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Thema:
Zirkuspädagogik

Land:
Russland

„Hauptsache, es gibt einen Grund weiterzumachen“.

Das Theaterstück „Tochka“

©UpsalaCircus

Schauplatz: Bolzplatz im Schulhof der Sonderschule Nr. 1 (in Petersburger Neustadt). Einen Spielplatz gibt es hier auch: Schaukeln wechseln sich mit Karussellen ab, alles nur für die Kinder. Wir wissen noch gar nichts über die Jugendlichen, die auf einmal auf dem Spielplatz auftauchen und ihn in Stücke schlagen. Wir sehen lediglich 13 Jungs in Schwarz gekleidet – zwar verschiedenen Alters, doch mit der gleichen Aggressivität. Nicht mit einem kindlichen, sondern vollkommen bewussten, erwachsenen und wütenden Hang zur Zerstörung der Welt, die ihnen nicht passt. Lediglich ein paar Elemente des Parcours bleiben auf dem Bolzplatz verschont – des Parcours, der den Jugendlichen in seiner extremen Art gleichermaßen als Vergnügung aber auch als Hindernisbewältigung dient: von Zäunen, Dächern und Bänken usw.

Nach einander rennen die Jungs auf die Manege hinaus, springen hervor, machen einen Salto, fahren mit dem Fahrrad hoch. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit. Der eine erzählt seine Geschichte ins Mikrofon. Für den anderen erkling eine Aufzeichnung, die aus den Lautsprechern dröhnt. Einer von ihnen erzählt, dass er davon träumt, aus Petersburg wegzukommen, um ans Meer zu fahren, der nächste träumt so sehr von einem Motorrad, dass er es sogar im Schlaf sieht, der dritte träumt davon, ganz ganz viel zu baden... Es sind eigentlich ganz normale, rührende Kinderwünsche, bei denen man sogleich den Drang verspürt, sie zu verwirklichen.

Und dann tritt ein kleiner, etwa zehnjähriger Junge hervor und sagt trocken: „Ich habe keinen Traum. Hauptsache bloß kein Trinker werden.“ Und da bricht deine Welt zusammen – weil es einfach nicht möglich ist, diese Worte von einem Kind zu hören. Ein anderer Junge fragt in den aus Sporttribünen zusammengestellten „Zuschauerraum“ hinein: „Und wenn es gar keine Menschen gäbe?“ Im Anschluss klagt ein komischer Rotschopf, während er sich die Nase am Ärmel abwischt, dass er doch bloß eine Tafel Schokolade geklaut habe, und auf einmal war da die Polizei, eine Aussage, das Internat, die weinende Mutter...

Jede Geschichte ist ein Schlag in die Magengrube. Oder bedeutet Tränen, wie nach einem Monolog von der Bühne: „Früher hatte ich Mama und Papa. Mit Papa war ich immer angeln. Nach der Scheidung war alles anders... Nach der Scheidung wollte ich eine eigene Familie haben...“ Eine eigene Familie, um die eigene Lebensgeschichte umzuschreiben, um sein Leben so zu leben, wie es die Eltern nicht vermochten, um zusammen zu sein, um seine Kinder zu lieben. Und doch geschah bei allen Jugendlichen alles nach dem gleichen Muster: Randale – Vorführung – Internat.

«...dass man Kinder lieben, loben, ihnen zuhören, aber ihnen vor allem eine Chance geben muss. Die Chance weiterzugehen,
anstatt auf einer Parkbank herumzulungern und Kleber zu schnüffeln. In der Fachsprache der Pädagogik nennt man das eine soziale Adaptation.»

„Allgemeinbildende Sonderschule Nr. 1. Geschlossene Anstalt für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten“. Diese trockene Formulierung birgt Dutzende von Biografien. Jene Kinder verbringen hier den größten Teil ihres noch sehr kurzen Lebens. Passanten meiden den hohen Zaun, „gute Kinder“ werden schnell daran vorbeigeführt, fast verbindet man ihnen dabei die Augen... Man will die Sonderschulkinder nicht in die Gesellschaft einbinden. Sie werden aus der „normalen“ Welt verstoßen, ohne dass jemand dem Grund für ihren Ausschluss nachginge.

„Tochka“ ist ein gemeinsames Theaterstück des Upsala-Zirkus und der Ersten Sonderschule. Es ist ein Projekt, das laut verkündete, dass es „keine bösen Kinder gibt.“ Dass man Kinder lieben, loben, ihnen zuhören, aber ihnen vor allem eine Chance geben muss. Die Chance weiterzugehen, anstatt auf einer Parkbank herumzulungern und Kleber zu schnüffeln. In der Fachsprache der Pädagogik nennt man das eine soziale Adaptation. Die Regisseurin des Stückes, Larissa Afanasjeva, einige Ausbilder sowie die erfahreneren Künstler des Upsala-Zirkus, die selbst einen steinigen Weg hinter sich haben, nahmen an den Geschichten dieser Jugendlichen selbst teil, indem sie sie nicht wie Raufbolde behandelten, sondern wie fähige Querdenker. Das ist schließlich eine wertvolle Eigenschaft – der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Dafür braucht man sowohl Mut als auch Unverfrorenheit.

Man hatte den Jungen eine Freizeitbeschäftigung angeboten, die sie von dummen Gedanken ablenken und gleichzeitig ihre Zeit sinnvoll einnehmen sollte. Vor allem aber sollte eine für das Zusammenleben in der Gesellschaft unabdingbare Eigenschaft entwickelt werden: Teamarbeit, gegenseitige Aufmerksamkeit, Tuchfühlung. Sie sollten verstehen, dass sie voneinander abhängen – wenn du dem Jüngeren nicht die Hand reichst, wird er wortwörtlich von der Steilwand stürzen. Und das wirst du allein auf dem Gewissen haben.

Den Namen „Tochka“ (wörtl. „Punkt“, gemeint „Treffpunkt, Stammplatz“) haben die Jungen dem Stück selbst gegeben. Ihr Ausdruck „Treffpunkt Stammplatz“ wurde schließlich zum Appellativ. Möglicherweise setzte dieses Theaterstück einen Punkt hinter jede der vorgetragen Geschichten. Möglicherweise ist es aber gar kein Punkt, sondern Gedankenpunkte… Diese setzt man bekanntlich, wenn ein Gedanke geboren wird, den es zu durchdenken gilt.


Natascha Borenko – Bühnenautorin des Projekts:

Normalerweise nehmen wir Jugendliche auf ihren eigenen Wunsch hin in unsere Projekte auf – sie reichen selbst eine Bewerbung ein und kommen zusätzlich zu einem Vorsprechen. Zum Unterrichtsbeginn wollen sie unbedingt dabei sein, weil sie verstehen, wohin sie gekommen sind und wofür – was von Anfang an für einen guten Motivationspegel sorgt. Die Kinder aus der Sonderschule hatten natürlich auch die Wahl, wir haben niemanden gezwungen, nur von dem Projekt erzählt und alle Interessenten eingeladen. Aber die Sache mit der Motivation bei ihnen ist schwierig…

Zum Beispiel zieht der Satz „Wir werden jetzt zusammen dieses Spiel spielen, damit du in drei Monaten dank ihm super vor dem Publikum auftrittst“ nicht. Das Ergebnis ist viel zu weit weg. Wenn man nun zum Beispiel den Parcours nimmt, ist das Ergebnis hingegen sofort sichtbar: Vor fünf Minuten konntest du diesen Sprung noch nicht machen und jetzt kannst du es, noch dazu sind deine Muskeln müde und der Sixpack etwas trainierter. Es ist offensichtlich, dass man im Theater sehr viel weniger vergleichbare Anschaulichkeit und schnelle Wirksamkeit findet. Die Jungs sind daher also zu Recht beunruhigt: „Wozu laufe ich hier jetzt ‘chaotisch im Saal herum‘? Wozu soll ich das tun? Was ist das denn für ‘ne dumme Aufgabe? Komme ich nicht als Depp rüber?“ Diese Momente muss man aufgreifen, sie packen und die Situation schnell anpassen. Und wenn dann mal acht, mal drei, mal wieder andere drei Leute zum Unterricht erscheinen – wobei manche von ihnen lediglich das Gebäude für einen Tapetenwechsel verlassen wollen – und sich wiederum andere einen Spaß daraus machen, dich als junge Pädagogin auf deine Widerstandsfähigkeit zu testen, dann erschwert das die Aufgabe nochmal zusätzlich.

Wir haben uns also entschieden, die Sache von einer anderen Seite anzugehen. Wir begannen „Material zu sammeln“, das heißt die jungen Männer einzeln zu treffen und sie zu interviewen. Dabei achteten wir darauf, diesen Vorgang so komfortabel wie möglich zu gestalten: Wir sind alleine mit dieser Person, sprechen langsam, lange, aufmerksam, ohne zu werten, ohne auf Antworten zu bestehen, wir gehen nur auf die Bereiche ein, in die uns der Mensch selbst Eintritt gewährt. Dann haben wir mit jedem separat besprochen, ob er bereit ist, genau diese Geschichte auf der Bühne zu erzählen, ob er das überhaupt will. Und haben dann mit jedem einzeln alleine geprobt. Im Großen und Ganzen hat das funktioniert.

Außerdem hat sich schließlich herausgestellt, dass sich Trainings unter Einbeziehung von Gruppen-Zirkuskunststücken und Akrobatiknummern (wenn eine Person in die Arme einer anderen fliegt, beispielsweise) hervorragend fürs Team Building, für eine Steigerung von Vertrauen und Aufmerksamkeit und auch für andere sehr wichtige Dinge eignen.

Text: Katerina Pavljutschenko
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut St.Petersburg
Juni 2016
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