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Thema:
Theater

Land:
Deutschland

OCCUPY THEATRE
oder: wie Teenager das Deutsche Theater eroberten.

Foto: Arno Declair

Das Format der „Ferienakademie” – ein jährlich stattfindendes urbanes Camp für Jugendliche, das in den Ferien veranstaltet wird – hat in Deutschland eine lange Geschichte. Russland ist dagegen erst auf dem Weg solche Projekte kennenzulernen. Und noch stellen die dortigen Kultureinrichtungen, darunter auch die Theater, ihre Räumlichkeiten äußerst ungern für Kinder und Jugendliche zur Verfügung. Ada Mukhina, Regisseurin, Kuratorin und Gründerin des Theaterprojekts „Vmeste“, war beim Herbstcamp des Deutschen Theaters, eines der respektabelsten akademischen Theater in Berlin, dabei und hat ihre Eindrücke festgehalten.

Im Foyer, das sich im ersten Stock des Deutschen Theaters in Berlin befindet, sitzen um kleine Tische herum etwa 100 SchülerInnen beim gemeinsamen Frühstück. „Und nun die Präsentation des dritten Camps!“, kündigt Birgit Lengers, die Leiterin der Abteilung „Junges DT“, über das Mikrofon an. Keine Reaktion. Schweigen. Alle blicken sich ratlos um. Niemand geht auf die Bühne. Birgit schaut fragend zu den Regisseurinnen Salome Dastmalchi und Theresa Henning hinüber. Die zucken nur mit den Schultern: Das heißt wohl, die Jugendlichen haben keine Lust. Birgit geht in Richtung der kleinen Bühne, um die Präsentation der nächsten Gruppe anzukündigen.

„Mich nerven diese Präsentationen! Ich hab´ da echt keine Bock drauf!”, ruft ein Mädchen mit langen Haaren, das in der rechten Saalhälfte sitzt, laut und deutlich in den Raum. „Präsentiert euch!“ (nachäffend): „Erstes Camp! Zweites Camp!”. Einige SchülerInnen in verschiedenen Ecken des Saals applaudieren unterstützend. „Und guckt euch doch mal an, was sie uns zu essen geben!” Ein anderes Mädchen springt auf. „Gemüse, Obst, Nudeln – traumhafte Zustände für Vegetarier. Wir wollen aber Fleisch! Fleisch! Fleisch!”. „Fleisch! Fleisch! Fleisch!”, pflichten ihr immer mehr Stimmen aus unterschiedlichen Ecken des Foyers bei. „Und dann immer diese Flaschen, die sie uns jeden Tag austeilen!“ Ein Junge mit einer Flasche Mineralwasser in der Hand springt auf den Tisch. „Mit rosa Deckel! Wir trinken sie aus, doch am nächsten Tag sind schon wieder neue da! Ich kann das echt nicht mehr ab!”, schreit er völlig außer sich, reißt den Deckel von der Flasche und überschüttet sich mit dem Wasser. Um ihn herum wird geklatscht und ihm zugestimmt. Mit diesem Auftakt begann meine Zeit im Herbstcamp des Deutschen Theaters, das 2016 bereits zum siebten Mal stattgefunden hat.

„Das Herbstcamp hat mehrere Schwerpunkte“, erzählt mir Birgit Lengers. „In erster Linie ist es ein Raum für künstlerische Forschung, in den wir Künstler aus verschiedenen Disziplinen einladen, damit sie gemeinsam mit den Jugendlichen über einen Zeitraum von zehn Tagen hinweg an einem bestimmten Thema arbeiten. In diesem Jahr war der Ausgangspunkt das Thema “Ausnahme Zustand” und die Frage: „Was tun, wenn alles anders wird?“. Zweitens locken wir durch das kompakte Format des Camps sowie unterschiedliche Arbeitsformen wie Kooperationen mit verschiedenen Partnern in Berlin (z.B. dem Verein ALBA Berlin) auch solche Jugendlichen ins Theater, die ansonsten niemals hergekommen wären, z.B. Jungs, die gerne Basketball spielen sowie junge Menschen aus Willkommensklassen oder Flüchtlingsunterkünften. Und schließlich bietet sich uns noch die Möglichkeit, neue Künstler, Regisseure und Choreographen bei ihrer Arbeit kennen zu lernen, die wir dann vielleicht später für eine Inszenierung des Theaters engagieren.“ Birgit betont, dass sie das Camp des Deutschen Theaters im Bereich Kunst und nicht Theaterpädagogik verortet sieht. Ihrer Meinung nach ist das Leben von SchülerInnen ohnehin schon überlastet mit Pädagogik und Pädagogen, die ihnen etwas beibringen wollen oder sie vor allem über ihre Defizite beurteilen. Deswegen wird im Camp des Deutschen Theaters besonders stark darauf geachtet, dass die Jugendlichen die Möglichkeit haben, mit Kunstschaffenden auf gleicher Augenhöhe zu arbeiten (wobei diesen natürlich TheaterpädagogInnen als AssistentInnen zur Seite stehen).

Eine solche Chance bietet sich jungen BerlinerInnen im Alter von 12 bis 22 jährlich in den Herbstferien. Bewerben kann sich jeder, wobei man sich für eines der sieben kreativen Teams entscheiden muss. Jedes Camp wird von einem oder zwei Künstlern angeleitet, die eine Einstiegsfrage für die künstlerische Auseinandersetzung formulieren. Ich gehe mit zum dritten Camp, das zwischen den regulären Präsentationen für die besagte Unruhe im Foyer gesorgt hat.

„Ich arbeite hier in dem dritten Camp gemeinsam mit Theresa Henning“, erzählt mir Salome Dastmalchi, eine Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, deren radikale Inszenierungen im Berliner Theater “Ballhaus Naunynstraße” zu sehen sind. “Ich improvisiere szenisch-theatral und sie - performativ. Doch das alles hat sich schlussendlich miteinander vermischt. Schon am ersten Tag wurde uns klar, dass wir eine Gruppe mit ganz erstaunlicher Energetik vor uns hatten. Wir haben viel improvisiert und versucht, zusammen Möglichkeiten zu finden das Publikum aus seiner gewohnten Komfortzone herauszuholen, Irritationen bei ihm auszulösen und es aus dem Gleichgewicht zu bringen.“ Aus einer Impro-Übung, während derer die TeilnehmerInnen wild durcheinander laufen und dann jeder einfach stehenbleibt und über jedes nur denkbare Thema schimpfen kann, entstand die Idee für diese für mich so beeindruckende Zwischenstand-Präsentation, die von einigen der TeilnehmerInnen für die anderen Camps aufgeführt worden war.

Salome findet, dass Persönliches und Szenisches sich im Theater parallel zueinander entwickeln sollen. Wenn die Schauspieler bereit sind, sich zu öffnen und von ihren eigenen Ängsten und Lebenskrisen zu berichten, entsteht ein Vertrauen, ohne das szenische Improvisationen gar nicht möglich wären. Um dies für das eigene Camp zu erreichen, bat Salome die Jugendlichen, einen persönlichen Gegenstand mitzubringen, den sie in die Mitte des Stuhlkreises legen sollten. Jeder sollte dann einen ihm fremden Gegenstand in die Hand nehmen und eine Geschichte darüber erzählen, so, als ob er ihn selbst mitgebracht hätte. Danach übernahm der wirkliche Besitzer den Gegenstand und erzählte die wahre Geschichte, die damit verbunden war, und erklärte, warum er sich dazu entschieden hat, genau diese Sache mit ins Theater zu bringen. Diese Verflechtung von Fiktion und Non-Fiktion, Improvisation und dokumentierter Geschichte wurde zur Grundlage für die Arbeit des dritten Camps, die auch in die Abschlusspräsentation auf der Hauptbühne des Deutschen Theaters am Ende des Herbstcamps mit einfloss.

Ganz anders ging Camp Sieben mit Dokumentarmaterial um, in dem es sich die Frage stellte: „How to stage a revolution?“ Die Gruppe wurde von Regisseur Clemens Bechtel angeleitet, der in Europa und über dessen Grenzen hinaus für seine Dokumentar-Inszenierungen bekannt ist. „Mit Jugendlichen habe ich bisher erst einmal in meinem Leben gearbeitet, und zwar ganz zu Beginn meiner Karriere. Deshalb war es für mich interessant, herauszufinden, wie die junge Generation so tickt. Ich mache viele politische Stücke und das Thema Revolution erschien mir „jugendlich“, daher habe ich es auch vorgeschlagen. Erst haben wir uns mit der Geschichte unterschiedlicher Revolutionen auseinandergesetzt, doch nach zwei Tagen wurde mir klar, dass die Jugendlichen kein Interesse an weiteren Geschichtsstunden wie in der Schule haben, sondern Action wollen.“

Also lud Clemens zu den Proben einige Leute ein, die reale Erfahrungen mit der Teilnahme an Revolutionen gemacht haben: Mit der aus dem Jahre 1968, mit dem Arabischen Frühling und dem Fall der Berliner Mauer. Gemeinsam mit den TeilnehmerInnen seines Camps begab er sich danach auf Recherche: mithilfe von Fragen an echte Zeitzeugen, Filmen und der Suche nach Musik, die zum Symbol für bestimmte Revolutionen oder Protestbewegungen geworden war. Der Dokumentarfilm „Die Zeit ist aus dem Fugen” (ein Zitat aus Shakespeares „Hamlet“), das die „Hamlet“-Proben von Regisseur Heiner Müller in den Wänden des Deutschen Theaters und vor dem Hintergrund der Bürgerproteste in der DDR geprägt hatte, wurde zum Leitmotiv des Camps. „Mich persönlich interessiert die künstlerische Recherche und die Suche nach neuen Präsentationsformen am meisten“, erzählt Clemens weiter. „Das klassische Theater nicht so. Aber ich habe gespürt, dass es für die Jugendlichen wichtig ist, auf der Bühne zu stehen und sich zu präsentieren. Also habe ich gefragt, ob sie nicht vielleicht auch eigene Erfahrungen mit Protesten haben.“

Nach zehntägiger Arbeit öffnete das Herbstcamp des Deutschen Theaters seine Türen für Zuschauer. Sieben Präsentationen in sieben unterschiedlichen Locations und Genres gab es zu sehen – von Kulturjournalismus, Animation und Puppentheater bis hin zu spielerischer Improvisation, moderner Choreographie und eben Theater.

Im engen Raum unter der Bühne sind in einem schmalen Gang mit trübem Licht Blätter auf dem Boden verteilt. Jugendliche mit Tüchern, die sie sich so umgeworfen haben, dass sie das Gesicht zur Hälfte verdecken, erzählen interessierten Zuschauern in unterschiedlichen Ecken Geschichten, schreien ins Megaphon und zeigen einen von ihnen selbst zusammengeschnittenen Film über eine Zeitzeugin des Arabischen Frühlings. Man hört Deutsch, Französisch und Persisch. In einer Ecke steht ein junger Mann, der seine eigene Geschichte über die Flucht aus dem Iran erzählt. Die Übersetzung ins Deutsche können die Zuschauer auf den Blättern nachlesen, die ihnen beim Betreten dieses geheimen Ortes in die Hand gedrückt wurden.

Im diesjährigen Herbstcamp waren dreißig Prozent der TeilnehmerInnen junge Geflüchtete, die mit allen anderen zusammen in Camps arbeiteten. Diese Jugendlichen, die seit Monaten in Deutschland auf ihren Aufenthaltstitel warten, werden in sogenannten “Willkommenklassen” zusammengefasst, in denen sie Deutsch lernen. Allerdings haben sie im Rahmen dieser Stunden nur die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen und kommen mit deutschen Jugendlichen gar nicht in Kontakt. Das Deutsche Theater hatte daher vorgeschlagen, in diesem Jahr Jugendliche aus diesen Klassen zum Herbstcamp einzuladen, damit sie neue Freunde gewinnen und Kontakte knüpfen können. „Außerdem war die Erfahrung dieser Jugendlichen aus einer künstlerischen Perspektive heraus sehr wertvoll für uns, denn sie haben dem Thema “Ausnahmezustand”, dem wir uns auf künstlerischem Wege annähern wollten, mehr Tiefe und Schärfe verliehen“, erläutert Birgit Lengers.

Auch andere TeilnehmerInnen, die keine deutschen Muttersprachler sind, haben am Camp teilgenommen. Die 23-jährige Französin Claudia Roussel-Orteg war nach Berlin gekommen, um deutsches Theater kennenzulernen, und machte beim siebten, „revolutionären“ Camp mit. „Vom ersten Tag an hat mich fasziniert, dass sich jedes Mal, wenn uns unser Regisseur Clemens irgendetwas erklärt hatte, jemand meinte, dass er damit nicht einverstanden ist und eine andere Haltung vertritt“, erzählt Claudia. „In Frankreich habe ich so etwas in der Theaterschule nie erlebt. Dort hat man uns beigebracht, wie wir etwas richtig machen. Hier aber entstand aus unseren offenen Diskussionen und Erörterungen heraus das finale Produkt.” Nach dem Herbstcamp hat Claudia unter Protektion von Birgit Lengers bei einer Inszenierung des Jungen DT als Regie-Assistentin mitgewirkt; bald nimmt sie an der Fakultät für Regie ihr Studium auf.

„Wir versuchen nicht, aus den Jugendlichen Schauspieler oder Regisseure zu machen“, erklärt Birgit. „Genauso machen wir auch kein Schultheater und inszenieren keine klassischen Stücke. Wir machen einfach mit Jugendlichen ein anderes Theater. Wir beschäftigen uns mit ihren Themen und feilen gemeinsam an Choreographie und Körperarbeit. Unsere Aufgabe liegt im Bereich der ästhetischen Forschung und beinhaltet die Möglichkeit, neue Formate auszuprobieren. Einmal im Jahr gehört das Theater den Jugendlichen – und das beeinflusst zweifellos auch die Atmosphäre im Haus und verändert es von innen heraus. Dazu gibt es hier keinerlei Konkurrenz.“

Text: Ada Mukhina
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland

April 2017
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Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org



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Das Deutsche Theater, Herbstcamp 2016
Foto: Arno Declair








Das Deutsche Theater, Herbstcamp 2016
Foto: Arno Declair








Das Deutsche Theater, Herbstcamp 2016
Foto: Arno Declair








Das Deutsche Theater, Herbstcamp 2016
Foto: Arno Declair








Das Deutsche Theater, Herbstcamp 2016
Foto: Arno Declair








Ada Mukhina. Foto: Felix Gaedtke Ada Mukhina ist Regisseurin, Kunstkuratorin, Gründerin des Theaterprojekts "Vmeste" ("Zusammen"). Sie hat die Sankt Petersburger Theaterakademie am Alexandrinkskij-Theater (Klasse W. Fokin und A. Mogutschij) abgeschlossen, ein Praktikum mit dem Schwerpunkt „Soziales Theater“ in Hamburg absolviert. Sie ist Regisseurin der Dokumentar-Stücke. Seit mehr als sieben Jahren führt sie Workshops zur informellen Weiterbildung für Schüler und Studierende durch.