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Valentin Baranovsky

Thema:
Musikerziehung

Land:
Russland

Wir lernen Musik hören.

Olga Piccolo:
„Meine Aufgabe ist es, Kinder harmonisch zu machen.“

Piccolo © Valentin Baranovsky 2013

In den letzten Jahren sind in Petersburg an ganz unterschiedlichen Orten mehr und mehr musikalische Projekte und Programme für Kinder entstanden. Hierzu zählen sowohl Konzerte, die speziell für junge Zuhörer konzipiert wurden, als auch bestimmte Übungen, die eine ganzheitliche, harmonische Entwicklung des Kindes fördern. Ebenso gibt es Konzerte, bei denen das Publikum in einen gemeinsamen musikalischen Prozess mit einbezogen wird – sodass die Kinder nicht einfach nur im Saal herumsitzen, sondern aktiv an dem teilnehmen, was auf der Bühne vor sich geht. Wir haben hier die drei aus unserer Sicht interessantesten Projekte ausgewählt und präsentieren Ihnen im Folgenden ein Interview mit Begründern und Organisatoren.

In Olga Piccolos Konzert werden Sie drei Reihen Erwachsener sehen; seriöse, fürsorgliche Eltern mit angespannten Gesichtern. Vor ihnen sitzt eine Reihe völlig entspannter Kinder, die lachen und sich einander zuwenden. Für sie gibt es besondere Plätze: spezielle kleine Stühlchen. Auf der Bühne finden wir einen Flügel, ein Xylofon, Glöckchen und verschiedene Percussions. Heute ist Schlagzeugunterricht angesagt.

Olga Piccolo gleicht in ihrem schillernden bodenlangen Kleid einer echten Fee. Sie flattert über die Bühne, während sie über die einzelnen Instrumente erzählt; darüber, wie man sich im Theater zu verhalten hat (zum Beispiel, Schauspieler klatschend mit Applaus zu begrüßen statt mit den Füßen zu stampfen, wie es einige kleine Zuschauer zu Beginn versucht hatten); sie demonstriert den Unterschied zwischen einem langen und einem kurzen Ton, indem sie mal auf die Klangstäbe des Xylofons schlägt, mal ein Glöckchen berührt; als dann alles ruhig wird, als die Zuhörer bereit sind, bittet sie schließlich die Künstler auf die Bühne. Und ein echtes Märchen beginnt.

« „Was glaubt ihr, welches Instrument ist am besten für das Geräusch von Regen geeignet?“ oder „Was ist Donner? Was ist das für ein Ton? Ein langer oder ein kurzer?“»

Olga erzählt zunächst eine Geschichte über Kinderträume und über ihren Herrn, Deduschka Drem, wobei sie verschiedene Geräuschfaktoren in das Märchen einbindet und den Kindern Fragen stellt: „Was glaubt ihr, welches Instrument ist am besten für das Geräusch von Regen geeignet?“ oder „Was ist Donner? Was ist das für ein Ton? Ein langer oder ein kurzer?“ Und sogleich spielen die geladenen Musiker ein Fragment aus Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“.

« Außerdem bleiben die Kinder nie unbeachtet; entweder hören sie zu oder sie antworten auf Fragen oder aber sie formen etwas mit ihren Händen.»

Hier ist noch eine andere Geschichte über einen Kater, der von zuhause weglief, von der Schönheit des Mondes verleitet auf seinen Zipfel aufsprang und eine ganze Reise um die Welt unternahm. Der Kater schwamm den Himmel entlang und bewunderte dabei die Sterne. Die Sternenmelodie wird gespielt, die Kinder formen derweil, im Takt zur Musik wippend, Sternchen mit ihren Händchen.

Und dann gab es noch eine lehrreiche Geschichte über Waschbärchen und im Anschluss einen gemeinsamen Auftritt, als Olga alle kleinen Zuhörer auf die Bühne bat. Zuvor hatte sie verschiedene Percussions ausgeteilt. Gemeinsam legten sie dann tanzend ein kleines Musikstück ein.

Insgesamt dauert eine Unterrichtsstunde vierzig Minuten. Im Programm enthalten sind Vivaldi, Rameau, Grieg sowie Tschaikowski. Die Kinder sitzen wie verzaubert da und machen alles nach, was ihnen gezeigt wird; sie spielen alles, worum sie gebeten werden. Es herrscht absolute Disziplin, die wohl durch das richtige Zeitmanagement und einen ständigen Wechsel der Aufmerksamkeit eines Kindes erreicht wird. Außerdem bleiben die Kinder nie unbeachtet; entweder hören sie zu oder sie antworten auf Fragen oder aber sie formen etwas mit ihren Händen (es gibt viele Übungen zur Entwicklung der Feinmotorik). Auf leichte und spielerische Weise bewerkstelligt Olga, dass jeder Zuhörer zu seiner Portion Fürsorge und Aufmerksamkeit kommt. Nach dem Konzert haben die Zuhörer die Möglichkeit, noch einmal die Bühne zu betreten und sich das Instrument anzuschauen, das bei ihnen den größten Eindruck hinterlassen hat. Solange die Eltern Geschäftstelefonate führen oder sich über Erziehungsprobleme austauschen, laufen die Kinder fröhlich auf der Bühne herum – inzwischen ohne jegliche Scheu voreinander oder vor Olga – und studieren das Becken, die Glöckchen, den Xylofonschlägel, das Xylofon selbst und viele andere Teile: ein anschauliches Beispiel für das Wunder der Vereinigung, der Entspannung und Überwindung von Barrieren mit Hilfe der Kunst.

Jana Postovalova: Olga, Ihr Projekt ist 1999 entstanden. Siebzehn Jahre sind eine lange Zeit. Heute umfasst die musikalische Vorlesungsreihe für Kinder Piccolo ungefähr 50 Konzerte. Erzählen Sie doch bitte, wie alles angefangen hat?

Olga Piccolo: Ja, es war ein ellenlanger Weg und wirklich kein leichter. Tatsächlich hat alles im Jahre 1999 angefangen. Ich hatte das Konservatorium in Petrosawodsk abgeschlossen, dort vier Jahre lang als Kinderreferentin gearbeitet und bin dann nach St. Petersburg gekommen. Ich fing an, in einer Musikschule zu arbeiten und Solfeggio sowie Musikgeschichte zu lehren. Aber die Lehre ist nicht meins. Und so habe ich mich entschlossen etwas zu schaffen, das meiner Seele nahe liegt. So ist das erste Konzert entstanden (zu der Zeit gab es in der Stadt keine vergleichbaren Programme).

Ich habe es intuitiv über das Trial and Error-Prinzip versucht. Es gab damals auch keine geeigneten Flächen, daher arbeitete ich in Kindergärten, denen ich zuvor in Eigeninitiative Konzerte und Vorlesungen angeboten hatte.

Haben Sie denn irgendwelche Programme studiert? Oder irgendeine spezielle Technik angewandt?

Nein, ich habe keine besonderen Methoden gelernt. Man muss einfach mit dem Herzen schaffen. Ich kann meine Konzerte nicht als Arbeit bezeichnen. Sie sind mein Leben, ihretwegen existiere ich. Wenn ich also etwas mit Liebe schaffe, spüren das alle, auch die Kinder.

Es gibt schon Momente, da fange ich an zu arbeiten – wenn ich nicht ausgeschlafen bin, mich nicht gut fühle, wenn es Unannehmlichkeiten gibt. Ich kann den notwendigen Zustand künstlich hervorrufen, aber er tritt nicht immer ein, sodass alles zerfällt, sodass diese unsichtbaren Fäden der ehrfürchtigen Stille sich nicht von mir auf die Kinder übertragen, sodass ich mit dem Saal nicht in den gleichen Atemzug verfalle.

«Aber das Wichtigste, das Schaffensprinzip, ist das gleiche: gemeinsam schaffen. »

Olga, Sie sagen, dass Sie sich an keine bestimmte Methode halten, und doch sind Ihre Konzerte für Kinder in drei verschiedene Altersgruppen aufgeteilt... Das erfordert doch sicher unterschiedliche Herangehensweisen?

Überhaupt nicht. Ich tue praktisch ein und dasselbe. Das Einzige wäre vielleicht die Wortwahl, die ist etwas anders. Aber das Wichtigste, das Schaffensprinzip, ist das gleiche: gemeinsam schaffen. Gefühle hängen damit zusammen, wie Sie einen Musikanten wahrnehmen und wie seine ganz eigene Art der Wiedergabe, sein durchgeistigter Blick auf das Geschehen Sie durchdringt. Sie achten nicht auf die technischen Aspekte des Spieles, sondern auf die Virtuosität, Sie fühlen unsichtbare Obertöne, Sie erhaschen eine besondere – ehrfürchtige – Stille, und das alles ruft dann Tränen hervor. Ungefähr dasselbe fühlen auch die Kinder: sie werden geführt, sie werden schwerelos.

Unterscheiden sich denn die Kinder aus dem Kindergarten von denen, die zu Ihnen ins Konzert kommen?

Ja, sie unterscheiden sich. Im Kindergarten sind die Kinder ohne Eltern und von Beginn an in meiner Gegenwart. Es gibt überhaupt keine ablenkenden Umstände. Ich mag die Arbeit in Kindergärten sehr, bis heute sind wir weiterhin in 25 Kindergärten und Entwicklungszentren tätig; allerdings arbeiten dort Schüler von mir nach meinem Drehbuch. Wir haben eine Riesengrundlage. Zusätzlich sind jetzt die Projekte in Helsinki und im Mariinski-Theater eine sehr verantwortungsvolle Arbeit, die unheimlich viel Hingabe erfordert. Obwohl ich jedes Konzert als allerwichtigstes in meinem Leben wahrnehme. Ein Konzert ist ein Hafen.

« Sie sind wie Musikanten, die sich ja auch auf ein Konzert einstimmen. Genau so muss man auch ein Kind einstimmen: es hübsch anziehen, es auf ein eigenes Stühlchen setzen, ihm ein Blatt Papier geben und es bitten, ein Bild zu malen.»

Und wie soll man Kinder an diesen Hafen heranführen? Wie soll man ihnen beibringen, Musik zu genießen?

Ganz einfach: Kinder öffnen sich nach dem dritten Konzert wie Blumen. Es ist interessant, das zu beobachten, denn manche Kinder sind sehr verklemmt, wahre Problemkinder. Sie kleben an der Mutter und verstecken sich hinter ihr. Die muss man nehmen und an der Hand führen, und hierzu gibt es verschiedene Mittel, zum Beispiel ein Kind wegzusetzen. Ich habe absichtlich kleine Stühle gekauft. Die Kinder sitzen in Grüppchen. Das ist sehr wichtig: Wenn ein Kind neben seiner Mutter sitzt, ist es vollständig von ihrer Reaktion abhängig, es ist nicht bei mir. Wenn das Kind aber alleine sitzt, sehe ich seine Augen und die Schranken verschwinden: Der Saal ist für uns das Ganze, wir sind eine Einheit. Hier ist es sehr wichtig, das Kind so zu sozialisieren, dass es sich nicht nur bei den Eltern wohl fühlt, sondern auch unter anderen Kindern.

Und wie sind Ihre Konzerte aufgebaut?

Meine Konzerte sind ungewöhnlich. Nach jeder Stunde malen die Kinder ein Bild. Direkt nach dem Konzert bitte ich sie, das Gehörte und Gesehene visuell zu gestalten. Konzerte finden zweimal im Monat statt; das ist der ideale Rhythmus. In dieser Zeit stellen sich die Kinder auf das Konzert ein und gewöhnen sich an mich. Sie sind wie Musikanten, die sich ja auch auf ein Konzert einstimmen. Genau so muss man auch ein Kind einstimmen: es hübsch anziehen, es auf ein eigenes Stühlchen setzen, ihm ein Blatt Papier geben und es bitten, ein Bild zu malen. Nicht nachlässig, sondern so, dass es fühlt, dass das hier wichtig ist. Eine andere Welt zu betreten. Zu versuchen, sich über die Wirklichkeit hinwegzusetzen. Heute haben wir erklärt, was ein Violoncello ist, wie seine Wirbel gestimmt werden, was Bogen und Kolophonium sind (das ist Harz – eines Baumes Tränen); wir haben auch gesagt, dass Teile des Violoncellos Pferdehaar enthalten, und wenn man es löst, wird es zum Pferdeschwanz!

« Also kann ich sagen, dass ich den Kindern natürlich auch klassische Musik beibringe, aber die Hauptaufgabe ist eine andere: die Seele eines Kindes harmonisch zu stimmen. »

Im Saal herrschte absolute Stille, obwohl ich 45 Minuten lang fast flüsternd sprach und der Saal groß und auf ganze 70 Personen ausgerichtet war, inklusive der Dreijährigen, die abseits von ihren Eltern saßen. Während der Konzerte entwickelt sich eine völlig einzigartige Atmosphäre, die fast schon etwas von Zauberei hat. Irgendwann scheint es auf einmal, als würde der Saal das Konzert spielen, als würden die Kinder selbst schaffen, nicht ich. Das ist ein wundervolles Gefühl.

Olga, können Sie die folgende Frage beantworten: Wozu ist es letztlich gut, ein Kind in klassischer Musik zu bilden?

Die Piccolo-Konzerte haben mehrere Zwecke. Es kommen sehr verschiedene Kinder, daher ist die Aufgabe nicht, den Kindern klassische Musik beizubringen, sondern sie mit Hilfe von Musik, über Konzerte, harmonisch zu machen. Außerdem besuchen viele nach Beendigung unseres vierjährigen Zyklus eine Musikschule: Jedes Jahr finde ich auf der Website der Musikschule des Konservatoriums – übrigens die beste Schule in St. Petersburg – fünf bis sieben unserer regelmäßigen Zuhörer. Und bin sehr stolz darauf. Der beste Zuhörer und Besucher meiner Konzerte ist sowieso mein Sohn. Dabei ist er schon zwanzig Jahre alt und Künstler am Mariinski-Theater. Also kann ich sagen, dass ich den Kindern natürlich auch klassische Musik beibringe, aber die Hauptaufgabe ist eine andere: die Seele eines Kindes harmonisch zu stimmen.

Text: Jana Postowalowa
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland
Mai 2016
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