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Kreativität im Unterricht II

Foto: Goethe-Institut St. Petersburg

Das ZKM, Zentrum für Kunst- und Medientechnologien ist eine weltweit einzigartige Kulturinstitution. Es ist sowohl ein Museum als auch ein Forschungs- und Produktionszentrum. Es ist das erste Museum, das Kunst verschiedener Medien und Gattungen sammelt und ausstellt. Von der klassischen Malerei bis zur App-Art (1), von der Skulptur bis zur Performance, von der Installation bis zum Tanz, von der Fotographie bis zur Videokunst, vom Film bis zur digitalen Kunst, und von der akustischen Musik bis zur Sound-Art.

Die enge Verflechtung von Forschung und Kunst gehören ebenfalls zum Arbeitsbereich des ZKM. So gestaltete das ZKM zusammen mit LehrerInnen eines Gymnasiums zwei Jahre lang ein Forschungsprojekt zum Thema »Kreativität im Unterricht«. Das Ziel des gemeinsamen Projektes lag darin, herauszufinden, wie der Unterricht möglichst mit wenig Aufwand für den Lehrer kreativer gestaltet werden kann. An dem Projekt arbeiteten die LeherInnen vor allem in ihrer Freizeit.

Daraus ist ein „Arbeitsheft“ hervorgegangen, welches nicht nur die Forschungsergebnisse in sich trägt, sondern auch Tipps zur besseren Gestaltung des Unterrichts. Das Arbeitsheft erinnert keinesfalls an einen klassischen und langweiligen Ratgeber für Lehrer. Mit seinem Design erinnert es sogar an ein modernes Magazin. Darin lassen sich praktische Übungen, illustrierte Anleitungen und themenspezifische Kurztexte finden. Durch die kreative Gestaltung soll das Lesen oder schon einfaches Durchblättern des Arbeitsheftes Interesse wecken. Im Folgenden werden ein methodischer Text „Umnutzen, Umdenken“ und die dazugehörige praktische Übung „Dinge, die etwas von mir wollen und Dinge, von denen ich etwas will“ aus dem Arbeitsheft angeführt.

„Umnutzen, Umdenken“ (2)

Welche methodischen Werkzeuge und Hilfsmittel können schnell eingesetzt werden, um einen »strategie_wechsel« vornehmen zu können?

Wir haben uns von angrenzenden Disziplinen inspirieren lassen und den Prozess des Umnutzens als ein funktionales und leicht verständliches Werkzeug entdeckt und angewandt. Besonders im visuellen Bereich lassen sich Umnutzungs-Strategien schnell wahrnehmen und begreifen.

Der Begriff Umnutzen taucht hauptsächlich im Bereich der Architektur und Denkmalpflege auf. Meist ist hier die Rede vom »Umnutzen alter Gebäude«. Aus einer alten, denkmalgeschützten Scheune wird ein Kulturzentrum, eine alte Fabrikhalle wird zu einem Museum etc. Die Beispiele lassen sich beliebig fortführen.

Durch kleine Eingriffe oder Ergänzungen werden Gebäude umgewandelt und ihre Funktion verändert. Aber nicht nur in der Architektur, viel auffälliger noch im Bereich des Designs hat der Begriff Umnutzen Hochzeit. Entweder durch Transformation der Produkte oder durch Addition neuer Elemente werden veränderte Funktionen möglich.

Das Besondere oder die Herausforderung einer Umnutzung eines Objekts ist, das Ding als reines Objekt von seinem ursprünglichen Sinngehalt zu befreien und mit neuem Sinn zu füllen. Durch kleine oder große Änderungen oder schlicht durch eine Neuzuweisung von Funktionen wird dem Objekt ein neuer Nutzen zugeschrieben.

Durch das praktische Umnutzen von Gegenständen und Situationen wird parallel dazu ein kognitiver Prozess angeregt – das Umdenken.

© ZKM // Broschüre: Kteraevitiat*– arbeitsheft: kreativitaet?*Ansichten und Einsichten zur Kreativitätsförderung

Dinge, die etwas von mir wollen und Dinge,von denen ich etwas will
Es ist eine unkomplizierte Möglichkeit bei den Schülern/Schülerinnen den Prozess des Umdenkens zu evozieren. Die genaue Wahrnehmung eines Gegenstandes und das Reflektieren der Situationszusammenhänge erfolgten mit dieser Übung auf eine sehr einfache und schnelle Weise. Der Blick durch das Kameraobjektiv förderte das Fokussieren.

Die Aufgabe lautete:
»Suche draußen ein Ding, das etwas von dir will und fotografiere dieses Ding, sodass sein Wille deutlich erkennbar ist.«
»Als nächstes suche ein Ding, von dem du etwas willst und fotografiere es wieder, so dass dein Wille deutlich erkennbar ist.«

In jedem Ding ist eigentlich schon seine Bedienungsanleitung eingeschrieben. Fast immer ist es jedoch möglich mit minimalen Eingriffen, meist performativer Art, den ursprünglichen Nutzungszweck temporär oder dauerhaft zu verändern.

Um den Forschungsgegenstand aus anderen Perspektiven betrachten zu können, stellte das ZKM eine Projektgruppe von LehrerInnen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen zusammen (nicht nur aus den künstlerischen, sondern auch aus den Geistes- und Naturwissenschaftsbereichen). Demnach sind die Praktischen Übungen aus dem Arbeitsheft des Projektes auch interfächlich und sind für unterschiedliche Fächer geeignet. Im Folgenden werden noch ein paar praktische Übungen aus dem Arbeitsheft aufgeführt.
© ZKM // Broschüre: Kteraevitiat*– arbeitsheft: kreativitaet?*Ansichten und Einsichten zur Kreativitätsförderung

1. Winkelprojekt
Unterrichtseinheit. Mathematik. Klasse 6. Thema: Winkelprojekt

Hinführung
Wo kommen in unserer Umgebung Winkel vor? Welche Winkel kennen wir? Das Klassenzimmer wird auf Winkel überprüft.

Erarbeitung
Die Schüler/-innen erhalten ein »Winkelheft«, ein unliniertes Heft mit einen Hilfsfragebogen zur selbstständigen Erarbeitung der verschiedenen Winkel. Die Reihenfolge der Erarbeitung der Winkel können sie für sich individuell sinnvoll wählen. Sie erarbeiten die Winkel mithilfe des Arbeitsbuches sowie durch verschiedene Übungen und Spiele, welche die Lehrperson anbietet. Diese Arbeitsphase wird strukturiert durch Einzelarbeit, Gruppenarbeit und durch Besprechungen, in denen die Schüler/innen bzw. Kleingruppen ihre Ergebnisse über einen Projektor der Klasse vorstellen.

Die verschiedenen Erfahrungen, Lösungsansätze und Fragen werden diskutiert. Die Lehrperson steht dabei Ansprechperson für Fragen zur Verfügung. Das Winkelheft dient als Arbeitsheft und zur Dokumentation des Arbeitsprozesses, welches sie nach ihren eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen gestalten können.

Anwendung
Welche Winkel, die wir mithilfe des Fragebogens erarbeitet haben, kommen nicht im Klassenzimmer vor? Die fehlenden Winkel werden mit farbigem Klebeband im Klassenraum ergänzt, indem die Schüler/-innen die Winkel in verschiedenen Größen auf Boden, Wände, Tische, Stühle kleben, bis jeder Winkel vorhanden ist. Hat der Raum nun eine veränderte Wirkung auf uns? Wie würde unsere Umgebung aussehen, wenn unsere Möbel aus verschiedenen Winkeln gebaut wären?

Übung:
Zeichne ein Möbelstück, in dem mindestens fünf verschiedene Winkel vorkommen.

Diskussion:
Welchen Einfluss hätten diese Möbel auf unser Raumgefühl? Würde uns vielleicht schwindelig werden?

Diese Übung wird Abwechslung in den Unterricht bringen und die Kenntnisse der Schüler zum Thema festigen. Außerdem erlaubt sie die theoretisch-abstrakte Vorstellungen der Schüler über die Winkel in praktische Erfahrung zu integrieren und fördert bei Kindern eine kreative Betrachtungsweise von räumlichen Objekten.

© ZKM // Broschüre: Kteraevitiat*– arbeitsheft: kreativitaet?*Ansichten und Einsichten zur Kreativitätsförderung

2. Spaghetti-Turm
Die »Spaghetti-Turm«-Challenge, wie sie auf vielen Internetportalen zu den Themen Karriere, Teambildungsprozess oder Berufsorientierung empfohlen wird, ist ein gutes Spiel, um in kurzer Zeit Impulse und Strategien der Kreativität aufzuzeigen. Scheitern, Abschauen, Konkurrenzdruck, Umdenken – mit diesen Begriffen wurde in der anschließenden Diskussion die Übung von den Schülern/Schülerinnen beschrieben.

Jedes Team, bestehend aus vier bis fünf Schülern/Schülerinnen, findet auf seinem Tisch 40 Spaghetti, eine Klebebandrolle, eine Bindfadenrolle, eine Schere und einen Marshmallow. Nun soll jedes Team gleichzeitig versuchen binnen 15 Minuten den höchsten Turm zu bauen. Auf jedem Turm soll ein Marshmallow stecken. Es sollen keine weiteren Hilfsmittel verwendet werden. Nach 15 Minuten werden alle Türme gemessen.

Diese Übung hat zum Ziel:
1. Die Entwicklung der Raumvorstellung der Kinder. Bei dieser Übung müssen sich die Kinder zunächst Gedanken über eine stabile Konstruktion machen. Demzufolge ist die Übung für Geometrie-, Zeichen und und Werkunterricht geeignet.

2. Die Entwicklung von Kompetenzen im Team. Die Aufgabe, den Turm zusammen zu bauen, scheint zwar auf den ersten Blick einfach zu sein, ist aber in Wirklichkeit viel schwieriger. Denn Kinder beginnen meistens voreilig zu bauen, sodass der Turm gleich stürzt. Der Turm kann erfolgreich gebaut werden, wenn die Kinder beginnen die Aufgaben in der Gruppe aufzuteilen: jemand hält die Spagetti zusammen, der andere bindet sie fest usw. Diese Übung kann demnach auch in geisteswissenschaftlichen Fächern nützlich sein, z.B. in Gemeinschaftskunde, Geschichte etc.


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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org