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Themen:
MuseumpädagogikTheater

Land:
Russland

Wie das Museum für Theater- und Musikkunst (St. Petersburg) seine Besucherarbeit gestaltet

Foto: Museum für Theater- und Musikkunst

Die Geschichte des Museums für Theater- und Musikkunst in St. Petersburg ist genauso dramatisch wie die Geschichte von Petersburg selbst. Es entstand 1918 in den Räumlichkeiten der ehemaligen Staatswohnung des Direktors der kaiserlichen Theater. Für das Publikum öffnete das Theater 1921 seine Tore. Neben den von Anbeginn gezeigten Ausstellungen lockte es sowohl ein Künstlerpublikum als auch die Jugend durch Vorträge, Konzerte und Veranstaltungen mit bekannten Gästen an. Hier fand die erste Darbietung der zweiten Sonate von Dmitri Schostakowitsch höchst persönlich statt, hier trat Wladimir Majakowski mit einem Text auf, der sich später zu dem Gedicht "Gut und schön" weiterentwickelte, hier hielt auch Wsewolod Meyerhold seine Vorträge. Die Räumlichkeiten waren für die Intelligenz gewissermaßen ein Ersatz für die vorrevolutionären Salons. Doch die Direktion der akademischen Theater, deren Leitung das Museum unterlag, hielt es bereits in den 1930er Jahren für weitaus rentabler und rationaler, die ihnen anvertrauten Räume an die Vereinigung "Sojusryba" zu vermieten. Das Theatermuseum wurde erst nach dem Krieg im Jahre 1946 unter neuer Leitung wieder eröffnet und hat sich seitdem glücklicherweise konsequent weiterentwickelt.

Heute umfasst das Museum für Theater- und Musikkunst das Hauptgebäude am Ostrowski-Platz, den Scheremetjew-Palast, die Museumswohnungen der Schauspielerin Samoilowa und der Rimski-Korsakows sowie das Schaljapin-Haus. In jedem seiner Ableger werden neben den Dauer- und Wechselausstellungen auch Angebote für Besucher gemacht, die sich für Theater und Musik interessieren und etwas Neues erleben möchten. Überblicks- und Themenausstellungen für Erwachsene, Rallyes für die Kleinen sowie spannende Geschichten für Studenten und Schüler der oberen Klassen – die Vielfalt ist riesig und jedes einzelne Angebot verdient Aufmerksamkeit. Während in den Ablegern des Theatermuseums die Führungen ziemlich spezifisch und gegenstandsbezogen sind und sich vielmehr um bestimmte Persönlichkeiten drehen, so bietet das Theatermuseum weitaus mehr Gelegenheiten für Diskussionen. Schließlich umfasst die Hauptausstellung eine Vielzahl unterschiedlicher Zeitperioden: Beginnend mit den Anfängen des russischen Theaters, dann das 19. Jahrhundert, das Theater der Jahrhundertwende, das 20. Jahrhundert, das Theater nach der Revolution. Schließlich endet die allgemeine Führung durch das Museum mit den 1930er-1960er Jahren - mit dem Theater von Nikolaj Akimow.

Abhängig von dem Thema werden die Vorträge an unterschiedlichen Orten des Museums gehalten. Die beiden beliebtesten Vorträge „Die Bühnengeschichte von ‚Der Revisor‘“ und „Die Bühnengeschichte von ‚Verstand schafft Leiden‘“ finden beispielsweise im Saal des 19. Jahrhunderts statt. Der Raum des 20. Jahrhunderts widmet sich dem Regisseur Meyerhold, wohingegen die thematische Führung zu den „Stars des russischen Balletts“ im separaten Ballettsaal angesiedelt ist.

Einen festgelegten Zeitplan für die Vorträge und Führungen gibt es im Museum nicht. Interessierte können sich einfach das Angebot anschauen und sich aussuchen was sie am meisten anspricht. Über einen Anruf bei der Methodik-Abteilung bekommt man dann eine Einzel- oder auch eine Gruppenführung, bei mehreren Personen.

« Während Erwachsene bereit sind, einfach zuzuhören und Jugendliche sowie Studenten sich gerne als vollwertige Gesprächsteilnehmer verstehen und gerne diskutieren, so lernen Kinder am liebsten noch immer mit den Händen»

Jeder Vortrag und jede Führung ist mit einem Symbol gekennzeichnet mit Angabe des angemessenen Alters. Nach Aussage der Vortragenden ist jedoch auch sehr viel von den Umständen abhängig. Zu einem der bekanntesten und beliebtesten Vorträge, „Das Theater der Puschkin-Epoche“, kommen Interessenten aller Kategorien – vom Mädchen bis zum Großvater. Abhängig vom Publikum ändert sich somit auch das Programm und die auszugebenen Materialien.

So muss man älteren Besuchern beispielsweise nicht erklären, wer Michail Tschechow war. Schüler hingegen sind gleich interessierter an diesem Namen, wenn sie die Geschichte hören, dass Michail Alexandrowitsch, der Neffe von Anton Pawlowitsch Tschechow nach Nordamerika emigrierte und dort der legendären Blondine Marilyn Monroe Schauspielunterricht gab. Zwischen den unterschiedlichen Generationen „Brücken zu bauen“, ist eine der wichtigsten Aufgaben, die sich die Vortragenden des Theatermuseums vornehmen. Abgesehen davon ist es wichtig das Material zu „verfestigen“: am Ende jeder Führung sehen sich die Zuschauer Fragmente eines Stücks, eine Oper oder Unterhaltungsshow an. Das Theatermuseum hat eine riesige Video- und Phonothek, mit der man jede erzählte Geschichte ganz wunderbar untermalen kann.

Ganz besondere Aufmerksamkeit verlangen natürlich die kleinsten Besucher. Während Erwachsene bereit sind, einfach zuzuhören und Jugendliche sowie Studenten sich gerne als vollwertige Gesprächsteilnehmer verstehen und gerne diskutieren, so lernen Kinder am liebsten noch immer mit den Händen. Daher hat man sich für sie im Museum zwei besondere Programme ausgedacht: „Gestalte dein eigenes Stück“ und „Die zauberhafte Welt des Theaters“.

„Die zauberhafte Welt des Theaters“ eröffnet sich den Kindern im vierten Stock des Museums, wo riesige Modellbauten für ganz unterschiedliche Theaterformen aufbewahrt werden – vom antiken bis zum Shakespeare-Theater, vom Alexandrinischen bis zum Burgtheater usw. Nachdem sie sich diese Modelle angesehen haben, gehen die Kinder in einen kleinen Zuschauersaal mit einer genauso kompakten, doch vollkommen realen Bühne. Und dann folgt die wirkliche Zauberei: die Gruppe wird eingeladen, hinter die Bühne zu schreiten, in die Welt hinter den Kulissen. Übrigens wurde der Raum hinter den Kulissen in der fünften Etage des Theatermuseums durch den legendären Szenografen Eduard Kotschergin gestaltet, der im Towstonogow-Dramentheater noch mit Georgi Aleksandrowitsch Towstonogow gearbeitet hat. Hinter den Kulissen befindet sich ein umfangreiches Sammelsurium: hier werden die Originalkostüme, die das Museum im Laufe verschiedenster Stücke angesammelt hat, aufbewahrt, genauso wie sämtliche Kopfbedeckungen, die jeder anprobieren darf, sowie, Gebrauchsgegenstände und –natürlich das Wichtigste – die Geräuschkanonen, die Brandungsrauschen, Wind und Regen usw. produzieren können. Die Maschinen wurden nach originalen Skizzen angefertigt, die man in einem schwedischen Hoftheater in Drottningholm gefunden hatte – einem der ersten Theater, das den schnellen Umbau von Bühnenbildern entwickelt hatte. Die Kinder dürfen die Gegenstände nicht nur ansehen, sondern auch anfassen – und natürlich zu echten Zauberern werden, die ihr ganz gewöhnliches tägliches Wunderwerk vollbringen.

Und das Programm „Gestalte dein eigenes Stück“ beschäftigt sich mit der Frage: Wer gestaltet denn eigentlich ein Theaterstück? In der Regel antworten die Kinder hierauf: „Der Schauspieler“. In diesem Fall erzählt der Leiter der Führung seinem jungen Publikum, dass das Theater von einer riesigen Anzahl Menschen unterschiedlicher Berufe gemacht wird. Er erzählt, was ein Künstler so im Theater zu tun hat, was genau ein Garderobier ist, wie der Beleuchter arbeitet und wozu man dann überhaupt noch den Regisseur braucht. Danach werden die Berufe unter den Kindern aufgeteilt: manche von ihnen sind Schauspieler, anderen drückt man die Geräuschkanone in die Hand oder teilt sie der Kostümauswahl zu, usw. Eine Stunde später entsteht bereits ein Dramenstück nach dem russischen Märchen „Vom dicken fetten Pfannkuchen“. Die Wahl ist nicht zufällig auf gerade dieses Märchen gefallen, denn die Geschichte kennt einfach jeder – ganz unabhängig vom Alter.

Die Geschichte des russischen Theaters ist ein dankbares Thema, denn sie ist sehr umfangreich. Wer zu einem der thematischen Vorträge kommt, erfährt nicht nur etwas über das Theater in der von ihm gewählten Zeitepoche oder über einen bestimmten Autor, der ihn interessiert (Tschechow, Majakowski, Ostrowski, Fonwisin u.a.), sondern darüber hinaus auch über die Kultur dieser Zeit, über ihre Bräuche und Traditionen. Abhängig vom erschienenen Publikum, verschieben sich auch die Schwerpunkte des Erzählten. Die Teilnehmenden der Tanzschule hören im Rahmen der Vortragsreihe „Das russische Theater im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert“ mehr über die „Russische Saison“ von Sergej Djagilew. Geschichtsinteressierten wird hingegen die Führung „Geschichte und Entwicklung des russischen Theaters. Das Theater zu Zeiten Peters I.“ empfohlen, u.s.w. Die zauberhafte Welt des Theaters hat immer aufs Neue Einfälle für einen interessanten Dialog parat.

Text: Katerina Pavljutschenko
Der Autor dankt die Museumsmitarbeiterinn,
Kristina Makaja, die ihn bei der Materialsammlung unterstützt hat

Übersetzung: Anna Brixa
Copyright: Goethe-Institut Russland
März 2016
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