Übersetzer-Szene

Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2015

Sprachflagge
„Amos Oz: Judas“ (Suhrkamp Verlag)Der diesjährige Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Übersetzung“ ging an die Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler.
Sie übersetzte aus dem Hebräischen „Amos Oz: Judas“.


In Judas geht Amos Oz in die frühen Jahre Israels zurück: Ein junger Mann wird in einer Lebenskrise zum Gesprächspartner eines bettlägerigen alten Mannes namens Gerschom Wald, der von der Tochter eines Freundes betreut wird. Er liest ihm vor und unterhält sich mit ihm – über die Ideale des Zionismus, über die jüdisch-arabischen Konflikte, über Gott und die Welt. Und er verliebt sich in Atalja Abrabanel, die Wald betreut, und deren verstorbener Vater einer der Anführer der zionistischen Bewegung war. Nach und nach gelingt es ihm, Ataljas Geschichte zu ergründen – und damit Geheimnisse politischer und privater Natur.

Das Kammerspielartige dieses vielschichtigen Romans findet sich in den still wirkenden Beschreibungen. Aber es findet sich auch der weite Kontext, in dem dieser Roman spielt. Der politische Kontext Israels um das Jahr 1960 – gelangweilte Heckenschützen – was für eine Wendung! –, das Gewicht der Mauern. Hinter dem Kammerspiel, in dem Oz von drei lebenden Menschen und einigen toten Menschen erzählt, die vermisst und betrauert werden, stehen bei Oz die großen Geschichten von Krieg, Frieden und vielleicht möglich gewesenen Alternativen zum Krieg.

Diese Szenen - das ist aber auch die Übersetzerin Mirjam Pressler. Bei ihr klingen die Szenen so leicht, so selbstverständlich - wie dieser ganze Roman im Klang etwas immer auch etwas Leichtes, manchmal erfrischend Altmodisches, stets Lebendiges hat – in die dann Dialoge über die Figur des Jesus aus der Sicht der Juden und über die schwerwiegenden Entscheidungen bei der israelischen Staatsgründung lebendig eingebaut sind.

Diese Szenen sind in der Übersetzung wie der ganze Roman unter anderem deshalb so gelungen, weil hier nichts nach Übersetzung klingt. Keine Spur des Hebräischen – keine leicht zu übersetzende Sprache – hallt hier nach. Zugleich hat Mirjam Pressler einen Ton gefunden, der sowohl das Kammerspielartige dieses Romans transportiert wie die großen Geschichten, die in ihm stecken.

Im Gelingen hat Mirjam Presslers Übersetzung des Romans „Judas“ von Amos Oz etwas Beispielhaftes. Ein großes Engagement und eine große Kompetenz kamen hier zusammen in einer Zeit, in der dieser Roman auch so etwas wie ein Buch der Stunde ist. Ein Roman, der uns sehr literarisch in viele Hintergründe der konfliktreichen Geschichten rund um Jerusalem einführen kann.

 Foro: Ute Karen Seggelke/Belz & Gelbert Mirjam Pressler geboren 1940, ist Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Hebräischen, Englischen und Niederländischen. Ihre Kinder- und Jugendbücher bzw. ihre Übersetzungen wurden u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, der Carl-Zuckmayer-Medaille für Verdienste um die deutsche Sprache und der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet. Sie übersetzte u. a. Aharon Appelfeld, Zeruya Shalev und John Steinbeck.

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 waren:

Kategorie Belletristik:
  • Ursula Ackrill: „Zeiden, im Januar“ (Verlag Klaus Wagenbach)
  • Teresa Präauer: „Johnny und Jean“ (Wallstein Verlag)
  • Norbert Scheuer: „Die Sprache der Vögel“ (Verlag C.H. Beck)
  • Jan Wagner: „Regentonnenvariationen“ (Hanser Berlin)
  • Michael Wildenhain: „Das Lächeln der Alligatoren“ (Klett-Cotta Verlag)
Kategorie Sachbuch/Essayistik:
  • Philipp Felsch: „Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990“ (Verlag C.H. Beck)
  • Karl-Heinz Göttert: „Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik“ (S. Fischer Verlag)
  • Reiner Stach: „Kafka. Die frühen Jahre“ (S. Fischer Verlag)
  • Philipp Ther: „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa“ (Suhrkamp Verlag)
  • Joseph Vogl: „Der Souveränitätseffekt“ (diaphanes)
Kategorie Übersetzung:
  • Klaus Binder übersetzte aus dem Lateinischen: Lukrez: „Über die Natur der Dinge“ (Verlag Galiani Berlin)
  • Elisabeth Edl übersetzte aus dem Französischen: Patrick Modiano: „Gräser der Nacht“ (Carl Hanser Verlag)
  • Moshe Kahn übersetzte aus dem Italienischen: Stefano D´Arrigo: „Horcynus Orca“ (S. Fischer Verlag)
  • Mirjam Pressler übersetzte aus dem Hebräischen: Amos Oz: „Judas“ (Suhrkamp Verlag)
  • Thomas Steinfeld übersetzte aus dem Schwedischen: Selma Lagerlöf: „Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“ (Die Andere Bibliothek)
Zum Preis der Leipziger Buchmesse
Der mit insgesamt 60.000 Euro dotierte Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 vergeben und ehrt herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung. Der Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig unterstützen den Preis der Leipziger Buchmesse. Partner des Preises ist das Literarische Colloquium Berlin (LCB), Medienpartner sind die Magazine buchjournal und Cicero sowie Deutschlandradio Kultur.

Über die Leipziger Buchmesse
Die Leipziger Buchmesse ist der wichtigste Frühjahrstreff der Buch- und Medienbranche und versteht sich als Messe für Leser, Autoren und Verlage. Sie präsentiert die Neuerscheinungen des Frühjahrs, aktuelle Themen und Trends und zeigt neben junger deutschsprachiger Literatur auch Neues aus Mittel- und Osteuropa. Durch die einzigartige Verbindung von Messe und „Leipzig liest“ – dem größten europäischen Lesefest – hat sich die Buchmesse zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Die Leipziger Buchmesse 2015 findet vom 12. bis 15. März auf dem Leipziger Messegelände sowie im gesamten Stadtgebiet statt. Es werden rund 2.000 Aussteller, über 235.000 Besucher und mehr als 2.500 Journalisten erwartet. Parallel zur Leipziger Buchmesse findet die 21. Leipziger Antiquariatsmesse statt.

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