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Thema:
Musikerziehung

Land:
Russland

Wir lernen Musik hören.

Die Neue Musikschule: Wo Kinder und Erwachsene zeitgenössische akademische Komponisten kennenlernen

©Alexandrinski-Theater

In den letzten Jahren sind in Petersburg an ganz unterschiedlichen Orten mehr und mehr musikalische Projekte und Programme für Kinder entstanden. Hierzu zählen sowohl Konzerte, die speziell für junge Zuhörer konzipiert wurden, als auch bestimmte Übungen, die eine ganzheitliche, harmonische Entwicklung des Kindes fördern. Ebenso gibt es Konzerte, bei denen das Publikum in einen gemeinsamen musikalischen Prozess mit einbezogen wird – sodass die Kinder nicht einfach nur im Saal herumsitzen, sondern aktiv an dem teilnehmen, was auf der Bühne vor sich geht. Wir haben hier die drei aus unserer Sicht interessantesten Projekte ausgewählt und präsentieren Ihnen im Folgenden ein Interview mit Begründern und Organisatoren.

Im Jahre 2014 betstand auf der Neuen Bühne des Alexandrinski-Theaters erstmals das Angebot eines Abonnements namens "Neue Musikschule"(NMS) . Die Konzerte und Workshops, die im Rahmen der NMS angeboten werden, machen Kinder, Eltern und Lehrer mit zeitgenössischer akademischer Musik bekannt. In Russland war die NMS ein erster Versuch umfassender Bildung für die ganze Familie auf diesem nicht ganz einfachen Gebiet.

Hintergründe und Ziele

In St. Petersburg gibt es eine Vielfalt an Angeboten musikalischer Bildung für Kinder. Hier lernen sie russische und ausländische klassische Komponisten kennen, hier wird ihnen vom Aufbau eines Orchesters und den Bezeichnungen der jeweiligen Instrumente erzählt. Doch keines dieser Programme geht darauf ein, was heutzutage in der akademischen Szene vor sich geht. Die Kinder (und auch die meisten Erwachsenen) haben keine Ahnung, wie die aktuellen zeitgenössischen Komponisten heißen. Sie wissen nicht, wie deren Werke heißen, geschweige denn wie sie klingen. Und ebenso wenig ahnen sie, wie eng akademische Musik in Verbindung mit moderner Technologie stehen kann.

Wozu soll ein Kind zeitgenössische Komponisten kennen?, könnte man meinen. Viel logischer ist, ihm die Grundlagen beizubringen, die neuesten Strömungen soll es dann schon selbst erkunden, wenn es erwachsen ist. Aber genau darum geht es - wenn sie groß sind und endlich mit akademischer Musik in Berührung kommen, empfinden die Kinder diese zumeist als schockierend und abstoßend. "Richtig und schön" klingen nur Tschaikowski, Beethoven, Chopin und Vivaldi, so sind sie es gewohnt... Das, was Sergei Newski, Boris Filanowski und andere nationale und internationale Komponisten bieten, können sie einfach nicht verstehen, denn darauf ist ihr Koordinatensystem nicht ausgelegt.

Wenn aber in der Welt des jungen Zuhörers Vergangenheit und Gegenwart von Anfang an koexistieren, gewöhnt er sich gleich an und akzeptiert die Tatsache, dass akademische Musik sehr unterschiedlich sein kann - mit Video-Art und ungewöhnlichen Notensätzen. Dass schließlich lebendige Menschen diese Musik schaffen, mit denen man sich sogar unterhalten kann. Und dieses wundersame, lebendige und zeitgenössische Ganze ist ausgerechnet der Klassik erwachsen, so sehr es sich schlussendlich auch von ihr unterscheiden mag.

Boris Filanowski, Komponist, führender Experte des Abonnements "Neue Musikschule":
"Neue Musik - und speziell die eben erst oder vielleicht gestern Abend aufgezeichnete - ist vor allem frei von einem vorgegebenen Verhältnis zu ihr, frei von etablierten Wertungen und autoritären Kanons. Auf ihrem Gebiet sind alle Zuhörer gleich, gleicher zumindest als in einem klassischen Konzert. Alt und jung, naiv und erfahren, Botaniker und Draufgänger wissen gleichermaßen wenig darüber, welche Musik sie erwartet und wie sie zu ihr stehen sollen. In gewisser Weise sind sie alle erwachsene Kinder, die sich an die Spielregeln der Realität herantasten."

Das Abonnement der Neuen Musikschule ist die Antwort auf eine unausgesprochene (und wahrscheinlich nicht einmal zu Ende formulierte) Anfrage - auf die Anfrage nach einem Einblick in die aktuelle musikalische Wirklichkeit. Wobei dieser nach Möglichkeit so schillernd und unterhaltsam gestaltet sein sollte, dass es für jeden Zuschauer von 6 bis 96 interessant bleibt.

Anna Infantjewa, damalige Programmleiterin der Camera-Obscura-Stiftung für kulturelle Förderung, ist zur Autorin und Kuratorin des Projektes geworden. Als eine der fortschrittlichsten Plattformen für Theater hat die Neue Szene des Alexandrinski-Theaters ihre Idee aufgegriffen. Die Verwirklichung der Idee hat die Mikhail Prokhorow-Stiftung begünstigt.

Aus den Reaktionen:
"Jedes Abo-Konzert hat sein eigenes Motiv, in dem sich zeitgenössische Musik den jungen Zuhörern als Tätigkeit, Spiel, Invention und künstlerischer Dialog zugleich offenbart, also als eine Welt voller Sinnhaftigkeit und menschlicher Initiative. Eine solche Strategie im Prozess der Umwandlung des Komplizierten und Unverständlichen ins Nachvollziehbare und Interessante befreit sowohl die moderne Musik als auch ihren Zuhörer."
(Elena Khodorkowskaja, Inhaberin des Lehrstuhls für interdisziplinäre Forschung und Praxis in der Kunst an der Fakultät für Freie Künste und Wissenschaften, SPbGU).

Wie das gemacht ist

Von September 2014 bis Oktober 2015 fanden insgesamt fünf Abo-Vorstellungen auf der Neuen Bühne des Alexandrinski-Theaters statt, zwei Workshops und drei Konzerte. Den Hauptteil des Programms spielte das St. Petersburger Orchester für zeitgenössische Musik eNsemble unter der Leitung von Fedor Lednew. Die interaktive musikalische Gestaltung vereinte Familien-Publikum und zeitgenössische Komponisten sowie Musiker, Medienkünstler und Kuratoren.

Anna Infantjewa, Autorin und Kuratorin des Projektes:
"Die Neue Musikschule besteht aus einer Reihe von Konzertdialogen zwischen den Komponisten und den jungen Zuschauern. Im Programm finden sich Konzerte in Form von Theaterstücken, Workshops und Wettbewerben. Die Musikstücke werden nicht einfach nacheinander gespielt, wie es auf dem Plakat heißt; sie werden stückweise wiederholt und anhand von ihnen wird illustriert, woraus Musik besteht. Und: Man kann den Komponisten alle möglichen Fragen stellen, selbst die schwierigsten, kompliziertesten oder auch die dümmsten."

Neue Musik

Die Gäste der NMS durften zwei Premieren miterleben; eine davon fand bei der Eröffnung des Abonnements unter dem Titel "Duell der Komponisten" statt. Zwei Versionen von "David und Goliath" lieferten sich hierbei untereinander ein Gefecht. Die erste stammt von Johann Kuhnau, einem Komponisten des 17.-18. Jahrhunderts, die zweite von unserem Zeitgenossen Anatoli Korolew. Ursprünglich hatte Kuhnau seinen "David und Goliath" auf dem Cembalo gespielt, bis eNsemble sein Arrangement für das Orchester zum Besten gab. Danach erklang schließlich Korolews Antwort. Im Finale erklärten Anatoli Korolew und Boris Filanowski (der Abonnement-Experte), wie das zeitgenössische Werk mit dem Original in Dialog tritt, und beantworteten natürlich die Publikumsfragen.

Die zweite Premiere fand ein Jahr später statt. Eigens für die NMS schrieb Boris Filanowski die Komposition "Der Lauf der Dinge". Das Genre des Werkes bezeichnete der Komponist als "Experimente zur Vermessung der Zeit anhand von Musikinstrumenten." Das Video zum Konzerte erstellte Medienkünstler Patrick K.-H. Und einmal mehr hatte großes und kleines Publikum die Gelegenheit, nicht nur zeitgenössische Musik zu hören, sondern auch mit einem ihrer Autoren ins Gespräch zu treten.

Aus den Reaktionen:
"Viele sprechen davon, dass man das Publikum schulen, es erziehen muss - aber wie? Genau so! Es ist sehr wichtig, anschaulich und verständlich Parallelen zwischen Werken verschiedener Epochen zu ziehen und die Unterschiede aufzuzeigen; das Publikum fühlen zu lassen, wie damals das Verhältnis zur Entstehung eines Werkes war, zu seiner Sprache, seinem Inhalt und seiner Ausführung... Und wie man heute dazu steht."
(Konstantin Sumenkow)

Nicht nur Premieren

Ein anderes wichtiges Ereignis war das zweite Konzert des Abonnements, "Ein (Nicht-) Kinderalbum". Hier erklangen die allseits bekannten Melodien von Tschaikowskis "Kinderalbum" sowie zeitgenössische Reaktionen darauf. Dieser Programmpunkt wurde dem St. Petersburger Publikum vom Moskauer Orchester für Moderne Musik (MASM) dargeboten. In diesem Konzert standen Erwachsene und Kinder gemeinsam auf der Bühne. Solisten des MASM trugen moderne Werke vor, Tschaikowskis Kompositionen wurden von den Gewinnern des Wettbewerbs für junge Pianisten gespielt, der von der Camera-Obscura-Stiftung gemeinsam mit der Schostakowitsch-Schule Nr. 235 durchgeführt worden war.

Außerdem wurden im Rahmen der NMS noch zwei Medien-Workshops organisiert - "Gemalte Musik" und "Musikalischer Baukasten" -, in denen Kinder Ton in Videos umwandeln und ungewöhnliche Musikinstrumente austüfteln konnten.

Auf der Suche nach der gleichen Sprache

Die einzige Schwachstelle der NMS 2014-2015 war allerdings die Wortwahl. Zwischen dem Publikum und der Bühne war schnell eine Verbindung hergestellt, denn die Zuhörer waren aufmerksam und stellten Fragen. Leider klangen aber viele Erklärungen der Autoren darüber, wie ihre Musik aufgebaut ist, zu kompliziert.

Vladimir Rannew, Musikkritiker und Komponist:
"...Das ist ein altbekanntes Problem, denn wir wissen schon lange, dass Musikwissenschaftler um einiges weiter von Musikliebhabern entfernt sind als, sagen wir, Kunsthistoriker von Liebhabern der Malerei. Und diese Distanz ist dann besonders groß, wenn du es mit einem Zuschauerraum voller Kinder zu tun hast. Hier hilft allein ein für die kindliche Wahrnehmung sehr wichtiger Umstand: das Interesse. Es ist hier wichtiger als die Zugänglichkeit, denn letztere kommt unbedingt, wenn ersteres geweckt ist."

Das Ziel, das Interesse der Zuhörer für zeitgenössische akademische Musik zu wecken und aufzuzeigen, dass sie ein interessanter Teil im Leben eines modernen Menschen sein kann, wurde allerdings erreicht.

Text: Anastasija Zubareva
Ubersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland
August 2016
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