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Thema:
Kunstpädagogik

Land:
Russland

Die Kunst des räumlichen Hörens

Art-prospekt

Unlängst fanden, im Rahmen eines gemeinsamen Projektes von Anna Kuratowa und Irina Axenowa „Kinder nehmen Straßen ein“ in St. Petersburg, Exkursionen im Admiraltejski-Viertel statt. Die Künstlerinnen hatten die Route zusammen mit Jugendlichen geplant, die in diesem Viertel wohnen, wobei sich erstere für eine Beschreibung dieser Teamarbeit der Metapher des Stalkings bedienten. Während für die Jugendlichen zeitgenössische Kunst ein unerforschtes Terrain darstellte, war es für die kürzlich zugezogenen Künstlerinnen das Admiratejski-Viertel (sowohl Anna Kuratowa als auch Irina Axenowa kommen aus Woronezh).

Allerdings brachte die Vorbereitung der Exkursionen so ihre eigenen Probleme mit sich: Wie sich herausstellte, verbringt die Jugend von heute viel weniger Zeit auf den Straßen der Stadt, weil man bevorzugt zuhause bleibt oder lieber zu jemand anderen nach Hause geht. Die üblichen Wege der Jugendlichen führen über die großen, allseits bekannten Hauptstraßen, allen voran über den Newski-Prospekt als unangefochtenen Spitzenreiter. So wurden neue Pfade – kleinere Straßen, Gassen, unerwartete Ecken und Windungen – eher zusammen erschlossen und hatten für die Künstlerinnen wie für die Teilnehmer oftmals einen hohen Erkenntniswert.

Die Vorbereitung der Führungen nahm in etwa zwei Wochen in Anspruch. Im Laufe der „Abstecher“ wurden den Teilnehmern keine konkreten Ziele gesetzt. Der methodischer Schwerpunkt der Erschließung des neuen Raumes war die spontane Reaktion eines jeden, eine Art punctum, ein fesselnder Anblick, ein interessantes Detail, mit dem sich arbeiten ließ. Nun sollte die Aufmerksamkeit bei weiteren Spaziergänge geschärft, Informationen gesucht und ein Dialog konstruiert werden. Und so wurde Graffiti zum Anhaltspunkt der Teilnehmer, dabei handelt es sich in der Regel um mittelgroße Aufschriften, die im schnellen Vorübergehen meist untergehen, aber dem Betrachter bei einem Forschungsspaziergang umso mehr ins Auge fallen.

«Der methodischer Schwerpunkt der Erschließung des neuen Raumes war die spontane Reaktion eines jeden...»

Eine der Teilnehmerinnen, Wilesta Tschebekowa, erstellte ein ganzes Fotoalbum mit Kopien dieser Straßentexte. Jeder Besucher der Exkursion durfte sich einen Abzug aussuchen, der ihm besonders gefiel, um im Anschluss zu versuchen, das „Original zu finden“.

Mascha Apakhontschitsch legte eine Skizzenserie von Laternenmasten und -lampen verschiedener Formen an. Ausgangsbasis war für sie dabei die Toponymik im Viertel. Sie befand sich in der Laternengasse, die dem Volksmund zufolge so heißt, weil eben hier die ersten, damals noch Gas, Laternen der Stadt standen. In Wirklichkeit ist die Geschichte des Straßennamens damit verbunden, dass an dieser Stelle im 19. Jahrhundert Laternenwerkstätten standen. Eine andere bekannte Version ist, dass sich die Straßenbezeichnung durch die damals hier befindliche Schenke bedingt. Der kleine Zwischenraum, der von einer Seite das Moika-Ufer und von der anderen den Gribojedov-Kanal kreuzt, kann natürlich nicht als Lage für die ersten Laternen der Stadt gewählt worden sein, weshalb diese Auslegung zu den Mythen des Stadtviertels zu zählen ist und wie es sich für einen Mythos gehört, ruft er bei den Einheimischen keinerlei Zweifel hervor.

Gerade die schmaleren Straßen und Gassen wurden von den Veranstaltern der Exkursion als Forschungsstätte priorisiert, denn das Admiraltejski-Viertel ist voller Sehenswürdigkeiten. Orte wie die Isaak-Kathedrale, das Mariinski-Theater, die unzähligen Museen und Galerien ziehen eine ständige Flut an Touristen an. Weshalb im Gegensatz dazu die strategische Aufgabe des Projektes darin bestand, subversiv mit dem Raum zu arbeiten, also nicht in den Strom der Touristen zu münden, sondern diese zu meiden, nicht auf allseits bekannte „Ballungsräume der Kraft“ wie zum Beispiel die Kathedralen zu stoßen, sondern diese zu umgehen. Es ist recht schwer, den geschlängelten Weg exakt zu rekonstruieren und auch die Führung selbst sah keine genauen Schritte vor. Umgekehrt wurde die „Nicht-Unbedingtheit“ der Route zu ihrem stärksten Element. Eine Station auf unserer Route war zum Beispiel der Belüftungsschacht der U-Bahn, wo der Geruch der Metro zu spüren war, wobei sich die nächste Metrostation selbst in einiger Entfernung auf halber Strecke befand. Im Sinne weiterer sensorieller Experimente wurden den Teilnehmern irgendwann Ohrstöpsel ausgeteilt, mit denen sie den geräuschvollsten Teil der Exkursion (die Kasanski-Straße) in völliger Ruhe absolvieren und ihre Wahrnehmungen mit einem üblichen Spaziergang in der Stadt vergleichen sollten. Man muss sagen, dass sich die Wahrnehmungen tatsächlich unterscheiden. In der Stille scheint sich die Stadt von dir zu entfernen, autonomer zu werden und sie erscheint daher auf einmal feindselig. Dies sind allerdings nur meine persönlichen Eindrücke.

«In der Stille scheint sich die Stadt von dir zu entfernen...»

Die Suche nach einer grünen Zone oder einem Park waren, laut Organisatorinnen, stets mit Scheitern verbunden. So entpuppte sich der auf der Karte als kleiner Park gekennzeichnete Fleck in der Realität als versteckter massiver Betonzaun. Das Gebiet gehört einer städtischen Verwaltungsinstanz. Hier entstand auch die Idee, ein improvisiertes „Jugendpicknick“ zu veranstalten. Es wurden Chips gegessen und mangels der Möglichkeit, in die Grüne Zone zu gelangen, der imposante Betonzaun bewundert, der den Zugang zur Zone versperrte.

Einige Stationen der Route kann man wirklich als Entdeckungen bezeichnen: In einem dunklen Hinterhof nahe der Nikolai Wundertäter-Kirche beispielweise reiht sich ein Abbild des Heiligen an Graffiti-Tags. Oder einer der wenigen nicht verriegelten Hauseingänge in St. Petersburg, wo sich in einem Haus auf der Gorokhovaya-Straße eine Apotheke im 1. Stock befindet. Es wurde entschieden, die im Workshop von Katja Schumkowa entstandenen Bilder der Teilnehmer hier aufzuhängen. Allem Anschein nach sollte der Workshop „Malerei: Grundlagen Kandinskys und für eigene Werke“ den Jugendlichen die Welt der zeitgenössischen Kunst eröffnen, die entwicklungsgeschichtlich auf die russische Avantgarde zurückgeht.

Den Schlusspunkt bildete ein Hof in einer der Gassen, der Spuren eines heute zugeschütteten Luftschutzbunkers barg. Eine solche Zuflucht bietet sich, wenn keine Gefahr vorhanden ist, als gelungene Metapher für die Entdeckung einiger Ungereimtheiten an, wie Nicht-Übereinstimmungen und Nicht-Begegnungen im Laufe der Vorbereitungen und der Exkursion und dies für die gründlich bedachten als auch für die zufällig entdeckten.

Text: Marina Israilowa
Übersetzung: Angelina Gußew

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2016
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