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Ich bin Fabienne. Nein, ich bin Fabienne

Novaja Szena von Alexandrinsky Theater

Bücher, Filme und selbst Theaterstücke für Vorschulkinder sind auch nach Jahren noch nicht überholt. „Das bucklige Pferdchen“ im Theater des jungen Zuschauers und „Gullivers Reise nach Liliput“ im Marionettentheater füllen schon seit vielen Jahrzehnten durchgehend die Zuschauersäle. Von den klangvollen Gedichten Marschaks und Tschukowskis (1) einmal ganz abzusehen. Bei Jugendlichen sieht die Sache allerdings schon wieder ganz anders aus. Denn das, was noch vor sieben Jahren aktuell war, kommt heutigen Teenagern bereits reichlich verstaubt vor. Andererseits sind die Hauptprobleme des Erwachsenwerdens – das Bestreben, nicht schlechter als die anderen zu sein, aber trotzdem etwas Besonderes, und dabei unabhängig, obwohl man noch unter den Fittichen der Eltern steckt – gleich geblieben. Es hat sich nur die Form der Selbstdarstellung geändert. Deswegen steht ein Theater für Jugendliche vor der Herausforderung, dass die Regie einen unmittelbaren Draht zum Alltagsleben ihrer Zielgruppe haben muss. Ein riskantes Unterfangen – so ist es wenig verwunderlich, dass in Russland in diesem Bereich nur selten Erfolge zu verzeichnen sind.

„Livia, 13“ in der Inszenierung von Michail Patlasow ist zweifellos eine dieser wenigen gelungenen Umsetzungen. Zweifellos deshalb, weil sich nach dem Stück Zuschauer ganz unterschiedlicher Altersgruppen reihenweise bei den Schauspielern dafür bedanken, dass sie noch wissen, „wie es ist, ein Teenager zu sein“. Denn das Finale besteht hier aus einer Publikumsdiskussion, in der – fast schon à la Brecht – über das Verhalten der auftretenden Personen und die Gerechtfertigkeit eines Happy Ends debattiert wird. Jugendliche beziehen „Livias“ Situation oft ganz unprätentiös auf sich selbst und geben ehrlich zu: „Ja, so läuft das wirklich. Ja, das betrifft mich.“

Das Stück der Schweizer Dramaturgin Christine Rinderknecht, das in „SCHAG 11+ (2), Moderne deutschsprachige Dramaturgie für Jugendliche“ publiziert wurde, ist eine wahre Fundgrube für Interaktivität. Jeder der Bausteine berührt einen ganz bestimmten schmerzhaften Punkt, und in der Summe entsteht ein Mosaik schlimmster Mobbing-Szenarien – was daher auch die Frage nach der Rechtfertigung des Happy Ends aufwirft. Die dreizehnjährige Livia, die ohne Mutter aufwächst und deren Vater an der Schule unterrichtet, die auch sie selbst besucht, geht zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Party. Dort trinkt sie zu viel Alkohol und ist nicht mehr ansprechbar. Ihre Klassenkameraden machen kompromittierende Fotos von ihr und schicken sie an die ganze Schule. Als hauptsächlicher Übeltäter stellt sich der informelle Anführer der Klasse heraus, in den sich Livia am Anfang fast auch noch verliebt hätte. Ihre Freundinnen wenden sich nach dem Vorfall von ihr ab; ihr Vater kriegt Panik, und ihre Lehrerin findet, dass sie selbst an dem Ganzen schuld sei. Livia stürzt sich aus dem Fenster, doch sie überlebt. Die fast schon sadistische Grausamkeit, mit welcher der Autor seine Hauptfigur allen Herausforderungen der Pubertät gleichzeitig aussetzt (denn jedes von Livias Problemen hätte schon für sich genommen ein irreversibles Trauma auslösen können), wird durch die Spielstruktur des Stücks kompensiert. Die Grundidee der Autorin war es, drei Schauspielerinnen und einen Schauspieler von den Ereignissen in der Schule erzählen zu lassen, wobei diese der Reihe nach alle Rollen durchspielen und diese immer wieder untereinander tauschen.

«Es kommt vor, dass das Publikum sich mit seinen Kommentaren nicht zurückhalten kann.»

Das Schauspieler-Quartett im Stück von Michail Patlasow erreicht innerhalb dieses von der Dramaturgie entwickelten Spiels eine wahre Virtuosität. Hierbei wird offensichtlich, dass die Herangehensweisen des epischen Theaters für die Vermittlung eines solchen emotionalen Super-GAUs optimal geeignet sind. Niemand spielt nur den fiesen Maus, die dümmliche Lehrerin oder das unglückliche Opfer Livia. Jeder setzt reihum seine neue Rolle wie eine Maske auf, und gibt sie wie in einem Ping-Pong-Spiel und durch sekundenschnelles Umschalten an den nächsten weiter. Trotz dieses erbarmungslosen Rhythmus schaffen es die Schauspieler, voll präsent zu sein, zu improvisieren und Stückchen der eigenen Geschichte mit einzuflechten – zum Beispiel in der Rolle von Livias Freundinnen oder in Reaktion auf Impulse aus dem Saal. Es kommt vor, dass das Publikum sich mit seinen Kommentaren nicht zurückhalten kann. Manchmal provozieren aber auch die Schauspieler eine solche Einmischung seitens der Zuschauer ganz bewusst – zum Beispiel werden alle dazu aufgefordert, gemeinsam „Happy Birthday, liebe Livia!“ zu singen, was von Maus plötzlich durch den Zwischenruf „Schlampe!“ unterbrochen wird. Hierdurch erfahren die Zuschauer Livias Erniedrigung am eigenen Leib. Solche Perspektivwechsel hat die Regie mit einer fast schon musikalischen Genauigkeit inszeniert, wobei diese überhaupt nicht mechanisch wirken: jede „Unterbrechung“ erweitert die Rolle im Gegenteil um neue Facetten. Das betrifft insbesondere die schwierige Partitur von Livia selbst, in der es sowohl Dialoge als auch Monologe gibt. Die Aufteilung der Rollen reflektiert die Labilität einer Teenager-Psyche, dieses ständige innere „Auf und Ab.“ Doch am wichtigsten ist, dass dieser von der Dramaturgie entworfene und von den Schauspielern verwegen umgesetzte Zugang die dargestellten Personen de facto entpersonalisiert. Wir sehen also eine archetypische Situation, in die jeder Teenager geraten könnte – genauso, wie sich jeder Elternteil in der Rolle von Livias Vater wiederfinden kann. Und wie paradox es auch sein mag: genau das – und nicht das Mitleiden oder die Entwicklung von Hassgefühlen gegenüber konkreten Figuren, in die sich konkrete Schauspieler verwandelt haben – ist es, was den Saal so richtig zum Beben bringt. „Krass…“, flüstert das junge Mädchen, das neben mir sitzt, als die Lehrerin Livia eine Moralpredigt hält und sie ermahnt, sich gegenüber den Jungs, die sie malträtieren, „elegant“ zu verhalten.

«Aber ich bin froh, dass ich nicht mit meiner Mutter zu dieser Aufführung gekommen bin.»

Der Übergang zum Publikumsgespräch gestaltet sich nicht nur leicht, sondern ist auch ein natürliches Ende des Stücks. Insbesondere die jüngeren Zuschauer platzen fast vor dem Bedürfnis, ihre Eindrücke loszuwerden. Plötzlich scheint der Saal aus den Figuren der Inszenierung zu bestehen: es sind sowohl Jugendliche als auch Eltern und Lehrer anwesend. Und sie alle beziehen die Handlung des Stücks sofort auf die Beziehungen der einzelnen Gruppen untereinander – auf Freunde, Lehrer und Kinder. Die Verdichtung all dieser Zwischentöne in „Livia, 13“ scheint sie dabei wenig zu schockieren. „Eine ganz typische Geschichte“, seufzt meine Sitznachbarin. Und der fünfzehnjährige Dima kennt einen solchen Druck von allen Seiten nicht nur vom Hörensagen: er wurde in der sechsten Klasse verprügelt. Die Schlägerei wurde auch noch gefilmt, und das Video an die ganze Schule geschickt. „Mein Dank gilt den Schauspielern! Aber ich bin froh, dass ich nicht mit meiner Mutter zu dieser Aufführung gekommen bin.“ Auch Polina gibt zu, dass sie sehr gut nachvollziehen kann, warum man sich dieses Stück besser ohne die Eltern ansieht – und bedauert, dass es „Livia“ nicht schon vor fünf Jahren gegeben hat: „Alles, was ich heute auf der Bühne gesehen habe, war echt supercool. Ich bin jetzt achtzehn, aber ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie es war, dreizehn zu sein.“ Heiß debattiert wird im Saal vor allem das Verhalten des Vaters: „Ihr Papa hat sich wie ein Pädagoge verhalten, nicht wie ein Vater“, „Der Vater hat ehrlich gesagt abgeloost, er hat sie nicht unterstützt, sondern voll auflaufen lassen.“

Die Einbeziehung der Zuschauer läuft auf mehreren Ebenen ab. Denn alle im Stück thematisierten Horrorszenarien werden zusätzlich anhand von Manipulationen an Barbie-Puppen illustriert: auf einem freien Stück Bühnenboden steht ein Tisch mit Spielzeug und einer Videokamera. Eine Puppe wird ausgezogen, es werden Handyfotos von ihr gemacht, und schließlich wird sie aus dem Fenster ihres Puppenhauses gestürzt. Was auf dem „Puppentisch“ passiert, wird durch einen großen Bildschirm auf die Bühne übertragen. Die Leichtigkeit, mit welcher der Missbrauch an der Puppe demonstriert wird, findet ihre Entsprechung im Spiel der Darsteller. Und wenn in Bezug auf die Partyszene ein gewisser Kontrast noch angemessen scheint, so ist es vorsätzliche Komik, wie Livias Selbstmordversuch ausgelegt wird (eine Hand zwängt die Puppe über den niedrigen Balkon des rosa Plastikhauses, was im Kontext des Stücks dennoch von großer Verletzlichkeit zeugt). Wertvoll ist außerdem, dass das Spiel mit den Puppen fast vollständig aus den Händen der professionellen Schauspieler genommen und an vier Jugendliche übertragen wurde, die in zufälliger Anordnung um den Tisch gruppiert sind. Ihnen wird außerdem angeboten, das Schlusswort des Stücks vorzulesen und somit das Happy End „vom Blatt aus“ zu verkünden. So beschäftigen sich die vier Teenager nicht nur aus einer Außenperspektive mit Livias Geschichte, sondern stellen sie zeitgleich zum Spiel der Darsteller selber nach. Dabei gehen sie auch ein gewisses Risiko ein – denn der ganze Saal schaut ihnen bei dem zu, was sie machen. Sie sind also frei in der Auslegung – und tragen gleichzeitig Verantwortung, weil immerhin ein Schicksal in ihren Händen liegt. Das grausame Spiel hört hierdurch schnell auf, ein Spiel zu sein, denn die Plastikpuppen werden zu erschrockenen, verlorenen und verzweifelten Repliken von Livia und ihrem Vater.

Michail Patlasow bemüht sich, über diesen Weg eine Interaktion mit dem Publikum zu erreichen. Deshalb hat er auch für das Stück zwei Formen entwickelt: eines für das Theater und das andere für Schulen. Im Format des „Klassendramas“ wurde das Stück bereits an der Schule № 323 (Petrosawodsk) und an der „Petrischule“ №222 (St.Petersburg) in der achten Klasse aufgeführt, die im Ruf steht, eine „Problemklasse“ zu sein.

Maria Sloewa, Produzentin des Stücks:
Die Reaktionen in der Klasse waren dramatischer als die im Theater. Wir hatten Mädchen, die ruhig zugehört und sich ganz auf das Material eingelassen haben. Dann war da noch eine Gruppe Jungs, die sich dem Material völlig verweigert haben, indem sie quatschten und die anderen störten. Und es gab noch eine dritte Gruppe, für die unsere Inhalte schwer zu verdauen waren, und denen es emotional nicht gut damit ging. Auch in der anschließenden Gesprächsrunde haben sich die drei Gruppen etwa ähnlich verhalten. Unerwartet war für uns die Reaktion der Klassenlehrerin, die gleichzeitig auch die Mathelehrerin war. Sie freute sich sehr darüber, dass ihre Klasse das Stück sehen durfte, und fand, dass die Prozesse, die dort dargestellt werden, sich sehr gut auf die Realität beziehen lassen und damit für die Schüler wichtig sind. Das Schulformat des Stücks wird noch verändert werden, weil es in solch einem kleinen Raum schwierig ist, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu halten – im Klassenzimmer beschäftigen sich die Schüler ja immer auch mit ihrem eigenen Kram. Und natürlich setzen wir auch die Schauspieler hier ganz anderen Herausforderungen aus: in der Klasse sind sie natürlich viel ungeschützter als im Theaterraum. Die Klassen-Inszenierung wird sich in Richtung eines Impro-Dialogs bewegen, durch den die Schüler unmittelbar in das Stück mit einbezogen werden.

Text: Julia Klejman
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland
Oktober, 2016
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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(1)
Samuil Marschak (1887 - 1964) –sowjetischer Schriftsteller; bekannt vor allem durch seine Kinderliteratur
Kornei Tschukowski (1882 - 1969) - sowjetischer Dichter, Übersetzer und Autor zahlreicher Kinderbücher.



(2)SchAG 11+, ist eine Anthologie mit zwölf Texten für Kinder und Jugendliche von Theaterautoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in russischen Übersetzungen. Der vorliegende SchAG-Band – ein Akronym aus Deutschland, Österreich und Schweiz – ist die Fortsetzung einer Reihe russischer Erstübersetzungen deutschsprachiger Theaterstücke. Entstanden ist er im Rahmen des Jahres der deutschen Sprache und Literatur in Russland, das gemeinsam vom Goethe-Institut und dem Auswärtigen Amt veranstaltet wird. Kooperationspartner sind die Schweizer Kulturstiftung PRO HELVETIA und das Österreichische Kulturforum. Der Band schließt folgende Stücke ein: „Die Prinzessin und der Pjär“ von Milena Baisch, „Wolf sein“ von Bettina Wegenast, „Mein Name ist Peter“ von Jan Friedrich, „Schlafen Fische?“ von Jens Raschke, „Ohne Moos nix los“ von Jorg Isermeyer, „Zur Zeit nicht erreichbar“ von Petra Wüllenweber, „Die erste Stunde“ von Jörg Menke-Peitzmeyer, „Schwarze Milch oder: Klassenfahrt nach Auschwitz“ von Holger Schober, „Creeps“ von Lutz Hübner, „Livia, 13“ von Christine Rinderknecht, „Du siehst Gespenster“ von Jörg Menke-Peitzmeyer, „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf und Robert Koall. Das im Band bereitgestellte Material ist für Regisseure, Studierende, Publizisten und weitere Fachleute im Bereich Theater bestimmt.




"Livia 13" in St. Petersburg
Foto: Novaja Szena von Alexandrinsky Theater





"Livia 13" in Petrosawodsk
Foto: Vladimir Voltovskij





"Livia 13" in Petrosawodsk
Foto: Vladimir Voltovskij





"Livia 13" in Petrosawodsk
Foto: Vladimir Voltovskij