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Puschkinskaja ZEN



Im Frühjahr 2016 wurde das Programm „Kulturelle Bildung in Russland und Deutschland im Dialog“ im Goethe-Institut durch ein „Zukunftslabor“ ergänzt. Kulturmanager aus Deutschland waren dazu eingeladen worden, ihre Arbeitserfahrungen mit Kollegen aus Russland auszutauschen und Strategien der Vermittlung kulturellen Wissens an ein Kinder- und Jugendpublikum zu erörtern. Im Zuge dieser russisch-deutschen Zusammenarbeit wurden in fünf Kultureinrichtungen Sankt Petersburgs Bildungsprojekte initiiert.

Am Samstag, dem 26. November, fand im Kunstzentrum Puschkinskaja 10 eine Veranstaltung statt, die einzuordnen schwer fällt: es war sowohl die Vorstellung des Projektes „Puschkinskaja ZEN“ als auch der erste Testlauf des gleichnamigen Onlinespiels sowie eine Art Schnitzeljagd über das Gelände des Kunstzentrums.

Um Klarheit zu schaffen, lohnt es zunächst anzumerken, dass „Puschkinskaja-ZEN“ eines von fünf Projekten des zweijährigen und in St. Petersburg organisierten Programmes „Kulturelle Bildung in Deutschland und Russland“ ist. Kurator ist der Wiener Künstler Alexander Felch, die Gastgeberinstitution das Museum für nonkonformistische Kunst, welches einen Bestandteil des ältesten unabhängigen Kunstzentrums in St. Petersburg, des Puschkinskaja 10, bildet.

Seine Geschichte beginnt damit, dass Künstler das leerstehende Gebäude 1989 besetzten und das eingenommene Haus über die Jahre ausgebaut wurde; inzwischen gibt es hier Ausstellungsräume, Museen, Ateliers, Musikklubs und einen eigenen kleinen „Tempel”, genauer gesagt ein „Tempelbüro“, aber dazu später mehr. Eigene Jahre später wird dem Puschkinskaja 10 der Status einer nicht-kommerziellen Nichtregierungsorganisation verliehen, und aktuell ist sie eine der größten Kulturinitiativen der Stadt. Die lange und recht verworrene Geschichte spiegelt sich ebenso in den Räumlichkeiten des Kunstzentrums wider, denn der unschuldige Besucher hat es bei seinem ersten Besuch im Puschkinskaja nicht leicht: Es erwarten ihn mehrere Flügel à sieben Etagen, von denen einige durch Übergänge verbunden sind, deren Korridore und Treppenaugen oftmals selbst zu Kunstobjekten werden. Die Galerie- und Klubschemata, von denen die Gäste begrüßt werden, beeindrucken eher durch ihr Ausmaß, als die Suche wirklich zu erleichtern.

«Sein Ziel ist es, die Navigation nicht nur im Museumsraum, sondern auch durch seine Geschichte zu erleichtern, beide also für neue Besucher zugänglicher zu machen».

All das macht in seiner Gesamtheit Alexander Felchs Projekt buchstäblich site-specific. Sein Ziel ist es, die Navigation nicht nur im Museumsraum, sondern auch durch seine Geschichte zu erleichtern, beide also für neue Besucher zugänglicher zu machen. Gerade deshalb wurde das Quizzformat gewählt. „Puschkinskaja ZEN“ ist ein zweisprachiges Onlinespiel auf Russisch und Englisch, bei dem ein Spieler Zugang zu allerlei Inhalten bekommt, indem er Fragen zur Geschichte des Kunstzentrums beantwortet: Er kann sich dann Videos, Fotos und Texte ansehen. Unter Alexanders Leitung wurde das Design von Studenten der BTK Hochschule für Gestaltung entwickelt, während der Content in St. Petersburg entstand. Insgesamt sind es ungefähr 60 Fragen, die in 4 Einheiten eingeteilt sind, die jeweils den 4 Gebäuden der Puschkinskaja entsprechen. Außerdem sind die Fragen jeder Einheit so konstruiert, dass man manche von ihnen nur unmittelbar im Kunstzentrum beantworten kann; so kann eine Frage zum Beispiel die Anweisung enthalten, „sich ein Stockwerk tiefer auf die Suche nach einem Hinweis zu machen”. Zwei „Detektive” wurden zu Leitfiguren für der Welt der Puschkinskaja 10 ernannt: Puschkin und John Lennon.

An und für sich ist auch das ein Rätsel, das mit der Geschichte des Kunstzentrums zusammenhängt. Der hiesigen Legende zufolge hat ausgerechnet Puschkin, oder besser gesagt sein nahegelegenes Denkmal, die Gemeinschaft der Experimentellen Bildenden Künste um Jewgenij Orlov, Julij Rybakov und Sergej Kowalski dazu inspiriert, ihre eigene Kunstfläche auf dem Territorium des verlassenen Gebäudes zu gründen.

John Lennon als Leitfigur ist womöglich eine umso offensichtlichere Kandidatur. Einer der bekanntesten Schauplätze des inoffiziellen St. Petersburg ist die John-Lennon-Straße, die sich an einer der Fassaden des Puschkinskaja (und der gleichnamigen Straße) erstreckt, ebenso wie das Büro des John Lennon Tempel of Love, Peace and Music.

Außerdem reflektieren die zwei Routen der Schnitzeljagd die zwei wichtigsten Tätigkeitsbereiche des Kunstzentrums: Bildende Kunst und Musik.

Um das Online-Abenteuergame in die Realität umzusetzen, schlugen die Organisatoren den Besuchern bei der Projektpräsentation vor, selbst am Abenteuerrundgang teilzunehmen, der die Logik des Spiels anschaulich illustriert. Die Besucher teilten sich in zwei Gruppen mit je einem Führer auf. Es ist unschwer zu erraten, dass es sich hierbei um Puschkin und John Lennon handelte. Erste Haltestelle für eine der beiden Gruppen war der Lennon-Tempel. Hier las Künstler, Aufsichtsperson sowie Gründer des Tempels, Nikolai Wassin, den Anwesenden eine kurze Lektion zu den Beatles. Weitere Stationen waren die Galerie Art-Liga sowie das Museum der Realien des Russischen Rock – eine der jüngsten Unterabteilungen des Kunstzentrums, das infolge der gleichnamigen Ausstellung im Jahre 2013 entstand.

«…allerdings stellte sich im Laufe der Arbeit heraus, dass „Puschkinskaja ZEN“ ein Universalprojekt ist»

Die ursprüngliche Publikumskategorie sollten Kinder und Jugendliche werden, wie Alexander Felch später zugab; allerdings stellte sich im Laufe der Arbeit heraus, dass „Puschkinskaja ZEN“ ein Universalprojekt ist.

Die, Alexander zufolge übrigens recht ironische, Entscheidung, ausgerechnet ein virtuelles Projekt zu gründen, das keine Fläche im reellen Raum des Kunstzentrums beansprucht, wurde von der Notwendigkeit diktiert: Das Puschkinskaja 10 vereint bis zu 30 verschiedene Institutionen und ihre 150 Mitarbeiter unter einem Dach. Das ist Puschkinskajas Stärke und Schwachstelle zugleich, denn eine solche Fülle an Möglichkeiten erfordert eine klare und durchsichtige, gut lesbare Navigation. Für die Webgestaltung wandte sich Alexander an die BTK. Interessanterweise wurden die Websites aus der Distanz gestaltet: Die Berliner Studenten kamen erst gegen Projektende zur Vorstellung ihrer Arbeit nach St. Petersburg. Formal gesehen dienten Design, Navigation und das allgemeine Interface zur Erneuerung der Gestaltung des Puschkinskaja 10.

Bis heute finden sich hier viele Spuren der vergangenen Sowjetepoche, mit deren Untergang die Entstehung des Kunstzentrums zusammenhängt. Die vom Nonkonformismus anerzogene Selbstständigkeit beispielsweise entpuppt sich heute als Verschlossenheit. Die inoffizielle Kunst war eine Kunst für Seinesgleiche, für den engsten Kreis Gleichgesinnter – Selbstständigkeit war dabei nur überlebensnotwendig. Nun setzt der der Moderne geschuldete Übergang vom auswärts gerichteten Zentrifugal- zum zentrumsorientierten Zentripetalvektor allgemein zugängliche Informationen voraus, ebenso wie Selbstvermarktung und Kundengewinnung, was nicht immer dem Charakter der Bewohner der Puschkinskaja oder ihren Tätigkeiten entspricht.

In Anbetracht besagter Besonderheiten der Gastgeberräumlichkeiten gelang es dem Kurator, eine salomonische Lösung zu finden, weil er ihr trotz der offenkundigen Ironie respektvoll begegnete: Ein virtuelles Projekt im Überall und Nirgendwo – also in den Weiten des Internet – kann Probleme effektiv lösen, ohne dabei den üblichen Lauf der Dinge im Kunstzentrum zu beeinträchtigen. Der erfahrene Internetuser wird durch das ihm wohlbekannte Format eines Onlinegames interaktiv an die Kunst herangeführt, während die Kopplung der Quizzfragen an den reellen Raum ein Bindeglied zwischen Virtualität und Realität darstellt. Dies zeigt sich einmal mehr in der größten Stärke des Projektes (den Werbebannern auf der Puschkinskaja 10 und dem Design, die mit ihrem uniformen Stil eine weitere sichtbare Realisierung derselben Idee sind.)

Der Museumsdirektorin und Projektkuratorin der Puschkinskaja 10 Anastasia Pazej zufolge sind weitere Modifizierungen des Quizzes geplant: Es sollen einige weitere Routen sowie Leitfiguren literarischer, theatralischer und Autorenpfade der Künstler und Bewohner des Hauses ausgearbeitet werden. Es wird auch am Content der bestehenden Seite gearbeitet. Der Projektname „ZEN“ ist nicht nur ein Wortspiel (es verweist auf das deutsche zehn und das englische ten), sondern auch eine weitere – wiederum ironische – Anspielung auf die Zen-Praktik, die gerade dafür bekannt ist, dass man sie bis ins Unendliche ausdehnen kann. Das Ergebnis ist zwar nicht materiell, dafür umso wertvoller.



Ein Kommentar von Alexander Felch:

In der Puschkinskaja 10 war ich 2006 zum ersten Mal. Und es überraschte mich, dass sich nach zehn Jahren rein gar nichts verändert hatte. Es scheint, als würden die Bewohner des Kunstzentrums nicht allzu sehr auf Veränderungen aus sein, vor allem nicht von außen. Deshalb habe ich mich entschlossen, sanft zu arbeiten, und unbemerkt, könnte man meinen: Mein Projekt befindet sich irgendwie im „Nirgendwo“, im virtuellen Raum; die Banner und Poster verändern das Erscheinungsbild des Puschkinskaja auch nicht radikal, sondern vervollständigen es.

Viele Menschen haben gleichzeitig in Berlin und St. Petersburg am „Puschkinskaja ZEN“ gearbeitet. So hat Ksenia Sergeeva aus der Interpretationsschule für Zeitgenössische Kunst Paideia [Bestandteil des Puschkinskaja 10] den Content für das Quizz – also Fragen, Antworten und zusätzliche Informationen – erstellt, die Führung zur Projektvorstellung wurde von Studenten der Sankt Petersburger Hochschule für Kunst und Kultur organisiert, und Nastja Pazej war für die gesamte Laufzeit am Projekt beteiligt. Meine Aufgabe war hier die Koordination aller Teilnehmerleistungen. Man könnte behaupten, dass das seinerseits eine Art Quizz war. Aber am Ende ist alles gut – und das ist das Wichtigste.

Text: Marina Israilowa
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland
Dezember 2016
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



Alexander Felch

Alexander Felch, geboren und aufgewachsen in Wien als Sohn einer russischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Studium der bildenden Kunst mit Schwerpunkt Kunst im Öffentlichen Raum an der Akademie der Bildenden Künste Wien.

Arbeit für Theater, TV und in der Lehre. Beschäftigung mit Kultur- und Kunstvermittlungskonzepten im Rahmen seiner Tätigkeit als freischaffender Künstler und Kurator. 2013 - 2015 künstlerischer Leiter und Programmverantwortlicher im mo.e Vienna, dem größten antidisziplinären, unabhängigen Kunstraum Wiens. Lebt in Wien und seit 2006 nach Möglichkeit auch in St. Petersburg.

www.alexanderfelch.net