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Freier Raum

Foto: Goethe-Institut St.Petersburg

Wie wäre es eigentlich, wenn „KuBi“ nicht nur über den Zugang der Jugendlichen zur Kultur schreiben, sondern selbst zu einem Begleiter in der Welt der Kultur werden würde? Dieser Gedanke war der Ausgangspunkt für den Start des Projekts „Freier Raum“. Wir haben beschlossen, dass unser Journal ein Territorium freier Meinungsäußerungen werden soll, in dem junge Leute lernen können, ihre Gefühle und Gedanken auszudrücken.

Oberstufenschüler, die sich für die Teilnahme am Projekt beworben hatten, bekamen die Möglichkeit zum Besuch zweier Theaterstücke, die sich um das Leben Gleichaltriger drehen. Nachdem sie die Gelegenheit hatten, das erstere mit dem professionellen Regisseur und Pädagogen Boris Pawlowitsch detailliert zu besprechen, sollten sie das zweite Stück bereits in Eigenregie analysieren – und nicht nur das, sondern auch eine Rezension dazu schreiben. Was eine Theaterrezension ist und wie bzw. warum man diese verfasst, das erörterten die Teilnehmer im Rahmen eines speziellen Seminars mit der Theaterwissenschaftlerin und -kritikerin Alexandra Dunajewa.

Das Projekt verfolgte außerdem noch ein anderes, praktischeres Ziel – wir wollten im Journal das Beispiel des russisch-deutschen Stück „Цель визита / Zwischenraum” wiedergeben, welches sich mit dem Leben von Teenagern und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund beschäftigt. Der bekannte Petersburger Dokumentalist Michail Patlasow und die Regisseurin Anna Junyschewa aus Frankfurt a.M., die viele Jahre lang erfolgreich mit Flüchtlingen gearbeitet hatte, haben auf der Neuen Bühne des Alexandrinski-Theaters eine gemeinsame Inszenierung vorgestellt, in der die gemeinsamen Anstrengungen von mehr als 30 Teilnehmern aus unterschiedlichen Ländern der Welt vereint werden. Unter ihnen sind junge Flüchtlinge aus Syrien und Somalia, dem Irak und Polen, Migranten aus der Ukraine, Belarus, Aserbaidschan, Tadschikistan, Usbekistan und China sowie Kinder von Migranten, die selbst bereits in Petersburg geboren sind. Dieses Projekt ist zu einem eigenständigen Dialog der Kulturen geworden, zu einer ungewöhnlichen Erfahrung der Sozialisation für die Teilnehmer genauso wie für die Gründer des Projekts (als Regisseure der einzelnen Szenen wirkten Studenten des Petersburger Instituts für szenische Künste mit). Wir dachten uns, dass Jugendliche am besten über das Leben von Gleichaltrigen schreiben könnten – deshalb beschlossen wir, diese die Rezensionen über das Stück auch selbst schreiben zu lassen.

Dabei war das Erlernen der Techniken, wie man eine schriftliche Rezension verfasst, gar nicht die Hauptaufgabe des Projekts. Das ist in solch einem kurzen Zeitraum auch nicht möglich! Ausreichend war, dass die Teilnehmer dieses nicht einfache Genre kennenlernen sowie eine anschauliche Denkweise und die Disziplinierung ihrer Gedanken trainieren konnten.

« Ein künstlerisches Phänomen, zu dem die gewonnenen Eindrücke nicht entwickelt, verstärkt und bewusst gemacht werden, kann schnell in Vergessenheit geraten…».

    Wir haben uns einige Ziele für unsere Arbeit gesetzt:

  • Die Jugendlichen an das moderne soziale Theater heranzuführen:
    Oftmals fällt das dokumentarische und soziale Theater nicht in den Fokus von Lehrern und Eltern – manch einer versteht vielleicht einfach nicht, was das sein soll, andere haben Angst vor „Schwarzmalerei“. Doch gerade diese Ausrichtung erleichtert die erste Bekanntschaft mit der Theaterkunst. Die enge Verbindung mit der Realität und die Aktualität der behandelten Probleme sind ein wunderbarer „Korridor“, über den Jugendliche zu einer abstrakteren, konzeptuelleren Kunst gelangen können.

  • Den Jugendlichen die Erfahrung der gemeinsamen Erörterung eines künstlerischen Werks zu eröffnen und ein Beispiel für den Umgang damit zu bieten:
    Darüber, wozu man eine solche Erfahrung braucht, schreibt wunderbar die Theaterwissenschaftlerin und -pädagogin Alexandra Nikitina. Sie spricht beispielsweise davon, dass „die gemeinsame Erörterung eines literarischen Werks, eines Stücks, Films oder einer Ausstellung, welche die Gruppe vor kurzem gesehen hat, grundsätzlich die wichtigste Arbeitsetappe ist. Ohne eine Reflektion des Erfahrenen verliert dieses praktisch seinen Sinn und Wert. Ein künstlerisches Phänomen, zu dem die gewonnenen Eindrücke nicht entwickelt, verstärkt und bewusst gemacht werden, kann schnell in Vergessenheit geraten oder – noch schlimmer – im Unterbewussten als eine verstörende, negative oder verdrängte Erinnerung erhalten bleiben.

  • Den Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich in schriftlicher Form frei ausdrücken zu können:
    In unserer modernen Welt, in der eine hohe Technologisierung, ein schnelles Lebenstempo etc. dem Menschen nicht genug Zeit für langsames Lesen und langsames Schreiben lassen, ist es wichtig, sich selbst ab und zu eine Pause zu verordnen, um etwas zu „durchleben“, der einen oder anderen Erfahrung nachzuspüren und zu versuchen, anderen davon zu erzählen. Diese wunderbare Fähigkeit zu erlernen, die eigenen Gedanken klar, interessant und überzeugend darzustellen. Man möchte daran glauben, dass unsere Teilnehmer auch ein wenig davon gespürt haben, wie viel Zufriedenheit diese nicht einfache Aufgabe mit sich bringt: ein künstlerisches Werk für sich selbst zu entdecken, zu durchdenken und darüber zu schreiben.

Boris Pawlowitsch
Regisseur, Pädagoge und Schauspieler


Meine Treffen mit den Projektteilnehmern fanden im Lesesaal der Bibliothek des Goethe-Instituts statt. Bücher mit bunten Umschlägen, DVDs mit deutschen Filmen, Designersessel und kleine Sofas. Große Fenster mit Blick auf den Fluß. Wahrscheinlich habe ich aufgrund dieser gemütlichen und intellektuellen Räumlichkeit total vergessen, dass unsere Veranstaltungen einen „Bildungs-, und Aufklärungscharakter“ tragen sollten. Raus kam dabei nämlich etwas völlig Anderes: Ein Zusammentreffen Gleichgesinnter, die sich aus unterschiedlichen Weltanschauungs- und Rollenpositionen Gedanken über dieses Stück machen. Ein Regisseur, ein Theaterwissenschaftler, ein Kunstwissenschaftler, Oberstufenschüler, die sich nicht entscheiden können, was sie am liebsten wollen: über Stücke schreiben, in ihnen mitwirken oder selbst Regie führen. Unser Kammerforum wurde zum Modell einer Diskussion, von der ich schon lange geträumt hatte: Profis und Neulinge nehmen den Geschmack und die Echtheit der Basiskategorien und -definitionen der Theaterstruktur unter die Lupe. Ein System mit einem offenen Code also – eine Diskussion, die ihrer Struktur nach versucht, ihrem Inhalt – dem modernen Theater – beizukommen. Und ich denke, dass gerade die Mitwirkung neuer Leute (Zuschauer? Zukünftige Praktiker?) mit ihrem eigenen Blick, ihrer Aufmerksamkeit und der Atmosphäre es uns Profis ermöglicht hat, ein neues Format jenes Dialoges aufzuspüren, der so alt ist wie die Theaterkunst selbst.


Alexandra Dunajewa
Theaterwissenschaftlerin und –kritikerin


Ich hatte mir vorgenommen, mein Seminar mit dem zu beginnen, womit Boris geendet hatte. Er hatte berichtet, wie man die Beziehung „Ich (der Zuschauer) --- das Stück“ aufbauen kann. Ich führte diesen Gedanken fort und sprach darüber, wie man, ausgehend von der erworbenen Arbeitserfahrung und mit den eigenen Eindrücken eine Beziehung zwischen sich selbst, dem Autor und dem Leser der zukünftigen Rezension aufbauen kann.

Im ersten Teil des Seminars haben wir zwei Genres an Rezensionen besprochen. Ich teilte die Jugendlichen in drei kleine Gruppen ein, und jede von ihnen arbeitete mit einem Text. Das waren Rezensionen, die sich mit ein und demselben Stück beschäftigen, sich aber vom Format her unterschieden: eine journalistische Rezension, eine kritische Kolumne und eine lange wissenschaftliche Rezension. Die Teilnehmer wussten das natürlich nicht. Ihre Aufgabe war es, zu verstehen, welches Ziel jeder der Texte verfolgt, wer seine potenziellen Leser sein könnten und mit welchen Mitteln der Autor versucht, das von ihm selbst gesetzte Ziel zu erreichen. Indem wir die Texte analysierten, versuchten wir nachzuvollziehen, was sie miteinander verbindet und in welchen Punkten sie sich unterscheiden. Im Ergebnis entstand eine eigenständige Formel für eine Rezension, die wir im Anschluss erörtert haben.

Im zweiten Teil des Seminars haben wir uns darum bemüht, den Weg einer Analyse von Stücken nachzuvollziehen, der in der vorgegangenen Stunde mit Boris schon aufgezeichnet worden war. Wir haben besprochen, welche Kontexte ein Stück haben kann, und diese analysiert. Am Schluss stand das life hacking zum Schreiben einer Rezension. Ich denke, dass den Jugendlichen im Laufe dieses Treffens einige wirklich neue Gedanken angeboten wurden – zum Beispiel, was das Verständnis des Kontextes angeht. Was ist das? Warum sollte man darüber schreiben? Warum hängt die Tiefe der Analyse davon ab, inwieweit der Kritiker sich in den unterschiedlichen Kontexten bewegen und ob er diese ausformulieren kann? Auch tauchte die Frage nach dem Textniveau und der Kultur seiner Wahrnehmung auf. Der Gruppe, die einen Text aus dem „Moskauer Komsomolez“ analysierte, kam der Text zunächst sehr klug vor. Als sie danach aber hörte, wie die anderen Autoren geschrieben hatten, änderte sie ihre Meinung. Wenn die Jugendlichen nach dieser Erfahrung wählerischer werden, was ihre Lektüre angeht, dann kann man bereits sagen, dass die Arbeit nicht umsonst war.

Text: Alexandra Dunaeva
Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland

Mai 2017
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