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Vsevolod Lisovskiys Projekt „SOZ.DOK“
Dokumentartheater "Teatr.doc", Moskau

Foto: Alexej Smirnov
In der aktuellen Theatersaison wird in einem der wichtigsten Moskauer Häuser Dokumentartheater „Teatr.doc“, das aufgrund politischen Drucks innerhalb eines Jahres schon zwei Mal den Standort wechseln musste, das Projekt „SOZ.DOK“ realisiert, worunter fünf regelmäßig stattfindende Veranstaltungen gebündelt sind. „SOZ.DOK“ bietet seinem Publikum einen neuen Typ von Theater an – eine ungewöhnliche Form von Spektakel, in dem die Grenzen zwischen den Begriffen „Schauspieler“ und „Zuschauer“ aufgelöst werden. „SOZ.DOK“ erprobt dabei eine neue, für das traditionelle Theater ungewöhnliche Kommunikation, die auch mit auseinanderdriftenden Vorstellungen zu einem Stück unverkrampft umgeht.

Insgesamt sind bis heute im Rahmen von „SOZ.DOK“ fünf Projekte entstanden: Eine Lesung des „Zauberbergs“ von Thomas Mann, an der jeder mitwirken kann; „Implizite Kräfte“, ein Projekt, das aus dem Diskussionsgedanken heraus entstanden ist, dass jede beliebige, noch so persönliche und nichtige Handlung immer auch einen unvermeidlichen Einfluss auf das Schicksal der gesamten Menschheit hat; das „Festival der Utopien“, indem die Zuschauer dazu aufgefordert werden, von ihren Zukunftsprojekten zu erzählen; „Schweigen zu einem freien Thema“ und die Lektüre und Analyse von Werner Heisenbergs Buch „Physik und Philosophie“. Man kann also sagen, dass jedes dieser Projekte einen wunden Punkt, eine schwache Seite bzw. Problemzone des Gegenwartstheater trifft – und auch der Gesellschaft als Ganzes: „Schweigen zu einem freien Thema“ bietet dem Zuschauer zum Beispiel eine Verschnaufpause von der Informations- und Kommunikationsüberlastung, während das Gespräch über Heisenberg das Theater der Wissenschaft zuwendet, welche wiederum die Struktur der Welt verändert. Der Begründer des Projekts, Regisseur Vsevolod Lisovskiy, erklärt dessen Ziele und Besonderheiten.

Anna Banasjukewitsch: Warum heißt das Projekt „SOZ.DOK“? Normalerweise stellt man sich unter sozialen Projekten die Arbeit mit Menschen, die Besonderheiten in ihrer Entwicklung aufweisen, oder mit den schutzlosen Teilen der Bevölkerung vor.

Vsevolod Lisovskiy: Das Soziale dieses Projektes besteht darin, dass es eine kostenlose Dienstleistung für die Bevölkerung darstellt – oder genauer: dass es ihnen die Möglichkeit bietet, eine solche Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Für einen Großteil der Projekte, die unter dem Dach von „SOZ.DOK“ laufen, gibt es noch nicht einmal eine Moderation – zum Beispiel für die kollektive Lesung aus Thomas Manns „Zauberberg“. Wenn die Leute ankommen, warne ich sie gleich vor, dass ihnen keinerlei Erleuchtungsmomente bevorstehen. Es geht hier weder um eine praktische Erfahrung noch um Meditation, sondern einfach nur um ein Angebot. Keine Moderation – es wird einfach nur gelesen, immer der Reihe nach. Das gleiche Prinzip greift bei dem Projekt „Schweigen zu einem gegebenen Thema“. Ihr könnt machen, was ihr wollt, aber ihr müsst dabei schweigen.

«Das Soziale dieses Projektes besteht darin, dass es eine kostenlose Dienstleistung für die Bevölkerung darstellt – oder genauer: dass es ihnen die Möglichkeit bietet, eine solche Dienstleistung in Anspruch zu nehmen.»

Für das „Festival der Utopien“ braucht man auf jeden Fall eine Moderation, weil es wichtig ist, das Publikum aufzuwärmen. Aber auch hier können sich alle absolut gleichberechtigt äußern. Es gibt nur eine einzige Bedingung: man darf die Utopien der anderen nicht kritisieren, sondern nur nachfragen, wenn es Verständnisprobleme gibt. Das hilft uns dabei, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Du stehst mit Menschen in Kontakt, die Ansichten vertreten, über die du dich vielleicht im realen Leben keinesfalls mit ihnen austauschen wollen würdest. Doch hier musst du dich eben zusammenreißen und dir alles geduldig anhören. Dieses Projekt ist unsere Reaktion auf die weitverbreitete Verbitterung, auf diese Situation, in der jeder ideelle Streit gleich dazu führt, dass man einander mit Schmutz bewirft. Bei uns geht es aber um nichts Persönliches.

In der Beschreibung des Projekts auf der Website steht, dass „SOZ.DOK“ einen neuen Typ von Kommunikation entwickelt. Ist damit die Kommunikation der Zuschauer untereinander oder die Kommunikation zwischen Publikum und Theater gemeint?

Ja, sowohl die zwischen den Leuten untereinander als auch die zwischen dem Publikum und dem Theater als einer Institution. Denn es ist ja interessant: An einem Samstagabend kommen, sagen wir mal, zwanzig Leute ins Theater, um einfach miteinander zu schweigen. Dafür reisen sie extra aus weit entfernten Enden der Stadt an – und das auch noch freiwillig. Wir haben uns da ganz bewusst grenzwertig seltsame Kommunikationsformen ausgesucht.

Ist das denn noch Theater? Klingt eher nach Gruppentherapie.

Nun, warum sollte Therapie nicht auch Theater sein? Das trifft es sogar ziemlich genau – wir haben intern auch schon über diesen Effekt gesprochen. Gerade proben wir mit einer Gruppe von Schauspielern ein Stück in der Metro: jemand steigt einfach so in einen Wagon ein und beginnt dort zu erzählen, was er so zu irgendeinem Thema denkt. Das ist genauso ein soziales Projekt und die zufälligen Zuschauer reagieren darauf ziemlich stark. Nun ja, nachdem wir das ein paar Mal geprobt hatten, meinte eine unserer Schauspielerinnen, dass es wohl bei den Leuten den Eindruck erweckt, dass wir einfach nicht genug Geld für einen Psychotherapeuten haben und deswegen in die Metro gehen, um mal alles rauszulassen.

Hat die Geschichte mit der kollektiven Lesung des „Zauberbergs“ auch eine aufklärerische Absicht?

Nein, da ist es wirklich völlig egal, ob jemand das Buch schon einmal gelesen hat, oder eben nicht. Hier geht es ja nicht um Volksbildung, sondern um Kommunikation. Dieser Text (und übrigens ist die russische Übersetzung sehr gelungen, der Text ist rhythmisch organisiert) strukturiert einfach nur den Kommunikationsprozess und wird damit zum Instrument und zur Stimmgabel.

«Das alte Schema „Ich bin ins Theater gekommen, damit mir hier etwas gezeigt wird“ ist nicht sehr interessant. Interessant wird es dann, wenn du nicht ganz weißt, was vorgeht und was du dort machst»

Kommt zu „SOZ.DOK“ das übliche „Teatr.doc“-Publikum oder sind das andere Leute?

Ich weiß, dass einige Leute, die bei uns mitmachen, auch als Zuschauer zu den Theateraufführungen kommen. Auf irgendeiner Website wird für “SOZ.DOK“ als Unterhaltungsprogramm für das Wochenende geworben. Und es stimmt schon, dass es auch eine Form der Unterhaltung ist, nur eben eine seltsame. Die Seltsamkeit ist hier sehr zentral, denn schließlich werden heute alle von der uns umgebenden Gewöhnlichkeit terrorisiert. Die Seltsamkeit kann hier Abhilfe schaffen.

Im Theater ist – besonders bei sozialen Geschichten – die Frage wichtig: Was mache ich hier eigentlich? Eine Antwort darauf braucht es gar nicht. Die Frage selbst löst den Reflektionsmechanismus aus. Das alte Schema „Ich bin ins Theater gekommen, damit mir hier etwas gezeigt wird“ ist, wie ich meine, nicht sehr interessant. Interessant wird es dann, wenn du nicht ganz weißt, was vorgeht und was du dort machst. Damit bricht die Mauer zwischen dem Zuschauer und dem Schauspieler, also dem, der die Handlung durchführt.

An welche Zielgruppe richtet sich das Projekt?

Wenn wir über ein neues, über das sogenannte postdramatische Theater sprechen, dann scheint mir die Marketingstrategie einer Umschulung des herkömmlichen Theaterzuschauers nicht besonders lukrativ zu sein. Für das neue Theater ist die Kategorie „Bevölkerung, die nicht ins Theater geht“ absolut ausreichend. „SOZ.DOK“ zielt darauf ab, das Publikum derer zu erweitern, die für gewöhnlich nicht ins Theater gehen. Diejenigen, die es gewohnt sind, ins Theater zu gehen und somit über eine große Zuschauererfahrung verfügen, haben auch öfter den Eindruck, dass man sie hinters Licht führen will.

«Bei solchen Projekten darf man einfach nicht über Produktivität nachdenken. Wenn auch nur ein einziger Mensch auftaucht und sich dafür begeistern kann, muss man aufstehen und auf ihn zugehen.»

Und welches Feedback bekommen Sie für das Projekt?

Gerade mache ich ein Projekt mit Obdachlosen. Da kam zwei Wochen lang immer nur ein einziger Teilnehmer zu den Proben. Und ich dachte: na ja, was will man machen, dann stellen wir das Projekt wohl ein… aber dann haben wir angefangen, mit diesem einen Teilnehmer zu proben, irgendwelche Übungen mit ihm zu machen, und später kamen dann doch noch Leute dazu. Mir wurde klar, dass man bei solchen Projekten einfach nicht über Produktivität nachdenken darf. Wenn auch nur ein einziger Mensch auftaucht und sich dafür begeistern kann, muss man aufstehen und auf ihn zugehen. Solche Projekte sind ja nicht auf eine kurze Perspektive ausgelegt.

Und wie laufen die Projekte ab, in denen es um Physik geht?

Aus dem Projekt „Physik und Philosophie“ entsteht mit der Zeit ein Stück, in dem wir eine totalitäre Sekte von Quantenphysikern entwickeln, denen eine Veränderung der Welt vorschwebt. Aktuell findet ein Wechsel kosmologischer Paradigmen statt, wodurch es in der Quantenphysik zu Entdeckungen kommt. Diese Quanteneffekte wandeln wir in Riten um. Im Wesentlichen geht es um die Propagierung einer neuen Welt und die Vorbereitung auf das Leben in dieser Welt. Das Buch von Heisenberg hat somit den Charakter einer Verordnung.

Und wie geht es weiter?

Die Saison geht zu Ende, womit das Projekt einen Neustart, eine Innovation braucht. Wir werden die Erfahrungen dieses Jahres auswerten und dann etwas Neues auf den Weg bringen.

Text: Anna Banasjukewitsch
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland
März 2016
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