Übersetzer-Szene

Eine unbezahlbare Kunst − Warum in der Welt der Literaturübersetzung eine andere Form von Ökonomie herrscht

Literaturübersetzung ist kein glänzendes Geschäft, nur die ganz Großen können davon leben. Drei Moskauer Übersetzer erzählen, warum sie dennoch ihrem Handwerk treu bleiben.

Krieg und Frieden im Deutschen, Faust im Russischen und Madame Bovary auf Japanisch, doch wer steckt eigentlich dahinter? Nur wenige Leser kennen die Namen der Übersetzer. Dabei könnte ihre Arbeit kaum wichtiger sein: Erst sie eröffnet uns den Zugang zu fremden Welten und Kulturen.

Swjatoslaw Gorodetskij / M. Galland
Nach wie vor wird dieses kostbare Handwerkt viel zu wenig gewürdigt. Auch in Russland erschweren die schlechte Bezahlung und die Suche nach Verlegern die Arbeit. „Für das Übersetzen muss man wirklich brennen, gerade am Anfang wird man sehr schlecht bezahlt“, erklärt Swjatoslaw Gorodetskij, der seit 2004 als Literaturübersetzer aus dem Deutschen ins Russische tätig ist. Von Goethe, Brentano und Brecht bis hin zu zeitgenössischen Schweizer Autoren hat der 33-Jährige eine Reihe deutschsprachiger Bücher übersetzt. „Mir gefällt am Übersetzen, dass ich dadurch in verschiedene Denkstrukturen hineinschauen kann.“

Früh stand für den dreifachen Familienvater fest, dass er Literaturübersetzer werden wolle. Auch die schlechte Bezahlung konnte ihn davon nicht abhalten. „Anfangs war es sehr hart. Nur 2000 Rubel (40 Euro) bekam ich für ein ‚Awtorskij list‘.“ Ein „Awtorskij list“ ist die übliche Größe zur Berechnung von Übersetzungen und besteht aus 40 000 Zeichen inklusive Zwischenräumen. Das entspricht etwa 22 Seiten Schreibmaschinenpapier. Bei 40 Euro für 22 Seiten macht das für ein Buch von 300 Seiten circa 545 Euro. Etwa ein halbes Jahr braucht man für eine Übersetzung dieses Umfangs, erklärt Swjatoslaw. Dass sich davon nicht leben lässt, steht außer Frage.

Ein Übersetzer ist nie nur Übersetzer


Danila Lipatow
Daher finanzieren sich die meisten Übersetzer mit mehreren Jobs. Swjatoslaw selbst hat lange Zeit als Verlagslektor sein Geld verdient. Heute arbeitet er als Literaturagent und übernimmt Übersetzungsaufträge für Stiftungen und Kultureinrichtungen wie Pro-Helvetia oder das Goethe-Institut, die mehr zahlen: „15 Euro pro Seite. Davon kann ich meine Familie ernähren“, erklärt er. Die Arbeit mit einer Stiftung habe aber auch Nachteile: Man könne nicht immer frei wählen, welches Buch man übersetzt. Eine befreundete Übersetzerin mache die Auftragsarbeiten nur, um von dem Geld die Übersetzungen ihrer eigenen Lieblingsbücher zu finanzieren. Er selbst störe sich weniger an den Auftragsarbeiten: „Beim Übersetzen kommt es mir auf die Sprache an. Auch wenn ich den Autor nicht selbst wähle, kann ich trotzdem etwas lernen.“

In diesem Geschäft hängt viel vom Glück ab, erklärt Danila Lipatow, der mit 23 seinen ersten Roman übersetzt hat: „Imperium“ des Schweizer Autors Christian Kracht. Es war sein persönlicher Herzenswunsch, dieses Buch zu übersetzten und so wandte er sich an einen Verlag. „Obwohl ich damals fast keine Erfahrung im Literaturübersetzen hatte, bekam ich einen Vertrag“, sagt der heute 25-Jährige. Etwa 3000 Rubel pro „Awtorskij list“ habe er für die Übersetzung erhalten. „Aber ich hätte es auch ohne Bezahlung gemacht, es ging mir nicht um Geld, sondern um das Buch.“ Finanziert hat er sich damals mit seinem Job als Messereferent. Darüber hinaus gab er noch Deutschunterricht. „Ich musste meinen Berufsalltag so strukturieren, dass ich zwischendurch an dem Buch arbeiten konnte. Häufig habe ich im Büro übersetzt und im Sommerurlaub habe ich von morgens bis abends geschrieben, anstatt am See zu liegen.“

Auch die Verlagswelt weiß um die schlechte Bezahlung der Übersetzer. Die Qualität einer Übersetzung hänge allerdings nicht von der Höhe der Bezahlung ab, meint Michail Kotomin, Herausgeber des Moskauer Verlags Ad Marginem. Natürlich sollten Übersetzer mehr verdienen, doch herrsche in diesem Geschäft eine andere Form von Ökonomie: „Übersetzung ist eine Kunst, und Kunst ist nicht mit Geld verbunden. Um davon leben zu können, muss man ein Meister sein.“ Jungen Übersetzern rät er für sich selbst zu übersetzen, um eines Tages dorthin zu kommen.

Die Qualität einer Übersetzung hängt nicht von der Bezahlung ab

Tatjana Baskakowa / Anastasia Tsayder /
Goethe-Institut
Tatjana Baskakowa, die in diesem Jahr am internationalen Übersetzertag einen Preis vom Goethe-Institut Moskau und der Deutschen Botschaft Moskau für eine ihrer Übersetzungen erhalten hat, erklärt: „In den 90er Jahren, als ich mit dem Übersetzen begonnen habe, waren alle Stellen im Kultursektor unterbezahlt. Ich kündigte meine Stelle als Bibliothekarin und entschied mich für das Übersetzen. Wenn ich schon schlecht bezahlt wurde, dann wollte ich wenigstens eine Arbeit machen, die ich liebe.“

Aber selbst nachdem sie sich einen Namen gemacht hatte, habe sie nie völlig vom Übersetzen leben können und als Redakteurin bei einem Verlag gearbeitet. Ein Übersetzer finde immer einen Weg, sich finanziell über Wasser zu halten, um dem eigentlich Wichtigen, dem Übersetzen, nachzugehen, erklärt Danila Lipatow. Tatjana Baskakowa sagt, sie versuche stets, die Schriftsteller zu übersetzen, die ihr und ihren Kollegen helfen zu überleben. Es scheint, dass es in dieser Branche nicht um den ökonomischen, sondern um den kulturellen Mehrwert geht.
Maria Galland
Redakteurin der Moskauer Deutschen Zeitung

Copyright: Moskauer Deutschen Zeitung
www.mdz-moskau.eu

Oktober 2014

    Übersetzen als Kulturaustausch

    Aktuelle deutschsprachige Literatur in Englisch, Schwedisch, Dänisch, Norwegisch, Finnisch, Niederländisch, Gälisch, Isländisch

    Übersetzer im Gespräch

    im deutsch-polnischen Magazin www.goethe.de/polen

    Deutsche Literatur in Brasilien

    Informationen zu übersetzten Autoren, Büchern der deutschen Gegenwartsliteratur und Übersetzern vom Deutschen ins Portugiesische

    Bücher, über die man spricht

    Was ist neu erschienen auf dem deutschen Buchmarkt? Vorgestellt mit Rezensionen aus der deutschsprachigen Presse

    Literatur in Deutschland

    Artikel und Links zu ausgewählten Themen