Christiane F(elscherinow)

Ein Kind vom Bahnhof Zoo – Christiane F. wird 50

Durch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wurde Christiane F. weltberühmt.  Foto: © Gruner & JahrDurch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wurde Christiane F. weltberühmt.  Foto: © Gruner und Jahr„Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: So hießen Buch und Film, mit denen die jugendliche Heroinabhängige aus Berlin weltberühmt wurde. Am 20. Mai 2012 feierte Christiane F. ihren 50. Geburtstag.

Sie ist die bekannteste Drogenabhängige Deutschlands, wenn nicht der Welt. Christiane F. ist zwölf Jahre alt, als sie mit Rauschgift in Kontakt kommt, mit 14 ist sie heroinsüchtig und prostituiert sich am Bahnhof Zoo in Berlin. Durch einen Zufall werden die Journalisten Horst Rieck und Kai Hermann 1978 auf die Jugendliche aufmerksam und schreiben nach Tonbandprotokollen ihre Lebensgeschichte auf: Das autobiografische Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo wird zu einem internationalen Bestseller und verkauft sich mehr als drei Millionen Mal. Der gleichnamige Film von 1981 erhielt mehrere Auszeichnungen. Am 20. Mai 2012 feierte Christiane F. ihren 50. Geburtstag.

Von der Stern-Reportage zum Bestseller

Berlin, Anfang 1978. Der Journalist Horst Rieck schreibt eine Reportage über Kinderprostitution für das Nachrichtenmagazin Stern und lernt die damals 15-jährige Christiane als Zeugin bei einer Gerichtsverhandlung kennen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Kai Hermann verabredet er sich mit der ehemaligen Heroinsüchtigen zu einem zweistündigen Interview. Aus zwei Stunden werden zwei Monate, in denen Christiane ihr Leben in minutiösen Schilderungen widergibt. „Sie hat faszinierend erzählt, sie hat überwiegend druckreif erzählt. Die Bilder standen lebendig im Raum“, erinnert sich Horst Rieck in einem Spiegel TV-Beitrag an die Gespräche mit der Ex-Fixerin. Dennoch haben Rieck und Hermann anfangs Probleme, einen Verlag für das Manuskript zu finden. Selbst beim Stern, der später Auszüge des Berichts als Vorabdruck bringt, wird die Geschichte als Randgruppen-Thema abgetan.

Filmplakat von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“  Foto: PRDen tatsächlichen Erfolg des Buches konnten die Autoren nicht erahnen, auch wenn sie unbeirrt daran glaubten, den Nerv gesellschaftlichen Interesses zu treffen. Bereits die Stern-Ausgaben mit der Drogenreportage erzielten Höchstauflagen. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, so der Titel des Buchs, sensibilisierte Deutschland und machte Drogensucht zum Topthema jener Zeit. Schätzungsweise 20 Millionen Deutsche haben die „Bibel der Turnschuhgeneration“ (Die Zeit in der Ausgabe vom 3. April 1981) gelesen. Um den Leser so nah wie möglich an Christianes Lebenswelt heranzubringen, wählten die Journalisten die Ich-Perspektive, dazwischen immer wieder gedankliche Einschübe von der Mutter oder Sozialarbeitern, die Christianes Version der Geschichte ergänzen, aber auch im Widerspruch zu ihr stehen. Mit schnoddrigem, jugendsprachlichem Ton und frappierender Offenheit erzählt das Buch von Christianes Welt, von ihrer geliebten Clique und der Diskothek „Sound“, ihrem Abstieg in die Drogenszene und davon, wie der Bahnhof Zoo und der Kinderstrich zur düsteren Spielwiese ihres Fixeralltags werden.

Realistische Darstellung im Film

Nachdem das Buch reißenden Absatz gefunden hatte, schaffte der Stoff auch den Sprung auf die Leinwand. Die Verfilmung des Bestsellers schob die Karriere von Filmproduzent Bernd Eichinger an, der wiederum holte Regisseur Uli Edel ins Boot. Dass dem Regisseur nichts ferner lag als betroffenes Geplänkel, zeigt sich bereits zu Beginn: „Überall nur Pisse und Kacke“, mit jenem schnörkellosen Statement zur Hochhaus-Siedlung Gropiusstadt wird der Zuschauer unvermittelt in die Lebensrealität der 13-jährigen Christiane gezerrt. Dreckig und pur zeichnet der Film Stationen einer Drogenkarriere nach, ohne dabei abschreckende Klischees oder den moralischen Zeigefinger zu bemühen. Blutige Einstichstellen werden mit beinahe mikroskopischer Qualität eingefangen. Edel nimmt den Zuschauer mit in heruntergekommene Fixerwohnungen, zeigt ihm vor Entzugserscheinungen schwitzende und zitternde Körper – und landet mit seiner schonungslosen Darstellung einen cineastischen Coup: Bis heute zählt der Film zu den erfolgreichsten der deutschen Nachkriegszeit, beim Filmfestival Montréal gewinnt er 1981 den Zuschauerpreis.

Dreckig und pur zeichnet der Film Stationen einer Drogenkarriere nach.  Foto: Artem Furman © iStockphotoJedes Mal, wenn Christiane eine weitere Runde in der Abwärtsspirale dreht, etwa als sie die Nachricht vom Tod ihrer Freundin Babsi liest, verfällt die Kamera in Zeitlupeneinstellung. Daneben gibt es aber auch andere Momente, Szenen, die den Spirit von Anti-Spießertum in deutsche Kinosäle bringen: Wenn Christiane und ihre Freunde zur Musik von David Bowie durch das nächtliche Europa-Center rennen, Scheiben von Kassenhäuschen einschlagen und den Sonnenaufgang über Berlin erleben, meint man tatsächlich, eine Gruppe jugendlicher Heroes vor sich zu haben. Diese Bilder haben dem Film häufig die Kritik eingebracht, seine Protagonisten unreflektiert zu heroisieren. Gleichzeitig sind sie langlebiges Faszinosum für erlebnishungrige Berlin-Besucher, die den Bahnhof Zoo auch dann noch nach Christiane absuchten, als die Szene schon längst zum Kottbusser Tor abgewandert war.

Bewegte Biografie

„Ich habe es überlebt.“ Der Film endet damit, dass Christiane zu Oma und Tante aufs Land verfrachtet wird. Weg von Berlin und den Drogen. Während die Filmheldin den Absprung schafft, verästelt sich das Leben der echten Christiane ähnlich der Berliner Drogenszene: Sie wird zum Dauergast in Talkshows, tritt als Sängerin und Schauspielerin in Erscheinung, ihr Gesicht schmückt unzählige Zeitschriftencover. Aus einer Drogenabhängigen wird ein Drogenidol, eine Rollenzuweisung, die überfordern musste.

Mittlerweile hat sich der Medienrummel allerdings gelegt. Hin und wieder gab Christiane F. in den letzten Jahren noch Interviews, doch zuletzt wurde es ruhig. Der Glückwünsch kommt deshalb leise, aber nicht weniger aufrichtig. Alles Gute zum 50. Geburtstag!

Literatur:

Andreas M. Rauch:
Bernd Eichinger und seine Filme (Haag und Herchen, 2000)

Christiane F.:
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (Carlsen Verlag, 8. Auflage 2009)

Franziska Gerlach
lebt als freie Autorin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

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