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Kulturagenten für kreative Schulen.
Liebe, Poesie, Experiment

Foto: Johanna Niedermueller

Wir beginnen die Artikelserie über Projekte der Kulturellen Bildung an der Schule mit einem Text über das großangelegte Programm „Kulturagenten für kreative Schulen“, das unterschiedliche Bildungs- und Kultureinrichtungen und KünstlerInnen aus fünf deutschen Bundesländern zusammengebracht hat, um gemeinsam Wege zu erkunden, wie sich Schulen und ihre Kulturpartner einander öffnen und langfristige Kooperationen entwickelt werden können. Dieses Programm war eine der Inspirationen für die Entwicklung des Programms „Kulturelle Bildung in Russland und Deutschland im Dialog“ im Goethe-Institut St. Petersburg.

Wer sind die Kulturagenten?

Die Kulturagentinnen und Kulturagenten sind Brückenbauer zwischen Schulen, Kulturinstitutionen und Kunstschaffenden. Ihre Aufgabe ist es, die neuen Vermittlungsangebote und Formate der Teilhabe an Kunst und Kultur von Schülerinnen und Schülern zu entwickeln. Im Rahmen des Programms "Kulturagenten für kreative Schulen" ist damit ein neues komplexes Tätigkeitsprofil an der Schnittstelle von Kultur und Bildung entstanden. Die KulturagentInnen fungieren damit als künstlerischer Impulsgeber, Kurator, Vermittler, Kultur- und Projektmanager, Prozessbegleiter, Netzwerker und Konfliktmanager.

Das Programm „Kulturagenten für kreative Schulen“ (1) ist zum Schuljahr 2011 /2012 an insgesamt 138 Schulen in den Bundesländern Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen mit der Mission gestartet, Kinder und Jugendliche nachhaltig für Kunst und Kultur zu begeistern und sie dadurch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Insgesamt 46 KulturagentInnen begleiteten über einen Zeitraum von vier Jahren die beteiligten Schulen, um neue Formate und Orte für die künstlerische Auseinandersetzung in den Schulen zu schaffen und die Zusammenarbeit mit Kultureinrichtungen und KünstlerInnen zu stärken. Jeder KulturagentIn betreute jeweils drei Schulen.

In Baden-Württemberg haben insgesamt 24 Schulen am Kulturagentenprogramm teilgenommen (2). Vier Jahre lang entwickelten die acht Baden-Württemberger KulturagentInnen gemeinsam mit den SchülerInnen, dem Lehrerkollegium, der Schulleitung, Eltern, KünstlerInnen und Kulturinstitutionen ein vielfältiges und passgenaues Angebot der kulturellen Bildung und bauten Kooperationen mit Kultureinrichtungen auf. Für die Erprobung der neu entwickelten Vermittlungsformate wurde den Schulen im Rahmen des Programms sogenanntes „Kunstgeld" zur Verfügung gestellt, das eine modellhafte Umsetzung kultureller Konzepte ermöglichte und die Qualität künstlerischer Angebote sichern sollte.

Nach einer vierjährigen Modellphase (2012–2016) haben die Bundesländer Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen entschieden, das Kulturagentenprogramm als jeweilige Landesprogramme für weitere vier Jahre fortzuführen. Ziel dieser Überleitungsphase ist es, die Methoden und Erfahrungen aus dem Modellprogramm an weitere interessierte Schulen und Kultureinrichtungen weiterzugeben und die Strukturen für kulturelle Bildung auszubauen.

Im Folgenden werden einige Beispiele der Projekte aufgeführt, die in den Schulen Baden-Württembergs im Laufe der Modellphase des Kulturagentenprogramms realisiert wurden.*

1. Liebe und Poesie

Wer erinnert sich nicht an seine erste große Liebe? Die Schmetterlinge im Bauch oder vielleicht auch die Enttäuschung, wenn die Liebe nicht erwidert wird? Rund um eines der intensivsten Gefühle der Menschen drehte sich das spartenumfassende und mehrmonatige Projekt „Liebe Liebe". Von September 2014 bis März 2015 näherten sich die beiden neunten Klassen der Realschule Ostheim (3) dem Verliebtsein, dem Trennungsschmerz oder auch der Sehnsucht an. Diese Begegnung fand in drei Sparten - in der Poesie, der Bildenden Kunst und dem Tanz - statt und endete mit einer spartenübergreifenden Performance.

Im Deutschunterricht lernten die Schülerinnen und Schüler Gedichte bekannter Lyriker kennen - von Goethe bis Ringelnatz, von Kaschnitz bis Lasker-Schüler - und wählten jeweils einen Text aus. Dann begann die eigentliche Arbeit: Wie ist meine persönliche Haltung zu diesem W Wie kann man die Gedanken und Worte dieses Gedichts mit eigenen Worten weiterschreiben? Neben ihrem Lehrer Waldemar Staniczek unterstützte sie bei diesem Prozess auch der Slam Poet Timo Brunke. Mit ihm erarbeiteten sie auch, wie man ausdrucksstark, mit kräftiger Stimme und Präsenz den entstandenen Text vorträgt und so die Zuschauer in seinen Bann zieht. Die Zusammenarbeit von Lehrer und Künstler funktionierte auch deshalb so gut, weil beide voller Begeisterung für diese Kunstform sind und vielfältige Erfahrungen in Poetry-Projekten mit Kindern und Jugendlichen mitbrachten.

Im Fach Bildende Kunst setzten die Schülerinnen und Schüler Liebesbekundungen aus Briefen, Notizzetteln oder auch SMS-Nachrichten bildnerisch um und fanden eigene gestalterische Ausdrucksformen. Begleitet wurden sie dabei von ihrem Lehrer und von Prof. Klaus Bushoff emeritierter Professor für Kunst und ihre Didaktik.

Außerdem arbeiteten die Schülerinnen und Schüler mit den Tänzern und Choreografen Misha Büchner, Larry King Ofori Bamidele und Timo Hofmann an eigenen Hip-Hop- Choreografien. Sie erarbeiteten zunächst zur Hip-Hop-' Musik verschiedene Bewegungen und unterlegten dieses dann mit klassischer Musik. So begegneten sich auch hier Klassik und Moderne: Ähnliche Strukturen beider Musikgenres wurden dabei tänzerisch erkundet und ausgelotet. Es entstanden mehrere Tänze in Kleingruppen und eine gemeinsame Performance aller Schülerinnen und Schüler.

«Künstler lernen, dass eine Klasse zu führen eine Kunst für sich darstellt. Und Lehrer profitieren vom Improvisationsansatz, der für künstlerische Arbeit konstitutiv ist.»
Timo Brunke, Sprech- und Sprachkünstler

Die Arbeit in den drei verschiedenen künstlerischen Sparten fand sowohl im Unterricht als auch in Projekttagen statt. Zusätzlich feilten die Schülerinnen und Schüler in ihrer Freizeit an den Choreografien und an ihrem Auftritt. Die so entwickelte Tanz-, Kunst- und Poesie-Performance feierte am 18. März 2015 im Literaturhaus Stuttgart Premiere.

2. Experiment

Hauptanliegen des Projektes „Kunst als Experiment" der Marie-Curie-Realschule (4) in Mannheim war, das Experimentieren als Gestaltungsprinzip in der Kunst für die Schülerinnen und Schüler erfahrbar zu machen: die kontinuierliche Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, Formen, Kombinationen und Materialerfahrungen, die zu einer Überprüfung, Erweiterung oder Neudefinition des Kunstbegriffs führt. Das Projekt umfasste fünf verschiedene Annäherungsweisen, die jeweils mit erfahrenen Künstlerinnen und Künstlern umgesetzt wurden.

Zum einen experimentierten die Schülerinnen und Schüler einer 6. Klasse mit Ton, Holz und Bronze. Unter Anleitung eines Bildhauers setzten sie sich mit den unterschiedlichen Materialien und deren Bearbeitung auseinander, gestalteten gemeinsam zwei große Skulpturen und platzierten diese im neuen Schulhaus der Marie-Curie-Realschule.

Beim „Experimentieren mit Wort und Fotografie" verfassten Siebtklässler mit einem Autor Haikus. Diese Kurzgedichte wurden dann gemeinsam mit einem Fotografen und einer Bildenden Künstlerin in Fotogramme - also Fotografien ohne Kamera - umgesetzt. Haikus und Fotogramme wurden im Wilhelm-Hack-Museum ausgestellt, und die Jugendlichen gestalteten gemeinsam mit einem Designer einen Werkkatalog.

Eine andere siebte Klasse experimentierte mit Klang und Video. Die Jugendlichen wurden von einem Klangkünstler und einer Videokünstlerin angeleitet und lernten experimentell mit den beiden Medien umzugehen, Geräusche und Bilder aufzunehmen, zu bearbeiten, zu verfremden und zuletzt in einem Videofilm bzw. einer Live-Präsentation zusammenzuführen.

Die Schülerinnen und Schüler einer achten Klasse lernten die Druckgrafik in der Werkstatt des Wilhelm-Hack-Muse- ums kennen. Unter Anleitung von zwei Museumspädagoginnen experimentierten sie mit unterschiedlichen Druckgrafikverfahren und stellten ihre Ergebnisse im Museum aus.

«Kulturelle Bildung ist ein so hohes Gut, dass kein Kind außen vor bleiben darf! Weiter so!»
Markus Herrmann, Lehrer

Last but not least erschufen Neuntklässler unter Anleitung zweier Filmkünstler Cinemagramme. Cinemagramme sind Standbilder, die eine oft kleine, sich wiederholende Bewegung enthalten und wie kurze Videos wirken. Die Schülerinnen und Schüler sammelten zunächst Klang- und Videomaterial an ihrer Schule und in ihrem Stadtteil und kreierten mit Hilfe von Bildbearbeitungssoftware originelle Videos. Anschließend erstellten sie unter Anleitung ihres Musiklehrers Markus Herrmann atmosphärische Musik, um die Stimmung der Cinemagramme zu verstärken.

Neben dem Mut zum Experiment war ein Ziel des Projekts, dass die Jugendlichen die kulturellen Angebote ihrer Region erleben und reflektieren. Zudem wurde die Öffnung der Schule vorangetrieben: Zum einen öffnete sie sich für externe Kulturpartner, die ihre künstlerische Kompetenz in die Projekte einbrachten. Zum anderen öffnete sich die Schule ihrer Umgebung, indem sie Orte wie das Wilhelm-Hack-Museum oder das Künstlerhaus „zeitraumexit" in die Projektaktivitäten einbezog.



Copyright: (LKJ) Baden-Württemberg
Februar 2017
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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(1) „Kulturagenten für kreative Schulen" ist ein Modellprogramm der gemeinnützigen Forum K&B GmbH, das von der Kulturstiftung des Bundes und der Stiftung Mercator initiiert und gefördert wurde.














*Die Texte aus der Publikation "abgucken erwünscht! Das Buch".
Veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung von der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ) Baden-Württemberg e.V.



Foto: Johanna Niedermueller Projekt: "Liebe, Liebe". Foto: Johanna Niedermueller





(3) Realschule Ostheim, Stuttgart:
279 SchülerInnen aus 21 Nationen,
24 LehrerInnen
Kulturbeauftragte: Sylvia Theuringer
Schulleitung: Wolfgang Schlosser
Kulturagentin: Johanna Niedermüller
Partner: Open Music e.V., Literaturhaus Stuttgart, Oliver Feigl













Foto: © Kulturagenten Projekt: "Kunst als Experiment"


(4)Marie-Curie-Realschule, Mannheim:
316 SchülerInnen aus 31 Nationen,
21 LehrerInnen
Kulturbeauftragte: Anke Pojtinger
Schulleitung: Daniela Götz
Kulturagentin: Judth Denkberg de Gvirtz
Partner: Kunsthalle Mannheim, Nostos Tanztheater und Werkstatt, Halil Kacemer, Wilhelm-Hack-Museum, Eduardo Serrano, Freie Kunstakademie Mannheim, Angelika Staudt, Joss Turnbull.





Foto: © Kulturagenten Projekt: "Kunst als Experiment"

(2) Das Kulturagentenprogramm in Baden-Württemberg in Zahlen

Zeitraum: September 2011 bis Juli 2015

KulturagentInnen: 8
Mitarbeiterinnen im Landesbüro: 2

Zahl der beteiligten Schulen: 24
Davon:
Gemeinschaftsschulen: 2
Förderschulen: 4
Werkrealschulen: 9
Realschulen: 6
Verbundschule Werkrealschule/Realschulen: 2
Verbundschule Gymnasium/Werkrealschule/Realschulen: 1

Zahl der Projekte: 186

Zahl der Projektstunden: 23 812 часов

Zahl der beteiligten SchülerInnen: 18 368

Zahl der beteiligten LehrerInnen: 426

Zahl der beteiligten KünstlerInnen: 556

Zahl der Presseberichte (Print, Radio, TV, Internet): 465

In Baden-Württemberg ausgegebene Mittel: ca. 2,3 Mio. Euro