Magazin

Das einzige zweisprachige Online-Magazin für Projekte der kulturellen Bildung aus Russland und Deutschland. Jede Woche ein neuer Text! Sie können die Auswahl durch die Filterkriterien Themen und Länder eingrenzen..

Filter zurück setzen

Was ist deine böse Seite?
Ada Mukhina über die Theaterpädagogik der Schaubühne

Polyrealisten, Schaubühne.Wir haben uns entschieden. Foto: Gianmarco Bresadola

Ada Mukhina, Regisseurin, Kuratorin und Gründerin des Theaterprojekts "Vmeste" (St. Petersburg), lebt derzeit in Berlin und beschäftigt sich im Rahmen eines Programms der Alexander von Humboldt-Stiftung mit der Erforschung des europäischen sozialen Theaters. "Eine Praktikerin, die sich die Arbeit von Praktikern anschaut", so beschreibt Ada ihre Erfahrungen, die sie beim Kennenlernen von Theatermachern und den Gesprächen mit ihnen gemacht hat.

"Was ist deine böse Seite?" ist die erste Frage, die ich höre, als ich für einen Workshop zum Stück "Richard III." von Thomas Ostermeier in die Berliner Schaubühne komme – einem renommierten Theater der Hauptstadt. Solche Workshops werden einmal im Monat durchgeführt und öffnen die Türen des Theaters für wahrlich alle Interessierten. Es reicht aus, sich einfach ein Ticket für 2,50 Euro an der Kasse zu kaufen. Das entspricht in etwa einer Tasse Kaffee oder einer Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin und ist somit für die meisten erschwinglich.

Während ich mich also innerhalb der Mauern des Theaters befinde, fällt mir sogleich auf, dass diese hier eigentlich fehlen und folglich auch eine Abgrenzung zur Außenwelt. Sowohl die Kasse als auch die Eingangshalle und das Café sind durch Glasvitrinen sichtbar, was einem das Gefühl von Offenheit, Erreichbarkeit und der Bereitschaft zum Dialog vermittelt. Genau in diesem transparenten Café des ehemaligen Kinos Universum, das heute eines der bekanntesten Theater Europas beherbergt, treffe ich mich mit Wiebke Nonne, der Leiterin der Theaterpädagogik der Schaubühne.

"Was ist deine böse Seite?", ist die zentrale Frage der Inszenierung von Thomas Ostermeiers "Richard III.". Das Böse, das in jedem von uns steckt und das in diesem Shakespeare-Stück so deutlich gezeigt wird, gehört ebenso wie die Mechanismen, die Richard verwendet, um seinen Stand in der Gesellschaft zu verändern, zu den grundsätzlichen Themen, die dem Regisseur Kopfzerbrechen bereiten. "Genau das sind die Punkte, mit denen sich unser vierstündiger Workshop beschäftigt", sagt Wiebke. Solche Theaterwerkstätten werden vor allem für Schüler durchgeführt und beziehen sich immer auf eines der aktuellen Stücke, welche sich die Teilnehmer anschließend ansehen können. Einmal im Monat können alle, die Lust haben – unabhängig vom Alter und manchmal sogar ohne deutsche Sprachkenntnisse – an einer solchen Theaterwerkstatt teilnehmen. Einige Male im Jahr finden Workshops sogar auf Englisch statt. Sie richten sich an ein internationales Publikum, das sich im Anschluss ein Stück mit englischen Untertiteln ansehen kann.

«Aus dem Verständnis heraus, dass ein Stück nicht nur "reine Kunst" ist, sondern auch etwas, das sehr eng mit dem eigenen Leben verknüpft ist, wächst auch bei mir der Wunsch, zu erfahren, welche Antworten das Theater auf Fragen findet, die ich mir stelle »

In diesen Workshops werden Wiebke und ihr Team zu Vermittlern zwischen dem Publikum und den Inszenierungen des Theaters. Ihre Aufgabe ist es, den Schülern Schlüssel an die Hand zu geben, mit deren Hilfe sie das Thema des Stücks für sich entschlüsseln können – Gleiches gilt für die ästhetischen Mittel, die darin zum Einsatz kommen. Das bedeutet aber nicht, ihnen eine Interpretationsvorlage vorzugeben, mit Inhalten, die der Autor sagen wollte, sondern vielmehr eine Möglichkeit zu eröffnen, sich selbst auf die Fragen einzulassen, mit denen sich die Verantwortlichen der Inszenierung konfrontiert sahen. Dabei gilt es, eigene Ideen und Gedanken sowie Antworten und neue Fragen auszuarbeiten. Aus dem Verständnis heraus, dass ein Stück nicht nur "reine Kunst" ist, sondern auch etwas, das sehr eng mit dem eigenen Leben verknüpft ist, wächst auch bei mir der Wunsch, zu erfahren, welche Antworten das Theater auf Fragen findet, die ich mir stelle.

Bei einer der Workshop-Übungen zu dem Stück "thisisitgirl" werden die Teilnehmer aufgefordert, paarweise zusammenzufinden. Jedes Paar bekommt einen Zettel mit Begriffen, die in dem Stück thematisiert werden, darunter beispielsweise ‚Liebe‘, ‚Vater‘, ‚Schminke‘, ‚Stärke‘, ‚Kinder‘, ‚Karriere‘ und so weiter. Dann gibt Wiebke das Startsignal: In den parallel zueinander arbeitenden Paaren, liest jeweils eine Person ihrem Partner ein beliebiges Wort auf dem Zettel vor, wobei dieser spontan und ohne zu zögern seine ersten Assoziationen zu dem Begriff nennen soll, beispielsweise in Form von Gedanken, Geschichten oder Gefühlen.

Der improvisierte Monolog soll eine Minute lang andauern, bis die Moderatorin das Signal gibt, ihn zu beenden. Anschließend werden die Rollen innerhalb der Paare getauscht: das nächste Wort nennt nun die Person, die vorher mit dem Monolog dran war. Nach einigen Runden der spontanen Monologe und ihrer kurzen Besprechung innerhalb der Paare, werden drei Teilnehmer dazu aufgefordert, dieses Experiment auf der Bühne nachzustellen.

Die Freiwilligen setzen sich dort auf Stühle, während die anderen ihre Plätze als Zuschauer einnehmen. Nun nennt ein Zuschauer der ersten Person auf der Bühne ein Wort auf dem Blatt – der spontane Monolog darf nun ohne zeitliche Begrenzung vortragen werden. Es folgen zwei weitere Monologe, bis die Zuschauer und Vortragende schließlich ihre Eindrücke austauschen: über die Unterschiede, einen solchen Monolog von Angesicht zu Angesicht oder eben vor einem Publikum zu halten; darüber, was sich verändert hat und welche Gedanken diese Übung in ihnen auslöst.

Für die Vorbereitung der Workshops tauscht sich Wiebke mit Regie, Dramaturgie, Künstlern und Schauspielern aus, geht zu Proben und versucht, die Schlüsselmomente der Schaubühne-Stücke herauszufiltern. Zum Beispiel verwendet sie für die Workshops zu "Richard III." Texte aus der Inszenierung und eine Übersetzung, die speziell für die Ostermeier-Aufführung angefertigt wurde. Eine solche Herangehensweise macht aus einem Publikum zwar nicht zwangsläufig Shakespeareliebhaber, doch sie bietet einen konkreten Zugang zu seinen Theaterstücken mit ihren ganz eigenen Codes und Nuancen. Außerdem organisiert Wiebke jeden Monat zu einem bestimmten Stück ein Publikumsgespräch, was den Zuschauern die Möglichkeit bietet, sich direkt mit dem Stück auseinanderzusetzen.

«Zweimal im Jahr bereitet die Theaterpädagogik der Schaubühne eigene Aufführungen mit Laiendarstellern vor: ein Stück wird von Jugendlichen und eins von Erwachsenen erarbeitet »

Ein weiterer großer Bestandteil der Tätigkeit als Theaterpädagoge, ist die Zusammenarbeit mit Schulen. Neben Angeboten zu individuellen Anfragen, führt Wiebke die bereits genannten Workshops zu bestimmten Stücken durch. Sie arbeitet außerdem dafür, den Zugang zum Theater zu ebnen und sucht sich für die Arbeit mit den Schülern verschiedene Arbeitsformate aus. So hat zum Beispiel das Theater-Studio einer Schule den Entstehungsprozess von "Die Mutter" von Bertolt Brecht unter der Leitung des Regisseurs Peter Kleinert mitverfolgt. Die Schüler sind zu den Proben gekommen, haben sich mit dem Regisseur und den Schauspielern ausgetauscht, den Text gelesen und sich gemeinsam angeschaut, wie daraus ein Theaterstück entsteht. "Allerdings ist dieser Fall wohl eher die Ausnahme als die Regel", sagt Wiebke. Eine solche Offenheit gegenüber Schülern legen längst nicht alle Regisseure der Schaubühne an den Tag. In der Regel agieren der pädagogische und der künstlerische Bereich des Theaters unabhängig voneinander, wobei jeder mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt ist.

Zweimal im Jahr bereitet die Theaterpädagogik der Schaubühne eigene Aufführungen mit Laiendarstellern vor: ein Stück wird von Jugendlichen und eins von Erwachsenen erarbeitet. Die Jugendgruppe präsentiert außerdem eine mit ausgewählten Theatermitteln dargestellte Rückschau vergangener Arbeiten. Das Stück der Teilnehmer über 18 Jahre wird für ein oder zwei Monate in das Repertoire der Studiobühne aufgenommen und dort gemeinsam mit den regulären Stücken gezeigt. Ich durfte an einer Probe dieser vom Alter her so ungleichen Gruppe namens "Polyrealisten" teilnehmen.

Die Probe beginnt jeweils mit einer Diskussion über die Entwürfe für das kommende Stück. In diesem Fall erklärt Emilie Cognard den Teilnehmern, was sie zum Einsatz beweglicher Eisenbarrikaden für das Bühnenbild inspiriert hat. Außerdem zeigt sie Bilder und erklärt die Möglichkeiten einer Transformation der Bühne und das Material, aus dem die Absperrungen angefertigt werden sollen. Als Arianna Fantin mit einem riesigen Koffer in der Hand zur Probe kommt, weiß ich schon gar nicht mehr, wer unter diesen theaterbegeisterten Menschen ein Profi ist und für wen es lediglich ein Hobby darstellt. Arianna holt Kostüme aus dem Koffer und ruft die Darsteller einzeln zur Anprobe zu sich. Für jeden der Anwesenden sind einige Kostümvarianten ausgewählt worden. Jedes Kostüm wird im Detail besprochen und alle Bemerkungen sowie Vorschläge werden ernst genommen. Man könnte meinen, dass das hier alles Kollegen sind, denke ich. Als Wiebke mein überraschtes Gesicht sieht, erklärt sie mir, dass für jedes Stück der Theaterpädagogik-Gruppe auch eine Assistenz aus dem Bühnenbild und eine aus dem Bereich Kostüm engagiert wird. Diese Inszenierung ist für die Gruppe ein eigenständiges Projekt, mit dem sie sich beweisen und ihre Ideen im Rahmen eines kleinen, vom Theater bereitgestellten Budgets verwirklichen kann.

Wiebke Nonne leitet die Proben, ihre Assistentin Nele Rennert führt Protokoll und hält den laufenden Prozess mit der Kamera fest. Die Inszenierungen des Bereichs Theaterpädagogik an der Schaubühne entstehen aus den Improvisationen der Teilnehmer zu bestimmten Themen. In diesem Jahr war das Thema "Macht": Macht über andere und über sich selbst, Kontrolle und Unterwerfung. Während ich die Teilnehmer der Gruppe betrachte, wie sie sich ganz für sich und völlig unterschiedlich zur Musik bewegen, ganz ihren Körpern und ihrem Alter entsprechend, erinnere ich mich unwillkürlich an ein anderes deutsches Stück – "Kontakthof" von Pina Bausch. Ein Stück, in dessen letzten beiden Variationen mit der Bewegungsart von unprofessionellen Gelegenheitstänzern gearbeitet wurde: zunächst mit Personen über 65 und später mit Jugendlichen.

Die Geschichten, die sich die "Polyrealisten" ausgedacht haben, sind eng mit den eigenen Biographien verflochten. So erzählt Eva Reuss-Richter, eine Teilnehmerin aus der Gruppe, mit großem Humor eine ziemlich gruselige Geschichte darüber, wie ihre Figur, die ebenfalls Eva heißt, eines Tages die Kontrolle über ihren Körper verliert und auch ihr Kurzzeitgedächtnis plötzlich nicht mehr funktioniert.

Die Premiere ist für Ende Mai auf der Studiobühne der Schaubühne geplant, außerdem soll es noch sechs oder sieben Aufführungen im Juni geben. Karten werden an der Theaterkasse erhältlich sein.

«Es bleibt die Frage, weshalb sich ein seriöses Theater wie die Schaubühne mit der pädagogischen Arbeit beschäftigt? »

Erstens dient die Arbeit mit Jugendlichen und Kindern in gewisser Weise einer Erhaltung der Tradition. In den siebziger Jahren war es das Ziel des Theaters, das damals noch von Peter Stein geleitet wurde, ein neues Publikum außerhalb des Bildungsbürgertums zu erreichen.

Mit dem Wechsel der Leitung Ende der Neunziger, als unter anderem Thomas Ostermeier künstlerischer Leiter des Theaters wurde, entstand innerhalb der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit auch der Bereich der Theaterpädagogik. Er wurde von der Regisseurin und Theaterpädagogin Uta Plate begründet. Sie betrachtete es als eine ihrer Aufgaben, auch Menschen ins Theater zu bringen, die dort normalerweise nicht hingehen – denn die meisten der "Neuen Dramen" der Schaubühne würden ihrer Meinung nach einfach vor dem falschen Publikum gespielt.

Zweitens gehört die Theaterpädagogik zur staatlichen Kulturpolitik, die durch eine staatliche Finanzierung unterstützt wird. Unter dem Stichwort "Kulturelle Bildung" sollen Schulen, Museen und Theater jedem gleichermaßen einen Zugang zu Kultur bieten. Die Logik dieser Politik ist einfach: Jedes Kind sollte zumindest einmal in seinem Leben ins Theater gegangen sein. Wer als Schüler bereits Gefallen am Theater findet, wird auch im Erwachsenenalter ins Theater gehen. Und genau deswegen schließt die Schaubühne auch Partnerschaften mit Schulen ab, die mit ihren höheren Klassen zu Workshops und Aufführungen kommen. Darüber hinaus erhalten Schüler, gleiches gilt für Studenten und Erwerbslose, Eintrittskarten nicht nur für die Galerie vergünstigt, so wie es in den meisten Theatern üblich ist, sondern auch in der ersten Reihe. Solch ein respektvoller Umgang mit Ermäßigungsberechtigten gehört zur einer Besonderheit der Kulturpolitik der Schaubühne. Abgesehen davon, dass die Schaubühne heute kein Problem damit hat, Zuschauer für einen Besuch zu begeistern – denn für einige Aufführungen ist es praktisch unmöglich, an Karten zu kommen und vor ihrem Beginn stehen noch Personen im Foyer, die auf unverkaufte Karten hoffen – könnte sich die Situation in Zukunft ändern, wenn man sich nicht jetzt schon darum kümmert.

Wiebke Nonne hat den Begriff "Kulturelle Bildung" noch weiter gefasst, indem sie auch ein Studio für Erwachsene initiierte. Die Arbeit des Bereichs Theaterpädagogik soll sich auf diese Weise nicht nur auf Schulgruppen beschränken. Indem sie Menschen jeden Alters die Möglichkeit gibt, mit dem Theater in Kontakt zu kommen – ob als Zuschauer, Teilnehmer von Workshops, in Studios oder Diskussionen – erhöht die Schaubühne die Anzahl an transparenten Türen, durch die man sie betreten kann.

Text: Ada Mukhina
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland
März 2016
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



Schließen

Drucken





















Ada Mukhina. Foto: Stepan Bogatirjow

Mukhina Ada ist Regisseurin, Kunstkuratorin, Gründerin des Theaterprojekts "Vmeste" ("Zusammen"). Sie hat die Sankt Petersburger Theaterakademie am Alexandrinkskij-Theater (Klasse W. Fokina und A. Mogutschij) abgeschlossen, ein Praktikum mit dem Schwerpunkt „Soziales Theater“ in Hamburg absolviert und wird durch ein Praktikums-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung unterstützt, im Rahmen dessen sie ein Jahr in Deutschland lebt und dort an ihrem Sozial-Theaterprojekt arbeitet. Sie ist Regisseurin der Dokumentar-Stücke „Einen Kühlschrank für das Sahneeis!“, „Das 18. Tagebuch in blauem Umschlag mit Teekessel“ (auf der Bühne des Theaterlabors „On.teatr“), „Eine menschliche Geschichte“ (im Haus der jüdischen Kultur „ESOD“), "______________“ (das Projekt „Neue Leute“ auf der Bühne des Großen Towstonogow-Dramentheaters, gemeinsam mit der Dramaturgin Natascha Borenko).

Seit mehr als sieben Jahren führt sie Workshops zur informellen Weiterbildung für Schüler und Studierende durch. Sie ist Gründerin des Projekts „Schule für Dokumentartheater“ für Jugendliche, in dem das Dokumentartheater als Lehrmethodik eingesetzt wird.

























Foto: Gianmarco Bresadola "Polyrealisten", Schaubühne
"Wir haben uns entschieden"
Foto: Gianmarco Bresadola