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Elizaveta Belokopitova

Themen:
Musikerziehung

Land:
Russland

Wir lernen Musik hören
Das Projekt „Mal´ dir dein Konzert aus“ von Chingiz Osmanov

Foto: Elisaveta Belokopitova
In den letzten Jahren sind in Petersburg an ganz unterschiedlichen Orten mehr und mehr musikalische Projekte und Programme für Kinder entstanden. Hierzu zählen sowohl Konzerte, die speziell für junge Zuhörer konzipiert wurden, als auch bestimmte Übungen, die eine ganzheitliche, harmonische Entwicklung des Kindes fördern. Ebenso gibt es Konzerte, bei denen das Publikum in einen gemeinsamen musikalischen Prozess mit einbezogen wird – sodass die Kinder nicht einfach nur im Saal herumsitzen, sondern aktiv an dem teilnehmen, was auf der Bühne vor sich geht. Wir haben hier die drei aus unserer Sicht interessantesten Projekte ausgewählt und präsentieren Ihnen im Folgenden ein Interview mit Begründern und Organisatoren.

„Mal´ dir dein Konzert aus“ ist eine Konzertreihe klassischer Musik für Vorschul- und Grundschulkinder, in der die Kinder beim Hören von Musik phantasieren, malen und das Gehörte so interpretieren. Die Konzerte finden in Kooperation mit „Simfonietta Sankt-Petersburg“, einer Vereinigung von Profi-Musikern, statt. Wir haben den mit dem Titel „Experte für Gegenwartskunst und Bildung“ ausgezeichneten Geiger Chingiz Osmanov getroffen und erfahren, wie ein klassisches Konzert für Kinder heute aussehen kann. Und warum Kinder unbedingt Musik hören sollten.

Jana Postowalowa: Chingiz, sagen Sie mal: Warum haben Sie – ein erfolgreicher und gefragter Musiker – plötzlich Kinder als Publikum entdeckt und das Projekt „Mal´ dir dein Konzert aus“ ins Leben gerufen?

Chingiz Osmanov: Ich stehe dem ganzen Thema „Konzerte für Kinder“ eher kritisch gegenüber, und insbesondere der Form, in der sie durchgeführt werden. Mir scheint, dass es vielen Kindern ganz egal ist, was da auf der Bühne abläuft, weil Kinder einfach ganz andere Sachen toll finden. Sie wollen ihre Zeit eben aktiv gestalten: mit Verstecken, Spielen und Malen. Ein Konzert ist irgendwie nicht die richtige Form – man zwingt das Kind, sich hinzusetzen und aufzupassen. Ich war mal selbst bei einem Konzert, wo ein Balalaika-Spieler ganz hervorragend gespielt hat und von einer Pianistin schön begleitet wurde. Die waren gut, es war interessant, doch die Hälfte des Publikums bestand eben aus – Kindern. Und die fingen nach zehn Minuten an, mit den Füßen zu scharren. Sie wussten einfach nicht, was sie mit sich anfangen sollten. Man hatte ihnen zwar nichts vorgemacht, nein: sie kamen da hin, und es gab ein Konzert mit Musikern und Melodien. Doch die Form war einfach nicht die richtige, das war alles nicht auf Kinder ausgelegt. Obwohl die Darbietung selbst sehr gut war, doch für Kinder sind schon zehn Minuten ohne Bewegung eine Tortur.

«Eltern gehen aber folgendermaßen vor: sie erzählen ihrem Kind, wie cool es ist, Mozart oder Vivaldi zu hören. Das Kind glaubt ihnen, kommt zum Konzert und macht die Erfahrung, dass das überhaupt nicht cool ist. Sondern langweilig.»

Welche Musik ist also geeignet für Kinder, und ab welchem Alter empfehlen Sie, Kinder an die Musik heranzuführen?

Chingiz Osmanov: Das Alter ist eigentlich unwichtig. Wichtig ist, dem Kind für das Hören von Musik natürliche Bedingungen zu bieten. Es soll sich wohl fühlen, frei sein, genug Raum haben, wenn es den braucht. Man darf ihm nicht verbieten, von seinem Platz aufzustehen oder herumzulaufen. Oder mit anderen Kindern in Kontakt zu treten – auch nicht, wenn das passiert, während es sich eigentlich klassische Musikwerke anhören sollte. Unsere Aufgabe ist es, das Musikhören für die Kinder zu etwas Natürlichem zu machen, und somit auch die Ausbildung eines Musikgeschmacks zu fördern.

Eltern gehen aber folgendermaßen vor: sie erzählen ihrem Kind, wie cool es ist, Mozart oder Vivaldi zu hören. Das Kind glaubt ihnen, kommt zum Konzert und macht die Erfahrung, dass das überhaupt nicht cool ist. Sondern langweilig. Obwohl längst nicht alle Kinderkonzerte langweilig sind, aber bei den meisten sind die Kinder eben unten im Saal, und die Musiker auf der Bühne. Das war´s. Doch für ein Kind ist es eben wirklich ein Alptraum, so eine erste Spielhälfte von 40 Minuten Länge durchzuhalten. Und dann auch noch die zweite. Deswegen fragt es auch: „Mama, können wir nicht lieber ins Kino gehen?“. Verständlicherweise.

Und was kann man konkret machen, um das Interesse der Kinder zu wecken?

Chingiz Osmanov: Die Musik sollte schon in der Schule genauso eine Norm sein wie, sagen wir, der Sport. Das Gehör und der Musikgeschmack müssen ebenso trainiert werden wie der Körper. Das ist ein Teil des kulturellen Allgemeinguts. Denn wohin führt das Fehlen von Musikkultur? Dazu, dass jemand, der sich nicht auskennt, einfach alles hoch und runter hört – und bei uns ist ja heute vor allem Pop im Angebot. Dadurch wachsen Verbraucher heran, für die Klassik und Jazz irgendwie das Gleiche ist. Wir haben bei uns in den allgemeinbildenden Schulen weder Orchester noch Chöre. Daraus folgt, dass man zusätzliche Zeit und Mittel investieren muss, um sein Kind nach der Schule noch zum Unterricht in eine Musikschule zu bringen.

«...ich will, dass das Publikum, das in zwanzig, dreißig Jahren zu unseren Konzerten kommt, sich des Unterschieds zwischen einer Geige und, sagen wir, einem Violincello bewusst ist. Sowohl visuell als auch nach dem Gehör.»

Wie ich angefangen habe, mich mit Kindern auseinanderzusetzen? Es ist ja so: ich wollte, dass uns ein gutes Publikum heranwächst… schließlich ist das Leningrader Publikum, das einmal gebildet und musikalisch versiert war, entweder verschwunden oder stark gealtert. Früher gab es eine Kultur der Auseinandersetzung mit Musik. Die Gesellschaft verlangte nach qualitativ hochwertiger Musik und einem angemessenen Niveau ihrer Darbietung.

Und was mir das bringt? Ganz einfach: ich will, dass das Publikum, das in zwanzig, dreißig Jahren zu unseren Konzerten kommt, sich des Unterschieds zwischen einer Geige und, sagen wir, einem Violincello bewusst ist. Sowohl visuell als auch nach dem Gehör. So ist die Idee für das Konzert entstanden: eines für die Besucher kostenlosen Konzertes, das für die Kinder interessant klingt und bei dem sie etwas haben, womit sie sich beschäftigen können.

Ok, aber welche Struktur gibt es da, wie ist die Veranstaltung aufgebaut? Und wie wird das Programm von „Mal´ dir dein Konzert aus“ zusammengestellt?

Chingiz Osmanov: Gehen wir doch mal davon aus, dass die Musik eine einfache, für jeden zugängliche Sprache ist. Eine klare Sprache ohne große Geheimnisse. Jeder Mensch kann einschätzen, ob ein Musikstück fröhlich oder traurig ist, schnell oder langsam, und das muss man einem Kind alles auch gar nicht vermitteln – es liest die Musik selbst. Außerdem setzen wir auf Identifizierung: Das hier ist die Musik von Mozart. Erinnert sich das Kind daran, dass das gerade Mozart ist – na gut. Erinnert es sich später nicht daran, ist das aber auch nicht so wichtig. Unsere Aufgabe besteht darin, ein Interesse zu wecken, damit das Kind Lust hat, auch ein zweites und drittes Mal zu uns zu kommen… dann wird es nämlich schon ganz von selbst anfangen, die Namen der Komponisten und die entsprechenden Melodien zusammenzubringen sich zu entscheiden, welche davon ihm besser gefallen. Und damit beginnt das Kind, seinen eigenen Musikgeschmack zu entwickeln.

Die Veranstaltung sollte unbedingt Konzertform haben, was heißt, man braucht auf jeden Fall Musiker und eine Bühne. Außerdem haben wir noch so eine Art Moderator, der den Austausch zwischen uns Musikern und dem Saal managt.

Und was erzählt dieser Moderator den Kindern?

Chingiz Osmanov: Der Moderator bereitet sich nicht besonders vor, sondern die Geschichte entwickelt sich von selbst. Zum Beispiel befinden sich erst acht Musiker auf der Bühne, und dann sind es plötzlich nur noch vier. Der Moderator fragt also: “Warum ist denn die Hälfte der Musiker weggegangen? Sind die müde?“ – Und ich antworte dann beispielsweise: „Nein, sondern wir spielen jetzt ein Stück zu viert.“ Das Kind versteht, dass jetzt eine andere Musik kommt, und dass es ein Quartett vor sich hat.

Das heißt also, er kommentiert alle Veränderungen, die auf der Bühne vor sich gehen?

Chingiz Osmanov: Einerseits ja. Und andererseits verleiht er dem Bühnengeschehen eine spielerische Form. Außerdem moderiert er unseren Austausch mit dem Saal, geht also auf die Reaktionen der Musiker und der Kinder ein. Wir haben uns zum Beispiel so eine Sache ausgedacht: es erklingt Musik, und die Kinder sagen der Reihe nach einen bestimmten Satz. „Eine kleine Schnecke kroch mal über ein Maiglöckchenblatt.“ Und sie kroch und kroch. Dann gibt das Kind das Mikrofon an seinen Nachbarn weiter – mit der Frage: „Und da traf sie..?“. Worauf ihm geantwortet wird: „Einen Affen.“ Und schon entwickelt sich eine Geschichte, die gleichzeitig eine Allegorie auf die in diesem Moment erklingende Musik ist, denn genau die ruft ja im Bewusstsein der Kinder diese Bilder hervor – verstehen Sie?

Kommen wir auf die Struktur von „Mal´ dir dein Konzert aus“ zurück: bereits aus dem Titel geht hervor, dass die Kinder während der Vorstellungen malen…

Chingiz Osmanov: Natürlich ist es immer ein Workshop. Außerdem muss man bei Kindern die Feinmotorik entwickeln, denn eines kann jede Mutter bestätigen: die Feinmotorik hängt unmittelbar mit dem Sprachvermögen zusammen. Dazu kommt dann noch die Phantasie. Das Kind hört zu und interpretiert, übersetzt also die Musik in farbenprächtige, bunte Formen.

«Ich hatte einfach den Wunsch, ein Projekt zu entwickeln, in dem die Musik nicht in der Umgebung des Kindes existiert, sondern in seinem Inneren – dass sie Bestandteil einer kindgerechten Atmosphäre ist.»

Und was ist auf den Bildern zu sehen? Arbeiten Sie mit Künstlern zusammen?

Chingiz Osmanov: Wir haben eine Kooperation mit der Muchina Kunstakademie und mit dem Staatlichen Institut für Film und Fernsehen. Die Leute, die dort studieren, arbeiten thematisch passende Malvorlagen für uns aus.

Wie sind Sie auf diese Form von Veranstaltung gekommen?

Chingiz Osmanov: Ich hatte einfach den Wunsch, ein Projekt zu entwickeln, in dem die Musik nicht in der Umgebung des Kindes existiert, sondern in seinem Inneren – dass sie Bestandteil einer kindgerechten Atmosphäre ist. Ein Konzert also als Form, die frei von traditionellen Verboten ist. Wenn sich das Kind bewegen möchte, kann es das machen, wenn es Luftballons zum Platzen bringen will – na, meinetwegen. Und will es auf die Bühne, dann ist auch das ok. Gleichzeitig ist es kein spezielles Kinderkonzert. Nein. Denn schließlich sind ja mindestens auch die Mamas dabei. Und der wichtigste Aspekt: unsere offenen Konzerte sind für den Endverbraucher kostenlos – sowohl für die Eltern als auch für die Kinder. Wir haben mit dem Konservatorium einen Vertrag über die Mitwirkung von Studierenden, für die diese Auftritte eine zusätzliche Praxiserfahrung darstellen. Und wir haben Vereinbarungen mit den Sälen, in denen unsere Veranstaltungen stattfinden. Selbst der Mechanismus der Wechselwirkung mit den Musikern ist ein Tauschgeschäft. Es ist wichtig, dass auch sie die Musik spielen möchten, die wir als für die Kinder geeignet betrachten. Und die Musiker sollten auf jeden Fall einem hohen Professionalitätsgrad entsprechen. Solchen versierten wie kulturell erfüllten Menschen fällt es leicht, zu geben und das Publikum für sich zu gewinnen.

«Damit wird das Gehör beständig geschult und das Ohr trainiert: ein solches Kind wird man später nur schwerlich hinters Licht führen oder für dumm verkaufen können. Denn es wird die Qualität dessen, was es hört, schon selbst beurteilen können.»

Und wie stellen Sie die Stücke zusammen?

Chingiz Osmanov:Natürlich ist das ein Schlager-Repertoire, zu dem man leichten Zugang findet. Und parallel dazu gibt es in unserer Playlist immer auch Stücke, die den Musikern selbst wichtig sind. Was dagegen nicht gespielt wird, ist ernste Musik wie Schostakowitsch-Quartette, oder die späten Quartette von Beethoven. Wir versuchen, immer so fünf- bis siebenminütige Stücke herauszusuchen. Das Kriterium dabei ist, dass man sich später gut an sie erinnern kann. Nachdem das Kind die Musik gehört hat, muss es sie leicht wiedergeben können. Damit wird das Gehör beständig geschult und das Ohr trainiert: ein solches Kind wird man später nur schwerlich hinters Licht führen oder für dumm verkaufen können. Denn es wird die Qualität dessen, was es hört, schon selbst beurteilen können.

Text: Jana Postowalowa
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland
Mai 2016
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