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1945/2015 – Was war damals wirklich?

Foto: Charlotte Grief

Im Jahr 2015 begegneten sich insgesamt 18 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren aus Russland, Polen und Deutschland im Rahmen des Projekts „Jugend.Erinnerung – Youth.Memory“, eine Kooperation zwischen dem Evangelischen Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf (Johannes Krug) und dem Jungen Deutschen Theater Berlin (Birgit Lengers). Gemeinsam mit der Theaterpädagogin Uta Plate sollten sich die Jugendlichen auf eine Forschungsreise zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutsch-polnisch-russischen Beziehungen begeben und dazu auf drei Begegnungen in Krakau (17.08. – 24.08.15), Wolgograd (16.10. – 23.10.15) und Berlin (01.11. – 17.11.2015) recherchieren. Ihr Ergebnis wurde in einem abschließenden Theaterstück präsentiert, welches im November 2015 anlässlich des Volkstrauertages am Deutschen Theater Berlin aufgeführt wurde. Zentrales Thema: der Zweite Weltkrieg.

Ausgehend von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts und den noch immer vorhandenen Vorurteilen, sollten die Jugendlichen durch eigene historische Forschung und unter pädagogischer Anleitung für die Thematik sensibilisiert werden. Theater stellte von Anfang an das Medium der Begegnung dar. Dadurch konnten die Jugendlichen ihre Eindrücke vom Besuch historischer Orte und Museen oder Zeitzeugengespräche individuell und lebhaft umsetzen. Der Auseinandersetzungsprozess mit dem Thema und die Reise der Jugendlichen wurden dabei szenisch verarbeitet und nachvollziehbar gemacht. Tagebücher waren während der Recherchereisen ein weiteres wichtiges Medium. Die Rezeption von Erlebnisberichten Gleichaltriger schuf eine enorme Empathie für die persönliche Betroffenheit.

«Theater stellte von Anfang an das Medium der Begegnung dar. Dadurch konnten die Jugendlichen ihre Eindrücke vom Besuch historischer Orte und Museen oder Zeitzeugengespräche individuell und lebhaft umsetzen.»

Die Erwartungen hinsichtlich des Erfolgs des Projekts hielten sich zunächst gering, doch die Motivation war riesig. Nicht nur bestand die Herausforderung darin 18 Jugendliche zu finden, die bereit dazu waren, sich mit ihrer eigenen Geschichte zu befassen, sondern auch ihren Blickwinkel aufrichtig zu hinterfragen. Zudem mussten sie sich bereit fühlen, sich künstlerisch zu entwickeln, da eine Aufführung im Deutschen Theater Berlin einen hohen Anspruch mit sich brachte. Am wichtigsten im Laufe des Bewerbungsprozesses war allerdings die inhaltliche Motivation, da die Jugendlichen eine intensive Reise erwarten sollte. Und das alles auf Englisch. Um die passenden Teilnehmer für das Vorhaben zu finden, mussten die Jugendlichen deshalb innerhalb einer ausführlichen Bewerbung verschiedene Fragen zu ihrer inhaltlichen Motivation auf Englisch beantworten.

« Von Anfang an herrschte dabei ein offenes Klima, das Platz für Diskussion und eigene Meinungen zuließ. Parallel wurden historische Schauplätze und Museen besucht, Denkmäler erkundet und Zeitzeugen befragt.»

Im Mai 2015 war es dann endlich soweit. Je sechs Jugendliche aus drei Ländern hatten sich gefunden und sollten sich auf unserer ersten Reise nach Krakau begegnen. Dank des Geschicks Uta Plates und Ronni Maciel Moreira Soares‘ (Choreograf) wandelten sich die Jugendlichen bereits innerhalb weniger Tage zu kleinen Schauspieltalenten. Von Anfang an herrschte dabei ein offenes Klima, das Platz für Diskussion und eigene Meinungen zuließ. Parallel wurden historische Schauplätze und Museen besucht, Denkmäler erkundet und Zeitzeugen befragt. Am prägnantesten war dabei die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in Auschwitz-Birkenau und das Treffen mit der Zeitzeugin Lydia Maksymowicz, die ihren Aufenthalt als eines von wenigen Kindern überlebte. Stets wurden die Jugendlichen angespornt ihre Eindrücke und Erlebnisse individuell in Bewegungen, Texte oder kleine Szenen umzusetzen, die durch Lukas Müller (Regieassistenz) und Charlotte Grief (Fotografin, Dokumentalistin) sorgsam dokumentiert wurden, um später Teil des Stücks und der Öffentlichkeitsarbeit zu werden.

Neben dem Thema selbst, beschäftigte die Jugendlichen die intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Deutsche, Polen und Russen – einst Feinde - sollten sich nun friedlich begegnen. Auch wenn die Bereitschaft zu dieser Begegnung Voraussetzung für die Teilnahme war, sollten die Diskussionen bewegend bleiben. Nicht nur innerhalb der Workshops, sondern auch im Anschluss des täglichen Programms diskutierten die Jugendlichen bis in die Nacht über verschiedenes, allen voran allerdings über die Konflikte in der Ukraine. Themen, die genügend Stoff für ein weiteres Projekt liefern würden.

«Abermals fanden sich die Jugendlichen, die selbst nie vom Krieg betroffen waren, in ihren national geprägten Rollen wieder, in denen sie entweder Feind, Held oder Opfer waren.»

Auf der zweiten Begegnung in Wolgograd sollten die polnischen und deutschen Jugendlichen nun mit einer ihnen fast völlig fremden Perspektive des Krieges bekannt gemacht werden – dem großen Vaterländischen Krieg. In einer Stadt, die bis heute von der Erinnerung an einen für sie harten aber denkwürdigen Krieg zehrt, waren vor allem die polnischen Jugendlichen überwältigt. Dank des intensiven Zusammenhalts und der Verbundenheit, die die erste Begegnung mit sich brachte, konnte offen über die Eindrücke diskutiert werden. Abermals fanden sich die Jugendlichen, die selbst nie vom Krieg betroffen waren, in ihren national geprägten Rollen wieder, in denen sie entweder Feind, Held oder Opfer waren. Dank allseitigem Feingefühl und Geschick, wurde den Jugendlichen dabei stets Raum gegeben ihre Emotionen zu erleben und zu verarbeiten. Täglich wurde das Programm dabei inhaltlich an das Geschehen angepasst und ausgelotet, wie die Bedürfnisse der Teilnehmer aufgefangen werden können.

In Berlin erwartete die Jugendlichen nun vor allem die künstlerische Herausforderung. In der ersten Woche wurde daneben weiterhin inhaltlich gearbeitet, allerdings nahte die Aufführung rasend schnell. Vom ersten Tag an wurde in den Räumlichkeiten des Deutschen Theaters geprobt. An den Nachmittagen erkundeten die Jugendlichen unter anderem die Berliner Unterwelten, das Denkmal für Homosexuelle im Rahmen einer Stadtführung und die Topografie des Terrors. Zusammen mit Wolf-Dieter Glatzel, der das Buch ‚Krieg ist schrecklich, mein Kind‘ herausgegeben hat, besprachen die Teilnehmer nicht nur Herrn Glatzes eigene, sondern auch die Erinnerungen vieler anderer Zeitzeugen.

«Dabei wurden die verschiedenen Perspektiven und Emotionen deutlich. Hass, Stolz, Angst und Euphorie über gewonnen Schlachten konnten hier ausgelebt werden und hinterließen den Zuschauer aufgewühlt im Chaos der Ereignisse.»

Die Aufführung übertraf schlussendlich alle Erwartungen, sowohl des erfahrenen Teams als auch der Jugendlichen und der Zuschauer. Nicht nur hatten es die Jugendlichen geschafft, ihr künstlerisches Können unter Beweis zu stellen. Sie haben ihre Zuschauer 90 Minuten lang auf eine Reise nach Krakau, Wolgograd und Berlin genommen, sie an Zeitzeugengesprächen teilhaben lassen, am Besuch verschiedener Denkmäler und an ihrer persönlichen Entwicklung. Die eindrucksvollste Szene sollte das liebevoll benannte ‚Bottle-Battle‘ sein. Auf einer riesigen Landkarte stellen sich die Jugendlichen in ihren nationalen Gruppen gegenüber und spielen mit teils gefüllten Wasserflaschen den Zweiten Weltkrieg nach. Dabei wurden die verschiedenen Perspektiven und Emotionen deutlich. Hass, Stolz, Angst und Euphorie über gewonnen Schlachten konnten hier ausgelebt werden und hinterließen den Zuschauer aufgewühlt im Chaos der Ereignisse. Im Anschluss wurde aus den Tagebüchern dreier Mädchen vorgelesen, die einen persönlichen Zugang zum nackten Kriegsgeschehen schufen. Im Anschluss an das Stück wurde das Publikum dazu angehalten, zur gemeinsamen Diskussion und Reflektion zu bleiben. Als zentrale Rückmeldung stand dabei nicht nur die Wichtigkeit eines solchen Projektes, sondern auch der persönliche Erkenntniszuwachs im Raum.

„Jugend.Erinnerung – Youth.Memory“ leistete einen nicht unmerklichen Beitrag zur Verbesserung der deutsch-russisch-polnischen Beziehungen, auf der Makroebene durch institutionelle Zusammenarbeit und auf der Mikroebene durch die enge Vernetzung der Jugendlichen dieser Länder. Das Projekt hat bei den Jugendlichen zu einem Verständnis für die gemeinsame Vergangenheit beigetragen. Parallel hatte das Stück zum Projekt einen hohen künstlerischen Anspruch und verwendete Theater als Medium, um das kreative Potenzial junger Menschen zu fördern, Geschichte und Orte präsent werden zu lassen und um das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Projekt trug so zu demokratischer Verantwortung, europäischer Integration, künstlerischer Erfahrung und nachhaltiger Partnerschaft zwischen Deutschland, Russland und Polen bei.


«Parallel hatte das Stück zum Projekt einen hohen künstlerischen Anspruch und verwendete Theater als Medium, um das kreative Potenzial junger Menschen zu fördern...»

Franziska Reymann, Projektkoordinatorin

Als Studentin der Polonistik und Russistik habe ich stets drei Perspektiven auf geschichtliche Ereignisse in mir vereint. Schon immer hat es mich fasziniert wie unterschiedlich die Narrative zu geschichtlichen Ereignissen in und aus allen drei Ländern erzählt werden. Als ich von dem Projekt hörte, wusste ich, dass es eine Herausforderung werden würde. Ich wusste allerdings auch, dass es möglich ist.

Am meisten erschrocken hatte mich zu Beginn des Projektes die Schwierigkeit, polnische Teilnehmer zu finden, deren Eltern bereit waren ihre Kinder nach Russland zu schicken. Aus diesem Grund kommen einige unserer Teilnehmer nicht nur aus Krakau, sondern auch aus Warschau. Erst durch die landesweite Ausschreibung konnten wir genügend Jugendliche erreichen und hatten schlussendlich ausreichend Bewerbungen. Besonders gefreut hat mich hingegen die allgemeine Begeisterung für unser Projekt. Bald schien es mir, als sei das Interesse an einem solchen Projekt, das den zweiten Weltkrieg trinational aufarbeitet, stets dagewesen. Von allen Seiten gab es positives Feedback, viele wollten sich ehrenamtlich einbringen.

« Erst im Rahmen der ersten Begegnung wurde mir bewusst, wie viel involvierter die Jugendlichen sind, wenn sie sich mit einem Thema nicht nur in Workshops und Diskussionen auseinandersetzen, sondern das Erlebte mit eigenen Geschichten verknüpfen und künstlerisch verarbeiten.»

Am meisten fasziniert war ich allerdings über die Bedeutsamkeit der künstlerischen Arbeit. Bis dahin war mir die Form partizipativer Kunstprojekte weitestgehend unbekannt und es sollte mein erstes Theaterprojekt werden. Erst im Rahmen der ersten Begegnung wurde mir bewusst, wie viel involvierter die Jugendlichen sind, wenn sie sich mit einem Thema nicht nur in Workshops und Diskussionen auseinandersetzen, sondern das Erlebte mit eigenen Geschichten verknüpfen und künstlerisch verarbeiten. Uta Plate hatte vor Beginn des Projektes mal gesagt, dass wir eine große trinationale Theaterfamilie werden würden. Und sie sollte Recht behalten. Bis heute posten die Jugendlichen regelmäßig auf unserer gemeinsamen Facebook-Seite wissenswertes zum Thema und lassen uns an ihrem Leben teilhaben.

Das Echo zu unserem Projekt und dem Stück war derart positiv, dass wir beschlossen haben, einen Gastauftritt in Warschau zu organisieren, um unser Ergebnis ein weiteres Mal aufzuführen. Einerseits wird es eine große Herausforderung sein, das Stück erneut aufzuarbeiten. Andererseits wird es eine große Familienzusammenführung.

Text: Franziska Reymann


Copyright: Goethe-Institut Russland
Juni 2016
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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Projekt gefördert durch:
  • Bundesbeauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
  • F.C. Flick Stiftung
  • Konrad-Adenauer-Stiftung
  • Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
  • Karl-Weiss-Stiftung

Mitarbeiter:
  • Uta Plate (Regie)
  • Franziska Reymann (Projektkoordination)
  • Birgit Lengers (Dramaturgie)
  • Ronni Maciel Moreira Soares (Choreografie)
  • Lukas Müller (Regieassistenz)
  • Charlotte Grief (Dokumentalistin)
  • Grzegorz Szymanowski (Projektassistenz)
  • Maryna Czaplinska (Koordinatorin Polen)
  • Natalia Leonteva (Koordinatorin Russland)
  • Christiane Bertelsmann (Öffentlichkeitsarbeit)



Foto: Charlotte Grief „Jugend.Erinnerung – Youth.Memory“
Foto: Charlotte Grief











Foto: Charlotte Grief „Jugend.Erinnerung – Youth.Memory“
Foto: Charlotte Grief










Foto: Charlotte Grief „Jugend.Erinnerung – Youth.Memory“
Foto: Charlotte Grief









Franziska Reymann. Foto: Charlotte Grief Als studierte Slawistin widmet sich Franziska Reymann vor allem dem kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Osteuropa, vorrangig im Rahmen von kreativen Jugendprojekten oder Projekten zur Pflege jüdischer Friedhöfe. Neben ihrer Projekttätigkeit ist sie seit Jahren in der Stiftung EVZ im Bereich der Verwendungsnachweisprüfung tätig gewesen. Zudem arbeitet sie seit dem Studium als freiberufliche Übersetzerin oder führt seit neustem als Referentin englischsprachige Besucher durch das ehemalige Stasigefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Neben ihren beruflichen Interessen kümmert sich die gebürtige Berlinerin um ihre zwei Katzen, spielt Gitarre, lernt Sprachen, schreibt Poetry Slams oder reist mit dem Rucksack um die Welt.