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Themen:
TheaterpädagogikKulturelle Bildung an der SchuleTheater

Land:
Russland

Class Act. DIE GEHEIMNISSE DER TECHNOLOGIE

Class Act. Foto: Teens Drama Project

"Das Wichtigste ist der Prozess", sagt Douglas Maxwell (Dramatiker, einer der Gründer des Projekts Class Act), "es liegt auf der Hand, dass dieses Projekt wichtige pädagogische Vorteile vermittelt: Förderung der Bildung, der Kreativität, des Zielbewusstseins, der Kommunikationsfähigkeit sowie andere Vorteile, aber ich glaube, was die Kinder am meisten daran schätzen, ist die Chance zur Selbstständigkeit und die Gelegenheit, etwas Eigenes erschaffen zu können. Auf jeder Etappe sind sie selbst die Autoren. Es sind ihre eigenen Ideen, ihre eigenen Worte, ihre eigenen Vorstellungen. Alle erwachsenen Profis hören auf die Kinder, folgen ihren Wünschen und ihren Entscheidungen".

Die Prinzipien des Projekts

Eines der wichtigsten Prinzipien des Formats Class Act ist der Respekt. "Die Persönlichkeit des Kindes ist sehr wichtig", sagt die Dramatikerin Kira Malinina, "ein besonderer Umgang mit dem Kind ist nötig. Nicht das übliche "hey, du, komm mal her, aber schnell", das wir an jeder durchschnittlichen Schule vorfinden, sondern Respekt vor dem Kind und Interesse an den Vorgängen in seinem Inneren. Und wenn dieses Interesse wirklich aufrichtig ist, dann hilft das dem Kind, sich zu entfalten, sich selbst gegenüber einfühlsamer zu werden und eine größere Sensibilität für die Vorgänge in der Außenwelt zu entwickeln. Ich kann sagen, dass das Kind dadurch in dem Glauben bestärkt wird, dass die Welt der Erwachsenen sich für das Kind interessiert, es wahrnimmt und annimmt, wie es ist, anstatt es so "zurechtzubiegen", dass es möglichst bequem für die Erwachsenen wird.

Ein weiteres äußerst wichtiges Prinzip und eine der Voraussetzungen von Class Act ist die Freude an der Kommunikation und der Kreativität. Oft ist es so, dass die Teilnahme an dem Projekt für den Jugendlichen zur ersten Erfahrung eines seriösen Gesprächs mit Erwachsenen auf gleicher Augenhöhe wird, wenn ihm/ihr aufmerksam zugehört und seine Idee bzw. sein Vorschlag auf den verschiedensten Ebenen erörtert und analysiert wird. Es ist wichtig, dass diese gemeinsame Erfahrung alle Beteiligten mit positiven Emotionen erfüllt.

Zu den besonderen Zielen des Projektes gehören: Suche nach und Förderung von neuen Dramatikern; Heranbildung eines neuen, qualitativen Theaterpublikums; persönliche, soziale und emotionale Entwicklung der Jugendlichen; Förderung der Bildung und des Interesses an einer weiterführenden Ausbildung. Auf diese Weise sind Schüler an der Entstehung eines wertvollen Werkes der Theaterkunst beteiligt. Ja, der Kunst! Class Act gibt dem Heranwachsenden die Chance, einerseits das eigene Leben analysieren zu lernen, und andererseits das Theater als ein zugängliches und interessantes Berufsfeld zu erblicken, das ihm die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung bietet.

Natürlich hoffen die Organisatoren darauf, im Laufe des Projektes zu einer Steigerung der Zuschauerkultur unter den Jugendlichen sowie deren Motivation und Selbstwertgefühl beitragen zu können. Das Projekt richtet sich gleicherseits an Jugendliche, die in der Schule zurückbleiben und an niedrigem Selbstwertgefühl und geringer Motivation leiden, als auch an gewöhnliche Schüler.

In Schottland hat das Projekt in mehr als 25 Jahren des Bestehens eine gewisse Statistik geliefert. Die Arbeit in sozial schwachen Gebieten mit schwierigen Jugendlichen hat gezeigt, dass die Kinder nach der Teilnahme an dem Projekt bessere schulische Leistungen und größere Erfolge in bildungstechnischer und sozialer Hinsicht an den Tag legten. Darüber hinaus stieg die Zahl der Schüler, die sich für ein Weiterstudium an einem College entschieden, wobei einige von ihnen tatsächlich später Dramatiker wurden und heute im Theater arbeiten. Und natürlich ist ein großer Teil der Jugendlichen zu Zuschauern geworden, die immer wieder ins Theater zurückkommen, das ihnen einst so unvergessliche Erfahrungen und Eindrücke geschenkt hat.

Besonderheiten Russlands

In Russland hat sich ein kurzfristiges Projektschema etabliert, das aus 14-16 intensiven Arbeitstagen besteht. Die ersten 6-10 Tage widmen sich dramaturgischen Workshops, an den restlichen 6-7 Tagen finden Proben und Aufführungen statt. Eine einheitliche Bühne wie das Traverse Theatre gibt es nicht, bei jedem Projekt werden verschiedene Theater zur Zusammenarbeit herangezogen. Ein solches Format bietet sowohl Vor- als auch Nachteile.

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Vorteile: Nachteile:
Das Projekt reißt den Schüler aus seiner vertrauten Umgebung, befreit ihn vom Unterricht und lässt ihn auf maximale Weise in den Prozess eintauchen (die Arbeit dauert 3-4 Stunden täglich). Aufgrund der kurzen Pausen zwischen den Unterrichtsstunden bleibt den Teilnehmern nur wenig Zeit, um eigene Ideen zu entwickeln und sie auszuarbeiten.
Die kreative Arbeit findet in einer angenehmen Umgebung statt, die Atmosphäre ist informell und frei. Es ist nicht möglich, den Einfluss der Eltern und Lehrer sowie deren Einmischung in die Arbeit des Jugendlichen außerhalb der Projektstunden auszuschließen.
Das Vorhandensein eines Partner-Theaters macht es nicht nur möglich, eingehend die Bühne zu studieren, auf der das Stück zur Aufführung kommen soll, sondern auch diverse Meister aus verschiedenen Theaterberufen zu treffen. Die beschränkten Möglichkeiten der Bühne und des Theaters können die kreative Arbeit des Jugendlichen beeinflussen.


Einige britische Kollegen, darunter vor allem Nicola McCartney, eine Expertin und nicht seltener Gast bei russischen Projekten, denken darüber nach, das russische Modell der "intensiven Methode" zu übernehmen und auf Schottland zu übertragen. Vom verwaltungstechnischen Standpunkt aus betrachtet, wäre es einfacher − und zwar sowohl für die teilnehmenden Profis als auch für die Kinder und das ins Projekt involvierte Theater,− sämtliche Ressourcen eines Projekts für einen kürzeren Zeitraum zu konzentrieren.

Wir möchten gesondert darauf hinweisen, warum wir den Einfluss der Eltern und Lehrer auf das Kind außerhalb der Projektstunden als einen negativen Faktor gewertet haben. Bis zu einem gewissen Grad sind konforme Verhaltensweisen sowie das Vertrauen in die Autorität von Erwachsenen und Lehrern für Jugendliche charakteristisch. Das hindert sie oft daran, ihren eigenen Ideen nachzugehen. Aus dem gleichen Grund ziehen viele Jugendliche bereits bekannte Inhalte als Grundlage für ihre Arbeit heran, denn sie haben kein Vertrauen in sich selbst und glauben nicht an die Möglichkeit, dass ihre eigenen Ideen wertvoll und gefragt sein könnten. Das Projekt will dem jungen Autor beibringen, diese Ängste zu überwinden, damit er künftig seine Entscheidungen bei der kreativen Arbeit und im Leben allgemein mit größerer Sicherheit und Bewusstheit treffen kann.

Wenn die jungen Dramatiker auch noch so sehr darum bemüht sind, sich dadurch zu maskieren, dass sie ihre Helden in verschiedene "Hüllen" packen, so schreiben sie natürlich doch nur über das, was sie kennen. Indem die Kinder den Protagonisten ihrer eigenen Stücke Fragen stellen, lernen sie, auch sich selbst wichtige Fragen zu stellen: was will ich, warum tue ich dies oder jenes?

Übungen

Da es in der schottischen Technologie keine einheitliche Liste an Übungen und Techniken für die Arbeit mit Kindern gibt, wird die Auswahl der Übungen durch die Erfahrung und den Stil des Autors bestimmt. Jeder Dramatiker teilt in erster Linie seine persönlichen kreativen Erfahrungen, Erkenntnisse und Entdeckungen, die er während der aktiven Arbeit an seinen eigenen Ideen oder im Zuge der Adaptation an die Werke anderer Autoren perfektioniert hat.

Der gleiche Prozess findet auch in Russland statt, allerdings gibt es hier auch eine Reihe von Übungen, die von einem Projekt zum anderen übergehen. Es handelt sich um Übungen aus Schulungen und Workshops von Traverse-Dramatikern, Nicola McCartney und Selma Dimitrijevic, aus Seminaren des Royal Court Theatre zum Thema 'Verbatim' usw., sowie Schauspiel- und Regieübungen verschiedener Schulen.

Die Vorbereitungen zum Dramaturgie-Workshop finden jedes Mal von Neuem statt. Jedes Team diskutiert, wie man ein möglichst effektives und angenehmes Programm für die Kinder erstellen kann, damit am Ende Texte für die Stücke entstehen. Es gibt Phasen der Einarbeit, es gibt allgemeintheoretische Diskussionen, es gibt Übungen zur Entwicklung der Protagonisten, der Handlung und Konflikte, die Ausgestaltung und Entfaltung der Dialoge. Bei der Arbeit kommen sowohl mündliche als auch schriftliche Übungen zum Einsatz, nicht ausgeschlossen wird auch die essayistische Methode.

So gibt es zum Beispiel bereits eine klassische Übung zur Entwicklung der Handlung und zur Arbeit mit unerwarteten Wendungen und Umständen. Die Übung heißt: "Mach es schlimmer!"

"Mach es schlimmer!" ist ein großartiges Spiel, um den Workshop zu beginnen. Es erweitert das Verständnis dafür, wie eine Handlung aufgebaut wird und wie sie sich weiterentwickeln kann. Einer der Teilnehmer wird aufgefordert, einem anderen Teilnehmer (oder auch der ganzen Gruppe) zu erzählen, was er/sie am Morgen nach dem Aufwachen, bevor er zum Workshop gekommen ist, gemacht hat. Während dieser Teilnehmer nun erzählt, wird ein anderer Teilnehmer gebeten, den Erzähler zu einem beliebigen Zeitpunkt mit den Worten "mach es schlimmer" oder "schlimmer" zu unterbrechen. Sobald der Erzähler diese Worte hört, muss er die letzte Handlung bzw. die letzten Umstände in seiner Erzählung zum Schlechteren hin verändern. Die Teilnehmer wechseln alle paar Minuten die Rollen. Diese Übung erlaubt es, die Aufmerksamkeit der Gruppe zu sammeln und über die Gesetze zu sprechen, mit deren Hilfe die Aufmerksamkeit der Zuhörer festgehalten sowie der Spannungsverlauf innerhalb der Handlung reguliert werden kann. Auch unerwartete Wendungen und neue Umstände im Verlauf der Handlung können besprochen werden. Im Rahmen dieser Übung kann man mit den Teilnehmern Beispiele für die Anwendung eines solchen Kunstkniffs in der Dramaturgie und im Kino diskutieren.

"15 Gründe, warum" ist eine weitere nützliche und interessante Übung zum Handlungsaufbau. Dabei denkt man sich ein bestimmtes Ausgangsereignis aus, zum Beispiel: "Auf dem Kinderspielplatz im Hof hat man einen dreibeinigen Hund gefunden". Dann fordert man die Teilnehmer dazu auf, auf einem Bogen Papier 15 "Warum" und 15 "Weil" aufzuschreiben, dabei aber Platz für die Formulierung der Frage und Antwort zu lassen. Indem die Teilnehmer eine Frage zum Ausgangsereignis stellen, dann darauf antworten und anschließend die nächste Frage zu dieser Antwort stellen, füllen sie nach und nach den Bogen aus. Mit dem so erhaltenen Text kann man dann auf unterschiedliche Weise weiterarbeiten. Man kann die Geschichte vom Anfangsereignis bis zum Ende vorlesen, oder aber man liest sie in umgekehrter Reihenfolge von der letzten Antwort bis zum Ausgangsereignis. Auf diese Weise kann man sowohl über die Logik der Handlungsentwicklung als auch über den Aufbau der Handlungsentfaltung oder eines beliebigen anderen Prozesses sprechen.

Die sorgfältige Detailarbeit im Dramaturgie-Workshop, die Alchemie des Aufbaus eines neuen Theaterstücks aus verstreuten Ideen, Protagonisten, Repliken und Umständen - das ist eines der interessantesten und fesselndsten intellektuellen Abenteuer, das Sie sich nur vorstellen können.


Text: Marija Krupnik
Übersetzung: Alexander Sauter

Copyright: Goethe-Institut Russland
März 2016
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