Wissen

Bibliotheken im Web 2.0 – Bibliothek 2.0

Rainer Kuhlen; © Rainer Kuhlen

Jürgen-Fuchs-Bibliothek in Reichenbach
© picture-alliance / ZB
Die neue, internetbasierte Informationswelt stellt nicht nur an die „digital immigrants" große Herausforderungen. Auch Institutionen mit Tradition müssen sich selbst neu erfinden – zumal wenn, wie bei Bibliotheken der Fall, der von ihnen behandelte „Rohstoff“ schon immer Information und Wissen waren.

Die Generation der um 1990 geborenen, also die heute erwachsen werdenden Menschen, hat keine bewusste Erinnerung mehr an eine Welt ohne Handy und Internet. Manche Soziologen bezeichnen diese Leute als „digital natives“, als „Ureinwohner“ einer neuen digitalen Welt, in denen sich die Älteren wie „digital immigrants“ vorkommen müssen. In den wohlhabenden Netzwerk-Gesellschaften, und in rasant zunehmendem Maße auch in Ländern wie China und Indien, hat die Bevölkerung per Knopfdruck Zugriff auf mehr Informationen als je zuvor. Vor allem jedoch übernehmen die Informationsbenutzer eine aktivere Rolle in der elektronischen Kommunikation.

Nie war es leichter, andere zu erreichen, ad hoc umfangreiche Informationen untereinander auszutauschen, und ohne Beschränkungen von Zeit und Ort sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten oder zusammenzuarbeiten. Das Internet stellt mit diesen neuen Möglichkeiten auch Bibliotheken vor große Herausforderungen.

Angereicherte Online-Kataloge

Viele Bibliotheken hatten bereits in den Neunzigerjahren Online-Kataloge, aber meistens handelte es sich dabei noch um schwer zugängliche Monolithen. Assoziatives Entdecken oder ein anregendes „Stöbern“ im virtuellen Regal waren nicht vorgesehen; der Katalog war als textliches, in sich geschlossenes Verzeichnis des Medienbestandes seiner Institution angelegt. Dieses Konzept passt nicht mehr in eine Informationsumgebung, in der viele aufschlussreiche Informationen aus dem Umfeld der katalogisierten Informationsressourcen (und immer häufiger auch diese Informationsressourcen selbst) online zugänglich sind.

In vielen Online-Katalogen werden heute beispielsweise digitalisierte Buch- und CD-Cover abgebildet. Es werden Artikel aus dem freien, von zahlreichen Internet-Benutzern kollaborativ geschriebenen Lexikon Wikipedia angezeigt, in denen das katalogisierte Buch erwähnt wird. Oder es wird angezeigt, ob Massendigitalisierungsprojekte wie Google Books den Text des Buchs bereits ganz oder teilweise online gebracht haben. Viele dieser neuartigen Informationsressourcen lassen sich an den Katalog anbinden, womit wiederum inhaltliche Verknüpfungen mit anderen Büchern im Katalog sichtbar und anklickbar werden.

Neue Deutsche Bibliothek in Frankfurt © picture-alliance / dpaDer aktive Informationsbenutzer steht im Mittelpunkt dieser Revolutionierung der Online-Kataloge. Für die Benutzer wird es zur Selbstverständlichkeit, eigene Literaturlisten, eigene Anmerkungen und eigene Schlagworte anlegen, möglicherweise sogar ihre persönliche Kopie des gefundenen Titels als PDF-Datei verwalten zu können – und dies am besten bruchlos dort, wo sie ihre Informationsressourcen finden. Diese Fundstellen sind natürlich vor allem der eigene Rechner und das Web. Kataloge und andere bibliothekarische Datenbank-Systeme unterstützen demzufolge immer häufiger nicht nur ein reines Betrachten der gefundenen Informationsressourcen, sondern werden zur integrierten virtuellen Werkbank des Informationsbenutzers.

Per Mausklick können die Informationen zu Listen zusammengestellt, getaggt (das heißt ad hoc verschlagwortet) sowie in andere Informationssysteme ex- bzw. importiert werden. Schließlich macht sich kaum jemand die Mühe, online eine eigene Ressourcensammlung anzulegen und zu benutzen, wenn er die Daten nicht auch dorthin mitnehmen kann, wohin er will, und mit den Daten tun kann, was er will. Der Niedergang des Digital Rights Management (DRM) in der Unterhaltungsindustrie hat gezeigt, dass der Versuch, die Benutzer mit ihren Informationen durch künstliche Grenzen auf dem eigenen PC einzusperren, im Internetzeitalter unpopulär und wenig Erfolg versprechend ist.

In der Welt des Open Content

Immer häufiger sind Online-Inhalte im Internet frei zugänglich. So gehen die großen US-Bildungsinstitutionen dazu über, Vorlesungsmaterialien und -Videomitschnitte unter freien Lizenzen frei verfügbar zu machen. Auch auf Plattformen wie YouTube mischen sich Unterhaltungs- mit E-Learning-Medien. Per Knopfdruck lassen sich den hochgeladenen Videos Creative-Commons-Lizenzen zuordnen, die den Benutzern – dem Open-Access-Gedanken folgend – nicht nur den kostenfreien Zugang garantieren, sondern auch alle Rechte an der kreativen Nutzung, Weiterbearbeitung und erneuten Veröffentlichung der Medien. In dieser Welt des Open Content finden Bibliotheken heute wichtige neue Konzepte und Aufgaben.

Communities von Bibliothek und Bibliotheksnutzern

Social-Networking-Dienste wie Facebook und sein deutscher Nachahmer StudiVZ sind mittlerweile zu einem virtuellen Lebensmittelpunkt von weit über 100 Millionen Menschen weltweit geworden. Benutzer legen sich persönliche Profilseiten an, knüpfen Freundschaften mit anderen Benutzern und können dann mitverfolgen, was die Freunde von sich preisgeben, Kommentare auf ihre virtuelle persönliche Pinnwand schreiben oder einfach mit ihnen chatten.

Bibliotheken experimentieren auch mit diesem Medium. Eigene Profilseiten bieten einer Bibliothek die Möglichkeit, einfach, kurz und unterhaltsam über die Einrichtung auf dem Laufenden zu halten. Manche Bibliotheksbenutzer bekennen sich gar zur Freundschaft mit ihrer Bibliothek! Daneben lassen sich virtuelle Auskunftsdienste oder auch abfragbare Bibliothekskataloge innerhalb der Facebook-Plattform durch sogenannte Widgets realisieren. Social-Networking-Dienste können jedoch mehr als schick aufpolierte Kanäle eines traditionellen Bibliotheksmarketings sein. Sie sind vielmehr auch Werkzeuge kleinräumiger Communities von Bibliothekaren und Bibliotheksbenutzern. Als solche können sie zum Beispiel die Zusammenarbeit einer Fachbibliothek mit den Mitarbeitern der jeweiligen Universitätsfakultät unterstützen helfen.

Natürlich sind all diese Konzepte nicht ganz neu. So entstanden vor ungefähr zehn Jahren, also lange vor dem heutigen Boom der Social-Networking-Dienste, die sogenannten Weblogs. Ein Weblog (auch kurz Blog) ist das informelle Online-Journal meistens eines Autoren, dem regelmäßig neue kurze Beiträge hinzufügt werden. Viele Bibliotheken und Bibliothekare schreiben seit Jahren eigene Weblogs. Im Idealfall helfen sie dabei, der eigenen Einrichtung „eine menschliche Stimme“ zu geben und neue Interaktionsmöglichkeiten zu schaffen – denn Weblog-Beiträge können von den Lesern meist kommentiert werden. Mittlerweile pflegen einige Bibliotheken die Aktualitäten auf ihrer Website über ein Weblog. Das ist praktisch, da die Inhalte dort einfach erstellt werden und anderswo, vermittelt durch maschinenlesbare Feeds, beliebig eingebunden und nachgenutzt werden können. Bibliotheken werden heute quasi zu „Bibliotheken 2.0“, indem sie mit ihren Daten und Dienste in die Online-Umgebungen der Informationsbenutzer einziehen. Und sie schreiben bibliothekarische Traditionen fort, indem sie an vielen Orten und auf viele Arten ansprechbar sind, um als vertrauenswürdige Lotsen der Informationsozeane die Informationsbenutzer zu unterstützen.

Literaturhinweis: Das Ende der Schublade: die Macht der neuen digitalen Unordnung David Weinberger. Aus dem Amerikanischen von Ingrid Proß-Gill – München: Hanser, 2008
Lambert Heller
Der Autor ist Blogger, Sozialwissenschaftler und Bibliothekar. Er arbeitet als Fachreferent für Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsinformatik an der TIB/UB Hannover und ist daneben als Dozent und Autor rund um das Thema Web 2.0 in Wissenschaft und Bibliothek für zahlreiche Berufsverbände, Organisationen und Weiterbildungseinrichtungen aktiv. Homepage: www.wikify.org

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2009

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