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Themen:
TheaterpädagogikKulturelle Bildung an der SchuleTheater

Land:
Russland

Wenn das Drama klasse wird
Class-Act-Projekte in St. Petersburg und Kronstadt

Class Act. Foto: Teens Drama Project

Alle Kinder sind talentiert. Die Class-Act-Projekte, die im Jahre 2014 in St. Petersburg und Kronstadt durchgeführt wurden, sind ein eindrückliches Beispiel dafür.

In Kronstadt übernahmen die Dramatiker Anastasia Brauer und Jurij Klawdiew, der Intendant des Theaters der Baltischen Flotte (Kronstadt) Michail Smirnow und die Theaterwissenschaftlerin Maria Sisowa die Kuratorenrollen. Worum ging es? Zwei Wochen lang arbeiteten die Sechstklässler der Kapiza-Schule № 425 unter der Leitung von professionellen Dramatikern an Theaterstücken, die der Geschichte der Heimatstadt gewidmet waren. Am Ende entstanden zwölf Theaterstücke, die der Regisseur Michail Smirnow gemeinsam mit den Schülern und den Theaterdarstellern A. Jermolajew, G. Nasyrowa, A. Lenin und E. Kuzmina in Form von kleinen Ausschnitten und Leseproben auf der Bühne präsentierte.

Etwas mehr über die Stücke. Das Genre, die Charaktere, die Art und die Zeit der Handlung sind stets verschieden. Ein Zombie-Drama, ein Melodrama, eine Geschichte mit phantastischen Elementen, ein Märchen, eine Komödie – der Phantasie der Kinder waren keine Grenzen gesetzt. Peter der Große kann hier durchaus mit Hitler kämpfen, und natürlich siegen; ein Professor kann eine Zeitmaschine erfinden, die wie eine Duschkabine aussieht, um einen Freund in der Vergangenheit zu retten; ein Mädchen, das im Garten eingeschlafen ist, kann in Kronstadt während der Zeit der Blockade aufwachen, um dort ihr selbst begangenes Unrecht einzusehen und danach in die Gegenwart zurückzukehren und sich mit ihrem Bruder zu versöhnen.

Die gewählten Themen waren äußerst ernst: Fragen der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion, der Geschlechterverhältnisse, Familienkonflikte, die Neubewertung historischer Fakten. Über alles wurde mit äußerster Aufrichtigkeit und mit jenem Grad an Offenheit gesprochen, zu dem allein Kinder fähig sind. Allerdings war das Ende der meisten Geschichten unglaubhaft optimistisch, was aber ebenfalls verständlich ist: man sehnt sich nach einem Wunder und es ist keine Schande sich das einzugestehen. Wenn ein Junge ein Mädchen kennen lernt, dann endet es unweigerlich damit, dass er ihr seine Hand und sein Herz anbietet; wenn sich plötzlich die Eltern streiten, so versöhnen sie sich am Ende wieder und versprechen sich nie wieder zu streiten; wenn Freunde aus irgendeinem Grund getrennt wurden, dann ist ihr Wiedersehen, ihr Wiedererkennen und ihre Wiedervereinigung vorhersehbar. Alles muss ein gutes Ende nehmen. Die Kronstädter Auslegung von Aristoteles ist einseitig: jede Veränderung erfolgt ausschließlich vom Schlechten zum Guten, vom Unglück zum Glück. Ein umgekehrter Vorgang nicht kommt nicht vor.

Ein nicht minder schillerndes Ereignis war das Projekt ON.LINE, ein Class Act, der in der Theater-Lounge Vinci in
St. Petersburg stattfand. Entwickelt vom Labor ON.THEATER und unterstützt vom St. Petersburger Kulturausschuss, war das Projekt für Kinder ohne Eltern konzipiert. Es ging dabei nicht erstranging um die Entstehung eines Theaterstückes. Vielmehr bestand das Ziel darin psychologische Barrieren zu beseitigen, Vertrauen aufzubauen und Kontakt zu den einzelnen Kindern herzustellen. Dementsprechend war das Projekt langfristig aufgebaut: sechs Monate wurden ständig Workshops unter der Aufsicht von professionellen Pädagogen, Dramatikern und Regisseuren angeboten.

Bei der Vorführung des Projektes ON.LINE wurden zwei Szenen gezeigt, eine Leseprobe und eine "vorbereitete Improvisation zu einem vorgegebenen Thema".

Die erste Gruppe bestand aus dreizehn Kindern im Alter von 10 bis 15 Jahren aus dem Kinderheim "Kovcheg". Nachdem die Rollen verteilt waren, lasen die Kinder die "Weihnachtsgeschichte" vor. Der Text basiert auf Erzählungen, die die Kinder selbst geschrieben haben und die von Evgenija Alexejewa künstlerisch überarbeitet wurden. Die Handlung: Um seiner krebskranken Mutter eine Freude zu bereiten, suchen ein kleiner Junge und seine jüngere Schwester im Wald nach einem Weihnachtsbaum. Dort verlaufen sie sich und geraten in verschiedene schwierige Situationen. Die Geschichte ist an die "Schneekönigin" von Andersen und an die Märchen der Gebrüder Grimm angelehnt. Und doch gibt es grundlegende Unterschiede: jede Handlung der Jugendlichen im Märchen wurde von den realen Kindern kommentiert, die nach einem Motiv bzw. nach einer adäquaten, für sie nachvollziehbaren Erklärung für die Handlungen der Protagonisten suchen und ihre Vermutungen darüber äußern.

Die zweite Gruppe umfasste acht Kinder der gleichen Altersgruppe (10-15 Jahre) aus dem "SOS-Kinderdorf". Mit ihnen arbeiteten die Dramatikerin Xenia Nikitina und die Regisseurin Evgenija Lwowa.

Die ursprüngliche Idee einen Text zu verfassen hat nicht funktioniert, die Gruppe war zu unruhig. Darum wurden Geschichten inszeniert, die die Kinder mehrmals im eigenen Leben erlebt hatten. Nach jeder Szene, die im Saal gezeigt wurde, leuchtete eine Leinwand auf, auf der dasselbe Kind, das die Szene gespielt hatte, das soeben Gezeigte kommentierte und darüber berichtete wie es selbst mit ähnlichen Umständen im Leben konfrontiert wurde. Es ist eine interessante und sinnvolle Idee, die das Kind dazu zwingt sich mit dem Erlebten auseinander zu setzen. Wie auch im Kronstädter Projekt, wurden hier sehr ernste und heikle Themen berührt. Allerdings wurde alles mit dokumentarischer Authentizität wiedergegeben: kein Regenbogen-Flair, nur die raue, harte Realität. In einer Szene konstatiert die Lehrerin vor allen Schülern, dass der Bruder und die Schwester verwaisten, ohne Rücksicht auf die Gefühle der Betroffenen in diesem Moment.. In einer anderen Szene empfängt die Mutter ihre beiden Töchter, die zu spät nach Hause kommen, dabei wählt sie für ihre "Begrüßung" durchaus nicht die liebevollsten Worte.. Diese beiden Rollen wurden von der jungen Anja Fjodorowa gespielt.

Das Projekt bekam den Namen "Nicht verschütten!". Der Appell an die Kinder – bewahrt euch, allen Widrigkeiten zum Trotz, eure Leidenschaft und euren Lebenseifer; der Appell an die Eltern – vergeudet eure Kräfte nicht mit Schikanen und Streit, hebt sie euch stattdessen auf für Liebe und Aufmerksamkeit.

Im Finale gingen die Kinder bis ans Äußerste. Sie griffen zu Waffen und schossen ins Publikum…. aus Wasserpistolen. Und während sie selbst schießen, reichen sie die gleiche Waffe auch dem Publikum; am Ende kam es nicht zu Streit und Krieg, sondern zu Verbrüderung, Einigkeit und Gelächter. Ein klasse Drama. Ein ideales Finale.



Text: Jana Postowalowa
Übersetzung: Alexander Sauter

Copyright: Petersburger Theatermagazin (PTJ)
März 2016
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