Magazin

Das einzige zweisprachige Online-Magazin für Projekte der kulturellen Bildung aus Russland und Deutschland. Jede Woche ein neuer Text! Sie können die Auswahl durch die Filterkriterien Themen und Länder eingrenzen..

Filter zurück setzen

"Dialog, Inklusion, Interdisziplinarität".
Über das Jugendzentrum der Eremitage

Фото: Александр Кирютин

Kunst und Bildung sind, ebenso wie ihr Wechselbeziehung und gegenseitige Beeinflussung, in den letzten 20 Jahren ein ständiges Thema von Gesprächen, Diskussionen und Kritik. Der „Bildungsturn” im Kulturbereich und in der Kunst ist einer der Begriffe, in denen sich dieser Prozess wiederspiegelt. Einerseits beschreibt er die Entstehung und allgemeine Verbreitung von Phänomenen wie Performance-Vorlesungen, künstlerischen Forschungsprojekten und Artist Talks, andererseits den Einsatz von Medien, Kunstpädagogik und -bildung sowie die Einbeziehung künstlerischer Methoden in die Repräsentation wissenschaftlicher Projekte.

Wie stark das älteste Kunstmuseum Russlands in diesen Prozess eingebunden ist, zeigt sich beispielhaft an der Arbeit des Jugendzentrums der Eremitage. Zumal es für dessen Nennung auch einen Informationsanlass gibt: während der vor kurzem verliehenen Auszeichnung „Intermuseum“ setzte sich in der Nominierung für das beste Bildungsprojekt im Museumsbereich die dokumentarische Performance „Intermedia. Kreise auf dem Wasser“ durch, ein Kooperationsprodukt des Theaterprojekts „Zusammen“ und des Teams aus dem Jugendzentrum. “Intermedia“ ist Teil eines weiter gefassten Programms, das für die Ausstellung „Knight of Despair | Warrior of Beauty“ von Jan Fabre entwickelt wurde.

Skandalträchtig wurde diese Ausstellung durch die Proteste von Bürgern, die in den Exponaten Symptome kultureller Zersetzung sahen, sowie unzählige Prostest-Kommentare und Petitionen, in denen sie als “Ausstellung toter Tiere” bezeichnet wurde. Einige Monate lang war die Ausstellung eines der meistdiskutiertesten Projekte der Eremitage. Die Grundlage von “Intermedia” ist der Wunsch dem nachzugehen, was diesen Medienrummel verursacht hat, und nachzuvollziehen, wie sich die Mediensphären wie „Ringe auf dem Wasser“ darstellen lassen. 15 Teilnehmer, die im Rahmen eines Open Calls für das Projekt ausgewählt wurden, bekamen einen Intensivkurs in puncto Dokumentartheater, einen Exkurs in die Geschichte der künstlerischen Biographie von Fabre sowie Trainings im Bereich Schauspiel und Gruppendynamik.

Im Ergebnis entstand eine Forschungs-Performance, die aus realen Kommentaren von Internetnutzern, Interview-Schnipseln, Medienartikeln, Beobachtungen der Ausstellungsbesucher und Zitaten aus dem Gästebuch zusammengestellt wurde. Inszeniert am 7. April im Atrium des Generalstabs, stützte sie sich auf zwei Metaphern: Gerichte und Zirkulation / Kreise. Die Treppe des Atriums, auf der die Zuschauer sitzen, ist gleichzeitig auch eine theatrale Plattform, und die Bank symbolisiert einen Gerichtssaal: am Fuß der Treppe im Zentrum des Saales ist eine Plattform, die die Tribüne ersetzt, und etwas höher, zwischen den einzelnen Stufen, befindet sich ein Pult mit „Material“ zum Thema. Die Teilnehmer des Projekts bewegen sich auf der Treppe auf und ab, laufen durch den ganzen Raum und nehmen regelmäßig eine der beiden Schlüsselpositionen ein, um dort ihre Texte zu sprechen.

Die strenge Logik der Bewegung beginnt sich nach und nach aufzulösen, ihr Rhythmus wird gesteigert, der Ton der Stimmen steigt an, das mediale Stimmengewirr erreicht seinen Höhepunkt – und ebbt daraufhin in der finalen Szene, in der eine Museumsaufseherin in einem Saal mit den Arbeiten Fabres zu sehen ist, ab. Das Stimmengewirr und die Standpunkte werden durch ruhige Besinnlichkeit ersetzt. Die konträren Einstellungen, die im Stück dargestellt werden, können jenen zugeordnet werden, die die Ausstellung als #BlamageDerEremitage ansehen, und jenen, die der Meinung sind, dass die ersteren keine Ahnung von Kunst haben. Beide Lager verhalten sich ziemlich aggressiv und kategorisch – hieraus lässt sich offensichtlich die Metapher des Gerichts als Wahrheitsgeber der letzten Instanz ableiten. Gleichzeitig gibt es zum Finale der Handlung auch ganz unabhängig von der Ausstellung formulierte Meinungen und Kommentare. Die Wellen der Entrüstung verselbständigen sich und Fabre ist schon längt vergessen – aber diskutiert wird dennoch. Und es gibt hierdurch auch noch eine weitere, implizite Figur des Stücks: den aufgelösten Menschen.

Nach den Worten von Natascha Borenko, der Dramaturgin des Projekts, wurde diese Herangehensweise – genauso wie der ganze Inhalt des Stücks – von den Teilnehmern selbst entworfen:
„Ein aufgelöster Mensch ist ein Mensch, der sich nicht an einer Diskussion beteiligen kann, weil er nicht weiß, wie er diese Ausstellung einschätzen, und wie er reagieren soll. Die Idee ist durch das Beispiel der Video-Karaoke entstanden, die wir bei der Performance hatten: es gab viele Fragen und viel Unverständnis bezüglich dessen, wie man mit einer solchen Kunst kommunizieren soll. Eine etwas verrückten Karaoke, die allein aus Fragen besteht.

Nach dem Karaoke hatten wir bei uns einen Karneval, um den man kaum herumkommen kann, wenn man sich mit Fabre beschäftigt, und für die Teilnehmer war es interessant, auch damit im Rahmen der Performance zu arbeiten. Jeder suchte sich eine tragende Figur Fabres aus, und alle planten sehr gewissenhaft ihre Karneval-„Tätigkeiten“ und bereiteten Kostüme vor (wir hatten zum Beispiel ein Kostüm in Form eines Bic-Kugelschreibers). Mascha Kolosowa (die Co-Regisseurin des Projekts) und ich haben uns bemüht, diese Ideen nicht allzu stark zu beeinflussen, denn wir fanden es wichtiger und interessanter, die Gedanken und Konzepte der Teilnehmer miteinander zu verbinden und alles so zu „montieren“, dass die Ideen Gehör bekamen, die wir im Prozess der Vorbereitung ausgearbeitet hatten.“


Dabei vermieden die Begründer der Performance – im Unterschied zu den Mitwirkenden – Versuche, eine endgültige Beurteilung anzustreben. Zur gleichen Zeit tauchten in den Kostümen der Mitwirkenden Elemente auf, die einer Bildreihe aus Fabres Elementen entsprachen (ein Ritterhelm, die Flügel von Käfern, Pfauenfedern usw.), was wiederum den Sieg der Kunst unterstreicht. Ungeachtet aller Kommentare hatten die Fabreschen Projekte also weitere Verwendung gefunden.

Das Projekt „Intermedia“ scheint deshalb so wichtig, weil in ihm gleich mehrere Prinzipien der Arbeit eines modernen Museums zusammenkommen: ein Ort der öffentlichen Diskussion zu sein, den Dialog mit dem Zuschauer zu suchen – wie aufreibend sich diese Suche auch gestalten mag – die Theorie mit der Praxis zusammenzuführen und ganz allgemein Interdisziplinarität und Synästhesie anzustreben.

Ein Bildungsprojekt gibt seinen Teilnehmern die Möglichkeit, selbständig zu forschen und diese Forschung in eine künstlerische Form zu bringen.

Wenn „Intermedia“ ein Stück über eine Ausstellung ist, dann ist das Projekt „Rund um die Skulptur“ die musikalische Interpretation einer Skulptur von Tony Cragg (Generalstab, März-Mai 2016). Hier ist das Prinzip ähnlich: neben Vorträgen zum kreativen Wirken des Künstlers, die sich mit der Erörterung seiner Arbeiten und dem Besuch von Ausstellungen befassen, haben die Projektteilnehmer ihre eigenen Techniken für die Generierung von Musik entwickelt:von Filmaufnahmen bis hin zu lauter, elektronischer Musik. Nachdem sie die Tracks bekommen hatten, wurde jeder, der sich von einer bestimmten Arbeit Craggs hatte inspirieren lassen, in den Audioguide zur Ausstellung aufgenommen und hiermit zum Teil der musealen Ausstellung.

Beide Projekte sind Arbeitsergebnisse des aktuellen Teams aus dem Jugendzentrum, das übrigens nicht groß ist: es besteht aus nur 12 Leuten. Sofija Kudrjawzewa, die Leiterin des Zentrums, und die Programmkoordinatorin Darja Boldyrewa haben mit KuBi darüber gesprochen, wie alles begann:
“Das Jugendzentrum ist Teil einer riesigen wissenschaftlich-aufklärerischen Abteilung, die bereits 1923 ins Leben gerufen wurde. Ziel der Gründung dieser Abteilung war es damals den Leuten die Eremitage zu zeigen, da dort hauptsächlich Exkursionen und Vorträge durchgeführt wurden. Außerdem wurden Weiterbildungsmöglichkeiten für Arbeiter und Bauern angeboten. So wurden die Museumspädagogen beispielsweise aufs Feld geschickt. Die Bauern bearbeiteten das Feld und danach wurden sie von der Arbeit gleich zum Vortrag gebracht. Es gab diese Idee, dass das Volk aufgeklärt werden müsse. Und das wurde während der sowjetischen Zeit auch genauso praktiziert.

Mit unserem modernen Format sind wir eine der jüngsten Unterabteilungen der Eremitage. Erst Ende der 90er haben wir uns informell gegründet. Unsere Zielgruppe waren die Studierenden, die in den 90ern nur selten die Eremitage besuchten. Um eine offenere Atmosphäre zu generieren, damit der Student also von selbst kommt, brauchten wir Räumlichkeiten. Zu unserem Glück stellte uns die Eremitage den Ostflügel des Generalstabs zur Verfügung. In der gesamten sowjetischen Zeit war hier nicht ein einziges Mal renoviert worden, und so mussten wir uns selbst einrichten. Dafür hatten wir unseren eigenen Eingang zur Moika hin, und eigene Räumlichkeiten. Zunächst waren wir unabhängig und konnten alles machen, was wir wollten. Möglichkeiten gab es nicht viele – alles beruhte allein auf Enthusiasmus. Wir haben den Schwerpunkt auf Gegenwartskunst gelegt, die für junge Leute damals sehr interessant war, wobei es praktisch keine Literatur darüber gab.

Zuerst haben wir einen studentischen Club gegründet, der wiederum in einige Unterbereiche unterteilt war, von denen viele noch bis heute existieren. Jeder Lernende kann sich hierfür anmelden – ob Oberstufenschüler oder Studierende – und sich einen Bereich aussuchen, der ihn interessiert: Gegenwartskunst, Östliche Kunst, Fotografie oder Film (insgesamt gibt es etwa ein halbes Dutzend Bereiche).

Man muss dazu sagen, dass wir uns damals – Ende der Neunziger und zu Beginn des neuen Jahrtausends – an der Peripherie befanden. Man bekam nicht viel von uns mit. Einerseits waren wir immer etwas freier, als wir es unter irgendeiner aufmerksamen Verwaltung gewesen wären. Andererseits aber waren wir ziemlich weit ab vom Schuss. Mittlerweile ist der Generalstab zu einem Zentrum geworden, doch über lange Zeit war er kaum besucht. 2014, als man ihn eröffnete, gingen die Leute praktisch gar nicht dorthin. Wenn zehn Leute kamen, war das schon gut. Unser Zentrum hat auch ständig um sein Publikum gekämpft. Aktuell haben wir natürlich sehr viel Arbeit und ein riesiges Publikum: 22.000 Abonnenten bei VKontakte. Zu den Vorträgen melden sich an die 250 Leute an, die Räume sind bis zum Bersten gefüllt, und es gibt einen Livestream. Wir haben ein junges und aktives Team, das nach modernen Maßstäben arbeiten will.“

Heute ist das Jugendzentrum sowohl Studentenclub als auch Kunstatelier, bietet Raum für die Ausstellungen junger Künstler, für Treffen mit Kunstschaffenden sowie wissenschaftliche Arbeit (Konferenzen und Runde Tische). Geprägt wird es aber, wie es scheint, gerade durch die Bildungsprogramme zu den Ausstellungen: jedes Mal neu konzipiert und mit unterschiedlichen Teilnahmeformaten für Menschen mit ganz unterschiedlichen Möglichkeiten.

So umfasst das Programm zu der vor kurzem eröffneten Ausstellung von Anselm Kiefer außer Vorträgen, Exkursionen und Treffen mit Künstlern und Kuratoren des Projekts auch einen Kunst-Marathon und ein inklusives Programm. Gemeinsam mit „Anton ist ganz in der Nähe“, einem Zentrum für Kunst, Bildung und soziale Rehabilitation für Erwachsene, arbeiten die Kuratoren des Zentrums in der Eremitage an der Gestaltung eines gemeinsamen künstlerischen Projekts. Dieser Weg der Zusammenarbeit mit sozialen Organisationen in Petersburg ist bereits erprobt: “Musik für alle” (ein Projekt der Stiftung PRO ARTE) war auf die Einbeziehung von blinden und nur beschränkt sehenden Musikern sowie ihren sehenden Kollegen ausgelegt. Ziel ist das gemeinsame professionelle Musizieren im Kontext moderner akademischer Musik. Eine wichtige Ergänzung zum Programm des Projekts und eine weitere Etappe der Erschließung moderner Kunst durch Sehbehinderte war ein Ausflug in die Ausstellung von Tony Cragg. Es wurde ein spezieller Vortrag über das kreative Wirken des Künstlers für die Teilnehmer gehalten und im Anschluss wurde ihnen angeboten, die Arbeiten des Bildhauers taktil kennenzulernen. Zum Abschluss spielten die Musiker des Projekts „Musik für alle“ einige Stücke moderner, minimalistischer Komponisten und dazu noch eine eigene, auf die Ausstellung zugeschnittene Improvisation.

Während das Jugendzentrum damals Partner des Projekts PRO ARTE war, organisiert es mittlerweile bereits selbst ein inklusives Programm. Dialog, Inklusion, Interdisziplinarität – all diese Begriffe meinen eigentlich eine gemeinsame Sache: Bildung sollte im Kunstbereich für alle maximal offen sein, zugänglich eben – dann verwandelt sich Wissen von einem Privileg in eine Chance. “Intermedia”, “Rund um die Skulptur” und andere Programme des Jugendzentrums der Eremitage zeugen unter anderem auch davon, wie ein großes Museum nach Wegen sucht, mit seinen Besuchern auf gleicher Augenhöhe in Kontakt zu treten.


Text: Marina Israilowa Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: Goethe-Institut Russland

Juni 2017
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Daria.Kononez@stpetersburg.goethe.org