney, Douglas Maxwell, Gregory Burke und David Greig, genauso wie bekannte Schauspieler und Regisseure, an diesem Projekt mit.

Das Projekt ist Teil des regulären Programms am Traverse Theatre und wird von einer Reihe an Stiftungen und Organisationen unterstützt. Für die Teilnahme daran werden fünf bis sechs Schulen pro Jahr ausgewählt. Einmal wöchentlich bekommen diese über 8-10 Wochen hinweg Besuch von Dramaturgen, die mit den Schülern im Rahmen eines Wahlpflichtfaches arbeiten. Die fertigen Stücke werden in einem Band zusammengefasst, der bis zum Aufführungstag druckfertig ist. Die Inszenierung der Stücke wird von einer PR- und Werbekampagne und dem Ticketverkauf begleitet. Die jungen Autoren sind ganz selbstverständlich in die Proben mit eingebunden, tauschen sich mit Regie und Schauspielern aus und lernen so die innere, technische Seite der Inszenierung eines Theaterstücks kennen. Sie geben Journalisten Interviews und sehen sich das Stück natürlich gemeinsam mit ihren Eltern und Freunden an. Auf diese Weise durchlaufen die Jugendlichen den vollständigen Zyklus der Entstehung von Theaterstücken – von der ersten Idee bis zum Schlussapplaus im Zuschauersaal.

Das Schicksal des Projekts in Russland

Leider hat sich bisher noch kein Theater in Russland dazu durchgerungen, eine solche Arbeit mit Jugendlichen in sein Programm oder Repertoire aufzunehmen. Derzeit wird die Methodik von "Class Act” von verschiedenen künstlerischen Gruppen, Producern und Theatern für einzelne Projektarbeiten verwendet. Die Zielgruppen dafür variieren, und manchmal werden auch ausgesuchte Thematiken oder Genres umgesetzt. Wenn man die Geschichte dieser Arbeitstechnik in Russland zusammenfassen möchte, lassen sich einige größere Projekte herausstellen, die einmalig stattgefunden haben oder bereits über Jahre hinweg fortgesetzt werden:
  • "Das Theater in der Klasse" (Toljatti) wurde von 2004 bis 2011 unter der Leitung des Dramaturgen Wadim Lewanow und seinen Schülerinnen Olga und Daria Sawinna durchgeführt, die sich aktuell darum bemühen, das Projekt in diesem Jahr wiederzubeleben.
  • "Weltklasse" (Moskau, Sotschi), ein Projekt von 2007-2014, wurde durch die Künstlertruppe "Igra 3000" von Maria und Andrej Popow realisiert. Die Besonderheiten des Projekts waren die Auswahl der Teilnehmenden durch einen Wettbewerb (der russlandweit für Kinder ausgeschrieben wurde), die Arbeit mit Kindern mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen sowie der Einsatz unterschiedlicher Genres und Formen von Kunst: Theater, Film und Musical.
  • "Klassendrama" (Moskau, Perm, Moschaisk, Woronesch, Kasan) lief von 2011 bis 2013 unter der Schirmherrschaft des Kindertheater-Festivals "Bolschaja Peremena" (Wortspiel: "peremena" heißt im Russischen sowohl "Pause", als auch "Veränderung", daher bedeutet der Titel gleichzeitig "Lange Pause" und "Große Veränderung). 2012 wurde das Projekt zusammen mit teatr.doc in der "Moschaisker Erziehungskolonie" des russischen Strafgesetzdienstes durchgeführt. 2015 wurde es gemeinsam mit dem Kreativ-Labor "Ugol" ("Ecke") nach Kasan gebracht.
Einer der landesweit ersten Versuche, mithilfe des Theaters über die Probleme von Klimawandel und Umweltschutz zu sprechen, war das Projekt "Climate Act", das ebenfalls anhand der Methodik von "Class Act” umgesetzt wurde. Realisiert wurde es durch die Britische Botschaft in Russland und mithilfe einer Partnerschaft mit dem Zentrum für Dramaturgie und Regie unter Leitung von A. Kasanzew und M. Roschtschin (Moskau) und dem Theater "Osobnjak" (St. Petersburg). Es gab in den Jahren 2008-2009 Aufführungen in Moskau und St. Petersburg.

Als Grundprinzip für die Auswahl professioneller Projektteilnehmer gilt die Bereitschaft, in einer wertschätzenden und gleichberechtigten Form mit Jugendlichen zu arbeiten. Dazu sind längst nicht alle bereit. Denn nicht jeder Regisseur ist in der Lage, sich auf die Fragen und Bedenken eines 14 oder 15 Jahre alten Autors einzulassen, wenn seine gesamte vorherige Erfahrung darin bestand, dramatische Texte nach eigenem Gutdünken einzusetzen, umzustellen oder zu verändern.

Dadurch sind die Experten, die eine Schulung und einen praktischen Einsatz in diesem Format absolviert und somit Arbeitserfahrung im Projekt gesammelt haben, für uns umso wertvoller. In Russland haben zu unterschiedlichen Zeiten professionelle und bereits weithin bekannte Dramaturgen und Drehbuchautoren so mit Jugendlichen gearbeitet: Vadim Levanov, Mikhail und Vjatscheslav Durnenkovj, Jurij Klavdiev, Evgenij Kazatschkov, Nina Belenitskaja, Ekaterina Bondarenko, Lubov Mulmenko, Marina Krapivina, Maria Selinskaja, Nana Grinschtein, Anastasija Brauer, Ilmira Bolotjan, Katrina Menschikova, Konstantin Koschevnikov, Kira Malinina, Gulja Sapargalieva, Rusal Machametschin.

Unter den Regisseuren für das Projekt waren zum Beispiel Ruslan Malikow und Jurij Myrawizkij, Vladimir Skvorzov, Nikita Kobelev, Jenja Grigoriev, Natasha Anasdtasieva, Natasha Kirilova, Jenja Berkovitch, Alexandr Sozonov, Anastasija Patlaj, Juri Alesin, Svetlana Ivanova-Sergeeva, Polina Solotovitykaja, Mikhail Milkis, Andrei Oparin (Ischewsk), Aleksej Zabegin und Vladimir Antipov (Spb), Damir Salimsjanov (Glasov), Svetlana Jakovleva und Jaroslav Koltschanov (Perm), Kamil Tukaev und Anton Timofeev (Woronesch), Farid Biktchantaev, Oleg Kinyjakulov und Tatjana Ljadova (Kasan).


Text: Marija Krupnik
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland
Februar 2016
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