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Das Puppentheater und seine sozialen Funktionen.
Über den therapeutischen Effekt des Dritten BTK-Festes

BTK-Fest

Das Theater ist bekanntermaßen nicht gerade die beliebteste aller sozialen Institutionen, die die Menschheit so zahlreich erschaffen hat. Statistisch gesehen besuchen nur etwa 5 bis 6 Prozent der Einwohner Russlands regelmäßig ein Theater. Für einige jedoch wird der Theaterbesuch zum Ereignis, das ihre Weltanschauung für immer auf den Kopf stellt. Die erste Erfahrung eines Theaterbesuches wird in früher Kindheit gemacht und von den Eltern initiiert. Schwungvoll wird das sich dessen zuweilen nicht einmal bewusste Kind am Arm genommen und in Kinder- und Jugendtheater oder, häufiger noch, ins Puppentheater geschleppt.

Man glaubt gerne, dass die Idee des Theaterbesuches von Kindesbeinen an in der Sowjetzeit entstand, obwohl es damals keinerlei Unterstützung für Theaterbesuche gab, die schon Säuglinge an Kunst und Kultur herangeführt hätten. Sergei Obraszow (1) empfahl, Kinder ab einem Alter von 6 bis 7 Jahren ins Theater zu führen. In der Zeit wurde das Puppentheater als Kinder- und Jugendtheater abgestempelt und damit so lange Zeit dem erwachsenen Publikum vorenthalten. In der Sowjetunion mussten Kinder zuerst ins Puppentheater, dann ins Kindertheater und schließlich in ein Schauspielhaus gehen, bevor der junge Zuschauer reif genug war für die Elite-Disziplinen wie etwa Ballett und Oper.

«In der Sowjetunion mussten Kinder zuerst ins Puppentheater, dann ins Kindertheater und schließlich in ein Schauspielhaus gehen, bevor der junge Zuschauer reif genug war für die Elite-Disziplinen wie etwa Ballett und Oper.»

Inzwischen findet man in den Programmen immer mehr Stücke für Schwangere, Theaterprojekte der Altersgruppe 0+ oder auch Baby-Theater. Die im Westen weit verbreitete Strömung kam erst relativ spät in Russland an, vor ungefähr zehn Jahren. Bemerkenswert ist, dass in nahezu jedem Genre Frauen Regie führen, siehe beispielsweise Marfa Gorwitz, Jekaterina Gorokhovskaja, Galina Zhdanova oder Polina Struzhkova. Als Mütter sind sie überzeugt, dass das Kind schon so früh wie möglich auf das Leben in einer Gesellschaft vorbereitet werden muss.

Bei den Baby-Theaterstücken handelt es sich in der Regel um auf Märchen basierende leicht zu verstehende Geschichten, die von Live-Musik begleitet werden. Sie vereinen Schauspiel und Figurentheater. Die Aufmerksamkeit des Kindes wechselt also ständig zwischen der Vielzahl an Details hin und her, die die Schauspieler verwenden. Ebenso verschwindet die traditionelle Teilung in Bühne und Saal, denn man greift lieber zu ungewöhnlichen Formen – Zelte, kleine Transporter –, oder die Eltern setzen sich mit ihren Kindern einfach in einen Kreis, in dessen Mitte sich die Handlung auch entwickelt. Wenn das Publikum nicht 0+ ist, sondern Wenn die Kinder fünf bis sechs Jahre alt sind, gibt es meistens einen Workshop, bei dem die Kinder Figuren aus unterschiedlichen Naturstoffen wie etwa Holz, Stroh und Rute basteln. All das soll dem Kind dabei helfen, sich einfacher weg von den Eltern als seinen Allernächsten und zu Gleichaltrigen hin zu wenden oder sich gar unbekannten, „fremden“ Erwachsenen anzuvertrauen.

Auf dem Dritten BTK-Fest, das dieses Jahr unter dem Motto „Neues Puppentheater. Freak case“ stand, gab es diesmal zwar kein Baby-Theater, dafür aber Stücke für Kinder ab vier Jahren. Die Werke berührten, sowohl durch uns wohlbekannte Sujets – wie zum Beispiel die Themen Liebe und Freundschaft in Der standhafte Zinnsoldat von Tobias Lehmann und Seither... von Anna Ivanova-Braschinskaja – als auch durch völlig unkonventionelle Themen.

Mateusz Przleskis Arbeit Billy Fog (Krakau, Polen) wirft beispielsweise Fragen zum Übersiedeln der Seele von einer Welt in eine andere auf. Innerhalb einer Stunde wird mit Hilfe von Schattentheater in der Ästhetik eines Schwarzweiß-Cartoons mit den Kindern über die Natur des Todes gesprochen und auch darüber, wie man mit dem Ableben eines geliebten Geschöpfes fertig werden soll. Allerdings geht es hier nicht um den Tod eines nahe stehenden Menschen, sondern um das plötzliche Ableben von Billys bestem Freund, seinem Kater.

Nicht weniger mutig, feinfühlig und überraschend ist Koljas Aufsatz von Jana Tumina, das sich an Kinder ab 6 Jahren richtet. Das Theaterstück basiert auf Sergej Golyschevs Buch Mein Sohn ist Down und auf den Geschichten eben dieses jungen Protagonisten – auf Kolja Golyschevs Geschichten. Jana Tumina hat ein poetisches, praktisch impressionistisches Ideenwerk und Gemälde geschaffen, in dem die Biografie des Romanhelden auf engste Weise mit Geschichten aus dem Seelenleben eines ungewöhnlichen Jungen verwoben ist. Hier wird Kolja geboren, da ist das Märchen von Kolja und dem Zauberhirsch, dort die Geschichte von Koljas imaginärer Freundin Warja. Jana Tumina war es aus Prinzip wichtig, die Welt in Harmonie zu zeigen, um sie dann in ihre Einzelteile aufzuzeigen. Die Welt des bewegenden schneeweißen Kleinen, der in der Luft schwebt (Künstlerin: Kara Kamalidinova), in dessen Lachen „fünf Millionen Schlittenglöckchen“ erklingen, der die Welt nicht als Ganzes, sondern als Gesamtheit ihrer Inseln wahrnimmt – diese Welt ist ein völlig anderes Universum. Der kleine Prinz kommt von einem anderen Planeten und kennt die Gesetze der Menschen auf der Erde nicht, ebenso wenig wie wir die Gesetze der Organisationen seiner Welt verstehen. Jeder Schritt ist eine gegenseitige Prüfung: für Kolja hängt sie mit der Erforschung seiner Umwelt und seiner selbst zusammen, für die Eltern mit derjenigen der Innenwelt ihres in jeder Hinsicht besonderen Kindes.

Neben seinem großen künstlerischen Statement birgt das Theaterstück Koljas Aufsatz auch soziale Sprengkraft. Es ist der Versuch, ein Kind in eine Welt voller fremdartiger Menschen einzuführen, die anders denken und anders fühlen.

«Puppen- oder Figurentheater kann sogar einen therapeutischen Effekt haben.»

Unser Erfahrungsschatz bezüglich solcher Gespräche mit unseren Kindern ist nicht besonders groß. Unter den bekannteren Inszenierungen fällt uns Karoline Žernytės auf sehschwache Kinder ausgerichtete Mainacht ein, die auch unter Experten Anerkennung fand und mit dem Höchsten Nationalen Theaterpreis, der Goldenen Maske, ausgezeichnet wurde. Theaterkritiker und Puppentheaterspezialist Alexej Gontscharenko sieht den Grund für fehlende Problemstücke darin, dass das „Kindertheater“ direkt vom „Erwachsenentheater“ abhängt, welches noch immer einige Themen stark tabuisiert. Sobald das Schauspielhaus seine Zustimmung zur Thematisierung unangenehmer und schwieriger Fragen gibt, wird es auch eine tektonische Verschiebung in der Entwicklung des Puppen- sowie Kinder- und Jugendtheaters geben. „In Finnland habe ich mir ein Kindertheaterstück zur Flüchtlingskrise angeschaut“, erzählt Gontscharenko. „Auch habe ich das Jugendstück Kerle weinen nicht über Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten gesehen; manche hatten keine Beine, andere wiesen unterschiedliche Formen von Autismus auf.“

Puppen- oder Figurentheater kann sogar einen therapeutischen Effekt haben. Auf dem BTK-Fest wurden diesbezüglich zwei Arbeiten vorgestellt, die eine ausschließlich für Erwachsene gedacht (Der Blinde von Duda Paiva und Nancy Black, Niederlande), die andere für Zuschauer jeden Alters (Freeze! von Nick Steur, Niederlande).

Die Geschichte des Blinden ist eine Autobiographie. Noch als Kind in Brasilien lebend, erkrankte Duda Paiva an einer exotischen Krankheit, bei der sein ganzer Körper von hämatomartigen Auswüchsen übersät wurde. Sie waren überall, manche sogar in den Augen. Im Alter von 14 Jahren lag seine Sehkraft lediglich noch bei 10%. Weder Ärzte noch Heilpraktiker noch Wahrsagerinnen konnten ihn von seinem Leid erlösen. Da entschied er sich auf die Bühne zu treten: Die Theaterproben gaben Duda nach und nach seine Gesundheit zurück und stellten seine Sehkraft fast vollständig wieder her. Bei einer Publikumsdiskussion berichtete der Regisseur und Schauspieler, dass er mit keinen besonderen therapeutischen Methoden arbeitet, doch glaube er an die heilende Wirkung von Kunst im Besonderen und daran, dass sein Theaterstück manchen Zuschauern helfen werde, eigenes Leiden und Beschwerden zu überwinden.

Die Idee für seine Performance Freeze! kam Nick Steur, als er in eine jedem von uns vermeintlich wohlbekannte Lage geriet: Im letzten Studienjahr an der Theaterakademie schmiss er infolge großen Nervendrucks alles hin und fuhr nach Südfrankreich. Dort beschloss er, am Meeresufer Skulpturen aus Stein zu konstruieren. Nach drei Tagen, die er sich damit beschäftigt hatte, erkannte er seine Berufung. Seitdem fährt er nun schon mehrere Jahre lang in der Welt umher und stellt seine Performances vor, die im Durchschnitt 60-90 Minuten lang sind. Sie finden an überdachten Orten auf der Straße statt: Den ersten Tag des Festivals verbrachte Steur im Hof des Literaturmuseums, den zweiten auf der Bühne des BTK. Beide Male bestand das Publikum aus Kindern in Kinderwägen, Kindern von 4 bis 5 Jahren, jungen Müttern und Menschen höheren Alters. Zuweilen beteiligen sich die Kinder auch selbst an den Installationen, was ihnen großen Spaß macht. So bildet Steur an der Ferse eines Säuglings eine Figur aus Stein. Bei Steurs Shows weinen die Kinder nie. Im Gegenteil beruhigen sie sich relativ schnell oder schlafen sogar ein. Nicht ohne Grund findet der Künstler, dass die Arbeit mit natürlichen Materialien eine heilende und entspannende Wirkung hat, die Kinder wie Erwachsene gleichermaßen brauchen.

«Das Theater entwickelt sich zu einem komplizierten synkretischen Phänomen.»

Sogar unter Spezialisten ist die Frage nach der kindlichen Wahrnehmung einer Theatervorstellung und dem Kanon des „Kindlichen“ (oder sein Fehlen) im Puppentheater eine Problemfrage. „Die Bedingungen der heutigen Zeit lassen keinerlei Puppentheater zu“, findet Regisseur Alexej Leljawski, „alles muss verbunden, zusammengeschweißt, umgeschmolzen werden. Das Theater entwickelt sich zu einem komplizierten synkretischen Phänomen. Der Prozess des Spielens und der Beseelung nicht lebendiger Gegenstände entwickelt sich aktiv in einem Kind, deshalb ist es für ihn auch am leichtesten, eine Geschichte mit Hilfe einer Puppe zu verstehen“, fährt der Experte fort, „jedoch muss ich sagen, dass, wenn wir nun ausschließlich vom Puppentheater sprechen und von der Wirkung, die es ursprünglich haben sollte, diese Theaterwelt derart brutal und schrecklich ist, dass wohl kaum ein Kind das ertragen würde! Überlegen Sie sich das mal: Man muss doch in blanke Panik verfallen bei dem Anblick eines toten, nicht lebendigen Gegenstandes, der plötzlich Eigenschaften lebendiger Materie annimmt. Dieser Anblick gleicht Horrorfilmen wie Dead Rising oder Shining! Niemand würde sich etwas Derartiges getrauen, weshalb man mit den Puppen zu spielen beginnt; die Regisseure versuchen damit, sie irgendwo so anzubringen, dass das Puppentheater eine nützliche und erzieherische Wirkung annimmt.“

«Kinderpuppentheater kann oft gekünstelt wirken.»

Auf dem Festival präsentierte Dramaturgin, Regisseurin und Art Direktor des BTK-Festes Anna Ivanova-Braschinskaja ihr gemütliches, heimisches Stück Seither... für Kinder ab 4 Jahren. Gerade Baby-Theaterstücke inszeniert sie oft und gerne. Sie findet, dass „Eltern ihre Kinder nur deshalb ins Puppentheater bringen, weil sich einst einmal eine solche Tradition herausbildete. Gäbe es beim BTK keine Repka oder Kolobok, würden sie sie ins Kinder- und Jugendtheater oder ins Schauspielhaus führen. Als Regisseurin kann ich sagen: Die Inszenierung von Kindertheaterstücken erlaubt es mir, mich wesentlich weniger mit professionellen Fragen zu beschäftigen, allein deshalb, weil Kinder nicht fragen, warum neben diesem Darsteller ausgerechnet diese Puppe steht. Er wird nicht auf die rituelle Natur achten, sondern auf die spielerische. Für ein Kind existiert die Frage danach nicht, ob die Puppe lebendig ist oder nicht – sein Bewusstsein ist mythologisch.“ Dann fügt Anna hinzu: „Kinderpuppentheater kann oft gekünstelt wirken. Gekünstelt deshalb, weil es (dabei nicht um eine Interpretation der ureigenen Natur der Puppe geht, sondern um eine Adaptation, ja gar eine Illustration bekannter und relativ simpler Geschichten. Warum manche Kinder kein Puppentheater mögen? Weil hier ja genau das gezeigt wird, was auch gesagt wird. Und warum die Eltern mit ihren Kindern hierherkommen? Weil es sich so gehört. Und das nicht nur in Russland, sondern auf der ganzen Welt.“

Text: Jana Postowalowa
Übersetzung: Angelina Gußew

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