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Die Poesie des Faktischen – Möglichkeiten und Grenzen des dokumentarischen Theaters

International Institute of political murder (IIPM) „Hate Radio“; © Daniel SeiffertDas deutschsprachige Doku-Theater hat in den letzten Jahren eine große Formenvielfalt entwickelt. Die Grenzüberschreitung hin zum Fiktionalen scheuen die neuen Dokumentaristen aber.

Als die Saarbrücker Universität vor einem Jahr eine Poetik-Dozentur für Dramatik einrichtete, berief sie als Dozenten das Recherche-Kollektiv Rimini Protokoll. „Gute Wahl“, könnte man sagen, schließlich geht es Helgard Haug, Daniel Wetzel und Stefan Kaegi um eine Poesie des Faktischen inklusive all der Geschichten, die das Leben schreibt. Andererseits wirkt die Berufung aber auch wie ein programmatisches Statement gegen das klassische Erzähltheater. Rimini Protokoll verweigert sich konsequent der Dramatik fiktionaler Geschichten. Mit dieser Verweigerung steht die Recherche- und Performancegruppe im Zentrum der Frage, was die in den letzten Jahren gewachsene Formenvielfalt des neuen dokumentarischen Theaters kann – und nicht kann.

In den 1960er-Jahren waren es noch einzelne Autoren wie Rolf Hochhuth oder Peter Weiss, die sich vorwiegend der dokumentarischen Aufarbeitung des nationalsozialistischen Menschheitverbrechens widmeten. Heute hat man es mit einer Riege von Theatermachern zu tun, die mit ganz unterschiedlichen Mitteln dokumentarisch arbeiten und frei mit Peter Weiss’ Diktum umgehen: „Das dokumentarische Theater ist ein Theater der Berichterstattung. Es enthält sich jeder Erfindung, übernimmt authentisches Material und gibt dies, im Inhalt unverändert, in der Form bearbeitet, von der Bühne aus wieder.“

Formenvielfalt

„Die letzten Tage der Menschheit” von Hans-Werner Kroesinger, Lesung am Stuttgarter Staatsschauspiel 2008; © Sonja Rothweiler/Schauspiel StuttgartDokumentarisches Theater kann, so es sich in strengem Sinne als solches versteht, kaum von seinem Recherchematerial abweichen. Das liegt in der Natur der Methode. Arbeitet der Dokumentarist mit Interviews, ist er wie der Journalist seinem Interviewpartner verpflichtet. Er kann nicht fiktiv ergänzen, was ihm zu fehlen scheint. Auf der anderen Seite muss er aber immer wieder aufs Neue überlegen, wie er sein Material formal präsentiert, um das Publikum zu interessieren.

Das dürfte einer der Gründe dafür sein, warum das deutschsprachige Doku-Theater in den letzten Jahren eine große Formenvielfalt hervorgebracht hat. Es gibt zum einen sachliche Lesungen wie Die letzten Tage der Menschheit 2008 am Stuttgarter Staatsschauspiel. Da hatte Hans-Werner Kroesinger, einer der wichtigsten Vertreter des aktuellen Dokumentartheaters, in einem Akt der Ironie den Spieß umgedreht und das realistisch anmutende Weltuntergangsdrama von Karl Kraus als dokumentarisches Material genutzt.

Diffussion

She She Pop und ihre Väter mit „Testament“ bei der Eröffnung des Theater Festival Impulse am 29.6.2011 in der Halle Kalk. Foto Robin Junicke2011 ging er mit seiner Karlsruher Inszenierung Die Stadt der Gerechten in eine ganz andere Richtung. Er entführte die Zuschauer in die Stadt und an Orte, an denen er das Thema „Gerechtigkeit“ verhandeln konnte, und erlaubte sich mit der Anlandung eines Asylsuchenden im Karlsruher Rheinhafen sogar eine fiktive Szene. Neben solchen in die Stadt diffundierenden Dokumentationen stehen Bühnen-Performances wie She She Pops Testament. Als die Berliner Performerinnen Anfang 2010 am Berliner Theater Hebbel am Ufer in ihrer Auseinandersetzung mit der Vätergeneration die eigenen Väter auf die Bühne brachten, hätte man annehmen können, es stünden dort „Experten des Alltags“, wie Rimini Protokoll sie in ihren Abenden auf der Bühne versammeln. Der Eindruck täuschte. She She Pops Väter waren, wenn überhaupt, Experten ihrer selbst.

Sieht man sich diese Fomenvielfalt genauer an, dann gilt: Jeder Abend erarbeitet sich die formalen Mittel, die er braucht, um seine Inhalte transportieren zu können. She She Pop etwa wecken in Testament mit vergleichsweise poetischen Mitteln ganz sanft Interesse. Die Züricher Gruppe International Institute of political murder (IIPM) geht mit Hate Radio einen anderen Weg und setzte mit ihrer Re-Inszenierung eines abgründigen geschichtlichen Ereignisses ganz auf die Authentizität der reinen Information.

Reenactment

International Institute of political murder (IIPM) „Hate Radio“; © Daniel SeiffertDas IIPM rekonstruiert originalgetreu Sendungen der populärsten Ruandischen Radiostation „Radio-Télévision Libre des Milles Collines“, die 1994 unverblümt zum Genozid an der Tutsi-Minderheit im Land aufrief. Auf der Bühne geschieht wie in einer zweiten Realität, was in Ruanda geschah: Ein Popsender liefert die Agitation zum Völkermord. IIPM arbeitet, anders als Rimini Protokoll, nicht mit sich selbst darstellenden Experten des Alltags. Die Gruppe arbeitet mit Schauspielern und hat ihr Reenactment unter anderem auch am Ort des Geschehens gezeigt, in Ruandas Hauptstadt Kigali.

Auch das zeigt, wie und wo dokumentarisches Theater wirken kann. Auf Grenzen stößt es, wenn dokumentarisches Material in Richtung einer Dokufiktion oder eines Dokudramas weiterentwickelt werden könnte. Interessanterweise scheint das derzeit nicht im Fokus des Doku-Theaters zu liegen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Andres Veiel etwa recherchierte zusammen mit Gesine Schmidt einen Mord mit neonazistischem Hintergrund und entwickelte aus 1.500 Seiten Gesprächsprotokoll das szenische Dokudrama Der Kick.

Realitätsgewinnung

Der Kick steht seit der Premiere im Jahr 2005 einsam in der Landschaft des aktuellen Doku-Theaters. Zu selten wagen Theatermacher die Weiterentwicklung aktueller Ereignisse hin zu fiktiven Szenen. Als großes Plus auf dem Konto der Realitätsgewinnung können sie für sich verbuchen, dass sie unbekannte Lebensrealitäten sichtbar machen und bestechende formale Umsetzungsmöglichkeiten finden. Die Grenzüberschreitung hin zum Fiktionalen dagegen scheuen die neuen Dokumentaristen.

Jürgen Berger
ist freier Theater- und Literaturkritiker für die „Süddeutsche Zeitung“, „taz“ und „Theater heute“. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied im Auswahlgremium des Mülheimer Dramatikerpreises und bis 2010 in der Jury des Berliner Theatertreffens. Seit 2007 ist er Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises und seit 2012 wieder im Mülheimer Auswahlgremium.

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April 2012

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