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„Freier Raum“. Teil II. Zeitgenössische Kunst

Publikation
2018
St.Petersburg
Im Frühjahr 2017 startete das vom Goethe-Institut und der Goethe-Zeitschrift KuBi organisierte Projekt „Freier Raum“ (1) für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren. Thema des ersten Programmteils war modernes Theater. Für den zweiten Teil, der vom 18. November bis zum 10. Dezember stattfand, kamen neue Teilnehmer*innen und Pädagog*innen zum Gespräch über moderne Kunst zusammen. Wie die Sitzungen verliefen und was daraus entstand, erzählt Programmkuratorin Xenia Remezowa.

Die Unterrichtsvorbereitung zum Thema Moderne Kunst für „Freier Raum“ beinhaltete die Suche nach neuen Formaten, um mit jungen Leuten in den Dialog zu treten, ganz nach dem Beispiel der Kollegen aus dem Goethe-Institut. Mein Ziel war es, Oberstufenschüler*innen den Zugang zu moderner Kunst zu erleichtern. Da die Jungen und Mädchen mit unterschiedlichen Kenntnissen auf diesem Gebiet ins Projekt gekommen sind, wäre es unmöglich gewesen, innerhalb eines Monats einen Theoriekurs zu Künstler*innen, Genres und Techniken in wöchentlichen Sitzungen zu bewältigen, geschweige denn mehrere Museumsbesuche. Zwei Hilfsquellen haben mir geholfen, einen anderen Weg zu finden, und wurden so zur Ideengrundlage für unsere Treffen.

Eine davon ist das Buch Partizipatorisches Museum von Nina Simon, eine echte Expertin, wenn es darum geht, Museum und Publikum interagieren zu lassen. Simon beschreibt die Prinzipien und Methoden der Einbeziehung der Zuschauenden ins Informationsfeld der Ausstellung anhand konkreter Beteiligungsbeispiele. Um sich mit der Ausstellung bekannt zu machen und sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen, schlägt Simon vor, „einen individualisierten ‚Zugangspunkt’“ zu finden (d.h. individuelle Vorlieben zu finden, die man während der Betrachtung des Kunstobjekts begleitend benutzen kann wie z.B. das Hören bestimmter Lieder), Feedbacks für andere Zuschauer*innen zu schreiben und eine persönliche Beschreibung des Objekts zu erstellen. Diese Handlungen setzen aufmerksame Beobachtungen voraus.

Hier diente der Fragenkatalog Ways of Looking der Londoner Tate Gallery of Modern Art als zweite Quelle, von dem ich erstmals bei einem Training für Kunstmediator*innen der Biennale für moderne Kunst, der Manifesta 10, erfuhr. Mit ihren offenen Fragen ergänzten die Themenblocks im Fragekatalog des Museums Simons praxisorientierte Tipps sehr treffend. Auf dieser Basis entstand der Leitfaden zur Erstellung einer Exponatsbeschreibung: Am Anfang wird die eigene emotionale Reaktion auf das Kunstobjekt beobachtet. Danach erst soll sich der Betrachtende mit den künstlerischen Besonderheiten, dem Entstehungskontext und den Ausstellungsbedingungen des Werkes beschäftigen.

Die drei Sitzungen in der Bibliothek des Goethe-Institutes sowie die zwei Museumsbesuche im Marmorpalast zur Ausstellung der Kunst des 20. Jahrhunderts aus der Peter Ludwig-Sammlung basierten auf diesem Wissen. Die Treffen bauten zwar aufeinander auf, entwickelten dabei jedoch eine Eigendynamik. Beim ersten Treffen bildeten wir eine Assoziationskette mit den Vorstellungen der Teilnehmer*innen von moderner Kunst. Es wurde auch diskutiert, weswegen Ausstellungen einen Besuch lohnen. Motive fanden sich in Hülle und Fülle („um die eigene Weltanschauung illustrieren zu können“, „um anwendungsorientierte Erfahrung als Zuschauer*in zu sammeln“, „um Kunst zu machen“, „um eine Verbindung zum Grundgedanken des*der Künstlers*in herzustellen“, „um sich in eine größere Einheit einzugliedern“), aber auch Hindernisse – so vor allem die Angst, etwas nicht oder „falsch“ zu verstehen. Um diese Angst zu überwinden, suchten wir einen anderen Ausgangspunkt: den Gedanken daran, dass wir nicht beabsichtigen, zu einem einzigen „richtigen“ Kunstverständnis zu kommen, sondern vielmehr unseren Horizont zu erweitern und dabei, ausgehend von unseren eigenen Motiven, viele gedankliche Facetten erfassen zu wollen. Ich habe den Jugendlichen ein paar Mitmachbeispiele aus dem Partizipatorischen Museum und Ways of Looking vorgeschlagen, um diesen Ansatz an der Ausstellung zur modernen Kunst im Marmorpalast zu testen, die nicht interaktiv ausgelegt ist.

Der Museumsbesuch hatte allerdings seine Tücken. Beim ersten Besuch wählten die jungen Leute einen Ausstellungsgegenstand aus dem Bereich der Reproduktion und Fotografie aus, der keinerlei Angaben zu Künstler*in, Titel oder Material hatte. Vor Ort sollten die Jungen und Mädchen ihre Eindrücke mit denen des Originals vergleichen. Dieser „Zugangspunkt“ zur modernen Kunst hat seinen Reiz. Dabei musste die Kuratorin die Interpretationen der Teilnehmer*innen in die eine oder andere Richtung nicht lenken. Mir liegt die These „experience experience“ nahe („Erfahrungserfahrenheit“), auf die ich auf einer Konferenz über Bildungsstrategien in der Kultur gestoßen bin; deshalb hatte der selbstständige intellektuelle und kreative Prozess der jungen Leute Priorität. Sie beobachteten ihre körperlichen und emotionalen Reaktionen auf den Ausstellungsraum, dessen ungewöhnliche Länge bei den Teilnehmer*innen für Verwirrung versorgte. Dadurch lässt sich ein Objekt zwar unmittelbar betrachten, da die Grenzlinien aufgehoben sind. Allerdings verliert man sich schon im ersten Raum in all den unbekannten und merkwürdigen Werken, sodass, in den Worten der Schüler*innen, der „Verlorenheitseffekt“ einsetzt.

Wie man sich in einer solchen Situation zurechtfinden soll und was es von einem Museum für moderne Kunst noch alles zu erwarten gilt, erfuhren die Oberstufenschüler*innen bei unserem zweiten Ausstellungsbesuch, diesmal mit der Kunstkritikerin Kira Dolinina. Im Gespräch mit der Expertin thematisierte die Gruppe das Problem der Grenzen von Kunst und lernte zuerst Methoden kennen, diesen ersten Zustand der Verlorenheit aufzulösen. Auch erfuhren sie Methoden, um eine eigene Narrative zu einem Objekt ohne jegliche erzählerische Grundlage zu entwickeln. Kira Dolinina führte das Beispiel von Ausstellungen an, die von Zuschauer*innen nicht nur eine visuelle Herangehensweise an die Arbeit des*der Künstlers*in verlangten, sondern auch eine auditive, olfaktorische und physische. Es war für die jungen Leute wichtig zu hören, dass im harmonischen Erleben eines Museumbesuchs auch weniger ästhetische Gefühle wie Verärgerung und Ekel vorkommen können. Solche Eindrücke bereichern die Zuschauererfahrung, die sich auf die eine oder andere Weise bereits durch den Dialog mit weltlicher Kunst aus unterschiedlichen Epochen angesammelt hat. Weiterhin verriet uns Kira Dolinina, inwiefern Wissen über „nicht-zeitgenössische“ Kunst auch für Kunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts nützlich sein kann, was hervorragend zum Thema unseres „Freien Raumes“ passte.

Am Ende unserer Museumsübungen trafen die Teilnehmer*innen auf die Künstlerin Lera Lerner. Lera teilte ihr Verständnis von moderner Kunst aus der Sicht einer Aktiven und einer „inneren Beobachterin“ mit den Schüler*innen: Moderne Kunst sei ein Territorium, das jede*n Zuschauer*in empfinge, ohne dass er Jemand sein müsse. Dieser Kommentar rief den jungen Leuten erneut ihre Urteilsfreiheit ins Gedächtnis. Lera schlug vor, über die Zuschauereindrücke der Teilnehmer*innen von der Ausstellung im Marmorpalast und über die Probleme einzelner Werke zu sprechen, die sie ausgewählt hatten. Zum Gesprächsthema wurde einerseits die Schwierigkeit, eine persönliche Beziehung zu einem Objekt aufzubauen, andererseits die Poetisierung von ganz unterschiedlichen Thematiken wie Alltäglichkeit, Verschlossenheit, Zensur und Kontrolle von Kunst, den Holocaust, den Zweiten Weltkrieg. Im Gespräch entstand die Idee, eine Collage zusammenzustellen, damit die Jugendlichen sich an der Visualisierung ihrer Assoziationen versuchen und so einen weiteren Interpretationsansatz für Kunstobjekte durch kreative Aufgaben kennenlernen konnten.

Bei unserem Abschlusstreffen organisierten wir eine Improvisationsausstellung unserer Collagen mit Gemäldereproduktionen oder Objektfotografien aus dem Marmorpalast, um zu veranschaulichen, welchen Weg des „Begreifens“ jede*r einzelne Teilnehmer*in gegangen war. Manch einer hatte Schwierigkeiten, neue visuelle Informationen in sein Sichtfeld zu lassen oder sich von der persönlichen Wahrnehmung eines Objektes zu abstrahieren. Für andere bestand die Schwierigkeit darin, die eigenen Eindrücke in einem Text festzuhalten. Die Jugendlichen merkten an, dass sie sich zum ersten Mal in einem Museum mit nur einem einzigen Gemälde beschäftigt hatten, um anschließend zu beobachten, wie sich ihre Eindrücke verändern. Ausgehend von ihren persönlichen Vorlieben, konnten sie anschließend die Ausstellung mit neuen Augen betrachten. Die Teilnehmer*innen hatten neue Beobachtungsmethoden ausprobiert: Sie waren konkreten Beispielen gefolgt, hatten ihre Lieblingsmusik gehört (einer der „Zugangspunkte“), Assoziationen und Empfehlungen für andere Zuschauer*innen ausgewählt und schließlich an der Objektbeschreibung gearbeitet. Der Resonanz der Teilnehmer*innen zufolge „war das ein wirklich freier Raum“, und ich freue mich, dass wir Titel und Ziel des Goethe-Projektes gerecht geworden sind.

Was unser Experiment zum Erstellen alterativer Beschreibungen betrifft, hat tatsächlich die Mehrheit der Jugendlichen partizipatorische Praktiken angewandt und mit dem Fragenkatalog des Tate Modern gearbeitet. Hieraus sind einige kurze Texte zu den Ausstellungsobjekten des Ludwigmuseums im Russischen Museum entstanden.

Ein Kommentar der Künstlerin Lera Lerner:
Von Anfang an stand ich der Teilnahme am „Freien Raum“ enthusiastisch gegenüber: Es hat mir viel Spaß gemacht, so ein modernes, feinfühliges und die eigenen Möglichkeiten erweiterndes Projekt zu begleiten. Mir gefällt sehr, dass das Programm dem Publikum ein Ziel in Reichweite bietet, nämlich etwas „erst mal so zu verstehen“. Wenn ich meine Erfahrung und mein Wissen mit anderen teile, ist es für mich sehr wichtig, dass der Erzählende kein dominantes und unerreichbares Ideal verkörpert, kein „Wissensbehälter“ ist. Wissen findet man in Büchern. Ein*e Pädagoge*in aber ist jemand, der zum Urteilen ermutigt und zu verstehen hilft, dass jeder einzelne bereits eine eigene Antwort hat und es gut ist, wenn sie alle verschieden sind.


Text: Ksenia Remesova
Übersetzung: Angelina Gußew

Copyright: Goethe-Institut Russland

Februar 2018
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