Gießen – die etwas andere Theaterausbildung

Als 2007 Helgard Haug und Daniel Wetzel von der Künstlergruppe Rimini Protokoll für ihr dokumentarisches Theaterprojekt Karl Marx: Das Kapital mit dem Mülheimer Dramatiker-Preis ausgezeichnet wurde, hatte das einen kleinen Skandal zur Folge.
Einerseits durchaus verständlicherweise, kürt der Preis doch ausdrücklich dramatische Texte, die wenigstens potenziell als Grundlage mehrerer Inszenierungen durch verschiedene Regisseure und Ensembles dienen können. Der Text aber, den Rimini Protokoll zusammen mit ausgewählten „Experten“ des Kapitals entwickelt hatte, war ästhetisch zwingend an seine Aufführung durch eben jene echte Menschen gekoppelt, die Helgard Haug und Daniel Wetzel im Zuge ihrer Recherche zum Marx-Hauptwerk befragt hatten. Wenn der Marx-Forscher Thomas Kuzcynski nicht, wie bei Rimini Protokoll vorgesehen, persönlich als er selbst auf der Bühne steht, macht das dokumentarische Konzept des Regieteams keinen Sinn.
Andererseits erzählte der Skandal eine Menge über die Konventionen, die in der deutschsprachigen Stadttheaterlandschaft herrschen: Nicht nur in Mülheim war bislang ziemlich genau definiert, wann ein Drama ein Drama ist. Generell gilt Theater als die Aufführung eines dramatischen Textes durch ausgebildete Schauspieler, muss ein Schauspieler gut sprechen können, ist ein Regisseur dafür zuständig, kanonischen Stücken zeitgenössischen Atem einzuhauchen. Die Arbeitsteiligkeit und Hierarchie, die in der Institution Stadttheater herrscht, hat nämlich Auswirkungen auf die Ästhetik, die in ihnen entwickelt wird. Die Mülheimer Preisjury aber erkannte durchaus die Zeichen der Zeit, als sie ein Team kürte, das gezielt gegen diese Konventionen verstößt und trotzdem in der exklusiven Sphäre der Hochkultur erfolgreich ist: Rimini Protokoll hat 2007 außerdem den Faust-Sonderpreis eingeheimst und wird 2008 den Europäischen Theaterpreis sowie den Hörspielpreis der Kriegsblinden erhalten.
Anders als Schauspielschulen und Universitäten
Dass die ungeschriebenen Gesetze und Dogmen, die die deutschsprachige Theaterkunst bei aller Vielfalt prägen, immer wieder in Auflösung geraten, hat auch mit einer inzwischen schon legendären Ausbildungsstätte in der hessischen Provinz zu tun. Am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität lernten beispielsweise Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll das Regelverstoßen und Theater-ganz-anders-Denken. Schauspielschulen und Regiestudiengängen bilden für die Stadttheater aus. Der Hochschulstudiengang Theaterwissenschaft vermittelt Theorie und Geschichte, Praxis jedoch nur am Rande. Die „Gießener Schule“ hingegen ähnelt am ehesten einer Kunstakademie: Sie bildet sowohl ausgewiesene Wissenschaftler als auch Theatermacher und –denker aus und bestärkt sie darin, neu und von Grund auf über Theater nachzudenken und im Experiment zu einer eigenen künstlerischen Haltung zu finden.
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Geschichte
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Auch nach Wirths Emeritierung 1992 holten seine akademischen Mitarbeiter und Nachfolger Künstler und Publizisten als Gastprofessoren nach Hessen, darunter Choreografen wie Jérôme Bel, Xavier Le Roy und – aktuell - Deufert + Plischke, Medienkünstler wie Rabih Mroué, Schauspieler wie Viviane de Muynck, den Poptheoretiker Diedrich Diederichsen und den Komponisten Heiner Goebbels, der seit 2003 das Institut leitet. Sie hinterließen Glamour, ihre Duftmarken oder einfach das „coole Theaterwissen“. Ein anderer Begriff für das Gießener Know How ist „postdramatisches Theater“, ein Begriff, den der Theaterwissenschaftler und langjährige Wirth-Mitarbeiter Hans-Thies Lehmann in seinem gleichnamigen Standardwerk zur zeitgenössischen Theaterkunst prägte.
Reduktion der Mittel führt zur Ausweitung der Möglichkeiten
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Eine andere Möglichkeit war, dass sich die Studierenden selbst zum Thema machten und als Performer auf die Bühne stellten. Inspiriert auch von der britischen Life Art gründeten sich Mitte der 90er Jahre gleich mehrere Performance-Gruppen, die bis heute existieren: die feministische Frauentruppe She She Pop, die „Boygroup“ Showcase Beat Le Mot, deren auch erwachsene Zuschauer überraschende Kindertheaterperformance Räuber Hotzenplotz beim Impulse-Festival 2007 den Preis des Goethe-Instituts gewann, sowie die britisch-deutsche Gruppe Gob Squad, die bei der Verschränkung von Videokunst und Mitmachtheater immer virtuoser wird. Dass auch der Theorie-Input ganz konkrete künstlerische Folgen haben kann, zeigt vielleicht immer noch am eindrücklichsten das Texttheater von René Pollesch, das postmoderne Diskurse über die Beschaffenheit der Subjekte im Kapitalismus vor allem sprachlich zur Aufführung bringt.
Natürlich gehen aus anderen Studiengängen und Ausbildungsstätten gleichfalls talentierte Leute hervor, und auch im Stadttheater wird gegen alle Routinen immer wieder Theater neu erfunden. Doch in Gießen scheint die Quote, gemessen an den rund 22 Studierenden, die pro Jahrgang nach einem Auswahlsystem mit Mappe und Aufnahmeprüfung aufgenommen werden, ungewöhnlich hoch. Eigentlich erstaunlich, dass die Gießener Schule als Ausbildungsmodell noch nicht mehr Schule gemacht hat.
ist Theaterkritikerin des Fachmagazins Theater Heute
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Februar 2008














