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Im Gespräch mit Boštjan Vuga

Boštjan Vuga
Boštjan Vuga
Boštjan Vuga gründete 1996 gemeinsam mit Jurij Sadar in Ljubljana das Architekturbüro SADAR+VUGA. Nachdem er 1992 das Architekturstudium an der Universität Ljubljana absolvierte, setzte er 1993 bis 1995 das Studium an der AA School of Architecture in London fort. Neben Realisierungen großer Projekte in Slowenien ist sein Büro auch international vertreten. Seit 2011 hat Boštjan Vuga eine Gastprofessur am Institut ADIP (Architecture Design Innovation Program) an der TU Berlin inne.

Wie stark identifizieren sich heutzutage die Bürger Ljubljanas mit ihrer Hauptstadt?


Die Bürger von Ljubljana bleiben am Sonntagnachmittag in der Stadt. Wahrscheinlich ist das ein Zeichen, dass sich der urbane Charakter von Ljubljana verbessert. Die Stadt als ein Ort, wo man sorglos herumspazieren kann, wird vor allem am Sonntagnachmittag, wo man nicht arbeiten muss und die Geschäfte geschlossen sind, deutlich. Wenn du solch einen Ort für einen Spaziergang, eine Erholungspause, ein Treffen mit Freunden und fürs Relaxen ausnutzt, heißt das, dass du dich mit diesem Ort identifizierst, du ihn als deinen eigenen ansiehst und ihn wirklich genießt. Vor allem die Umgebung beim Ufer der Ljubljanica verwandelte sich in eine schöne Gegend um herumzuschlendern.

Wie hat sich das Interesse der Bürgerinnen und Bürger an Themen der Stadtplanung in den letzten 20 Jahren entwickelt?

Die Formationen, die am besten eine aktive Partizipation in dem Planungsprozess der Stadtentwicklung der Bürger und Bürgerinnen Ljubljanas zeigen, sind die Zivilgruppen und die Zivilinitiativen. Die Vox populi, die sich bei einem bestimmten Eingriff in die Entwicklung der Stadt formt, kann positiv sein, sie kann aber auch ein starkes Hindernis für die Stadtentwicklung bedeuten. Eine Zivilinitiative hat gewöhnlich in ihrem Namen das Element „dagegen“ versteckt (zum Beispiel ist man gegen den Bau von Tiefgaragen unter dem Markt, gegen den Bau von Hochhäusern …), was auf eine Abneigung gegen Veränderungen des vorhandenen Zustands hindeutet und für den Erhalt dessen, an das wir schon gewohnt sind. In dieser Hinsicht können sie als Verzögerungsfaktor in der Stadtentwicklung angesehen werden. Zugleich sind aber die Zivilinitiativen auch ein ausgewogener Faktor, der ermöglicht, dass man die auf Zeit überehrgeizigen Pläne von Investoren, etwas abmildert und sie so realisiert, dass sie im Allgemeininteresse aller Bewohner liegen. Hier sind dann die fachlichen Entwicklungsdienste der Stadt diejenigen Institutionen, die zwischen beiden Seiten der Zivilinitiativen vermitteln müssen.

Was unterscheidet Ljubljana von anderen Hauptstädten in Europa?


Ljubljana ist ein „light capital“ (eine „leichte Hauptstadt“). Sie hat alles, was auch alle anderen großen Hauptstädte haben, aber in einem kleineren Ausmaß. Die Institutionsgebäude, die die Hauptstadt repräsentieren (das Parlament, die Regierung, die Botschaften, die Gerichte …), sind in der Stadt nicht so formell und traditionell monumental positioniert. Gerade weil die Hauptstadt so „jung“ ist und weil sie sehr flexibel bei der Auswahl ihrer Gebäude, in die die Institutionen eingezogen sind, war, wirkt sie als ob sie kein nationales Verwaltungsviertel hätte, das als das Viertel, wo sich die wichtigsten Institutionen der Hauptstadt befinden würden, erkennbar sein würde. Außer des Parlaments, des Präsidentensitzes und des Obersten Gerichts, haben sich alle andere Institutionen des Staates mit seinen Ministerien und Botschaften frei in der Hauptstadt verteilt und Gebäude aus verschiedenen Zeitperioden besetzt. Für die Bedürfnisse von Staatsinstitutionen hat man seit 1991 nicht ein einziges Gebäude in der Hauptstadt errichtet (das Gebäude der Handelskammer von Slowenien ist hier ein Sonderfall). Der Einzug von Institutionen in verschiedene Häuser bedeutet, dass die Bewohner und die Besucher von Ljubljana nur schwer die Gebäude in der Hauptstadt, die als Staatsapparat dient, identifizieren können. Zugleich aber kann sich, wenn nötig, der gesamte Staatsapparat reduzieren und wo anders hinziehen, was eine neue Verwendung dieser Gebäude ermöglichen würde. Das ist der Grund, wieso Ljubljana eine so „leichte“ und flexible Hauptstadt geworden ist.

Hätten Sie sich gewünscht, dass man bei der kontinuierlichen Stadtreparatur Ljubljanas nach 1991 etwas anders gemacht hätte?

Der Sportpark Stožice mit dem Fußballfeld und der Mehrzwecksporthalle ist das einzige große öffentliche Projekt, das die Hauptstadt in den letzten 20 Jahren durchgeführt hat. Ich würde mir wünschen, dass es viel mehr solcher Projekte, die wesentlich die Urbanität der Stadt steigern würden, in der Zukunft geben würde. Aber, wie wir wissen, sind große Projekte das Resultat großer Ambitionen und umfangreichen Wissens. Nur eine solche Zusammenarbeit kann zu neuen und innovativen Komplexen führen. Und genau die hat Ljubljana in der Vergangenheit gefehlt.

An welchen architektonischen Vorbildern orientieren sich junge Architekten in Slowenien?


Ich würde vermuten, dass sie sich die Architekten des Modernismus der 1960er- und 1970er-Jahre aus dem einstigen Jugoslawien, also auch die slowenischen Architekten dieser Zeit, zum Vorbild nehmen. Bewundernswert bei denen war vor allem ihre Innovation, sowohl die räumliche als auch die technologische und formelle. Vielleicht war dies deswegen so, weil damals die sozialen Verhältnisse etwas anders waren und die Architekten dazu gezwungen waren, innovativ zu denken. Das hat zu unkonventionellen, noch heute sehr frischen und international interessanten Architekturen geführt.

Welche Rolle spielen ökologische Ziele bei der Modernisierung vorhandener urbaner Strukturen?

Ökologische Ziele werden nicht nur mit der energetischen Erneuerung der Gebäude der 1960er- und 1970er-Jahre, also einfach nur mit der Isolierung der äußeren Wände oder mit dem Austausch von alten Fenstern, erzielt. Der ökologische Aspekt der Erneuerung von Komplexen der sozialistischen Moderne wird vor allem bei der Sicherstellung von Räumen, die Komfort und ein bequemes Wohnen und Arbeiten über das ganze Jahr in allen Jahreszeiten mit hellen und luftigen Grundrissen der Wohnung, der Übergangsräume, der Terrassen, der Logen und der Balkone ermöglichen, deutlich. Gleichzeitig aber schließt der ökologische Aspekt des Umbaus auch neue Sozialräume mit ein – der Umbau einer modernistischen Nachbarschaft bedeutet in dieser Hinsicht vor allem, dass neue Räume die als Treffpunkte, Spiel- oder Lernorte gelten, in die Umgebung, in der das undefinierte Grüne zwischen den Wohnblöcken meist für parkende Autos bestimmt ist, in diese Gegend integriert werden.

Wie geht man in Slowenien mit der Architektur der „Sozialistischen Moderne“ um?

Mit dem unglücklichen Abreißen einiger guter Architekturwerke aus den 1970er-Jahren, mit der intensiven Arbeit der Architekten, Architektenverbände und Gruppen und mit dem immer größeren Interesse der internationalen Öffentlichkeit, verwandeln sich die Gebäude der sozialistischen Moderne nicht nur zu einem Teil des „Gebäudefonds“ von Slowenien, den man schützen muss, sonder auch zu einem Teil der allgemeinen Kultur. Ljubljana ist voll mit faszinierenden Bauwerken aus den 1970er-Jahren, die auf die Offenheit und Innovation von Architekten der damaligen Zeit zurückdeuten.

Herr Vuga, wir danken Ihnen für das Gespräch!