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Wo kann man mit Kindern und Jugendlichen über moderne Kunst sprechen?
Drei Adressen in St. Petersburg für Zuschauer von 0-18 Jahren.

Фото: Музей Искусства Санкт-Петербурга XX–XXI вв.

Profis aus Kunst und Bildung finden immer öfter praxisorientierte Antworten auf die Frage danach, wie man mit Kindern und Jugendlichen über zeitgenössische Kunst sprechen soll. Der Austausch mit russischen und ausländischen Kollegen, Literatur und nützliche Internet-Ressourcen zum Unterrichten von modern und contemporary art sind gleichzeitig Motivation für die Arbeit von Pädagogen, Museumsmitarbeitern und Kuratoren sowie Grundlage für das Erproben interessanter Methoden anhand konkreter Materialien. Gleichzeitig stellt die Forderung der Laiengesellschaft sich mit Hilfe von unkonventionellen Herangehensweisen dem Diskurs über zeitgenössische Kunst zu nähern ein anderes Problem in den Vordergrund: nämlich die Frage danach, wo und wie sich dieses Bildungspotential am besten entfalten lässt.

Die großen Museen St. Petersburgs arbeiten längst in diese Richtung, doch kann ihr Angebot das zahlenmäßig große Publikum von Kindern und Jugendlichen rein physisch nicht erfassen. Glücklicherweise suchen auch kleinere Museen und Ausstellungsräume nach originellen Methoden des Wissenstransfers über Strömungen, kreative Praktiken sowie Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts – und das erfolgreich. In der neuen Ausgabe von „KuBi“ erzählen wir von drei Petersburger Orten, an denen Zuschauer im Alter von 0-18 Jahren mit moderner Kunst bekannt gemacht werden.

Kreativer Raum 0+

Im Mai 2016 öffnete auf dem Kuznechny Pereulok 19 der „Kreative Raum 0+“ seine Pforten für Zuschauer. Unter der Leitung der Psychoanalytikerin Elena Zagoskina wird hier Familien mit Kindern im Alter von 0-3 Jahren eine therapeutische Begegnungsstätte im Rahmen des Projektes „Grüne Insel“ (1) geboten. Fast zeitgleich gesellte sich ein weiterer Aufgabenbereich zu den Tätigkeiten von „0+“ dazu – die Organisation von Kunstausstellungen. Verantwortlich für die Ausstellungen sind Natalia Schapkina und Anastasia Kotyleva, beide Absolventinnen des Studienganges „Kuratorstudien“ des Smolny-Institutes. Vor Beginn der Ausstellungsreihe hatten sich die Damen ratsuchend an erfahrene ausländische Spezialisten gewandt, um zu dem Schluss zu kommen, dass moderne Kunst für Kinder ein aus der Perspektive der bildenden Kunst vielversprechendes Thema ist. Von besonderer Bedeutung erwies sich die Bekanntschaft mit dem finnischen Kurator Henna Paunu und seine Herangehensweise.

«...es hat sich schnell gezeigt, dass die Kinder uns im Gespräch über moderne Kunst Anlass für eine andere Art von Kommunikation geben, eine weitaus ruhigere Art der Kommunikation, die keine Grenzen zwischen sich und dem Fremden, zwischen Kindern und Erwachsenen bilden möchte».

Paunu ist bekennender Anhänger der Idee, dass junge Zuschauer nicht durch speziell für Kinder gedachte, also durch zu vereinfachte und naive, Ausstellungen mit der Praxis der modernen Kunst vertraut gemacht werden sollen. Die Aufgabe bestünde darin, eine an Kinder gerichtete Ausstellung auf die Beine zu stellen, an der Künstler mitwirken, deren Werke Neugierde für technische und inhaltliche Aspekte eines konkreten Objektes und auf die Kunst als Ganzes wecken. Das Kind sei dabei berechtigt, schwere Fragen zu diesen Aspekten zu stellen und schwere Antworten zu bekommen. Die Kuratorinitiative von Henna Paunu ist aus zwei Gründen auf der Plattform „0+“ erfolgreich: Erstens gibt das unabhängige Projekt den Stiftern die Freiheit, Thema und Objekte für analoge Ausstellungen frei zu wählen. Zweitens wird diese Freiheit durch die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Anastasia und den Petersburger Künstlern unterstützt, die ein neues Ausstellungsformat für unerfahrene Zuschauer angelockt hatte.

Die erste Ausstellung „Aber sag’s bloß keinem“ will zeigen, dass „Kunstwerke etwas viel zu Außergewöhnliches sind, um als sinnlos zu gelten“, weshalb die Ausstellung auch so angelegt ist, dass Kinder diese „Außergewöhnlichkeit“ durch einen spielerischen visuellen und taktilen Umgang mit den Exponaten erfahren sollen: anfassen, drehen und austauschen ausdrücklich erlaubt. Im Rahmen persönlicher Ausstellungen werden Begegnungen und Workshops als Privatgespräche à la „Von Künstler zu Kind, von Kind zu Künstler“ organisiert. Besonderes Interesse gilt gemeinsamen Ausstellungen von Petersburger Künstlern und ihren Kindern oder Schülern. Solche Ausstellungen nehmen Züge eines Ateliers und Kinderzimmers an. Dort werden künstlerische Tätigkeiten ebenso begrüßt wie Spiele oder Erholung ohne jegliche Bildungsaktivitäten. In beiden Fällen bringt der Ort selbst den Kindern die Kunst näher, und genau das möchte Paunu mit seiner Vorgehensweise erreichen, und folglich auch die Kuratoren von „0+“.

Anastasia zufolge hat sich schnell gezeigt, dass die Kinder uns im Gespräch über moderne Kunst „Anlass für eine andere Art von Kommunikation geben, eine weitaus ruhigere Art der Kommunikation, die keine Grenzen zwischen sich und dem Fremden, zwischen Kindern und Erwachsenen bilden möchte“. Es mangelt noch an dieser Art von Kommunikation, weshalb „0+“ weiterhin ein entsprechendes Umfeld bieten und unterstützen wird.

Museum für St. Petersburger Kunst im 20. und 21. Jahrhundert (MISP)

Das Museum für St. Petersburger Kunst öffnete seine Pforten im Januar 2016 als Filiale des Zentralen Ausstellungsraumes Manege, auch wenn im Gebäude an der Löwenbrücke schon lange vor Museumseröffnung Vorlesungen zu Kunst, Architektur, Kino und Musik gehalten wurden, also in der inzwischen ehemaligen Kleinen Manege. Der neue Name brachte auch neue Pläne für das Museum mit sich: ein vielfältigeres Programm für offene Vorlesungen, Filmvorstellungen und Konzerte, vor allem aber ein größeres Angebot an Ausstellungen. Das MISP eröffnet meist ein bis drei Ausstellungen gleichzeitig, sodass es der Abteilung Bildung und ihrem Leiter, dem Kunsthistoriker Nikolai Komjagin, an Arbeit nicht fehlt. Insbesondere wenn Zuschauer zu einer neuen Ausstellung kommen, die mit der Terminologie nicht vertraut sind, sich ihrer Interpretationen nicht sicher und zuweilen in einem Perzeptionsmodell festgefahren, ziehen es die Museumsführer vor, sich von raffinierten Museumstermini weg hin zum „Drive“ zu orientieren und so die Zuschauer, darunter Kinder und Jugendliche, durch „unerwartete Offenheit“ im Gespräch über Kunst mitzureißen.

«Ein neunjähriger Museumsführer erhellt eine Gruppe von Erwachsenen unerwartet mit neuen Blickwinkeln und Dialogmöglichkeiten».

„In unserem Bildungszentrum drehen wir uns ständig um den Begriff der ‚Liminalität’ oder des Schwellenzustandes“, erzählt Nikolai, „in den wir Museumsbesucher wie Kollegen gleichermaßen versetzen möchten. Kinder und Jugendliche stehen einer Wechselwirkung mit der Ausstellung grundsätzlich näher. Ein neunjähriger Museumsführer erhellt eine Gruppe von Erwachsenen unerwartet mit neuen Blickwinkeln und Dialogmöglichkeiten. Wir planen reguläre Museumsführungen durch von Museumspädagogen geschulte Kinder, die sowohl an Altersgenossen als auch ältere Besucher gerichtet sein sollen. Eine Reihe von Workshops und kreative Übungen erlauben den Kindern nicht nur, die laufende Ausstellung logisch und hinsichtlich der jeweiligen künstlerischen Strömung oder malerischen Arbeit zu erfassen, sondern auch ihre alltäglichen Fertigkeiten zu aktualisieren.“

Zum Thema Schüler merkte Nikolai an, dass sie nicht nur selbst in Ausbildung sind, sondern auch Kollegen ausbilden, indem sie überraschende Interpretationen von Museumsobjekten anbieten – denn gegenseitige Bereicherung ist der beste Anreiz jede Ausstellung auseinanderzunehmen, um sie als Unterrichtsmaterial für Sitzungen mit 7- bis 18-jährigen Besuchern zu verwenden. Die Abteilung für Bildung wird beneidenswert konstant mit dieser Aufgabe fertig: Jede Ausstellung wird von einem komplementären Exkursionsprogramm begleitet, dessen Inhalt und Format von der Ausstellung und dem Alter der Teilnehmer abhängt. Für Jugendliche gibt es beispielsweise den „Teens’ talk“, eine Art Spaziergang durch die Museumsräume, der auf die subjektive emotionale und intellektuelle Reaktion der jungen Leute auf die Ausstellungsobjekte ausgerichtet ist. Die Teilnehmer treten hier als Erzähler ihrer eigenen Geschichte zum Objekt auf, denn die Entwicklung eines eigenen Narrativs ist eine Methode sehen zu lernen. Für Instagram-Liebhaber gibt es das FotoLab: Hier darf man die Ausstellung mit dem Telefon begleiten, Lieblingsgemälde fotografieren, eine Collage erstellen und an einem online-Wettbewerb in den sozialen Netzwerke des MISP teilnehmen. Jüngere Zuschauer werden zu interaktiven Thementouren und Workshops oder zum Unterrichtszirkel „ABC der modernen Kunst“ für Kinder von 9-12 mit Julia Kuznetsova eingeladen. Jede Sitzung ist einem Buchstaben sowie einem Wort aus der Kunstgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet: A wie Abstraktion, C wie Collage, I wie Installation usw. Das Kind darf dann den neuen Begriff illustrieren und ein selbstgemachtes Buch zusammenstellen – sein ganz persönliches Alphabet der modernen Kunst. Solch ein dokumentiertes Wissen bringt man gleich doppelt gern mit nach Hause.

Der Enthusiasmus von Nikolai und seinen Kollegen lässt keinen Zweifel daran, dass die Kinder und Jugendlichen, die häufiger im MISP vorbeischauen, die unterschiedlichsten Erfahrungen in der Interaktion mit Kunst machen und so ihre Altersgenossen und Eltern dazu animieren werden, den eigenen Horizont in der Betrachtung und Wahrnehmung von Kunstobjekten zu erweitern. Eine hervorragende Perspektive, um das Museumsgeschehen zu verfolgen.

Kunstzentrum Puschkinskaja 10, Museum für nonkonformistische Kunst

Puschkinskaja 10 ist ein Petersburger Kultort aus Leningrader Zeiten, dessen Geschichte im Jahre 1989 ihren Anfang nimmt und der heute als Artzentrum fungiert und auch das Museum für nonkonformistische Kunst, mehrere Ausstellungsräume, Studios, Ateliers und einen Musikclub beherbergt. Jemand, der der den Kontext und die ineinandergreifenden kreativen Initiativen der Puschkinskaja-Straße 10 kennt, wird auf der Suche nach erleuchtender Muße wohl kaum einen Blick in die Toreinfahrt vom Ligowski-Prospekt wagen. Jedoch ist das Bildungspotential des Kunstzentrums Antwort auf die Nachfrage von Eltern und Lehrern nach moderner Kunst und Kultur. Die ältere Generation, die sich auf der Puschkinskaja-Straße „herumtrieb“, ist nicht abgeneigt, diesmal mit ihren heranwachsenden Kindern oder Schülern zurückzukehren, während fortschrittliche Eltern und Pädagogen liebend gern Abwechslung in die Standard-Schulausflüge in die Eremitage, das Russische Museum oder die Erarta bringen. Das Interesse Erwachsener wird durch die sehr richtige Vorstellung motiviert, dass der Underground und die Unabhängigkeit des Ortes den Geschmack der Jugendlichen treffen und sie dort etwas finden, das ansatzweise ihrer Laune und ihren Hobbies entspricht.

«Andererseits stellt das Interesse der Jugendlichen selbst oder gar ihre Initiativlosigkeit häufig den Ausgangspunkt für eine Debatte und Auseinandersetzung mit dem Museum dar».

Während der Arbeit mit Oberstufenschülern als Zielgruppe des Artzentrums gilt die Aufmerksamkeit einerseits den Vorlieben der Lehrer, die manchmal dazu auffordern, Ausflug und Workshops mit den Unterrichtsinhalten in Verbindung zu bringen. In diesem Fall fragen die Museumsmitarbeiter vorher nach dem Kenntnisstand der Schüler zum betreffenden Thema, um deren Wissen während des Treffens anzuregen. Andererseits stellt das Interesse der Jugendlichen selbst oder gar ihre Initiativlosigkeit häufig den Ausgangspunkt für eine Debatte und Auseinandersetzung mit dem Museum dar. Den hingerissenen jungen Leuten stehen eine Art Mediation in den Winkeln der Puschkinskaja 10, den Ausstellungen des Museums für nonkonformistische Kunst sowie den Galerien, ein Besuch im Musikstudio bzw. -club und ein Rundgang durch Kolja Bassins Atelier für informelle Rede zur Auswahl. Die Jugendlichen mit dem verlorenen Blick, der „Was mache ich hier“ schreit, sollen mit dem Online-Quizz „Puschkinskaja Zen“ in Schwung gebracht werden, welches für einen Spaziergang allein aufs Handy heruntergeladen werden kann (2).

In ihrem Versuch, die Jugendlichen nach ihren Vorlieben unterstützend zu orientieren, erwarten die Museumsführer im Gegenzug aufmerksame Teilnahme und Rückmeldungen. Zum Ende des Besuches sollen die Teilnehmer einen Fragebogen ausfüllen, doch nicht etwa, um diejenigen herauszufiltern, an denen alles vorbeigegangen ist oder die nutzlos mit dem Quizz umhergeirrt waren. Der Fragebogen soll Anlass zum Nachdenken geben und einen Eindruck oder eine Information von persönlicher Bedeutung hervorheben. Ohne es zu merken, finden die jungen Leute dank ihres Feedbacks einen Anlass, in die Puschkinskaja zurückzukehren – was die Museumsmitarbeiter sehr wohl wissen.

Die Direktorin des Museums für nonkonformistische Kunst und Koordinatorin der Bildungsprojekte Anastasia Patsej vertraute uns an, dass Oberstufenschüler für gewöhnlich nicht die Initiative ergreifen, wenn es darum geht, eine Art der Fortbewegung im Museum und ein Besuchsziel zu wählen. Sie sind es gewohnt angeführt zu werden und dem Monolog des Führers zuzuhören, was ganz und gar nicht im Sinne der Puschkinskaja ist. Davon können sich die Jugendlichen bei einer Begegnung mit Nonkonformismus und Alternative überzeugen – in der Kunst ebenso wie in den Methoden, einen Besuch sinnvoll zu gestalten.

Angesichts der gegebenen Gattung ist kein Platz für methodische und ergebnisorientierte Vergleiche der drei Institute; eine gemeinsame Idee hervorzuheben, ist jedoch durchaus legitim. Die Bildungsprojekte „Kreativer Raum 0+“, MISP und „Puschkinskaja 10“ sind der erste Schritt um Kinder und Jugendliche zu motivieren die Entwicklung der modernen Kunst mit Eifer zu verfolgen und Ausstellungen zu besichtigen. Wenn ähnliche Initiativen ähnliche Ausmaße annehmen – die Voraussetzungen dafür sind geboten –, werden empfängliche und bedachte Zuschauer die Museen füllen.


Text: Ksenia Remesowa Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland

Juli 2017
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