Magazin

Das einzige zweisprachige Online-Magazin für Projekte der kulturellen Bildung aus Russland und Deutschland. Jede Woche ein neuer Text! Sie können die Auswahl durch die Filterkriterien Themen und Länder eingrenzen..

Filter zurück setzen

Die Neue Farm als Sprungbrett in die Welt der Museen

Музей Новая Ферма

„Wir geben keine einzig wahren Antworten – wir schaffen die Bedingungen für Ihre persönlichen Entdeckungen und Werke“, lautet das Zitat aus einem der vielen methodischen Museumsmaterialien zur Neuen Farm im Alexandria-Park des Staatlichen Museums und Naturschutzgebietes „Peterhof“(1).

Eben die Neue Farm ist zur Entdeckung der laufenden Saison in „Peterhof“ geworden; auf dem „InterMuseum“-Festival 2016 wurde die Neue Farm sogar von einer hochrangingen Jury zum besten Projekt im Bereich der Museumsbildung gewählt.

Das Museumszentrum Neue Farm liegt in einer romantischen Parklandschaft im Stile eines englischen Gartens, die geheime, fast schon waldähnliche Ecken und versteckte Pfade birgt, und da plötzlich öffnet sich der Blick auf Wiesen, Schlösser und den Meerbusen. Alexandria ist die verschlossene Welt des Zarengeschlechts. „Hier will ich lediglich Gemahl der Peterhofer Gutsbesitzerin sein“, sprach Nikolai I., als er seiner Gemahlin Alexandra Fedorowna dieses Terrain schenkte und den Park ihr zu Ehren benannte. Das waren Zeiten der Leidenschaft für das Mittelalter, weshalb die hiesigen Schlösser im neogotischen Stil erbaut wurden, das Gleiche gilt für die romantische Ruinenbrücke sowie die gotische Kapelle und den Brunnen. Hier in Alexandria wurde für die Zarenkinder ein Sportplatz mit Schaukeln, einem Reck und vielem mehr errichtet. Ebenso wurde die Farm angelegt, um den Zarenkindern zu demonstrieren, woraus das Bauernhandwerk besteht.

Somit wurde die Farm als Modellhaushalt konzipiert und entwickelte sich zu einem einzigartigen Ort für neue Technologien und des Weiteren einfach zu einer schönen Anlage im englischen Stil – es wurde zu einem romantischen, gemütlichen Häuschen mit vielerlei Anbauten, einem Innenhof und neogotischen Fenstern.

«Das Musemszentrum sollte seinerseits ein Ort werden, an dem Kinder wie Erwachsene alles über das Museum erfahren können, über Museumsberufe und technologien.»

Alexandria überdauerte seine Besitzer, die Revolution, Krieg und Besetzung, Verwahrlosung und Vergessenheit. Der untere Garten wurde in den 60ern gesprengt, im Cottage und Farmschloss Wohngemeinschaften gegründet, woraufhin die Gebäude schließlich lange Zeit leer standen. Die Neue Farm hatte schon als Garage und Kunstschule herhalten müssen. Heute aber ist sie eins der modernsten Museumszentren. Seine Erschaffer hatten sich eine Aufgabe gestellt, die sie hervorragend bewältigten – nämlich die Geschichte dieses Parks, dieses Gebäudes im zeitgenössischen Museumszentrum für Kinder wieder aufleben zu lassen, ohne dabei die Farm selbst wiederherzustellen. Das Musemszentrum sollte seinerseits ein Ort werden, an dem Kinder wie Erwachsene alles über das Museum erfahren können, über Museumsberufe und technologien. Es war die Aufgabe, jeden Gegenstand – bis hin zum Waschbecken – keinen Zufall sein zu lassen, sondern ihn als Hilfsmittel zur Entdeckung der Welt in Alexandria einzusetzen, der Welt um das Museum und Naturschutzgebiet „Peterhof“ herum, und mehr noch – zu Entdeckung der Welt der Museen als eine der wichtigsten kulturellen Institutionen eines jeden Staates. Die Aufgabe, dies für jeden einzelnen Zuschauer interessant zu gestalten.

Anna Sirro, Leiterin des Museumszentrums Neue Farm, führt mich durch dieses zauberhafte Haus: Wie soll man das Interesse eines Kindes von Anfang an wecken, damit seine Neugier ihm Fragen danach stellt, was hier vor langer Zeit, vor eineinhalb Jahrhunderten geschah? Die Kinder brauchen doch sicher dünne Handschuhe, denn Museumsgegenstände dürfen doch nur in Handschuhen angefasst werden, richtig? Und so nehmen die Kinder mit ihren Handschuh-Händen 50 bis 70 Jahre alte Gegenstände oder Repliken von den Regalen. Eine Karaffe, eine Wärmflasche, eine Schöpfkelle, ein Samowar, ein Rechen. Mancher Gegenstand war ein Geschenk, ein anderer wurde erworben. Durch die Bekanntmachung mit einem Gegenstand und seinem Verwendungszweck offenbart sich die Geschichte der Neuen Farm, die im Mai 1855 eröffnet wurde.

«Die Kinder brauchen doch sicher dünne Handschuhe...»

Das ist das Empfangszimmer. In den neogotischen Fenstern erkennen wir echte Glasmalerei. Lichtstrahlen durchdringen die Fenster und brechen sich an den bunten Gläsern. Hier in diesem Zimmer wird über das Mittelalter gesprochen. Es wird erzählt, warum dieser Park zu Zeiten Nikolai I. ausgerechnet so gebaut wurde, warum die Huldigung des Rittertums damals so populär war.

Wir gehen weiter und kommen ins Gästezimmer im für die höfischen Gästezimmer der zweiten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts typischen Stil. Hier steht beispielsweise ein antiker Schreibtisch mit vielerlei Schubladen. Wir ziehen eine nach der anderen heraus und finden einen dünnen seidenen Ballhandschuh, ein Perlenportemonnaie sowie einige andere Objekte der weiblichen Toilette vor. Sollen wir über Bälle sprechen? Natürlich. Und über die altertümliche Kleidung, denn in diesem Gästezimmer sitzen ungewöhnliche Schaufensterpuppen auf den Simsen. Sie tragen authentische, aus alten Stoffen von Hand geschneiderte Kleidung nach der Mode der 1850er Jahre. Alle Details können aufs Genaueste untersucht und betrachtet werden: Schühchen, Handschuhe, Röcke.

Hier im Gästezimmer kann man sich auch mit den Museumsberufen bekannt machen. Davon gibt es im Naturschutzgebiet und Museum „Peterhof“ 106, genauer vorgestellt werden bisher aber nur acht. In einem weiteren antiken Schrank findet sich hier ein echtes Puppentheater, wo Stücke über die alte Farm und Kühe mit ungewöhnlichen Namen aufgeführt werden (auf der Zarenfarm trugen die Kühe nun tatsächlich sehr romantische Namen) sowie über den Gärtnersjungen Sascha und den Architekten Le Blond, der einen Plan von Peterhof zeigt.

Wenn man sich im Gästezimmer an den runden Tisch setzt, wird man herausfinden, wie man früher ohne Fernseher und Tablett mit echten Spielen Müßiggang betrieb. Fünfzehn historische Spiele stehen denjenigen zur Verfügung, die sich entschieden haben, sich die Spielregeln hier auf der Neuen Farm anzueignen. Darüberhinaus konnte man, wie sich herausstellt, im Sommer Blätter für ein Herbarium im Park sammeln, um es dann im Winter zu bestaunen.

Wir gehen weiter, denn es kommen noch viele Räume. Dort stehen Kästen überall auf dem Boden, sie türmen sich fast bis zur Decke, je nach Projekt kann man sie raus- und reinschieben oder befüllen. Auf der „Langen Nacht der Museen“(2) wurden hier die verschiedensten seltenen Gewürze verteilt. Damals ging es um das „Kabinett der Spezialitäten“ – auch das gibt es auf der Neuen Farm – sowie um all die Spezialitäten, die aus fernen Ländern importiert wurden. Diese zauberhaften Kästen bieten Platz für, wie man heute so schön sagen würde, „beliebigen Content“.

Wo früher Milch gelagert wurde, ist heute ein weitläufiger Raum: Im ehemaligen Kühlhaus kann man mittlerweile einen Film anschauen, ein Spiel spielen oder sich aus den von Peterhofer Fontänen inspirierten wundersamen Filztieren und Vögeln seine eigene Zauberwelt basteln.

«Das Programm #Museum zum Beispiel bietet erste Schritte im Programmieren und eine Heranführung an verschiedene Museumstechnologien anhand der Peterhofer Museen.»

Im früheren Kuhstall – zu Sowjetzeiten eine Garage – kann man sich mit einem Modell der Peterhofer Wasserleitungssysteme bekanntmachen. Das Modell ist intelligent angelegt und mit besonderen Griffen versehen, die es erlauben, die Fontänen „in Betrieb zu nehmen“, wenn eine Frage richtig beantwortet wird.

Über die Neue Farm kann man lange schlendern – schlendern und sich wundern, wie viele Benutzerübungen, Abenteuerspiele und Möglichkeiten hier für Kinder verschiedenen Alters und ihre Eltern geboten werden. Das Programm #Museum zum Beispiel bietet erste Schritte im Programmieren und eine Heranführung an verschiedene Museumstechnologien anhand der Peterhofer Museen. „Wir wollen den von den neuen Technologien Verunsicherten die Angst vor der Technik nehmen und sie in die Welt der Museen eintauchen lassen“, erzählt Alexander Botenkow, führender Spezialist des Staatlichen Naturschutzgebietes und Museums „Peterhof“. „Am Beispiel dreier Peterhofer Museen – des Farmschlosses, der fürstlichen Lustschlösser sowie der Zarin- und Olga-Pavillons – zeigen wir, wie ‚technisch’ solche zeitgenössischen Museen doch gestaltet sind, wie der Raum gestaltet ist, woher das Licht einfällt, wo die Navigation verläuft, wie Objekte exponiert werden.“ Und im Anschluss an all das nehmen Kinder das Museum schließlich nicht mehr als einen trostlosen Ort wahr, wo man lediglich dem Museumsführer Gehör schenken und sich leise durch die Räume bewegen muss. Sie sehen, dass Museen lebendig sind und sich entwickeln, dass sie sich verändern und offen sind für neue Ideen und Technologien.



Text: Galina Artemenko
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland
August 2016
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



SCHLIESSEN

DRUCKEN




(1)Peterhof ist eine Stadt bei St. Petersburg. Sie ist am Südufer des Finnischen Meerbusens gelegen. Peterhof wurde 1710 als Vorstadtresidenz der Zarenfamilie angelegt. Aktuell dient das Museum und Naturschutzgebiet „Peterhof“ als Gedenkstätte der Weltarchitektur und der Kunst der Schlossparkanlagen des 18.- und 19. Jahrhunderts.


©Museum Novaja Ferma Fоtо: ©Das Museumszentrum Neue Farm









©Museum Novaja Ferma Fоtо: ©Das Museumszentrum Neue Farm









©Museum Novaja Ferma Fото: ©Das Museumszentrum Neue Farm









(2) Die „Lange Nacht der Museen“ wird jährlich im Rahmen des internationalen Museumstages durchgeführt. An diesem Tag öffnen die Petersburger Museen ihre Türen für die Besucher traditionell abends und nachts und bereiten ebenso ein Spezialprogramm mit Ausstellungen, Konzerten, Theaterstücken, Workshops, historischen Nachstellungen usw. vor.




©Museum Novaja Ferma Fоtо: ©Das Museumszentrum Neue Farm