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„Hut“ und andere Geschichten aus dem Theater der Unterdrückten

Фото: Фестиваль Ребра Евы

Ada Mukhina, Regisseurin, Kuratorin und Gründerin des Theaterprojekts "Vmeste" (St. Petersburg), lebt derzeit in Berlin und beschäftigt sich im Rahmen eines Programms der Alexander von Humboldt-Stiftung mit der Erforschung des europäischen sozialen Theaters. "Eine Praktikerin, die sich die Arbeit von Praktikern anschaut", so beschreibt Ada ihre Erfahrungen, die sie beim Kennenlernen von Theatermachern und den Gesprächen mit ihnen macht.

Korridor einer gewöhnlichen St. Petersburger Schule.
„Nimm deinen Hut ab!“, ruft eine Lehrerin einem Mädchen in Schuluniform und mit modischem Hut auf dem Kopf zu, neben der schweigend eine Freundin steht.
„Den nehm’ ich nicht ab! Der stört doch keinen.“
„Ach, wenn du so schlau bist, dann schreib’ doch gleich mal eine schriftliche Erklärung!“

Büro des stellvertretenden Schulleiters.
Nachdem die schriftliche Erklärung fertig geschrieben ist, wendet sich das Mädchen zum Gehen. „Wohin so eilig?!“, brüllt der Vizerektor sie an. „Ich will meine Mutter anrufen.“ „Hiergeblieben! Niemand hat dich entlassen!“, schreit die Lehrerin das Mädchen mit von Übung zeugender Offiziersstimme an.
Ein Sozialarbeiter kommt dazu. Einige Zeit später erscheint die vom Arbeitsplatz herbestellte Mutter des Mädchens. Der Vizerektor, die Lehrerin und der Sozialarbeiter besprechen mit der Mutter einen möglichen Schulwechsel des Mädchens auf eine andere Schule, „für Dumme“. Den Hut muss das Mädchen auf Aufforderung der Mutter und zur großen Befriedigung der Pädagogen schließlich doch abnehmen. Weinend rennt es davon.

Ein Joker betritt die Vorbühne.
„Was haben Sie gesehen, verehrte Zuschauer? Was ist geschehen? Hätte eine solche Situation im reellen Leben eintreten können? Wer hatte in dieser Szene die Oberhand? Wen würden Sie in dieser Szene als Unterdrückten bezeichnen, also als Menschen, dessen Wille durch eine andere, machtvollere Person unterdrückt wird? Haben Sie Vorschläge, wie man die Situation ändern könnte? Wie? Entschuldigen Sie, ich verstehe nicht – könnten Sie das vielleicht vormachen?“

Der erste verlegene Zuschauer begibt sich unter freundschaftlichem und bestärkendem Applaus auf die Bühne, um die Rolle des Mädchens mit dem Hut einzunehmen und seine Alternative der Handlung vorzustellen. Die Szene beginnt von vorne. Die Zuschauer beobachten, wie die Rollenverteilung der Schauspieler sich je nach Verhalten und Charakter der Hauptfigur verändert. Eine derartige Improvisation des Sujets direkt auf der Bühne bezeichnete der brasilianische Regisseur und Begründer des Theaters der Unterdrückten, Augusto Boal, als „gemeinsame Dramaturgie“ und die Vorstellung selbst, in der die Zuschauer zu aktiven Teilnehmern werden, als „Forumtheater“. Aber der Reihe nach.

Lateinamerika
Alles begann mit Paulo Freire, dem brasilianischen Pädagogen und Philosophen, der vor allem durch sein Werk Pädagogik der Unterdrückten bekannt ist. Das im Jahre 1968 entstandene Buch von Freire suggeriert Schülern und Lehrern, Wissen mitzugestalten, Form wie Inhalt von Bildungsprozessen kritisch zu betrachten, sich nicht an die Gesellschaft anzupassen, sondern sie zu verändern.

Unter Einfluss der Philosophie Freires arbeitet der brasilianische Regisseur Augusto Boal das System des Theaters der Unterdrückten aus, das in den 1970ern zuerst in Brasilien, dann in Europa großen Anklang findet. Die erklärte Aufgabe dieses Theaters besteht nicht in der Abbildung der Realität, sondern in ihrer Neugestaltung. Um dieses Ziel zu erreichen, muss das Theater selbst zum Ort der Veränderung werden, zu einem Ort, wo die Zuschauer nicht mehr bloß passive Beobachter des sich vor ihnen abspielenden Lebens sind, sondern sich zu Akteur-Beobachtern wandeln (spect-actors). Der „Joker“ hilft ihnen dabei. Er ist eine besondere Figur des Theaters der Unterdrückten, die als Vermittler zwischen Zuschauer und Schauspieler steht, die grundlegende Frage einer Inszenierung ausspricht und die Interaktion zwischen Publikum und Bühne aufzubauen hilft.

„Für Brecht war der ideale Zuschauer derjenige, der analysiert und das, was auf der Bühne geschieht, diskutiert. Für Boal, der nach ihm kam, ist der ideale Zuschauer derjenige, der die Bühne einnimmt, der die Macht in die Hand nimmt“, erzählt mir Mirella Galbiatti bei einer Tasse Kaffee. Mirella wurde in Buenos Aires geboren, lebt und arbeitet jedoch seit einigen Jahren in Deutschland. Als sie die Schauspielschule in Argentinien besuchte, war Boal noch berühmter in Europa als in Lateinamerika. „Zuerst las ich sein Buch, dann fuhr ich in das Ausbildungszentrum des Theaters der Unterdrückten nach Rio de Janeiro. Dort hatte ich das Glück, einen Workshop von Augusto Boal besuchen zu dürfen. Was mir so besonders vorkam, was mich am meisten bewegte, war, dass er, ungeachtet seines Alters, so unwahrscheinlich neugierig war – er eignete sich leidenschaftlich gern neues Wissen an.“

In Argentinien arbeitete Mirella mit Inhaftierten und begründete zudem gemeinsam mit anderen Frauen eine Theatergruppe namens „Osadía“, wo sie ihr Wissen über das Forumtheater in die Praxis umsetzte. Nach ihrem Umzug nach Berlin entschied sich Mirella dazu, ihre Arbeit mit Frauenkollektiven fortzusetzen, wodurch sie auf die deutsche Organisation OWEN stieß.

Deutschland
Die Frauenorganisation OWEN – Mobile Akademie für Geschlechterdemokratie und Friedensförderung e.V. gründete sich 1992 in Berlin. Angesichts großer politischer und sozialökonomischer Umbrüche, die damals in Osteuropa und der ehemaligen DDR stattfanden, fanden die Probleme der Frauen, die die Verantwortung, ihre Familie durchzubringen, einzig und allein auf ihren Schultern lasten sahen, wenig Gehör. Ebenda machte sich OWEN daran, sozial und politisch aktive Frauen aus Ost- und Westeuropa zu vereinen, um den gemeinsamen Dialog zu fördern und Erfahrungen auszutauschen. In den 2000er Jahren konzentrierte sich OWEN gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen auf Gender- und friedenserhaltende Arbeit im postsowjetischen Raum. So begann die Zusammenarbeit mit der Vereinigung „Die Frauen vom Don“ und deren Leiterin Valentina Tscherewatenko aus Nowotscherkassk, mit der OWEN im Jahre 2013 ein gemeinsames Projekt zum Forumtheater namens Delta 2 lancierte.

„Das Forumtheater thematisiert Konfliktsituationen und trägt zum Verständnis verschiedener Arten von Entscheidungen und Veränderungen bei, die wir gut einbringen können“, erzählt Marina Grasse, eine der Gründerinnen von OWEN. „Noch in den Achtzigern kam ich erstmals mit Paolo Freires Arbeit in Berührung. Durch seine Werke kam ich zu Augusto Boals Methodik und machte mich auf die Suche nach lokalen Gruppen, die mit dem Theater der Unterdrückten arbeiten.“ Übrigens gibt es in Deutschland davon relativ viele. In Berlin zum Beispiel pocht das Kuringa, in Halle die Aktions Theater Gruppe (ATG), und an der Trierer Universität lehrt Professor Dr. Henry Thorau, der das Theater der Unterdrückten als Erster ins Deutsche übersetzte. Ihre Suche brachte Marina Grasse zu Mirella Galbiatti, die im Projekt Delta 2 als Trainerin fungierte.

Delta 2 entstand 2013-2014. Organisationen und Initiativen aus St. Petersburg, der Rostower Region, Tschetschenien, Nordossetien-Alanien und Kabardino-Balkarien nahmen daran teil. Zur Hauptaufgabe wurde erklärt, Forumtheater-Gruppen in den Regionen zu gründen, oder falls diese schon existierten, ihre Arbeit zu unterstützen und gleichzeitig eine Plattform für Gespräche und Austausch zwischen aktiven Bürgern unterschiedlichen Alters zu schaffen, die in den verschiedensten Ecken Russlands wohnen. Das Projekt gliederte sich in vier Entstehungsstufen. Alle lokalen Gruppen trafen sich dreimal im Jahr zum Intensiv-Theatertraining mit Mirella und Marina. Nach jedem Workshop kehrte das Team in seine Stadt zurück, um die neuen Fertigkeiten anzuwenden, indem sie Forumtheaterstücke zu für die regionale Gemeinschaft besonders aktuellen Themen inszenierten. Am Ende des Jahres trafen sich alle Teilnehmer ein viertes Mal auf dem Ersten Russischen Festival des Forumtheaters in Nowotscherkassk, wo sie ihre jeweiligen Arbeiten präsentierten. An dieser Stelle kehren wir zu unserer Petersburger Geschichte über den Hut zurück, die ebenfalls auf dem Festivals gezeigt wurde.

Russland. Sankt Petersburg.
„Diese Geschichte hat mich aufgewühlt. Sie hat sich vor meinen Augen abgespielt. Ich hatte eben erst als Lehrerin in einer Schule angefangen und traute mich daher nicht mich einzumischen, weil mich noch niemand kannte“, erzählt uns Theaterpädagogin und Koordinatorin des Theaterprojektes „Gemeinsam“ in St. Petersburg Mascha Kolossowa. „Es war mir unbegreiflich, wo die Grenzen der Kontrolle verlaufen. Warum sollte das Mädchen unbedingt seinen Hut abnehmen? Wen störte das? Aber die wichtigste Frage ist doch: Wie soll ich mich in dieser Situation verhalten? Warum konnte ich damals nichts sagen? Wovor hatte ich Angst? Warum konnte ich nicht zu meiner Meinung stehen, obwohl ich mir damals dachte, dass sie diesen Hut doch ruhig tragen könnte, es sei doch nichts Schlimmes dabei.“

Unser Theaterprojekt „Vmeste“ war einer der lokalen Partner von Delta 2 in St. Petersburg. Binnen eines Jahres, in dem wir in der Methodik des Theaters der Unterdrückten unterrichtet wurden, bildete sich eine eigene Gruppe in der Stadt heraus, es gab mehrere Joker – inklusive Mascha Kolossowa und mir –, es wurden sieben Forumtheater in Kooperation mit nichtkommerziellen Organisationen der Stadt zu unterschiedlichen Themen gegründet: von Manipulationen bei den Wahlen bis zu den Rechten Wehrpflichtiger, von Problemen in den Studentenwohnheimen bis hin zum Vater-Kind-Verhältnis. Die Geschichte mit dem Hut wurde zur Grundlage des (siebten) Abschluss-Forumtheaters, das in Zusammenarbeit mit Petersburger Schülern, Studenten und Arbeitnehmern entstand.

Die Hauptrolle spielten dabei die Schüler: Oksana Woronina spielte die Lehrerin, Warja Tschernaja die Schülerin und Katja Schewtschjuk die Freundin der Protagonistin. Während der Vorbereitung des Forumtheaters vertieften wir uns selbst in langwierige Diskussionen über Schule und Schuluniform, Rechte und Freiheiten, Respekt vor Autoritäten und das Recht auf Selbstverwirklichung. Angesichts der Tatsache, dass wir alle in einer jeweils anderen Zeit aufgewachsen sind und verschiedene „schulische Erfahrungen“ gesammelt haben, waren wir mit unserem Gegenüber in vielen Dingen nicht einverstanden. Die von uns gewählte Situation war nicht eindeutig und eben dadurch so interessant: Was wäre denn, wenn ein Hipster mit langen Haaren anstelle der Protagonistin gewesen wäre und die Szene sich an einer sowjetischen Schule abgespielt hätte? Und wenn das Mädchen statt eines Hutes ein Kopftuch getragen hätte? Und wenn sie eine Rockerbraut mit Lederarmbändern und T-Shirts mit Totenköpfen gewesen wäre?

Das Forumtheater „Der Hut“ wurde vier Mal aufgeführt: in einer Hipster-Lokalität in St. Petersburg, auf dem Festival in Nowotscherkassk und wieder in St. Petersburg, diesmal auf einer Konferenz für Gemeinschaftskundelehrer und auf einer Veranstaltung für Schüler zu Ehren des Kinderschutztages. Und überall schalteten sich die Zuschauer sofort in den Dialog ein, diskutierten miteinander und traten oft auf die Bühne. Manche ersetzten den eigentlichen „Hut“, wie wir ihn der Einfachheit halber nennen, manche nahmen die Rolle der Mutter oder der Freundin ein, um so die Hauptfigur zu unterstützen, Solidarität auszudrücken oder sich dem Schulsystem aktiv zu widersetzen. „Der Moment, der mir am besten im Gedächtnis geblieben ist, war eine Vorstellung in Petersburg, bei der eine Schülerin meinte, dass wir 60 Prozent unserer Zeit in der Schule verbringen und daher ein Recht auf Selbstverwirklichung haben müssen. Aus irgendeinem Grund hat mich das ziemlich gewurmt“, sagt Mascha Kolosowa, die im Forumtheater „Schlyapa“ als Joker auftrat.

Nach dem Projekt Delta 2 rief Mascha mit Roma Aleksandrow in ihrer Schule eine Forumtheater-Gruppe für Schüler namens Buena Peremena (dt. „Buena (‚guter’) Wandel“) ins Leben. 2016 gründete sie schließlich das Forumtheater „Eintritt in Heels“ (über Sexismus auf der Arbeit), das auf dem „Rjebra Jewy“-Festival (dt. „Evas Rippen“) gezeigt wurde.

„Ich glaube daran, dass es keine persönlichen Veränderungen gibt, die nicht auch Veränderungen in der Gesellschaft mit sich bringen“, meint Mirella Galbiatti. „Wenn ein Mensch etwas zu schaffen vermochte, dann kann es auch ein anderer. Wir alle üben Einfluss aufeinander aus, weil wir ein Netz bilden, wie mir scheint. In unserer heutigen Zeit dürfen wir nicht mehr nur warten und hoffen, dass ein Mensch oder eine kleine Gruppe eine Veränderung bewirkt. Wir müssen gemeinsam arbeiten und uns verändern.“

Text: Ada Mukhina
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland
2016
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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Foto: Ada Mukhina

















Foto: Toma Kopejkina

















Foto: Toma Kopejkina

















Foto: Irina Gyrdymova

















Ada Mukhina. Foto: Felix Gaedtke

Mukhina Ada ist Regisseurin, Kunstkuratorin, Gründerin des Theaterprojekts "Vmeste" ("Zusammen"). Sie hat die Sankt Petersburger Theaterakademie am Alexandrinkskij-Theater (Klasse W. Fokin und A. Mogutschij) abgeschlossen, ein Praktikum mit dem Schwerpunkt „Soziales Theater“ in Hamburg absolviert und wird durch ein Bundeskanzler-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung unterstützt, im Rahmen dessen sie in Deutschland an ihrem Sozial-Theaterprojekt arbeitet. Sie ist Regisseurin der Dokumentar-Stücke „Das 18. Tagebuch in blauem Umschlag mit Teekessel“ ,"______________“ (das Projekt „Neue Leute“ auf der Bühne des Großen Towstonogow-Dramentheaters, gemeinsam mit der Dramaturgin Natascha Borenko) u.a.

Seit mehr als sieben Jahren führt sie Workshops zur informellen Weiterbildung für Schüler und Studierende durch. Sie ist Gründerin des Projekts „Schule für Dokumentartheater“ für Jugendliche, in dem das Dokumentartheater als Lehrmethodik eingesetzt wird.