Martin Chalmers

© Esther Kinsky
© Esther Kinsky
Martin Chalmers wurde 1948 in Bielefeld geboren, und ist 2014 in Berlin gestorben. Er ist in Glasgow (Schottland) aufgewachsen und lebte nach mehreren Jahren in Birmingham und London, in Rixdorf, Berlin, wo er 2014 nach langer Krankheit starb. Chalmers studierte Geschichte in Glasgow, Birmingham und Bochum und hat mehrere deutsche Autoren ins Englische übersetzt. Zu den Büchern gehören unter anderen Hans Magnus Enzensberger’s Europe, Europe und The Silences of Hammerstein (2009), The Passport von Herta Müller und The Orphanage von Hubert Fichte (1992). Zudem war er auch Herausgeber und Übersetzer von Children and Fools, Erzählungen von Erich Fried, und Herausgeber von Beneath Black Stars (2002), eine Anthologie zeitgenössischer österreichischer Prosa. Zuletzt sind erschienen Esther Kinskys Summer Resort und H. M. Enzensbergers Brussels, the Gentle Monster or the Disenfranchisement of Europe. 2004 erhielt Martin Chalmers den Schlegel-Tieck-Preis für Victor Klemperers The Lesser Evil, eine Übersetzung Klemperers Nachkriegstagebücher.

 

Auswahl an übersetzten Titeln:

  • Sherko Fatah: The Dark Ship (Das dunkle Schiff). 2012
  • Alexander Kluge: The Air Raid on Halberstadt on 8th April 1945 (Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945). 2012 (in Vorbereitung)
  • Ulrich Peltzer: Part of the Solution (Teil der Lösung). 2012 (in Vorbereitung)
  • Hans Magnus Enzensberger: Brussels, the Gentle Monster (Sanftes Monster Brüssel oder die Entmündigung Europas). University of Chicago Press, 2011
  • Esther Kinsky: Summer Resort (Sommerfrische). Seagull Books, 2011
  • Thomas Bernhard: Prose. Seagull Books, 2010
  • Hans Magnus Enzensberger: A history of Clouds. Seagull Books, 2010 (übers. mit Esther Kinsky)
  • Erich Hackl: The wedding in Auschwitz (Die Hochzeit von Auschwitz). Serpent's Tail, 2009  
  • Bertolt Brecht: Stories of Mr. Keuner (Geschichten vom Herrn Keuner). City Lights Books, 2001
  • Hans Magnus Enzensberger: Europe, Europe! (Ach Europa!). Pantheon Books, 1989
  • Herta Müller: The passport (Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt). Serpent's Tail, 1989
  • Günter Wallraff: Lowest of the low (Ganz unten). Methuen, 1988

 

Drei Fragen an Martin Chalmers:

War Übersetzer Ihr Traumberuf? Warum sind Sie Übersetzer geworden?
Ich bin eher aus Zufall Übersetzer geworden. Ich schrieb gerade meine Docktorarbeit in Neuere Deutsche Geschichte, aber Zeit und Geld wurden knapp. Ich war damals Mitglied einer Lesegruppe, zu der auch ein Verlagslektor gehörte. Dieser brauchte einen Übersetzer aus dem Deutschen für ein Buch und wohlwissend, dass es mir an Geld fehlte, schlug er mir vor diese Arbeit anzunehmen. So führte eins zum anderen, ein Buch führte zum nächsten, und die Doktorarbeit blieb auf der Strecke. Ich sollte hinzufügen, dass ich schon immer an Themen des kulturellen Austausches interessiert war und bin.

Welches ist Ihr deutsches Lieblingsbuch und warum?
Ich bezweifele, dass ein Übersetzer oder Schriftsteller nur ein Lieblingsbuch haben kann. Ich könnte ein Dutzend oder zwanzig Bücher der deutschen Literatur nennen, die mein Leben begleitet haben. Angefangen von den Märchen der Gebrüder Grimm, die meine Mutter mir schon in der fruehen Kindheit immer wieder vorgelesen hat. Oder wenn ich an die Wirkung denke, die die Werke von Georg Büchner, Lenz, Dantons Tod oder Woyzeck, während meiner Studienzeit auf mich hatten. Oder die Erzählungen von Alexander Kluge oder später die von Robert Walser, insbesondere Kleist in Thun. Oder den unwiderstehlichen Rausch, als ich Thomas Bernhard zum ersten Mal las. Ein Buch, das ich öfter als andere zur Hand nehme, ist die Suhrkamp-Edition der Gesammelten Gedichte von Bertolt Brecht. Kaum ein anderer Dichter, glaube ich, hat im letzten Jahrhundert so viele gute Gedichte geschrieben oder ist so meisterhaft mit allen möglichen lyrischen Formen umgegangen. Noch wichtiger: Brecht zu lesen ist immer eine Anregung und eine Ermutigung, auch in schlechten Zeiten.

Gibt es ein Buch, das Sie unbedingt übersetzen wollen?
Die Liste der Bücher, die aus dem Deutschen übersetzt oder neuübersetzt werden sollten, ist endlos. Der schwierigste Teil ist nicht unbedingt die Übersetzung an sich, sondern eher die Notwendigkeit einen bisher unbekannten Schriftsteller einer englischen Leserschaft bekannt zu machen. Der Mangel ist sogar noch grösser bei Klassikern und Sachbüchern als bei zeitgenössischer Literatur. Es gibt allerdings ein Buch, das ich besonders gerne übersetzen würde. Da geht ein Mensch (There Goes A Man) von Alexander Granach wurde in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg wiederholt nachgedruckt, doch die amerikanische Übersetzung von 1945 wird dem Original nicht gerecht (wurde aber leider 2010 neuaufgelegt). Granach war einer der grossen Schauspieler der Weimarer Theaters und Kinos, doch seine Herkunft aus dem ärmsten shtetl versprach keinen grossen Ruhm. Auf der Flucht verschlug es Granach nach Berlin, und er begann zunächst in jiddischen Stücken zu spielen, ehe er in Max Reinhardts Theaterschule angenommen wurde und von dort ans Theater ging. Die deutsche Literatur ist reich an Autobiografien und autobiografischen Romanen. Doch dieses Buch ist eines der besten, ein Klassiker. Das Buch endet 1918, und Granach starb, bevor er den zweiten Teil schreiben konnte.

Links zum Thema

British Centre for Literary Translation

BCLT
Großbritanniens führende Einrichtung zur Unterstützung literarischer Übersetzungen.

Deutscher Übersetzer-Workshop

An jedem ersten Donnerstag des Monates, 18:30 Uhr, Goethe-Institut, 50 Prince’s Gate, London.

Emerging Translators' Network

Das Emerging Translators‘ Network bietet jungen Literaturübersetzern Unterstützung sowie eine Plattform zum Austausch.

Opportunities for Translators

Datenbank zu Förderprogrammen und Preisen für Deutschübersetzter.