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Anna Achmatowa-Museum



Der Palast an der Fontanka beherbergt im sogenannten Fontannyj-Haus (1) nicht einfach nur das Anna Achmatowa-Museum, sondern hütet er ebenso das historische Andenken an die Dichterin, die das tragische Schicksal der Petersburger Intelligenzija im vollen Maße teilte. Jeder Gegenstand im Hause der Dichterin ist ein Zeitzeuge.

Das Literaturmuseum ist seriös und offen zugleich und nicht nur bei Erwachsenen sehr beliebt. Von Frühjahr bis Herbst ist der Museumsgarten der Mittelpunkt des Geschehens. Hier lässt sich sowohl die traditionsreiche Petersburger Lange Nacht der Museen nennen als auch der Dostojewski gewidmete „Do-Day“, sowie sehr individuelle Gigs wie Jazzkonzerte, Kinovorführungen und Diskussionen. Das Museum hat das außergewöhnliche Projekt „Museum + Theater“ ins Leben gerufen. Für viele junge Zuschauer erweist sich gerade der Theaterbesuch im Fontannyj-Haus als der erste in ihrem Leben. Die traditionelle Weihnachtsaustellung ist mit ihrem interaktiven Programm von Dezember bis Ende Januar und mit der Premiere eines neuen Theaterstücks, die auf keinen Fall fehlen darf, ein Magnet für Groß und Klein; es ist ein Ort, der die ganze Familie anzieht. Bei der für Leningrad/St. Petersburg typischen Kinderbuchwoche in den Frühjahrsferien treffen Kinder und Jugendliche im Fontannyj-Haus auf Schriftsteller und erleben neue Buchvorstellungen.

Die Abteilung für Wissenschaft und Aufklärung des Anna Achmatowa-Museums hat innerhalb des Fontannyj-Hauses eine Reihe von Programmen und Aufgaben für Kinder und Jugendliche konzipiert.

«Wir fangen mit dem an, was dem Kind zugänglich und verständlich ist und ihm nahe liegt.»

„Wir fangen mit dem an, was dem Kind zugänglich und verständlich ist und ihm nahe liegt. Wir haben zum Beispiel das Programm ‚Der Koffer vom Dach des Fontannyj-Hauses‘. Es führt das Kind vom Gegenstand hin zu seiner Geschichte und danach weiter zur Poesie“, erzählt Ksenia Menschikowa, Mitarbeiterin der Abteilung für Wissenschaft und Aufklärung des Anna Achmatowa-Museums im Fontannyj-Haus. „Und wenn die Kleinen dann zu uns ins Museum kommen, erzählen wir ihnen, dass das hier einmal ein Palast war, mit einem ungewöhnlichen Schicksal: In einem der Palastflügel hat sich nämlich einst eine Dichterin niedergelassen.“ Es soll hier um die Persönlichkeit der Dichterin gehen – wer sie ist, warum das ein ungewöhnlicher Mensch ist. Die Kinder kommen von alleine auf den Gedanken, dass Dichter eine andere Sicht auf Dinge haben – sie sehen und nehmen die Welt anders wahr, in ihrer Wahrnehmung der Welt werden selbst die gewöhnlichsten Dinge außergewöhnlich.

Den kleineren Kindern wird im Museum von den Dichtern erzählt, die sie vielleicht schon kennen, von Tschukowski und Marschak (2). Man sagt, die beiden seien mit der Dichterin Anna Achmatowa, die hier in diesen vier Wänden gelebt hat, bekannt gewesen. Die Museumsmitarbeiter stellen Rätsel und rezitieren Gedichte von Marschak und Tschukowski sowie Kindergedichte von Mandelstam. Diese Dichter waren mehr als nur Bekannte von Achmatova, sie waren ihre Freunde. Sie besuchten sie hier im Palast und sahen all die Gegenstände in dieser Wohnung. Die Museumsmitarbeiter lesen den Kindern Marschaks Rätsel vor, beispielsweise jenes von der Tür und dem Briefkasten, woraufhin die Kinder die geschichtsträchtige Treppe hochgehen und eben diesen Briefkasten und jene Tür erblicken. Danach gehen sie in der gesamten Wohnung umher, sehen Gegenstände, erraten Rätsel, lauschen Mandelstams Kindergedichten.

So tut sich eine Welt voller alter Gegenstände vor ihnen auf. Doch viele dieser Gegenstände stellen bereits eine Antiquität für die Kinder dar: Sie existieren nicht mehr im Umfeld des modernen Menschen, wie beispielsweise der von Mandelstam lobgepriesene Petroleumkocher, oder sie haben sich in ihrer Form stark verändert. Wenn die Kinder durch die Reihe der Gemächer in das altehrwürdige Esszimmer gelangen, haben sie bereits eine Vorstellung von Dingen, die sie gesehen haben und davon, wie ein Dichter sie betrachten könnte. Im Esszimmer steht der alte Koffer, in dem sich Gegenstände aus einer anderen Zeit häufen, die die Kinder nun herausziehen und einzeln betrachten. Zu jedem Gegenstand denken sie sich Geschichten aus, malen ein Bild und suchen dann im gesamten Museumsbereich einen geeigneten Ort dafür.

«Unsere Aufgabe ist es nicht, die Kinder dazu zu bringen, augenblicklich Dichtung allgemein und speziell die Lyrik Achmatowas liebzugewinnen.»

„Unsere Aufgabe ist es nicht, die Kinder dazu zu bringen, augenblicklich Dichtung allgemein und speziell die Lyrik Achmatowas liebzugewinnen“, fährt Ksenia fort. „Aber uns ist wichtig, dass sie eine Vorstellung vom Dichter als einer besonderen Persönlichkeit bekommen sowie von seinen Gegenständen und Dingen als etwas, das zum Ursprung eines Gedankens werden kann, zum Ursprung der Suche nach einer Gestalt.“

Ein Gegenstand ist ein sehr individueller Schlüssel zu einer bestimmten Gestalt. So kommen die Kinder im Museum schrittweise von einem Gegenstand, den man aus dem Koffer nehmen, in den Händen nesteln, untersuchen, bemalen und über dessen Verwendungszweck und Bestimmung man grübeln kann, hin zur Literatur und Dichtung. Für die etwas größeren Kinder und Jugendlichen sind die Kurse anders aufgebaut: Es wird bereits mit konkreten Texten gearbeitet, Textanalysen werden erstellt. Übrigens ist dafür überhaupt keine besondere literaturwissenschaftliche Vorbereitung nötig, ebenso wenig wie man im Vorfeld die Werke Achmatowas oder Brodskys studiert haben muss.

In Joseph Brodskys Amerikanischem Kabinett – einem seinem Werk gewidmeten Museumsbereich – lesen die Kinder „13 Punkte oder Gedichte über die Entdecker Amerikas“ und suchen dann selbst nach Antworten: Wer waren diese Entdecker, von denen Brodsky schreibt. Wodurch wurden sie berühmt? Und natürlich auch, wie und wann Brodsky selbst Amerika für sich entdeckte. „Wir sagen immer, dass man keine Angst vor falschen Antworten haben sollte“, bemerkt Ekaterina Petschenik, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Amerikanischen Kabinett von Joseph Brodsky. „Uns ist wichtig, dass die Jugendlichen frei heraus sprechen, denn wenn der Leser liest, wird er in diesem Moment dem Autor ebenbürtig – das hat Brodsky selbst so gesehen.“ Ekaterina spricht davon, dass die heutigen Teenager erst hier im Amerikanischen Kabinett erfahren, was beispielsweise „Knochenmusik“ (3) ist, und dass sie hier Originalgegenstände von Brodsky entdecken, sowohl leningrader als auch amerikanischer Art. Zur Wiederholung: Der Gegenstand ist lediglich der Ursprung all dessen, was danach kommt.

„In unseren Kursen soll das Bewusstsein des Kindes erweitert werden. Es versteht, dass Bildung im eigentlichen Sinne sich nicht nur auf Schule, Uni, Lehrbücher usw. beschränkt, sondern, wie im Falle Brodskys, auch Architektur, den Austausch mit Freunden, Musik und Alltag bedeutet“, fährt Ksenia Menschikowa fort. „Wir achten dabei immer darauf, in den Kursen und Diskussionsrunden unbedingt klarzustellen, dass es bei aller Meinungsfreiheit und assoziativem Denken unabdingbar ist, zu lernen, seinen Standpunkt zu begründen – zu erklären warum ich etwas so erlebe und empfinde.“

Ksenia ist sich sicher, dass der Erfolg der Kurse auch von den persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer abhängt: „Wenn du einen Kurs hältst, spürst du sehr, ob ein Mensch bereits viel Erfahrung hat oder nicht – sein Denken ist dann sehr viel offener und weitläufiger, er stellt mehr Hypothesen und Annahmen auf. Wenn er aber nur ‚Schule-Heim-Schule-Heim‘ kennt, fällt ihm das Hinterfragen nicht leicht.“ Nun ist es, wie im Museum betont wird, eben an dieser Stelle wichtig, einander zu(zu)hören – das sorge für Synergie. „Und es ist sehr wichtig, das Hinterfragen bei sich selbst zuzulassen“, unterstreicht Ksenia.

Text: Galina Artemenko
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland
August 2016
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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(1) Das Fontannyj-Haus ist nach dem Kanal Fontanka benannt, an dessen Ufer es liegt. Das Anna Achmatowa-Museum befindet sich im Südflügel des Gebäudes, wo die Dichterin nach der Revolution gelebt hatte. Im Fontannyj-Haus findet man ebenso das Kabinett von Joseph Brodsky sowie das Museum zu Ehren des Dichters Lew Gumiljow.







©Anna Achmatowa-Museum
Foto: Anna Achmatowa-Museum




(2) Samuil Marschak(1887 - 1964) –sowjetischer Schriftsteller; bekannt vor allem durch seine Kinderliteratur

Kornei Tschukowski (1882 - 1969) - sowjetischer Dichter, Übersetzer und Autor zahlreicher Kinderbücher.



©Anna Achmatowa-Museum
Foto: Anna Achmatowa-Museum




©Anna Achmatowa-Museum
Foto: Anna Achmatowa-Museum







(3) Musikfans in der Sowjetunion suchten seit den Vierzigern Wege, die Musikzensur zu umgehen. So wurden geschmuggelte Rock- und Jazzplatten auf alte Röntgenbilder kopiert. Diese weichen Röntgenschallplatten („Knochenmusik“) kursierten auf dem Schwarzmarkt.

©Anna Achmatowa-Museum
Foto: Joseph Brodskys Amerikanischer Kabinett