Magazin

Das einzige zweisprachige Online-Magazin für Projekte der kulturellen Bildung aus Russland und Deutschland. Jede Woche ein neuer Text! Sie können die Auswahl durch die Filterkriterien Themen und Länder eingrenzen..

Filter zurück setzen

Die Welt ertasten

©GMZ Gatchina

Ein Sehender kann manchmal nur schwer nachvollziehen, wie schwierig es sein kann, einem von Geburt an seheingeschränkten Menschen zu erklären, was ein "schöner", "strahlender Sonnenschein" ist, ein "großes Denkmal", ein "Gemälde" und vieles mehr, sei es nun ein Erwachsener oder ein Kind. In den letzten Jahren hat eine Reihe von Museen in Russland Programme für eben diejenigen entwickelt, die schlecht oder gar nicht sehen. Petersburg ist hier keine Ausnahme, sondern vielmehr der Vorreiter. Aktuell bieten eine ganze Reihe von Museen in der Stadt spezielle, für sehschwache und blinde Menschen und vor allem für Kinder adaptierte Programme an und arbeiten eng mit der Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte zusammen, welche methodische Unterstützung bietet oder einfach gute Ratschläge erteilt.

Auf eine "Mini-Ausgrabung" in die Eremitage

Das Programm "Vergangenheit auf den Fingerspitzen" wurde vor gut zehn Jahren vom Staatlichen Eremitage-Museum ins Leben gerufen, und zwar durch die leichte Hand des stellvertretenden Direktors der Eremitage, Vladimir J. Matveev, der erst kürzlich, nämlich im März 2015, verstarb. In dieser Zeit wurden in der Eremitage mehr als eintausend Stunden gehalten. Heute besuchen Schüler der 4.-6. Klassen zweier Petersburger Schulen den Unterricht, aus der Karl-Grot-Schule Nr. 1 und der Schule Nr. 2 aus dem Kirov-Bezirk. Früher haben auch Kinder aus einer Schule in Mga im Leningrader Gebiet teilgenommen. Jetzt aber haben die Kinder aus dem Leningrader Gebiet keinen solchen Unterricht mehr.

Das Unterrichtsprogramm ist auf drei Jahre ausgelegt. Die Kinder erfahren über ein archäologisches Prisma etwas über die Geschichte der Menschheit, über die Geschichte ihrer Kultur von der Antike bis zum Mittelalter. Der Klassenraum selbst ist mit speziellen Sandkästen ausgestattet, wo die Kinder ihre eigenen "Mini-Ausgrabungen" mit Modellen antiker Behausungen und historischen Epochenlandschaften durchführen: Paläolithikum (Altsteinzeit), Neolithikum (Jungsteinzeit), Bronzezeit, Eisenzeit und Frühes Mittelalter. Die Schullehrer holen Feedback von ihren Schülern ein, was ihnen gefällt und was nicht. Niemand wird gezwungen zu fahren, frei nach dem Prinzip „Wenn nicht, dann nicht“. Die Wünsche der Kinder werden beachtet. Die wünschen sich übrigens, dass ihre Eltern bei in den „Mini-Ausgrabungen“ mitmachen.

« Die Kinder erfahren über ein archäologisches Prisma etwas über die Geschichte der Menschheit, über die Geschichte ihrer Kultur von der Antike bis zum Mittelalter.»

Einen Palast umarmen? Leicht gemacht!

Das Museum und Naturschutzgebiet Gatschina wurde für sein Kulturprogramm für blinde und sehschwache Kinder „Palastgefühle“ beim XVIII. Internationalen Festival der Museen „Intermusej 2016“ in der Kategorie „Bestes Projekt für Zusammenarbeit mit Menschen mit beschränkten Möglichkeiten und entwicklungstechnischen Besonderheiten“ mit einem Preis ausgezeichnet.

Die Kinder bekommen die Möglichkeit, die Ausmaße, die Architektur sowie die Innenausstattung des Palastes zu erspüren und zu beurteilen. Sie sollen ein Modell des Palastes abtasten, um sich vorstellen zu können, wie dieser von außen aussieht; ebenso tastfreudig sind der Originalmörser am Palasteingang, die Säulen und der Kamin im Marmorzimmer. Eigens für das Projekt wurden Stoffmuster vorbereitet, die den für die Innenausstattung (Gobelin, Samt) sowie für die Schneiderei (Wolle, Tücher, Kaschmir, Satin) verwendeten Stoffen entsprechen. Gleichermaßen wurden Kopien von Originalausstellungsstücken des Museums angefertigt, damit auch sie „mit den Händen gesehen“ werden konnten. Im interaktiven Teil der Führung dürfen die Kinder taktil Marmor und Granit bestimmen, die Zarenkrone aufsetzen und vieles mehr.

Den jungen Exkursionsteilnehmern dient ein speziell ausgearbeiteter Museumsführer für Blinde als Erleichterung; er enthält einige reliefartige Abbildungen des Palastes und einiger Exponate sowie Einführungstexte und kurze Kommentare in Blindenschrift.

« anhand eines Modells den Palast mit seinen Zimmerflüchten, Säulen und prächtigen Kathedralkuppeln „sehen“»

„Jetzt gehen wir auf einem Teppich, spüren ihn mit den Füßen...“

Auch das Staatliche Museum und Naturschutzgebiet Tsarskoje Selo hat seinerseits das Programm „Das Wundervolle berühren“ für blinde und sehschwache Kinder gestartet, ebenfalls in enger Zusammenarbeit mit der Blindenbibliothek. Es ist ein Wohltätigkeitsprogramm, denn die jungen Exkursionsteilnehmer besuchen die Führung gratis. Sie soll in Zukunft auch für Erwachsene mit Sehschwäche ausgelegt werden.

Viertklässler durften noch im vergangenen Jahr als Erste das Programm in Tsarskoje Selo testen. Die Kinder stellten viele Fragen, waren ganz ungezwungen. Wie auch in Gatschina können die Kinder hier anhand eines Modells den Palast mit seinen Zimmerflüchten, Säulen und prächtigen Kathedralkuppeln „sehen“.

Ist der Palast dann vor dem geistigen Auge „erfasst“, begeben sich die Ausflügler in die Gemächer. Es ist nicht möglich, im Palast spezielle Leitlinien auf dem Boden anzubringen, weshalb man den jungen Leuten erklärt: „Jetzt gehen wir auf einem Teppich, spüren ihn mit den Füßen; und jetzt gehen wir auf Marmorboden.“ Während der Führung hören die Kinder Aufzeichnungen altertümlicher Musik, die hier vor Jahrhunderten hat erklingen müssen: Im gemütlichen Gästezimmer spielte das Cembalo, im Thronsaal die Fanfaren, im Bernsteinzimmer hingegen erklang das melodische Ticken einer sehr alten Uhr.

Jedem Teilnehmer wird für die Dauer der Führung ein Album ausgeteilt, das in Blindenschrift gedruckt und mit Reliefillustrationen versehen ist. Es hilft, eine Vorstellung von der Form einer Vase, einer Schnitzerei, einer alten Uhr und anderer Gegenstände zu bekommen, zu verstehen, was eine „Zimmerflucht“ eigentlich ist. Außerdem ist es in jedem Raum gestattet die Repliken zu berühren, sei es nun die verkleinerte Kopie eines marmornen Amors, Fragmente vergoldeter und nicht-vergoldeter Schnitzereien, eine Cembalo-Kopie, Porzellan- und Keramiktassen oder eben die Kopie einer Früchtepyramide, einer im XVIII. Jahrhundert überaus modischen Verzierung der Festtafel.

« Für sie sind spezielle taktile Leitlinien verlegt worden; so fühlt die Person mit den Füßen, wo es lang geht, fühlt, dass sich genau hier die Richtung ändert.»

Der Scheremetjev-Palast – Musikmuseum

Direktorin der Bibliothek für Blinde und Sehschwache Olga Ustinova erzählt: Ihre Mitarbeiter berieten bei der Ausarbeitung der Führungen durch den Gatschina-Palast, bei der vollständigen Anpassung der Führungen für blinde Erwachsene und Kinder im Suvorov-Museum und auch beim Projekt der Isaak-Kathedrale, das blinde Jugendliche mit ihr bekannt machen sollte. Nun haben auch das Museum für Religionsgeschichte, das private Fabergé-Museum und das Musée de l’Histoire du téléphone die Bibliothek um Hilfe gebeten. Des Weiteren merkt Olga Ustinova an, dass der Eingangsbereich des Musikmuseums im Scheremetjev-Palast in seiner Ausstattung komplett an blinde und sehschwache Besucher angepasst ist. Im Eingangsbereich und auf der Treppe, die zu der Ausstellung und zum Konzertsaal des antiken Scheremetjev-Palastes führt, können sich Blinde jetzt ohne Blindenführer orientieren. Für sie sind spezielle taktile Leitlinien verlegt worden; so fühlt die Person mit den Füßen, wo es lang geht, fühlt, dass sich genau hier die Richtung ändert. An den Wänden hängen Schilder mit Piktogrammen und Beschriftungen in Blindenschrift, die besagen: Hier ist die Garderobe, hier die Kasse, hier die Toilette. Direkt auf dem Treppengeländer zur Ausstellung sind zwei Schilder angebracht. Dort steht in Blindenschrift, dass das Geländer hier beginnt, und dort, dass es endet. Im Erdgeschoss ist eine taktile Karte mit Audioguide angebracht. Die vierminütige Aufzeichnung mit den Hauptinformationen zum Museum kann man sich mit dem Telefonhörer am Ohr anhören. Und mit den Händen? Lesen, mit den Fingerspitzen erspüren, wie das Museum angelegt ist.

Die Bibliothek

Die Bibliothek für Blinde und Sehschwache ist ein ständiger Berater von Museumstätigen. Sie kann auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen, wenn es darum geht, Blinden von Kunst zu erzählen. Taktile Bücher sind eines der vielen Mittel: Kinderbücher, bildende Jugendbücher, Bücher über Kunst, über Petersburger Museen und über Leningrad-Petersburg. Dabei werden die verschiedensten Techniken angewandt: große Lettern, Blindenschrift, Reliefgrafik und schließlich Prototypisierung, d.h. schichtartiges Auftragen einer dreidimensionalen Abbildung. Zu jedem Buch gibt es eine CD.

« Modelle für Blinde und Sehschwache müssen so angefertigt werden, dass der oder die Betreffende sich nicht an der Hand verletzt, sich an nichts sticht und sich nicht in Kleinteilen verfängt.»

Auf dem Tisch der Abteilungsleiterin für das Verlagswesen der Bibliothek, Viktoria Speranskaja, liegen kleine, wie einem Kinderbaukasten entnommene 3D-Drucke von Säulen, sowohl korinthischen als auch ionischen, sowie anderer architektonischer Einzelteile. Das sind Fragmente aus dem gemeinsam mit der Polytechnischen Universität durchgeführten Projekt „Architekturlexikon“. Das Lexikon wird wie jedes andere Lexikon auch werden – groß gedruckt, in Blindenschrift, mit Illustrationen und jetzt eben auch mit einem Baukasten. Damit ein Blinder durch Tasten erkennen kann, was zum Beispiel ein Säulengang ist. Die Bibliothek arbeitet mit der Polytechnischen aktiv an einem „Mini-Petersburg“. Begonnen hatte man vor einigen Jahren mit dem Michailovski-Palast. Modelle für Blinde und Sehschwache müssen so angefertigt werden, dass der oder die Betreffende sich nicht an der Hand verletzt, sich an nichts sticht und sich nicht in Kleinteilen verfängt. Deshalb sind die Modelle in der Regel ein wenig vereinfacht, aber doch aufschlussreich genug, um eine Vorstellung vom Denkmal als Ganzes zu bekommen. Die Blindenbibliothek ist aber mehr als das – sie ist auch noch ein modernes Tonstudio, in dem Hörbücher aufgenommen werden. Wenn die Welt eines Menschen verblasst und es nicht möglich ist, ihm sein Augenlicht zurückzugeben, so kann ihm ein anderer Mensch zumindest von der Schönheit dieser Welt erzählen – er kann sie ihn mit den Fingerspitzen spüren lassen.

« Wenn die Welt eines Menschen verblasst und es nicht möglich ist, ihm sein Augenlicht zurückzugeben, so kann ihm ein anderer Mensch zumindest von der Schönheit dieser Welt erzählen – er kann sie ihn mit den Fingerspitzen spüren lassen.»

„Ein (be)rührender Garten“

Die Aromen dieser Welt einatmen. Darin war der Botanische Garten in St. Petersburg erfolgreich, indem er ein ganzes Grundstück voller Gewächse mit Beschriftungen in Blindenschrift versehen und sie so angeordnet hat, dass man exotische Aromen einatmet. Letztes Jahr ist der „(be)rührende Garten“ auch im Michailovski-Garten am Russischen Museum erschienen. Hierbei handelt es sich um eine Spielfläche, die aus verschiedenen Oberflächen- und tischförmig angeordneten Bausteinen besteht. In den Bausteinen findet verschiedenstes Füllmaterial Platz: Pflanzen, Baumrinde, Sand, Kies usw. Das alles kann man anfassen, riechen, spüren. Der Weg um den Tisch herum erlaubt eine Fortbewegung im Rollstuhl. Die Kinder können ebenso die Elemente mit den Händen berühren wie auf verschiedenen Oberflächen laufen, die sie als unterschiedlich empfinden. Der „(be)rührende Garten“ ist mit der Unterstützung der Bürgervereinigung „Sanierung von Gärten und Parkanlagen“ entstanden.

Zweifellos ist in diesem Text bei weitem nicht die ganze Erfahrung der städtischen Museumstätigen beschrieben, die die Schätze ihrer Museen für Blinde und Sehschwache öffnen. Diese Arbeit ist lediglich ein Teil innerhalb des großen Schaffungsprozesses eines universellen Umfelds in der Megapolis – der Schaffung ihrer Zugänglichkeit und Offenheit.

Text: Galina Artemenko
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland
Juni 2016
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



SCHLIESSEN

DRUCKEN











©Eremitage-Museum Das Programm "Vergangenheit auf den Fingerspitzen" vom Staatlichen Eremitage-Museum





©Eremitage-Museum Das Programm "Vergangenheit auf den Fingerspitzen" vom Staatlichen Eremitage-Museum





©Eremitage-Museum Das Programm "Vergangenheit auf den Fingerspitzen" vom Staatlichen Eremitage-Museum









©Museum und Naturschutzgebiet Gatschina Kulturprogramm für blinde und sehschwache Kinder „Palastgefühle“ im Museum und Naturschutzgebiet "Gatschina"





Das Wundervolle berühren Programm „Das Wundervolle berühren“ im Staatlichen Museum und Naturschutzgebiet "Tsarskoje Selo"





Das Wundervolle berühren Programm „Das Wundervolle berühren“ im Staatlichen Museum und Naturschutzgebiet "Tsarskoje Selo"






©Die Bibliothek für Blinde und Sehschwache ©Die Bibliothek für Blinde und Sehschwache St.Petersburg





©Die Bibliothek für Blinde und Sehschwache ©Die Bibliothek für Blinde und Sehschwache St.Petersburg