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Thema:
Tanzpädagogik

Land:
Russland

WADIM KASPAROW, Direktor des Tanzhauses Kannon Dance:
„Kreativitat? Anstand? Tradition? Da sind Sie bei uns richtig"

Foto: Kannon Dance House

„Gibt es in St. Petersburg Modern Dance für Kinder und Jugendliche?" Ja, den gibt es, erwidert Wadim Kasparow, Direktor des Petersburger Tanzhauses, des Modern Dance-Festivals Open LOOK sowie der Landesplattform für Modern Dance Russian LOOK. Das vor zwanzig Jahren von ihm ins Leben gerufene Ensemble war praktisch von Anfang an auf einen professionellen Umgang mit Jugendlichen aus. Die später gegründete Modern Dance School sowie das Festival bestätigen ihrerseits nur die Tatsache, dass Wadim Kasparow und seine Frau, Choreografin Natalia Kasparowa, sich darauf einstellen, im Bereich des Modern Dance ein komplettes Ausbildungssystem in St. Petersburg anzulegen. Die Vielzahl an sozialen Projekten, die Arbeit an der Schule sowie die durchdachte Preispolitik sind nur einige Beispiele für die Strategie der Kasparows. Kontinuierlich bauten sie das Tanzhaus in St. Petersburg, wo Kinder die Hauptrolle spielen.

Wadim Kasparow: Als wir Kannon Dance 1997 gründeten, bestand unsere erste Tanzgruppe aus erwachsenen Tänzern. Doch schon im März 1999 kamen unsere "Baby-Ballerinas" dazu, also Alissa Panchenko, Anna Ozerskaya, Julia Krjukowa. Das war eine richtige A-Mannschaft, eine echte Star-Besetzung. Ich nenne diese Namen, weil diese Mädchen ihrem Beruf treu geblieben und in Fachkreisen bekannt sind. Ozerskaya arbeitet an der schwedischen "Göteborg Opera", Panchenko ist unabhängige Expertin und Krjukowa widmet sich ihrer Gesangskarriere und lehrt Tanz; sie behält den Tanz also als berufliches Element des Geldverdienstes bei.

«Uns ist klar geworden, dass so ein vielseitiger und von allen geschätzter Tänzer harmonisch geboren wird.»

Der Wunsch nach einer Profifirma hatte die Intendantin und Choreografin von Kannon Dance, Natalia Kasparowa, schon immer verfolgt, weshalb sie sich irgendwann entschloss, Profis aus den Kindern zu machen. Wir haben also darüber nachgedacht, wie wir das anstellen sollen. Damals, Ende der 90er, hatten wir wenig Trainererfahrung mit Tänzern, deshalb mussten wir intuitiv handeln. Wir wurden nicht umsonst als Jazzcompany bezeichnet: Jazz war bei uns Grundlage für das technische Training der Altersgruppe 12-14 Jahre. Und als wir über Klassik zum Jazz gekommen sind, und später zum Modern und danach zum Contemporary, haben wir festgestellt, dass das der bessere Weg war, als gleich vom Modern aus zu beginnen. Jazztechnik bietet dem Körper vielerlei technisches Instrumentarium, sie erfordert Körperbewegungen von unterschiedlicher Qualität. So haben sich unsere Schüler im Anschluss alle neuen Techniken leichtfüßig und auf Anhieb angeeignet. Uns ist klar geworden, dass so ein vielseitiger und von allen geschätzter Tänzer harmonisch geboren wird.

Wir bereiten hier nicht auf die Waganowa-Ballettakademie vor, dieses Ziel setzen wir uns nicht; und doch ist das Ballett in unserer Didaktik fundamental, daran gibt es nichts zu drehen und wenden.

«Wir bereiten hier nicht auf die Waganowa-Ballettakademie vor, dieses Ziel setzen wir uns nicht...»

Viele DSHIs (1) mit Schwerpunkt Choreografie haben kürzlich u.a. mit so genannten „Vorprofi“-Programmen zu arbeiten begonnen, die den Schüler zielgerichtet auf Choreografie-Colleges vorbereiten, während die allgemeinbildenden Programme weiterhin nebenbei laufen. Wie ist Ihre Ausbildung aufgebaut?

Wir haben verschiedene Programme, und schon immer gab es auch eine Extraklasse, wo die stärksten Kinder trainierten. Diese Klasse mag unterschiedliche Namen getragen haben, aber existiert hat sie immer. Zertifikate und Urkunden stellen wir nicht aus. Wir haben unseren Ruf und einen großen Erfahrungsschatz. Wer seinen Weg bei uns einschlägt, bleibt in seinem Beruf, wenn er es will, und wenn nicht, dann kann er auch ins Show-Business gehen; wir bieten eben ein großes Instrumentarium und eine Menge „Angelruten“ mitsamt allerlei Haken und Ködern. Oft stolpern wir aber über menschliche Qualitäten – wir haben begriffen, dass wir 60 Prozent unserer Kraft in die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes stecken müssen.

«...wir haben begriffen, dass wir 60 Prozent unserer Kraft in die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes stecken müssen.»

Und wie läuft das in der Praxis ab?

Erziehung nach eigenem Vorbild. Wie meine sehr fleißige 16-jährige Tochter letztens sagte: „Wenn mit deiner Frisur etwas nicht stimmt, dann richtest du sie ja auch an dir selbst und nicht am Spiegel.“ Wir bemühen uns in unserer Gestaltung eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die sich dem widmet, womit wir uns beschäftigen, das ist wichtig. Wir erklären, dass es beim Tanzen nicht ums Geld geht. Wir bemühen uns auch, den Kindern Pflichtbewusstsein und Liebe zum eigenen Tun anzueignen: „Ich gebe alles, koste es, was es wolle.“ Solche Haltung trifft man heute leider selten, dabei ist es eine sehr wichtige menschliche Qualität.

«Alle werden zugelassen.»

Nun denn, zu den Programmen. In unserem Tanzhaus beginnen wir mit der Ausbildung von Fünfjährigen. Alle werden zugelassen. Die Trainingsprogramme umfassen zwei Jahre: 5 bis 6, 7 bis 8 und 9 bis 10 Jahre. Bis 8 Jahre ist eine technische Ausbildung noch nicht nötig, den Glauben an sich selbst und seine eigene Kreativität hingegen gilt es zu bestärken. Sobald ein Kind einen kreativen Zugang zu dem findet, was es tut, wird es den auch für die Zukunft beibehalten. Ungefähr mit 10 Jahren ist es dann vorbei mit der Improvisationsfähigkeit der Kinder, wenn es sie denn je gab; die weicht in ihrem Körper und ihrem Bewusstsein verschiedenen „Wie geht das?“. Fünfjährige haben aber noch kein Schamgefühl und probieren deshalb sehr interessante Dinge aus. Es wäre schön, das zu erhalten. Wir haben also mehrere Programme zur Kreativitätswahrung, die variieren können. Da wäre zum Beispiel das Programm „Tanz und Malerei“. Gruppen von 8- bis 12-Jährigen besuchen die Eremitage und gehen danach ins Studio zurück, wo sie Fetzen von Reproduktionen der in der Eremitage gesehenen Gemälde selbstständig vervollständigen können. Auch Eltern waren mit ihren Kindern im Unterricht, die ihrerseits noch nie in der Eremitage waren – so trägt jeder einen Nutzen davon. Solche Kinderprogramme schätzen wir nun also sehr. Uniformiert gerade an der Stange stehen kann man zum Beispiel wunderbar in Ballettschulen; wir aber erziehen freie, kreative und anständige Menschen.

«Bis 8 Jahre ist eine technische Ausbildung noch nicht nötig, den Glauben an sich selbst und seine eigene Kreativität hingegen gilt es zu bestärken. Sobald ein Kind einen kreativen Zugang zu dem findet, was es tut, wird es den auch für die Zukunft beibehalten.»

Der Übergang zum jeweiligen nächsten Ausbildungslevel ist freiwillig. Der Monatsbeitrag für Kindergruppen fängt bei 1.500 Rubel ca. 20 Euro, Anm. d. Ü. im Monat an. Im Freedom-Studio (die aktuelle Extraklasse) trainiert man werktags täglich zwei Stunden lang, hier beträgt der Monatsbeitrag 4.000 Rubel. Wir bemühen uns, nicht mit Preisen abzuschrecken. Ich bin selbst mehrfacher Vater und orientiere mich aus eigener Erfahrung an einem Familienbudget. Der Preis bestimmt deine Klientel. Wenn du es sehr billig hältst – „Angebot“, „Erster Monat gratis“ usw.–, gibt es einen kurzweiligen Boom und Menschenmassen rennen dir das Studio ein – aber du ruinierst damit augenblicklich die Atmosphäre im Studio. Das habe ich einmal bei unseren Nachbarn erlebt. Atmosphäre schaffen die, die dort trainieren. Bei uns trainieren sehr viele Studenten der St. Petersburger Staatlichen Universität (SPbGU). Sie finden an der Schule das, was sie nährt, was sie erfüllt. Viele kommen jahrelang und wir sind natürlich froh, denn unsere Arbeit zielt nicht auf Masse ab. Wir haben im Großen und Ganzen eine Schule von sozialer Verantwortung, denn Kinder, Jugendliche und Studenten sollten die Möglichkeit haben, preiswert ausgebildet zu werden.

Waren Sie die Ersten Ihrer Art in St. Petersburg?

Nein, wir waren nicht die Ersten, aber wir haben als Erste damit begonnen, ein Überlebenssystem für modernen Tanz in St. Petersburg aufzubauen.

Und was verstehen Sie unter System?

19 Jahre schon hält uns der Wunsch nach der Gründung eines echten „Tanzhauses“ in St. Petersburg in Schach. Die Tanzschule ist unsere Grundlage. Sie bringt das Geld für die Erhaltung der Truppe ein und ermöglicht es uns, ausländische Lehrkräfte einzuladen. Inzwischen haben wir auch unser BlackBoxTheater mit 60 Plätzen in unseren Räumlichkeiten auf der Kasanskaja. Wir führen die Festivals Open Look, Dance 4 Kids, die Landesplattform für Modern Dance Russian Look sowie verschiedene Tanzprojekte durch. Schule, Theater, Truppe und Festival bilden unser System. Ich hoffe, dass es bald einen Lehrstuhl für modernen Tanz an einer der St. Petersburger Hochschulen geben wird. Daran arbeiten wir zurzeit.

Wer beschäftigt sich auf dem Markt außer Ihnen noch mit moderner Kinderchoreografie?

Feste Kinderteams sind traditionell ein Bestandteil der DSHIs, aber sie haben ein anderes Koordinatensystem. Bei ihnen geht es um den Wettbewerb, große Mannschaften, Preise, um das Streben nach dem ersten Platz. Ich kenne dieses System, wir lehnen es für uns ab. Dafür haben wir unser eigenes Ding: das Festival Dance4Kids. Hierfür suchen wir Teams, denen es um den Lernprozess geht und die Stücke in Spielfilmlänge inszenieren. Kinderensembles aus Tscheboksary, Salekhard und Ufa kommen in diesem Rahmen zu uns – es ist also eine allrussische Sache. Einmal hat die Direktorin eines ähnlichen Festivals im deutschen Burghausen einen gewagten Kurs eingeschlagen: Kinder sollten für Kinder inszenieren. Auch solche Stücke gibt es bei uns. In einem Kind weckt das früh das Potenzial zum Regisseur. So arbeiten wir eben, Schritt für Schritt und ohne Eile. Unsere nächste Spezialisierung soll in Richtung Kreativitätsentwicklung bei Kleinkindern gehen, genauer gesagt soll der Glaube an ihre Kreativität durch eine Inszenierung von Kindern für Kinder gestärkt werden. Das visieren wir gerade an.

«Hierfür suchen wir Teams, denen es um den Lernprozess geht und die Stücke in Spielfilmlänge inszenieren.»

Hat ein Tanz schon mal Wunder angerichtet?

Hier ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Eine Mutter brachte einmal ihre Tochter zum Training zu uns, die vorher von zuhause weggelaufen war und regelmäßig in Jugendgruppen rumhing. Nun gut, das Mädchen vertiefte sich also so sehr in den Tanz und fand sich darin wieder, dass sie den kompletten Zyklus unserer Ausbildung durchlief und nun an einer europäischen Tanzakademie eingeschrieben ist. Das ist unsere Geschichte, unser Sieg – die soziale Seite der Wirksamkeit von Tanz! In unserem öffentlichen Bildungssystem wird nicht genug bedacht, was Kunst mit Menschen machen kann.

Wir hatten auch einmal eine Anti-Drogen-Kampagne. Wir haben in üblichen allgemeinbildenden Schulen Workshops veranstaltet, Konzerte gegeben, also durch das „Andere“ neugierig gemacht. Im Körper eines Menschen werden Endorphine, also „Glückshormone“, ausgeschüttet, wenn er länger joggen geht oder wenn er Alkohol oder Drogen konsumiert. Tanzen ist eine Anstrengung, die mit Sport vergleichbar ist, nur bemerkst du sie gar nicht. Damit ein Kind das versteht und den Tanz in sein Leben lässt, muss man ihm zeigen, was das ist, und ihn tanzen lehren.

«In unserem öffentlichen Bildungssystem wird nicht genug bedacht, was Kunst mit Menschen machen kann.»

Wadim, was ist für Dich jetzt wichtig? So viel ist schon getan, dass es unmöglich scheint, sich noch etwas Neues auszudenken.

Jetzt besteht meine Aufgabe darin, unser System im Tanzhaus unabhängig von Wirtschaftskrisen und Kollapsen aufrechtzuerhalten... und auch darin, den Bildungskontext zu erweitern. Wir möchten als Tanzhaus den Status einer öffentlichen Einrichtung erlangen. Denn bald zählen wir 20 Jahre, wir haben vieles mitgemacht, und doch hat das Tanzhaus Rannon Dance seine Stabilität und Widerstandsfähigkeit bewiesen.

Text: Jekaterina Wasenina
Ubersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland
August 2016
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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Foto: Kannon Dance House Wadim Kasparow













Foto: Kannon Dance House Foto: Kannon Dance House








(1)Die DSHI (Detskaja schkola iskusstw, üb. „Kinderschule der Künste“) ist eine öffentliche Bildungseinrichtung in Russland. Neben den Sport-, Kunst- und Musikschulen für Kinder und Jugendliche sowie wissenschaftlichen Klubs bildet sie einen Bestandteil der öffentlichen Institutionen für zusätzliche Kinderbildung.












Foto: Kannon Dance House Foto: Kannon Dance House














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