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Kinder und Bücher.
#1. Der Verlag als Bildungsprojekt

Издательство Самокат

Wie soll man einem Kind das Lesen nahebringen? Welche Rollen können Institutionen für kulturelle Bildung in diesem Prozess spielen? Kubi startet eine Reihe von Texten, die dem Problem des Kinderlesens gewidmet sind, mit einer Erzählung über die Tätigkeiten eines Buchverlages und zwar anhand des Beispiels des Verlagshauses Samokat.

So wie der Dichter in Russland mehr als ein Dichter ist, so ist auch der Verleger in vielerlei Hinsicht mehr als nur ein Textproduzent. Wie die Praxis zeigt, ist das besonders dann der Fall, wenn der Verleger Bücher für Kinder und Jugendliche herausgibt. So hat es sich in Russland ergeben, dass ausgerechnet die literarische Bildung von Kindern und Jugendlichen vielen Erwachsenen heilig ist (was als Praxis zweifellos aus unserer sowjetischen Vergangenheit hervorgeht). Zu diesem Thema wird vehement diskutiert, in der Kinder- und Jugendliteratur wird nach bösen Absichten gesucht und versucht sie zu filtern und durch Altersbegrenzungen einzuschränken. Und genau deshalb hat die Arbeit eines Kinderbuchverlages in Russland einen besonderen Stellenwert unter den Verlagen. Und wenn ein Kinderbuchverlag dann auch noch neue und übersetzte Texte herausgibt, hat er es gleich dreimal so schwer! Allerdings natürlich, auch dreimal so interessant.

Viele Jahre lang waren Hunderte von Kinder- und Jugendbüchern aus Europa und eigentlich aus der ganzen Welt, wegen des „Eisernen Vorhangs“ und der ideologischen Zensur für den russischen Leser unzugänglich. Wie viele wunderbare Texte in dieser Zeit doch veröffentlicht worden waren! Den kleinen sowjetischen Leser erreichten und berührten lediglich Rodaris „Cipollino“, weil Rodari Kommunist war und wie durch ein Wunder, die Bücher Astrid Lindgrens – Lilianna Lunginas übersetzerischem Talent und Enthusiasmus sei dank.

Auch nach der Perestroika waren die konservativen Tendenzen in Kinderbuchverlagen sehr dominant. Es ist erstaunlich, dass seit Anfang der 1990er Jahre unter den neueren bekannten Kinderbuchautoren nur einige wenige namhafte Schriftsteller dabei waren. In Verbindung mit der Veränderung der Lebensumstände vieler Eltern im Land, die bereits Zugang zu interessanten und qualitativen Texten hatten, bildete sich allmählich die Nachfrage nach einer zeitgemäßen und die Problematik des Lebens der Kinder thematisierenden qualitativen Kinder- und Jugendliteratur heraus.


«Und so begann der Weg von Samokat zu seinen Lesern mit dem Bericht von bestehenden und sich von sowjetischen Werken grundlegend unterscheidenden Texten.»

Unter diesen Umständen begann im Jahr 2003 das Verlagshaus Samokat seine Tätigkeit. Das anfängliche Konzept des Verlages bestand darin, Kinder- und Jugendtexte bekannter Autoren von „Erwachsenenprosa“ vorzustellen – also a priori gute Literatur, wenn auch für den kleinen Leser.

„Sie wollen doch gute Bücher lesen!“, wandte sich Samokat an seine Leser. „Warum sind Sie dann so anspruchslos mit Kinderliteratur?“ Der Verlag machte gerade die Bildungsarbeit zu Hauptmission und Methode zugleich. Denn es stellte sich heraus, dass Kultnamen oder prestigeträchtige Auszeichnungen, wie beispielsweise der Hans-Christian-Andersen-Preis oder die Newbery Medal, den russischen Leser wenig beeindruckt. Und so begann der Weg von Samokat zu seinen Lesern mit dem Bericht von bestehenden und sich von sowjetischen Werken grundlegend unterscheidenden Texten. Als effektiver „Zug“ stellte sich damals eine Live-Lesung von Daniel Pennacs Der Hund und das Mädchen (fr. Cabot-Caboche) im Radiosender „Moskauer Echo“ heraus. Gelesen wurde das Buch vom einem bekannten Moderator und das erwachsene Publikum stellte fest, dass der „kindliche“ Inhalt Diskussionsstoff bieten und dabei interessant, bewegend, ohne Anspielungen und trotzdem verständlich sein kann.

Es wurde also klar, dass der Weg zum Leser über die allgemeine Aufmerksamkeit für Kinderliteratur führt. Einfach ein Buch herauszugeben, reichte offensichtlich nicht aus, weshalb sich die Verleger daran machten Wikipedia-Seiten zu bestimmten Autoren anzulegen, ihnen und anderen gewidmete Ausstellungen zu organisieren und den Kontext eines Textes und seines Erscheinens zu beleuchten. Hier spielten Interviews, Treffen in Bibliotheken und auf pädagogischen Konferenzen, sowie Buchvorstellungen in Geschäften eine wichtige Rolle.


«Die russische literarische Tradition war schon immer sehr von ideologischer „Erziehungsliteratur“ geprägt, sodass es wenig authentische Texte für Heranwachsende über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens gab, über das jugendliche Schleudern zwischen zwei Welten, über den eigenen Weg und die Suche nach ihm.»

Mit den neuen Namen kam auch ein anderer Tonfall, sowie frische Themen. Die russische literarische Tradition war schon immer sehr von ideologischer „Erziehungsliteratur“ geprägt, sodass es wenig authentische Texte für Heranwachsende über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens gab, über das jugendliche Schleudern zwischen zwei Welten, über den eigenen Weg und die Suche nach ihm. Das unterscheidende Merkmal aller guten Kinderverlage sind „schwierige Themen“ in Kinderbüchern und natürlich sah Samokat es als seine Aufgabe an, die Tendenz, offen und ehrlich mit Kindern über alles Wichtige zu sprechen, nach Russland zu übertragen, die sich schon in der Weltkinderliteratur durchgesetzt hatte. Solche Bücher zu verkaufen, ohne sich mit ihnen zu beschäftigen, war einfach unmöglich. Samokat bot bei Präsentationen nicht nur Details zu Autoren und Buchthemen, sondern initiierte ebenso Diskussionen mit Spezialisten, Psychologen und Vertretern öffentlicher Einrichtungen. So wurde zum Zeitpunkt der Verabschiedung des „Verbotes von Propaganda von Homosexualität vor Minderjährigen“ nicht nur das Buch Die Mütze des Hofnarren von Daria Wilke (russ. Schutowskoj kolpak) veröffentlicht, in dem sich die Themen Scheinheiligkeit der Erwachsenenwelt und Diskriminierung wegen Homosexualität wunderbar entfalten, sondern auch eine große Diskussionsrunde organisiert, in der Kinder- und Jugendpsychologen, Lehrer, sowie die Autorin selbst die Aufmerksamkeit auf die Absurdität und Gefahr des Gesetzes lenkten und Unterschriften gegen seine Verabschiedung zu sammeln versuchten. Die limitierte Auflage des Buches schaffte es noch vor Verabschiedung des Gesetzes ausverkauft zu werden. Bevor es durch dieses Gesetz in der Kinderecke einer Bücherei und Bibliothek illegal wurde.

In Russland kennt die Praxis, für Jugendliche wichtige Themen anzusprechen und zu reflektieren, keine Tradition. Daher hat sich der Wunsch danach, über wichtige Themen mit einem heranwachsenden Menschen zu sprechen, der die Nachteile dieser Welt besonders scharf, besonders ehrlich, aufrichtig und furchtlos sieht, zu einer der erklärten Hauptaufgaben von Kinderbuchverlagen und gleichzeitig zu einem der besten Wege in ihre Herzen entwickelt.



«Die Unverblümtheit der von Samokat ausgewählten Texte sowie ihr Einklang mit dem Leben und den Sorgen ihrer Leser sind zu den besten Methoden geworden, die Freude am Lesen zurückzubringen.»

Die Jugendlichen glaubten daran, dass ein Buch mehr als nur Teil des Bildungsplanes (voller Klassiker, die oft so gar nicht altersgemäß sind) in der Schule ist und auch nicht unbedingt ein Abenteuerroman aus dem 19. Jahrhundert sein muss (Jules Vernes und Dumas gelten in ihrer Art als Basiswerke für Teenager bis heute als „russische Eltern“). Die Unverblümtheit der von Samokat ausgewählten Texte sowie ihr Einklang mit dem Leben und den Sorgen ihrer Leser sind zu den besten Methoden geworden, die Freude am Lesen zurückzubringen. Das Wichtigste war es, eine Möglichkeit zu finden, die Wege des Lesers irgendwo zu kreuzen. Der richtige Ort dafür waren Buchmessen. In den letzten 10 Jahren ist die Kinderabteilung auf der wichtigsten Buchmesse Russlands Non/Fiction zu einer eigenen Etage herangewachsen, wo Hunderte von Events stattfinden. Oft geht man bei dieser Buchmesse geradewegs in den zweiten Stock, in die „Kinder“-Abteilung, weil sich eben hier die meisten höchstinteressanten Autoren zusammenfinden und hier Workshops und Diskussionsforen stattfinden. Aber vor allem hat man hier die Möglichkeit direkt mit den Menschen zu sprechen, die Bücher machen und sich ihren Rat einzuholen.

In einem Land mit einer derart komplexen Geschichte wie der unseren sind Bücher über das Verständnis gesellschaftlicher Prozesse von sehr großer Bedeutung für den Herausgeber und auch bei Lesern sehr gefragt. Todd Strassers Die Welle (engl. The Wave) über die Entstehung einer Diktatur und eines totalitären Regimes am Beispiel einer Schulklasse, hat sich zu einem der wichtigsten und meistdiskutierten Werke entwickelt. Für den Verlag war grundlegend das Buch an ein möglichst großes Publikum zu bringen, also gab Samokat es in der wirtschaftlichsten Ausgabe heraus – mit weichem Einband und einem Vorwort von Ljudmila Ulizkaja, bekannte „erwachsene“ Schriftstellerin. Samokat initiierte Unterrichtseinheiten anhand des Werkes: Der Verlag arbeitete eine eigene Variante einer Unterrichtseinheit zum Thema Die Welle aus und ließ sich eine Reihe von Methodik-Wettbewerben für Lehrer zum Abhalten einer solchen Unterrichtsstunde einfallen. Unter Anlehnung an das Skript der Welle haben Spezialisten Rollenspiele mit Oberstufenschülern veranstaltet und dabei die Situation einer Gruppe von Individuen nachgebildet und die in der Menge „Andersartige“ verstoßen. Jugendpsychologen luden zu Diskussionen ein. Im Netz sind Unterrichtsentwürfe von Philologen, Historikern und Gesellschaftswissenschaftlern zu finden. Nun genießt das Buch zwischen anderen Samokat-Ausgaben einen überaus hohen Wiedererkennungswert.


«Die Ausarbeitung von Unterrichtsentwürfen, so genannte „Bücherleitfäden“, ist zu einem gewissen Zeitpunkt zu Samokats Know-how in der Zusammenarbeit mit Schulen geworden.»

Die Ausarbeitung von Unterrichtsentwürfen, so genannte „Bücherleitfäden“, ist zu einem gewissen Zeitpunkt zu Samokats Know-how in der Zusammenarbeit mit Schulen geworden. Sogar als „außerschulische Lektüre“ hätten es unbekannte Texte unbekannter Autoren, wenn auch mit angekündigten Regalien, nur mit Mühe ins Blickfeld der Pädagogen geschafft. Es war also viel einfacher, mit Informationen zum Autor und den Hauptthemen eines Werkes in vorbereiteten Präsentationen zu den Lehrern zu kommen, Vorschläge auszudiskutieren, Signalmomente im Buch zu besprechen und Spiele auf dessen Grundlage zu spielen. Es stellte sich heraus, dass Waffelherzen an der Angel (engl. Waffle Hearts) in ein und derselben Klasse auf sehr viel mehr Verständnis und Diskussionsfreude stieß als Taras Bulba. Mit der Einführung von Projektarbeit lässt die neue Arbeitsweise an Schulen heute hoffen, dass alles, was bisher außerhalb des schulischen Rahmens und des Schulprogramms lag, am Ende doch in die Schule und damit ins Blickfeld von Leseanfängern gelangen kann.

In Zusammenarbeit mit der PR-Abteilung erstellen bei Samokat die Redakteure selbst methodische Leitfäden für Eltern und Lehrer. Zu den Vorschulbüchern über Elmar (aus der Elmar-Serie von David McKee) sammelte und übersetzte man beispielsweise Materialien von britischen Pädagogen. Sie wurden unter Berücksichtigung russischer Erfahrungswerte sowie Erfahrungen im Veranstaltungsmanagement adaptiert, sodass eine Webseite über Elmar, als auch ein methodisches Handbuch entstand, welches man herunterladen oder mit dem Kauf des Buches erwerben kann. Für die Ausarbeitung seiner Materialien lädt Samokat Spezialisten im Bereich Kinderlesen sowie erfahrene Pädagogen ein. Für die Arbeit mit der Wimmelbücher-Bücherreihe von Rotraut Susanne Berner verfasste Ekaterina Assonova, als eine der wichtigsten Spezialistinnen für Kinderlesen, ein methodisches Handbuch.

Die Unterrichtsentwürfe und „Bücherleitfäden“ werden von Lehrern aus ganz Russland zusammengestellt und als unterschiedliche pädagogische Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. Aktuell plant Samokat eine Jahresausgabe mit Unterrichtsentwürfen zu verschiedenen Themen auf Grundlage seiner Bücher (für jedes Schuljahr einzeln, 6.-11. Klasse), um damit Einheiten zum außerschulischen Lesen und Klassenstunden durchzuführen und um Projektarbeit darauf stützen zu können. Es soll eine Sammelausgabe werden, die Lehrer an jeder beliebigen Schule nutzen können.


«Chambers schreibt, dass ein Buch, das ein Kind und ein Erwachsener nicht besprochen haben, im Großen und Ganzen als nicht gelesen gilt…»

Hinter all den genannten Projekten zur Textarbeit steht der Traum, das Schul- und Unterrichtssystem hinsichtlich seiner Literaturkurse zu transformieren, mit Kindern anhand von ihnen verständlichen Texten über Bücher zu sprechen und Texte zu gestalten, die ein Leseanfänger erschließen und nachvollziehen kann. Im Sinne dieses Traumes und dieser Strategie gab Samokat beispielweise das Buch des bekannten Pädagogen, Schriftstellers und Bibliothekars Aidan Chambers Tell Me - Children, Reading and Talk with Reading Environment heraus. Es ist das Ergebnis der langjährigen Arbeit des Literaturlehrers über die Theorie und Praxis des Lesens mit Kindern. Chambers schreibt, dass ein Buch, das ein Kind und ein Erwachsener nicht besprochen haben, im Großen und Ganzen als nicht gelesen gilt, was ein sehr ähnlicher Gedankengang, wie beim Samokat-Konzept ist. Einen Großteil unserer Bücher wählen wir nämlich eben deshalb aus, weil wir gerne hätten, dass unsere Eltern und Kinder, als Vertreter verschiedener Generationen und Kulturen lernen miteinander zu reden und weil wir wollen, dass gute Bücher zum Anlass für einen solchen Dialog werden.

Text: Maria Orlowa
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland
September 2016
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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Foto: ©Verlag "Samokat"















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