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Kulturagenten für kreative Schulen.
Teil 2. Moderne Kunst in der Schule!

Фото: Татьяна Дячинская

Wir setzen die Artikelserie über Projekte der Kulturellen Bildung an der Schule mit zweiten Text über das großangelegte Programm „Kulturagenten für kreative Schulen“ (1) fort, das unterschiedliche Bildungs- und Kultureinrichtungen und KünstlerInnen aus fünf deutschen Bundesländern zusammengebracht hat, um gemeinsam Wege zu erkunden, wie sich Schulen und ihre Kulturpartner einander öffnen und langfristige Kooperationen entwickelt werden können. Dieses Programm war eine der Inspirationen für die Entwicklung des Programms „Kulturelle Bildung in Russland und Deutschland im Dialog“ im Goethe-Institut St. Petersburg.

Wenn Bilder zu Geschichten werden.*
Die Werkrealschule Lichtental (2) in Baden-Baden nimmt bereits seit 2012 an verschiedenen Vermittlungsprogrammen des Museums Frieder Burda teil. 2013 regte der Kulturagent Dr. Ralf Eger eine Intensivierung der Zusammenarbeit an. Inzwischen gibt es zwei innovative Zwischenergebnisse: von Schülerinnen und Schülern produzierte Audio-Guides für das Museum sowie das Konzept der „Kunstagenten".

Die Vermittlungsabteilung des Museums Frieder Burda, die Kinderkunstwerkstatt, wurde im Jahr 2003 gegründet und bietet kreative Begleitprogramme zur jeweiligen Ausstellung an. Das Konzept sieht vor, dass Kinder und Ju-gendliche unter professioneller künstlerischer Anleitung Gestaltungsmerkmale der ausgestellten Kunstwerke krea-tiv erproben können. Vor allem die Arbeit mit Schulklassen ist den Vermittlern wichtig, da hier insbesondere junge Menschen erreicht werden, die sonst nicht in das Museum kommen.

Im ersten großen Kooperationsprojekt zwischen der Werk¬realschule Lichtental und dem Museum Frieder Burda wurde dieses bestehende Angebot zweimal pro Schuljahr genutzt. Auf der vertrauensvollen Beziehung zwischen Schulleitung und Kulturvermittlerin aufbauend konnten die Konzepte zum „Audio-Guide" und für die „Kunst-agenten" entstehen.

Begleitet von den Kunstvermittlerinnen des Museums Frieder Burda besuchte die fünfte Klasse der Werkrealschule über mehrere Tage die Ausstellung und die verschiedenen Abteilungen des Museums. Sie erhielten Zugänge zu Bereichen des Museums, die „normale" Besucher nicht erhalten, sprachen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und setzten sich intensiv mit den gezeigten Werken auseinander. Aus diesen Erfahrungen schrieben sie eigene fantasievolle Geschichten über einzelne Werke, die Ausstellung und das Leben im Museum. Dabei waren die Kunstvermittlerinnen immer wieder überrascht, welche Kunstwerke von den Schülerinnen und Schülern ausgesucht wurden, hätten sie selbst doch ganz andere Arbeiten gewählt.

«Die Kunst der Schüler interessiert auch die Erwachsenen sehr. Das zeigt den wachsenden Stellenwert der kulturellen Bildung.»
Anja Huber, Leiterin Kinderkunstwerkstatt Museum Frieder Burda

Abends dann, wenn das Tonstudio und die Profis des SWR zur Verfügung standen, sprachen die Kinder und Jugendlichen ihre Geschichten ein und vertonten sie zu einem Hörspiel. So entstand der Audio-Guide zur Ausstellung, der im Museum nun von allen Besucherinnen und Besuchern kostenlos ausgeliehen werden kann. Ein Begleitflyer, den die Schülerinnen und Schüler mit einer Kunsthistorikerin und einer Grafikerin produzierten, informiert über die Entstehungsgeschichte des Projekts. Beflügelt von der großen Begeisterung, die der Audio-Guide auslöste, wurde im Jahr 2015 bereits eine zweite Ausgabe produziert. Sie ist ebenfalls im Museum ausleihbar und kann auch für wechselnde Ausstellungen verwendet werden.

Die Kunstvermittlerinnen im Museum griffen die Erfahrung, dass Kinder und Jugendliche Kunstwerke interessant finden, an die die Vermittler gar nicht gedacht hatten, mit der Idee der „Kunstagenten" auf. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern wird in Zukunft die neuen Ausstellungen vor Eröffnung besuchen, und ihre Eindrücke sollen dann die Basis für die museumspädagogischen Angebote bilden.

Bilder statt Worte: Kunst überwindet Sprachbarrieren.
In Vorbereitungsklassen werden aus dem Ausland zugezogene Jugendliche ohne Deutschkenntnisse bei ihren ersten Schritten in eine deutsche Schule begleitet. Ihnen eine Möglichkeit zu bieten, sich über ein nichtsprachliches, künstlerisches Projekt in der Werkrealschule Lichtental einzubringen, war die Ausgangsidee des Projekts „Bilder statt Worte". Inspiriert und begleitet wurden die Schülerinnen und Schüler dabei vom Bildenden Künstler Claus Kohr aus dem Atelier für Kreativität und Gesundheit Baden-Baden, Künstlerinnen und Künstlern der Freien Kulturschule Karlsruhe e. V. und der Klassenlehrerin Frau Walter.

Auf der Suche nach einem Thema, das viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit verschiedenen Herkünften anspricht und gleichzeitig bei vielen Schulakteuren auf großes Interesse stößt, bot sich im Juni und Juli 2014 die Fußball-Weltmeisterschaft an. Von Begriffspaaren wie dynamisch - statisch, eng - weit oder gerade - gebogen ausgehend, entwickelten die Schülerinnen und Schülern eigene bildliche Entsprechungen und Gestaltungsformen. Ganz nebenbei konnte so die Bedeutung der Worte sinnlich erfahrbar gemacht werden. Im nächsten Schritt entwarfen die Schülerinnen und Schüler ihre individuellen Bildhintergründe, die sich durch den bewussten Einsatz von Farben und Formen auszeichnen. Sie verstärken das Gezeichnete und wurden anschließend durch abstrahierte Fußballmotive und Posen ergänzt. So konnten sich die Jugendlichen individuell ausdrücken, unabhängig von ihren sprachlichen Fähigkeiten.

Die größte Herausforderung und das Besondere an diesem Projekt war für alle das Übertragen vom gewohnten Papierformat auf die 2,1 m x 1,5 m großen Stofffahnen - so großformatige Bilder hatte bisher noch keiner gemalt.

Zum Abschluss des Projekts wurden die Fahnen an der Außenfassade der Schule aufgehängt und prägten über mehrere Wochen das Gesicht der Schule. Durch „Bilder statt Worte" wurden die Schülerinnen und Schüler der Vorbereitungsklasse im Schulbild präsent, konnten über künstlerische Ausdrucksformen sprachliche Hürden überwinden und verborgene Talente entdecken.

«Das Ergebnis des Projekts hat uns sehr positiv überrascht. Es kamen Dinge heraus, die wir als Lehrerinnen und Lehrer so nie erwartet hätten.»
Bianca Mosler, Kulturbeauftragte

Für die Schule war es eine wichtige Erfahrung, dass auch Schülerinnen und Schüler ohne Deutschkenntnisse in einem künstlerischen Projekt aktiv einbezogen werden können. Zweifel, ob die Jugendlichen die Anforderungen verstehen würden, konnten ausgeräumt werden, weiterhin konnten sie sich aktiv einbringen - vielleicht mehr, als es sonst im Fachunterricht möglich ist. Ein Nebeneffekt war außerdem, dass ganz nebenbei die deutsche Sprache geübt und der Wortschatz erweitert wurde.

Der grüne Insektenstich: Picasso verstehen und erleben.
Mit dem Projekt „Der grüne Insektenstich" näherten sich Schülerinnen und Schüler der Schiller-Realschule (3) in Schwäbisch Gmünd auf vielfältige Weise dem Werk des Künstlers Pablo Picasso an. Die Schule kooperierte dabei erstmals mit der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd (PHSG). Dort wird Kunst für das Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen gelehrt. Neben der künstlerischen Praxis und Kunstwissenschaften liegt ein Fokus auf der Kunstdidaktik und der praktischen kunstpädagogischen Arbeit. Im Rahmen eines Hochschulseminars begleiteten Studierende das Projekt „Der grüne Insektenstich" künstlerisch.

«Wie schön, dass das Kulturagentenprogramm Kinder und Jugendliche gerne mag und ihnen künstlerische Selbsttätigkeit ermöglicht!»
Stefanie Seiz-Kupferer, PH Schwäbisch Gmünd

Zunächst untersuchten die Schülerinnen und Schüler unter Anleitung eines ortsansässigen Künstlers die Methoden Picassos und probierten sie selbst künstlerisch aus. In einem weiteren Schritt gestalteten und bauten sie eigene Objekt-Assemblagen aus Alltagsgegenständen und ließen sich dafür von der Natur und von Insekten inspirieren. Danach erweckten die Schülerinnen und Schüler, mit Hilfe eines Musikers und Performers, die erstellten Objekte innerhalb einer Klangcollage und Performance zum Leben. „Es geht uns bei diesem Projekt auch darum, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass Kunst mit Weltwissen, Wahrnehmung und Gestaltungsprozessen zu tun hat und mehr ist, als nur Bilder zu malen und zu zeichnen", sagt Prof. Dr. Ripper, Künstler und Professor am Institut der Kunst der PHSG. Präsentiert wurden die Ergebnisse des Projekts dann im Rahmen einer Picasso-Ausstellung, die im Kontext der Landesgartenschau 2014 im Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd stattfand, einem der ältesten Museen Baden-Württembergs.

„Die Motivation und das Interesse durch außerschulische professionelle Fachleute sind bei den Schülern schon nach kurzer Zeit spürbar vorhanden und wirken sich positiv auf ihr soziales Verhalten aus", stellt die Kulturbeauftragte der Schiller-Realschule fest. Nicht nur die Schülerinnen und Schüler profitierten von dem künstlerischen Input der externen Künstler und erhielten Gelegenheit, anders zu lernen und sich zu entfalten, auch die Studierenden konnten das Gelernte erproben und sich im Umgang mit ihren künstlerischen und didaktischen Fähigkeiten üben.



Copyright: (LKJ) Baden-Württemberg
März 2017
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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(1) Die KulturagentInnen sind Brückenbauer zwischen Schulen, Kulturinstitutionen und Kunstschaffenden. Ihre Aufgabe ist es, die neuen Vermittlungsangebote und Formate der Teilhabe an Kunst und Kultur von Schülerinnen und Schülern zu entwickeln. Im Rahmen des Programms "Kulturagenten für kreative Schulen" ist damit ein neues komplexes Tätigkeitsprofil an der Schnittstelle von Kultur und Bildung entstanden





*Die Texte aus der Publikation "abgucken erwünscht! Das Buch".
Veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung von der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ) Baden-Württemberg e.V.







(2) 230 Schülerinnen und Schüler aus 28 Nationen
27 Lehrerinnen und Lehrer
Kulturbeauftragte: Bianca Mosler
Schulleitung: Günter Grassel
Kulturagent: Dr. Ralf Eger
Partners: Kinderkunstwerkstatt Museum Frieder Burda, Theater Baden-Baden, Atelier für Kreativität und Gesundheit Baden-Baden























(3) Schiller-Realschule, Schwäbisch Gmünd
324 Schülerinnen und Schüler aus 22 Nationen 32 Lehrerinnen und Lehrer Kulturbeauftragte: Regine Menzel-Jaquet Schulleitung: Klaus Offenhäuser Regelschule
Kulturagent: Diethelm Wonner
Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd, Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd, Badische Landesbühne Bruchsal, Musikschule Udo Penz, Prof. Dr. Klaus Ripper, Ira Grau