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Themen:
Theater

Land:
Russland

Übergangsschwierigkeiten. Die Verbindung ist hergestellt

Foto: Oleg Salaev

Das umfassende Rahmenprogramm ist inzwischen schon zu einer Art Tradition des allrussischen Festivalwettbewerbs Harlekin geworden, das inoffiziell auch „Goldene Maske“ für Kinder genannt wird. Mit dem Runden Tisch „Theater der Chancengleichheit“, der Theaterpraktiker, -pädagogen und -psychologen vereinte, dem Theaterstück „Koljas Aufsatz“ nach der Autobiographie S. Golischevs Mein Sohn ist Down, und auch mit der „Schneekönigin“ aus Köln, bei der taubstumme Jugendliche und Emigrantenkinder mitwirken, sowie vielen weiteren, war dieses Jahr keine Ausnahme.

«Dieses Jahr hat das Festival seine Regeln allerdings gebrochen. Einen gesonderten Bereich des Programmes stellte nämlich das Laboratorium für deutschsprachige Dramaturgie für Jugendliche dar…»

Die Organisatoren und das Auswahlkomitee für die sowohl wettbewerbsfähigen als auch außerwettbewerblichen Theaterstücke des Harlekin-Programmes sind normalerweise bemüht, die übliche Altersbeschränkung „unter 11“ hinsichtlich der jugendlichen Sujets nicht zu überschreiten. Dieses Jahr hat das Festival seine Regeln allerdings aufgehoben. Einen gesonderten Bereich des Programmes stellte nämlich das Laboratorium für deutschsprachige Dramaturgie für Jugendliche dar, als dessen Mitbegründer das Goethe-Institut sowie das Russische Staatliche Institut für Darstellende Künste (RGISI, Organisatoren: J. Kleimann, A. Platunov, M. Sloeva) fungierten. Das Repertoire setzte sich aus Stücken aus der Anthologie der deutschsprachigen Dramaturgie für Kinder und Jugendliche SchAG 11+ (1) zusammen, das 2015 vom Goethe-Institut herausgegeben wurde.

Um die Umsetzung der Theaterentwürfe nach den Stücken aus SchAG 11+ kümmerten sich Studenten der St. Petersburger Staatlichen Theaterakademie, Absolventen von Lehrgängen zum Regisseur (unter Leitung von B. Filstinskij und J. Krasovskij) sowie zum Schauspieler (unter L. Gratscheva, D. Tscherkassov und A. Zelanda).

Die vier Stücke sind nicht nur eine Sammlung von allgemeinverbreiteten akuten Themen, wie zum Beispiel Schulmobbing (Die erste Stunde von J. Menke-Peitzmeyer), die erste Berührung mit dem Tod (Zur Zeit nicht erreichbar von P. Wüllenweber), soziale Ungerechtigkeit (Ohne Moos nix los von J. Isermeyer) oder die Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft und die Versuchungen der Macht (Wolf sein von B. Wegenast). Sie versuchen gleichzeitig, einen angemessenen Weg zu finden, eine Verbindung zum Publikum herzustellen, sei es über den die Beteiligung des Zuschauers voraussetzenden Dialog, über Songs oder Gleichnisse.

«Der Text Menke-Peitzmeyers erlaubt wie ein langer Flur gewisse „Nischen“, die die Reaktion des Publikums begünstigen: Man nimmt an, dass der Weg, den der Schauspieler gemeinsam mit seinem Partner einschlägt, sich in Abhängigkeit von der Reaktion der Jugendlichen und den Fähigkeiten des Schauspielers, diese zum Zusammenspiel zu animieren, verändert.»

So wurde das Stück „Die erste Stunde“ (Regie: Igor Lebedev) auf dem Gelände der Schule Nr. 222 (Petrischule) aufgeführt. Dabei traten Siebtklässler als Co-Schauspieler und Partner auf. Um ehrlich zu sein, bin ich kein großer Fan des „Klassendrama“-Genres. Sobald Theater auf ein Schulgelände verlegt wird und sich als als solches auszugeben versucht, wirkt es immer irgendwie unaufrichtig. Außerdem gelingt es selten, ein sauberes Experiment durchzuführen – dass sich Schauspieler und Schüler Auge in Auge gegenüberstehen. Alles verläuft unter dem wachsamen Auge der Lehrer oder Organisatoren, selbst wenn sie in die hintersten Reihen „verbannt“ wurden.

Obwohl „Die erste Stunde“ unter Aufsicht gehalten wurde, wurde dieser Entwurf doch zur versöhnlichen Ausnahme. Der Text Menke-Peitzmeyers erlaubt wie ein langer Flur gewisse „Nischen“, die die Reaktion des Publikums begünstigen: Man nimmt an, dass der Weg, den der Schauspieler gemeinsam mit seinem Partner einschlägt, sich in Abhängigkeit von der Reaktion der Jugendlichen und den Fähigkeiten des Schauspielers, diese zum Zusammenspiel zu animieren, verändert. Wie alle Jugendlichen haben sich die Siebtklässler der Schule Nr. 222 „verschlossen“, gewisse Schutzmechanismen aktiviert. Die Außenseiter holten ihre Gadgets hervor, um so absolutes Desinteresse am Geschehen zu demonstrieren. Die Streber tuschelten, hörten aber aufmerksam zu, um zum Finale hin eine verständliche Moral zu formulieren. Es gab allerdings auch völlig unerwartete Wendungen im Sujet. Wie zum Beispiel, als ein Schauspieler im Versuch, den Effekt des Überrumpelns hervorzurufen, erklärte, dass er das allerschönste (und man muss dazu sagen, das allerreifste) Mädchen der Klasse betatschen würde – die sich ohnehin am meisten „Einiges“ von ihren Klassenkameraden gefallen lassen müssen –, und als Antwort nur ein „die betatscht bei uns doch jeder“ bekam. Der Zwischenruf klingt grob und doch birgt er so viel Schutzlosigkeit: vor dem persönlichen Erlebnis weiblicher Schönheit, Sexualität und schlussendlich, der Unzugänglichkeit des „Objekts“.

«…das Publikum wird zum Haupthandlungsträger. Wichtig wird hier nicht die Geschichte darüber, dass ein Jugendlicher von seinen Klassenkameraden für 18 Stunden in den Schulkeller eingesperrt wurde, sondern wie der Schauspieler seine Partner an so eine Situation heranführt. »

Man muss sagen, dass es dem Juri Schipkov (Tscherkassov-Kurs) gelungen ist, eine Verbindung herzustellen und die außergewöhnlichen Fähigkeiten eines Psychologen zu demonstrieren, wenn auch unter erheblich nervenaufreibenden Umständen. Er ist einwandfrei mit den Umständen des Klassendramas zurechtgekommen, in dem der Schauspieler nicht spielen, sondern als Problemindikator auftreten soll. In dem er den Text nicht einfach übertragen, sondern den Partner fühlen und seinen Bedürfnissen entsprechen soll. Einen Teil seiner Zeit verwendet der Schauspieler darauf, die Rollenverteilung in der Klasse zu verstehen, innerhalb eines Kollektivs Gruppenbildungen, örtliche Widersprüche, mögliche Opfer und Täter zu erkennen. Auf diese Weise verlagert sich der Handlungsmittelpunkt in den Saal – das Publikum wird zum Haupthandlungsträger. Wichtig wird hier nicht die Geschichte darüber, dass ein Jugendlicher von seinen Klassenkameraden für 18 Stunden in den Schulkeller eingesperrt wurde, sondern wie der Schauspieler seine Partner an so eine Situation heranführt.

«Das neue deutschsprachige Stück für Jugendliche fordert vom Schauspieler nicht so sehr emotionale Anbindung wie ein analytisches Instrumentarium ein.»

Das neue deutschsprachige Stück für Jugendliche fordert vom Schauspieler nicht so sehr emotionale Anbindung wie vergleichsweise ein analytisches Instrumentarium ein. Die Schauspieltruppe von „Zur Zeit nicht erreichbar“ (Regie: Andrej Zagorodnikov) hat den traditionellen Weg eingeschlagen; hier wird die Situation durchlebt und nicht durchdacht. Die Protagonisten des Theaterstückes stellen eine typisch deutsche Familie dar: Vater, Mutter und zwei Kinder im Alter von 11 und 13 Jahren. Der Vater versinkt in Arbeit, der Junge spielt Handball, das Mädchen steckt in einer Selbstwertgefühlskrise. Der Autounfall und der damit zusammen-hängende Tod der Mutter zerstört die Lebensweise der Familie komplett und teilt das Stück in „vorher“ und „nachher“. Für den Jungen ist dies nicht nur der Verlust eines geliebten Menschen, sondern auch eine existentielle Erfahrung: Wozu leben, wenn der Tod alles wertlos macht? Für das Mädchen ist es die Erfahrung des Erwachsenwerdens und der Übernahme von Verantwortung für jemand anderen. Die Situation wird durch die Ankunft der Großmutter erschwert, einer ziemlich ungemütlichen Alten, die überhaupt keine Vorstellung davon hat, was sie mit ihren Enkeln anfangen soll, die sie bisher nur ein einziges Mal gesehen hatte. Die Schauspielschule von Benjamin Filschtinskij vertritt die Lehre von der Aneignung der Emotionen eines Charakters. Als Instrumentarium dafür dient das physische Handeln. Wahrscheinlich springen, hüpfen, inlineskaten und krabbeln Kinder- und Jugenddarsteller deshalb so viel auf den Bühnenbalken herum – kurzum, sie füllen jede Minute der Handlung und jeden Zentimeter des Bühnenraums mit physischer Aktivität aus. Trotz all dieser Kniffe und Tricks gibt es keine „Aneignung“; die Schauspieler verstecken sich hinter altersüblichen Charakterzügen und der Maske. Bei einer Lehrerin dürfen die blauen Strümpfe nicht fehlen, bei einem Teenager mangelnde Manieren und grelle Kleidung. Die die Großmutter verkörpernde Schauspielerin ist sichtlich bemüht, sich zu krümmen und zu schlürfen, während sie sich zwischen dem Wunsch, eine Frau mit schwerem Schicksal darzustellen und den Gewohnheiten einer karikierten quälerischen Haushälterin zerreißt.

Wolf sein bezieht sich auf die Situation vom „Wolf im Schafspelz“, allerdings buchstäblich genau umgekehrt: Ein Schaf versteckt sich unter einer Wolfshaut. Das Stück beginnt mit der Replik „Der Wolf ist tot“. Die Stelle des Wolfs ist unbesetzt, also beschließt das Lämmchen Bjaschka mit seinem Schafsschicksal zu brechen – es geht auf das Arbeitsamt. Dort bekommt es unverzüglich den Wolfspelz samt Zähnen („in einwandfreiem Zustand“) überreicht und wird in die Probezeit entlassen. Im Märchencharakter enthalten ist hier ein verschlüsseltes Gleichnis davon, wie die soziale Rolle einen Menschen verändert. Der harmlose Bjaschka kommt schnell auf den Geschmack und hat es eilig, seine „verantwortungsvolle Position“ auszunutzen, um eine Rechnung mit einer ehemaligen Freundin zu begleichen. Aggression und Raubtierinstinkte sind in der Natur eines jeden Schafes/Menschen verankert; eine konkrete Situation begünstigt lediglich deren zum Vorschein treten.

«In Russland ist die Altersgruppe 11+ traditionell eine „Risikogruppe“. Mit Schrecken erwarten die Eltern die nahende Pubertät. Pädagogen und Psychologen behandeln sie wie einen gefährlichen Kranken – in sterilen Handschuhen, mit strenger Mine hinter einem Mundschutz. Das Theater umgeht es gänzlich…»

Im Entwurf von Anna Bytschkova führt ein musikalisches Trio (Akkordeon, Schlagzeug und Kontrabass) die Geschichte wörtlich Note für Note an und geht dann in ein Quartett über, als eine Frau in die Geschichte tritt: das Schäfchen Bebe, durch ein zartes Glockenläuten vertont. Die Jazzband wird auf ironische Weise außenvorgelassen, indem sie der Musik sowohl die erzählerische Funktion wie auch die ganze emotionale Last übergibt. Die Instrumente treten in einen mal sanften, mal streitsüchtigen Dialog, sie übertragen das ganze Spektrum an Emotionen situativ – da ist Angst, Bedrohung, Panik, Hohn, ja sogar eine Verfolgung nachts im Wald. Bislang „zerkauen“ die Schauspieler die Texte ein wenig und setzen den inhaltlichen Akzent noch nicht sehr genau. Doch dieser Entwurf hat gute Chancen auf ein vernünftiges Fortbestehen bekommen – es ist gut möglich, dass das zauberhafte Werk Anna Bytschkovas mit einigen Abänderungen in das Repertoire des musikalischen Kindertheaters „Saserkalje“ aufgenommen wird.

In Russland ist die Altersgruppe 11+ traditionell eine „Risikogruppe“. Mit Schrecken erwarten die Eltern die nahende Pubertät. Pädagogen und Psychologen behandeln sie wie einen gefährlichen Kranken – in sterilen Handschuhen, mit strenger Mine hinter einem Mundschutz. Das Theater umgeht es gänzlich, um eine „Ansteckung“ zu verhindern. Die Stücke aus SchAG 11+ bestehen darauf, dass es auch einen Ausweg geben muss, wenn es einen Eingang gibt. Der Tod ist ein natürlicher Bestandteil des Lebens. Ein jedes noch so ernsthaftes Problem lässt sich aus einem ironischen Blickwinkel betrachten. Oder, wie wir es aus Brecht’schen Zeiten kennen, sich ausdiskutieren, sich in seine analytischen Komponenten zerlegen. Und die jungen Regisseure haben versucht, einen Schlüssel zum Theater vorzuschlagen, damit diese Dramaturgie einen SCHRITT auf die russische Bühne macht.

Text: Tatiana Dzurova
Übersetzung: Angelina Gusew

Copyright: Goethe-Institut Russland
Mai 2016
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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(1)SchAG 11+, ist eine Anthologie mit zwölf Texten für Kinder und Jugendliche von Theaterautoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in russischen Übersetzungen. Der vorliegende SchAG-Band – ein Akronym aus Deutschland, Österreich und Schweiz – ist die Fortsetzung einer Reihe russischer Erstübersetzungen deutschsprachiger Theaterstücke. Entstanden ist er im Rahmen des Jahres der deutschen Sprache und Literatur in Russland, das gemeinsam vom Goethe-Institut und dem Auswärtigen Amt veranstaltet wird. Kooperationspartner sind die Schweizer Kulturstiftung PRO HELVETIA und das Österreichische Kulturforum. Der Band schließt folgende Stücke ein: „Die Prinzessin und der Pjär“ von Milena Baisch, „Wolf sein“ von Bettina Wegenast, „Mein Name ist Peter“ von Jan Friedrich, „Schlafen Fische?“ von Jens Raschke, „Ohne Moos nix los“ von Jorg Isermeyer, „Zur Zeit nicht erreichbar“ von Petra Wüllenweber, „Die erste Stunde“ von Jörg Menke-Peitzmeyer, „Schwarze Milch oder: Klassenfahrt nach Auschwitz“ von Holger Schober, „Creeps“ von Lutz Hübner, „Livia, 13“ von Christine Rinderknecht, „Du siehst Gespenster“ von Jörg Menke-Peitzmeyer, „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf und Robert Koall. Das im Band bereitgestellte Material ist für Regisseure, Studierende, Publizisten und weitere Fachleute im Bereich Theater bestimmt.













Foto: Oleg Salaev "Zur Zeit nicht erreichbar". Foto: Oleg Salaev.










Foto: Oleg Salaev "Zur Zeit nicht erreichbar".Foto: Oleg Salaev.









Foto: Oleg Salaev "Wolf sein". Foto: Oleg Salaev.