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„Für uns ist jetzt das Wichtigste, dass der Mensch mit Kultur in Berührung kommt“

ALEXANDRA NIKITINA und MICHAEL BYKOW

Foto: Alexandta Nikitina
Alexandra Nikitina, Theaterpädagogin, Direktorin des Kindermuseums "Haus der Familientraditionen" (Moskau) und Michael Bykow, Theaterpädagoge, Schullehrer, reflektieren über das Wesen der Theaterpädagogik und ihre Mission in der heutigen technologisierten Welt.

Alexandra Nikitina: Theaterpädagogik und soziales Theater sind heute in Russland so gefragt wie noch nie. Dabei geht es nicht darum, dass sie im Trend sind, und auch nicht so sehr darum, dass wir durch sie versuchen, unsere Nicht-Gleichgültigkeit zu demonstrieren, sondern vielmehr, dass offenbar eine gewisse Notwendigkeit für diese Praktiken entstanden ist. Das 21. Jahrhundert hat alle Prozesse dermaßen technologisiert – darunter auch die künstlerischen –, dass wir aufgehört haben, auf die Tadellosigkeit einer professionellen Ausführung zu reagieren. Für uns steckt keine echte Mühe eines einzelnen Menschen dahinter, die uns im Kern berühren könnte. Jetzt berührt uns etwas anderes. Sich mit diesem „Etwas“ einzurichten, ist eben der Verdienst der Theaterpädagogik.

«Das 21. Jahrhundert hat alle Prozesse dermaßen technologisiert – darunter auch die künstlerischen –, dass wir aufgehört haben, auf die Tadellosigkeit einer professionellen Ausführung zu reagieren»

Ein interessanter Fakt: Das Interesse an Kunstpädagogik steigt in unserem Jahrhundert zur genau gleichen Zeit wie im Jahrhundert zuvor. Noch vor der Revolution, im Jahre 1916, wurde in der Großrussischen Theatergesellschaft erstmals eine Sektion für Schultheater gegründet. An der Ausarbeitung des Programms beteiligten sich namhafte Theaterpersönlichkeiten wie zum Beispiel Meyerhold(1) oder Golejsowskij(2). Warum? Weil sich zur Jahrhundertwende eine Kluft zwischen den sozialen Schichten und Generationen auftat, die nicht mehr ein und dieselbe Sprache sprachen. Jetzt stehen wir vor genau denselben Problemen. Wenn wir nicht beginnen, sie zu lösen, werden wir bald unsere eigenen Kinder nicht mehr verstehen. Alles, was mit der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes zu tun hat, findet nicht mehr nur in der Schule statt, sondern geschieht nun anderswo. Eben hiermit beschäftigt sich im Grunde genommen die Museums- und Theaterpädagogik. Heute gilt sie als Neuheit, doch eigentlich hat sich ihre Tätigkeit selbst in den dunklen Jahren ununterbrochen weiterentwickelt.

«Bis 1926 kannte man keine Unterscheidung zwischen Kultur und Bildung»

Bis 1926 kannte man keine Unterscheidung zwischen Kultur und Bildung. Die Bühnen hatten kein Verständnis dafür, dass es, sagen wir es mal so, künstlerisches Laienschaffen gibt, Kunst für Kinder oder zum Beispiel auch hohe Künste. Damals funktionierten schon das erste pädagogische Theater für Kinder und die Kinder- und Jugendtheater (TJUZ) in Moskau und Petersburg. Ihnen lag ein professionelles Team zugrunde, das mit den Kindern arbeitete. Diese Schauspieler gingen auch an Schulen, um Lehrexperimente durchzuführen. Am Theater bot man ein Kinderstudio, Vorlesungen sowie anderweitige Bildungsformen an. Erst 1926 wurde das Stalinsche Gesetz zur Abschaffung von Experimentierflächen im Rahmen der ästhetischen Bildung erlassen. Es war eigentlich darauf ausgerichtet, „ästhetisch“ von „Bildung“ zu trennen; das wurde allerdings nicht überall erreicht.

Es ist allseits bekannt, dass das Petersburger TJUZ seine Traditionen immer gewahrt hat. Ganz allmählich gingen sie von Brjantsew(3) zu Korogodskij(4) über. Doch in Petersburg wurde zum Beispiel noch eine andere Linie durch das Theater für jugendliches Laienschaffen (TJUT) im Palast an der Antischkow-Brücke vertreten. Sie wurde von Dubrovin (5), einem Lehrling Meyerholds, geführt. Er hatte schon immer Zugang zur künstlerischen Elite und bis heute ist das TJUT eine bedeutende Komponente der städtischen Theaterelite. Ausgerechnet hier nahmen Dodin(6) und Filstinskij(7) Unterricht, wodurch das Erscheinen eines „Pädagogischen Laboratoriums“ ausgerechnet in Petersburg rechtmäßig und völlig natürlich ist, das auf Initiative von Boris Pavlovich und innerhalb des Projektes „Epoche der Aufklärung“ von Andrej Moguchy entstand.

In Moskau würde es als exotisch gelten. Das Moskauer TJUZ und das Russische Akademische Jugendtheater (RAMT) waren nie ausschlaggebend für das Kulturleben in der Hauptstadt. Sie spielten eine Rolle ausschließlich in der inneren Sphäre des Kindertheaters und in nicht-künstlerischer Bildung. Es gab ein Schultheateramt, das sich mit der Kulturvermittlung beschäftigte. Von außen betrachtet hatte man das Schultheater immer als Laienschaffen angesehen; von innen als einfachste Methode, ein gewisses Gesellschaftsmodell zu erstellen sowie eine einheitliche Schaffenswelt, in der ein Kind versuchen sollte, sich selbst zu verwirklichen. Es verstand nach und nach, was es kann und nicht kann, was es will und was es bereit ist zu lernen. Das ist ein sehr wichtiger Teil des Lernprozesses. Gleichzeitig erlaubte es die nicht-künstlerische Bildung, Kinder durch den Umgang miteinander, durch Spiele über Kultur, durch gemeinsames Betrachten und Diskutieren, in die kulturelle Welt einzuführen.

«Damit eine Theaterpädagogik-Stunde stattfinden kann, braucht man nichts anderes als den Menschen selbst»

Damit eine Theaterpädagogik-Stunde stattfinden kann, braucht man nichts anderes als den Menschen selbst. Wir arbeiten mit der Handlung als solcher. Wir konstruieren den Unterricht nach dem Modell eines Dramas: Exposition (es gib einen pädagogisch ausgebauten Bildungskonflikt), Höhepunkt (der Schüler versteht auf einmal, dass er eine Aufgabe mit den bisherigen Bildungsressourcen nicht lösen kann) und Auflösung (es wird eine neue Strategie gewählt, die neue Erkenntnisse erfordert). Davor hatten H. Wallon und J. Piaget, bei uns A. Zaporozhets daran gearbeitet. In der Museumspädagogik gibt es ein Artefakt. Das Museum ist das Zeugnis einer materiellen Kultur, die es zu entschlüsseln gilt.

«Unsere Aufgabe ist es, dem Menschen eine Dosis Kultur, Stil und Selbstwahrnehmung einzuimpfen»

Mein Kollege Michael Bykow, mit dem wir seit vielen Jahren zusammenarbeiten, ist der Meinung – und ich stimme dem völlig zu –, dass es für uns jetzt das Wichtigste ist, dass der Mensch mit Kultur in Berührung kommt. Dabei ist nicht wichtig, wie dieser Erstkontakt zustande kommt: über Theater, Literatur oder das Museum. Unsere Aufgabe ist es, dem Menschen eine Dosis Kultur, Stil und Selbstwahrnehmung einzuimpfen. Der Mensch muss in die Realität zurückversetzt werden, in bestimmte Basisprozesse des Lebens, weg von oberflächlichem Gelaber, heraus aus der Welt der Gadgets und Illusionen. Der Mensch muss in die Kultur zurückversetzt werden, wo er aufhört, ein Roboter zu sein und zu einer Persönlichkeit wird, die eigenständig Entscheidungen trifft. Heute ist es fast unmöglich, das durch Worte zu machen, weil das Wort wertlos geworden ist. All unsere Techniken, die wir mit Jugendlichen nach dem Modell eines Interviews anwenden, funktionieren nicht mehr. Exkursionen und Erzählungen gehören als Unterrichtsform der Vergangenheit an. Damit wenigstens ein Wort ertönt und es auch erhört wird, ist es vorher nötig, viel zu durchleben und sich Vieles emotional sowie effektiv anzueignen.

Unerwartet gesellt sich Michael Bykow zu unserem Gespräch dazu.

Michael Bykow: Unsere Aufgabe besteht darin, einen unerwarteten kontextualen Plan zu erstellen. Kinder stören sich an Klischeehaftigkeit und Schubladendenken. Moderne Bildung zielt doch im Grunde genommen auf Namen. Wir zeigen einem Kind ein Bild und sofort beeilt es sich, auf dessen Namen zu kommen. Aber die Aufgabe besteht nicht darin, dass es das Bild erkennt, sondern darin, dass das Kind es wirklich sieht.

Alexandra Nikitina: Es muss einen Moment des Erstaunens geben, eine paradoxe Situation provoziert werden. Die Leute haben verlernt, stehenzubleiben und sich zu wundern. Und es ist ebenso nötig, den Menschen aus seinem abgesicherten Raum hinauszudrängen, wo er sich sicher fühlt. Die Welt der Kunst ist kein Ort für Freizeit und Vergnügung. Jeder kulturelle Raum ist zunächst ein unsicherer.

Vier bis fünf Jahre haben wir mit dem Zentrum für Pädagogik zusammengearbeitet, das Kinder für Olympiaden vorbereitet. Als wir mit den Kindern arbeiteten, haben Mischa und ich am Anfang immer wieder das Ziel verfehlt; Aufgaben, von denen wir dachten, dass die Kinder sie in einer Stunde bearbeiten würden, erledigten sie in 15 Minuten und umgekehrt saßen sie mehr als eine Stunde lang an einer Aufgabe, bei der wir damit rechneten, dass sie diese in zehn Minuten bewältigen würden. Ich erzähle mal eine meiner Lieblingsgeschichten.

«Die Welt der Kunst ist kein Ort für Freizeit und Vergnügung. Ein jeder kulturelle Raum ist erst einmal nicht sicher»

Es war das Jubiläumsjahr von Nemirowitsch-Dantschenko(8). Wir hatten Dias vorbereitet. Auf einem Dia waren das Foyer und der Zuschauerraum des Alexandrinski-Theaters abgebildet, auf einem anderen das Foyer und der Zuschauerraum des Tschechow-Kunsttheaters Moskau (MChAT). Wir baten die Kinder, die Unterschiede zwischen den beiden Theatern zu beschreiben und festzustellen, welches Publikum sie ansprechen sollten, welche Beziehungen zwischen Schauspielern in diesen Theatern entstehen, welche Art von Schauspieltechnik jeweils in den beiden Theatern kultiviert wird.

Stellen Sie sich vor: Zweieinhalb Stunden haben sie zu diesem Thema überlegt. Dabei waren die Ansätze für uns selbst völlig unerwartet. Folgende Erwägungen wurden vorgebracht: "Schauen Sie sich die Tür des einen und des anderen Theaters genauer an. Die Tür des roten Theaters ist eine blinde Tür; es ist, als erfasste die eingebaute Klinke den Raum um sich herum. Alle Verzierungen an dieser Tür sind aufgenäht und golden." Auf diese Art gibt man uns zu verstehen, dass das nicht einfach nur eine Tür ist, sondern eine Tür für sehr wichtige Herren. "Auf ihr sind zusätzliche dekorative Sicherungen gegen ein mögliches Eindringen von Fremden zu erkennen. Ein einfacher Mensch wird nie durch diese Tür gehen. Jetzt schauen Sie sich die andere Tür an: Sie ist von einer griechischen Welle verziert, die, neben der Tatsache, dass sie an sich ein Zeichen für Ruhe in der Bewegung und für Bewegung in der Ruhe ist, d.h. ein Zeichen von Durchlässigkeit, ist sie darüber hinaus noch aus Milchglas gemacht ist." Man spielt darauf an, dass wir uns darin betrachten und sie anstarren können wie einen magischen Kristall usw. usf. Das Interessanteste ist, dass die Kinder weder das eine noch das andere Theater erkannten.

Michael Bykow: Wir hatten uns die Aufgabe so gesetzt, dass die Kinder nicht sofort erkennen sollten, welches das Alexandrinski und welches das MChAT ist. Denn sobald sie angefangen hätten zu raten und Namen zu nennen, würden sie wieder auf Klischees anspringen: „Wir wissen, was wir dazu sagen müssen, das haben wir ja im Lehrbuch gelesen.“ Selbstständig darauf zu kommen ist bei Weitem schwieriger.

«Mir scheint, dass das größte Problem jetzt darin besteht, dass der Mensch nicht versteht und nicht weiß, was er fühlt und was er will»

Alexandra Niktina: Mir scheint, dass das größte Problem jetzt darin besteht, dass der Mensch nicht versteht und nicht weiß, was er fühlt und was er will. Um sich zu seinen eigenen Wünschen, Vorlieben und den einfachsten Empfindungen durchzukämpfen, muss er manchmal unwahrscheinliche Hindernisse überwinden. Wenn wir von Ballungsräumen sprechen, ist das Problem noch akuter. In regionalen Schulen hat man sich, im Gegensatz zu den Hauptstadtschulen, das häusliche, informelle Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern bewahrt. Außerdem sind städtische Kinder manchmal nicht in der Lage, ihre Empfindungen auszudrücken. Ihr Tastsinn ist nicht ausgeprägt. In kleineren Städten und Dörfern lebende Kinder haben ja wenigstens Kuheuter berührt und Steine geworfen und sich auf dem Gras gewälzt. Sie haben deshalb Wörter zur Beschreibung ihrer Empfindungen, einen gewissen Vorrat an Sinnesempfindungen und ein hervorragendes Gespür. Aber die Situation wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Jetzt sind sie gezwungen, auch zu ihren eigenen Empfindungen durchzudringen.

Michael Bykow: Ich würde hierzu noch anmerken, dass eine Unterrichtsstunde in der Regel darauf baut, zu einem klaren Ergebnis zu kommen, zu der Formel „Ich habe das-und-das gelernt“. Aber die Möglichkeit, dass man eine Niederlage erfährt, dass heute das eine nicht geklappt hat, aber dafür etwas ganz anderes passiert ist, wird gar nicht in Betracht gezogen. Der lebendige Prozess verschwindet aus dem Bildungswesen. Unser Unterricht befindet sich immer in einer besonderen Risikozone: heute kann der Unterricht gelingen, morgen wieder nicht. Alles geschieht nur im Hier und Jetzt.

Text: Vera Senkina
Übersetzung: Angelina Gussew

Copyright: Goethe-Institut Russland
März 2016
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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Alexandra Nikitina und Michael Bykow




(1) Wsewolod Emiljewitsch Meierhold (1874-1940) war russischer Regisseur, Schauspieler und Pädagoge, theoretischer und praktischer Vertreter der Theatergroteske, Autor der Sendung „Theater-Oktober“ und Erfinder der Theaterausbildung „Biomechanik“.

(2) Kasjan Jaroslavitsch Golejsowskij (1892-1970) war russischer Balletttänzer, Ballettmeister und Choreograph.

(3) Alexander Alexandrowitsch Bryantsev (1883-1961) war russischer Schauspieler, Regisseur, Pädagoge sowie Gründer und erster Leiter (ab 1921) des ersten Kindertheaters in Russland.

(4) Zinowij Jakowlewitsch Korogodskij (1926-2004) war russischer Regisseur und Pädagoge.

(5) Matvej Grigorjewitsch Dubrovin (1911-1974) war sowjetischer Regisseur eines Kindertheaters, Pädagoge sowie Gründer und erster Intendant des TJUT im Pionierpalast zu Ehren von Zhdanov in Leningrad (1956).

(6) Lew Abrahamowitsch Dodin (geb.1944) ist Regisseur, Pädagoge, Bühnenschaffender sowie Intendant (ab 1983) und anschließend auch Direktor (ab 2002) des Maly Dramentheaters – Théâtre de l’Europe.

(7) Benjamin Michajlowitsch Filstinskij ist Theaterpädagoge, Regisseur, Professor, Inhaber des Lehrstuhls für Schauspiel und Regie des Staatlichen Russischen Instituts für Szenische Künste sowie Vorsitzender des Russischen Theaterpädagogenrates STD.

(8) Wladimir Iwanowitsch Nemirowitsch-Dantschenko (1858-1943) war ein russischer Dramaturg und Theaterregisseur. Als einer der ersten erhielt er den Titel des Volkskünstlers der UdSSR.
















Foto: Alexandra Nikitina
















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