Jenny Erpenbeck

„Heimat ist da, wo man privat sein kann.“ – Jenny Erpenbeck im Gespräch

Website zu den deutsch-israelischen Literaturtagen; © Goethe-Institut

Website zu den deutsch-israelischen Literaturtagen; © Goethe-Institut„Heimat im Heute“ heißt das Motto der vom Goethe-Institut mitorganisierten Literaturtage, die im Mai 2010 deutsche und israelische Autorinnen und Autoren zusammenbrachten. Gemeinsame Lesungen und Gespräche drehen sich um Freiheit, Verwurzelung und die individuellen Vorstellungen von Heimat. Mit dabei: Jenny Erpenbeck aus Berlin.

Frau Erpenbeck, was erwarten Sie von den deutsch-israelischen Literaturtagen, an denen Sie ja zum ersten Mal teilnehmen?

Jenny Erpenbeck; © Katharina BehlingIch freue mich einfach darauf, mit einem anderen Autor ins Gespräch zu kommen.

Solche Doppel-Lesungen, wie sie dort stattfinden, sind ja nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Autoren immer eine Überraschung: Wie wird der andere sein, mit dem ich da auf der Bühne sitze? Was ist das für ein Mensch? Gibt es ein gemeinsames Nachdenken? Dass ich im kommenden Jahr nach Israel fahren werde, ist natürlich auch ein zusätzlicher Anreiz.

Heimat ist mehr als ein Ort

Ihr Partner bei der Lesung ist Ayman Sikseck, ein palästinensischer Israeli, der sich in seinem Roman „To Jaffa“ mit dem Leben und dem Selbstverständnis nicht-jüdischer Israelis beschäftigt ...

Website zu den deutsch-israelischen Literaturtagen; © Goethe-InstitutIch kann mir denken, dass wir vielleicht über die Mehrschichtigkeit des Heimatbegriffs ins Gespräch kommen. Ich glaube zum Beispiel, dass Heimat mehr ist als nur ein Ort – wie ich es auch in meinem Buch Heimsuchung beschreibe.

Uns, die wir noch immer oder inzwischen wieder in Deutschland leben, verbindet mit den Israelis sicher am engsten die gemeinsame Geschichte, die in Bezug auf den Heimatbegriff ja sehr gebrochen ist.

Was bedeutet denn Heimat für Sie?

Orte der Kindheit, Essen, das meine Mutter gekocht hat, familiäre Rituale. Und Sprache natürlich. Damit meine ich nicht nur die Worte an sich, sondern vor allem die Inhalte – die Selbstverständlichkeit im Umgang mit Menschen, mit denen ich arbeite, denke, denen ich auf der Straße begegne.

Wegwerfen ist unmöglich

Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung; © btbSie sind in Ostberlin geboren. Ist Ihnen mit der DDR ein Stück Heimat verloren gegangen?

Sicher ein ganz entscheidendes Stück. Wenn ich mir aber vorstelle, dass ich von heute auf morgen aus meinem jetzigen Leben fortgehen müsste, glaube ich, dass sich beim Zurücklassen auch da manches als Heimat zu erkennen geben würde ...

Gibt es jemanden, der sie in dieser Hinsicht besonders beeindruckt hat?

Meine Urgroßmutter. Sie ist mit drei Enkeln aus Ostpreußen geflohen, hat nur das Leben der Familie retten können. Den Verlust ihres Hofs, ihrer Heimat – sie hat nie darüber geklagt. Das hat ihr eine große Freiheit gegeben.

Ich selber wäre manchmal gerne so frei, was Dinge angeht. Aber für mich haben oft auch ganz profane Dinge so etwas wie ein Eigenleben, und so kann ich mich nur schwer von ihnen trennen. Ich kann sie abgeben, wenn sie eine neue Heimat bekommen – aber wegschmeißen? Nein.

Auch Zeit kann Heimat sein

Sie sind selber Mutter. Haben sich ihre Gefühle für Heimat dadurch verändert?

Jenny Erpenbecks Roman Dinge, die verschwinden; © Galiani VerlagIn der Stadt, durch die ich jetzt mit meinem Sohn gehe, war ich selbst schon Kind, dann Jugendliche, dann Frau. Mein Sohn wird an denselben Orten natürlich ganz andere Geschichten haben. Das finde ich sehr spannend.

Wenn man im Laufe des eigenen Lebens sehr viel Zeit an einem Ort, in einer Straße, in einer Stadt verbracht hat, kippt das irgendwann und die Zeit selbst wird so etwas wie Heimat. Sie bekommt von irgendeinem Moment an plötzlich sehr viel Gewicht, und dieses Gewicht hält einen dann an dem Ort fest.

Aus so einer persönlichen Geschichte herauszutreten, sie abreißen zu lassen, das erscheint mir inzwischen schwierig und schade – und erklärt vielleicht meine Sesshaftigkeit.

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ostberlin geboren. Nach einer Buchbinderlehre und Tätigkeiten als Requisiteurin an der Staatsoper Berlin studierte sie Theaterwissenschaft und Musiktheaterregie. Ab 1991 war sie als Regieassistentin in Berlin und Graz tätig. Außerdem schrieb sie die Bücher Geschichte vom alten Kind (1999), Tand (2001), Wörterbuch (2005), Heimsuchung (2008) und Dinge, die verschwinden (2009). Sie wurde unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Heimito-von-Doderer-Literaturpreis ausgezeichnet.

Die deutsch-israelischen Literaturtage werden vom Goethe-Institut und der Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltet. Seit 2005 finden sie jeweils im Wechsel zwischen Tel Aviv und Berlin statt.

Armin Himmelrath
arbeitet als freier Journalist und Publizist für Bildungs- und Wissenschaftsthemen (u.a. Westdeutscher Rundfunk, Deutschlandfunk, UniSpiegel etc.) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010

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