Der Mann, der aus Faulheit den Computer erfand – zum 100. Geburtstag Konrad Zuses

„Ich bin zu faul zum Rechnen“. Mit dieser Begründung erfand der am 22. Juni 1910 geborene Konrad Zuse in Berlin-Kreuzberg Mitte der 1930er-Jahre den Computer. Ein Porträt zum 100. Geburtstag – und ein Interview mit dem Zuse-Kenner Prof. Peter Deuflhard.Konrad Zuse ist ein kreativer Denker. Lieber malt der Statistiker der Henschel-Flugzeugwerft in Schönefeld abstrakte Ölgemälde, als sich mit Rechnen den Kopf zu zerbrechen. So entsteht die Idee, ein programmgesteuertes „mechanisches Gehirn“ zu konstruieren, das Ingenieuren und Wissenschaftlern die Arbeit erleichtern soll.

Im Wohnzimmer seiner Eltern konstruiert Zuse mit Hilfe einer Laubsäge aus Blech, Kurbeln und rund 2.000 Telefonrelais seine Z1: Vier Quadratmeter umspannt das eine Tonne schwere Monstrum, das bereits Zahlen und Befehle speichern kann und auf Binärzahlen – also Nullen und Einsen – basiert. Die Befehle kommen von Filmstreifen, die Zuse mit einem Handlocher präpariert. Voll funktionsfähig ist die 1938 fertiggestellte Maschine aber nie.
Kein Patent für die Z3
Dies gelingt Zuse erst am 12. Mai 1941, drei Jahre vor dem IBM-geförderten US-Mathematiker Howard H. Aiken: mit der Z3, deren Rechen- und Speicherwerk die Ingenieure der Henschel-Werke bei der Berechnung von Tragflächen unterstützt. Kurz darauf entwickelt der Tüftler mit „Plankalkül“ auch die weltweit erste Programmiersprache, deren Implementierung allerdings erst im Jahr 2000 gelingt. Ein Patent aber wird Zuse wegen mangelnder „Erfindungshöhe“ verwehrt. Und Adolf Hitler ist überzeugt, die Rechenmaschine für den „Endsieg“ nicht gebrauchen zu können – auch wenn Zuse sich laut neuester Auswertungen seiner stenografischen Aufzeichnungen durchaus vorstellen kann, seinen Rechner für die „Systematische Rassenforschung“ einzusetzen.
In den letzten Kriegstagen rettet Zuse seine Z4, die er gemeinsam mit einem blinden Programmierer, einem vorbestraften Betrüger und einem Konstrukteur aus der Nervenheilanstalt in seiner Freizeit entwickelt hat, in einen Allgäuer Pferdestall. Das Großgerät wird später an der ETH Zürich kommerziell für die Wissenschaft genutzt. Sein Geld verdient Zuse bis dahin mit Bildern von Gänsen und Windmühlen für amerikanische Soldaten. 1949 gründet er die Zuse KG, die IBM in Deutschland lange Zeit erfolgreich Konkurrenz macht. Mit dem Graphomat, einem computergesteuerten Zeichentisch, ist die Firma sogar Weltmarktführer. Zeitweise beschäftigt sie bei umgerechnet rund 15 Millionen Euro Jahresumsatz rund tausend Angestellte.
Logisch bis ins hohe Alter
Aber Zuse hat nicht genügend Kapital, um sein Unternehmen auszubauen. 1967 übernimmt Siemens die insolvente Firma und speist den Erfinder mit einer kläglichen Leibrente ab. Da hat die Zuse KG bereits 251 Computermodelle entwickelt. Danach verdient Zuse sein Geld wieder mit Gemälden. Als ihn die Gesellschaft für Informatik zum „besonderen Mitglied“ ernennt, notiert er als derzeitige Tätigkeit: „Gelegenheitsarbeiter, Kritiker, Meckerer“.
Konrad Zuse stirbt 1995 mit 85 Jahren in Hünfeld bei Fulda. Kurz zuvor stellt er den Prototyp eines sich selbst errichtenden Metallturms für Windkraftanlagen fertig – die Umsetzung seiner Vision von autonomen Fabrikationssystemen. Und er baut die legendäre Z1, von der alle Blaupausen vernichtet sind, aus dem Gedächtnis nach. Vor allem letzteres ist für den angewandten Mathematiker und Leiter des Berliner Konrad-Zuse-Instituts Peter Deufelhard ein untrüglicher Beweis dafür, „dass Zuse das logische Denken bis ins hohe Alter nicht verlernt hat“.
Introvertiert und neugierig
Herr Deuflhard, Sie haben Konrad Zuse ja noch gekannt. Was war er für ein Mensch?
Zuse war ein introvertierter, eher unpolitischer Erfinder. Und gleichzeitig war er auch ein sehr neugieriger, extrovertierter Mann, der geschauspielert und gemalt hat und mit seinen Kumpels um die Häuser gezogen ist.
Er hat uns ja etwa alle sechs Monate für ein paar Tage im Konrad-Zuse-Zentrum besucht. Da gab es immer ein sehr schönes Ritual, das damit begann, dass er zu mir sagte: „Herr Deuflhard, Sie wissen, der Computer ist viel zu wichtig, um ihn den Mathematikern zu überlassen.“ Und ich habe dann geantwortet: „Herr Zuse, Sie kokettieren immer mit Ihrem Ingenieur, aber Ihr Computer war mathematisch viel stringenter als die Computerentwicklungen der Mathematiker in den USA.“ Danach haben wir uns zufrieden unterhalten und sind am Abend zum Chinesen Essen gegangen.
Das Geheimnis der Sekundalziffer
Was war denn das Mathematische an Zuses Entwicklung?
Es gibt eine in Stenografie gehaltene Tagebuchnotiz von ihm, die ich auswendig kann, weil sie mir so gut gefällt: „Die Elementaroperation ist der Vergleich zweier Sekundalziffern. Dieser Vergleich ist zweiwertig, also wieder eine Sekundalziffer“. Damit hat er die Binärziffern als grundlegend erkannt. Das war ein Geniestreich, auf dem heute jedes Computerprogramm basiert. Und er hat von Anfang an gesehen, dass Zahlrenrechnen und logisches Rechnen eine Einheit bilden. Da war er den amerikanischen Kollegen tatsächlich voraus.
Aufs Binäre sind die Engländer und Amerikaner später selbst gekommen, während Zuse im stillen Kämmerlein weiter tüftelte. Wäre die Entwicklung des Computers ohne ihn irgendwie anders verlaufen?
Nein. Das muss man fairerweise sagen. Auf der anderen Seite muss man aber auch festhalten, dass die Computerentwicklung ganz anders hätte kommen können, wenn in Deutschland ein paar Leute klügere Entscheidungen getroffen hätten.
Dabei war Zuse ja auf einem guten Weg. Seine Computerfirma hat ja naturwissenschaftlich-technische Forschergruppen in ganz Deutschland beliefert. Diese Erinnerung wird an vielen Universitäten bis heute hochgehalten. Ich treffe noch immer Wissenschaftler, die sagen: Wir hatten eine Z25, die war großartig.
Ein Erfinder mit Weitsicht
Inzwischen sind wir im digitalen Zeitalter angekommen. Hat Zuse diese Allmacht des Computers vorhergesehen?
Meiner Meinung nach hat er von Anfang an gewusst, dass er da ein dickes Ding am Wickel hat. Da war er sicher weitsichtiger als etwa der Chef von IBM, der gesagt hat, dass es für diese Art von Maschinen weltweit vielleicht fünf Kunden gäbe.
Das Internet mit seinen weitreichenden Folgen hat er ja nicht mehr mitbekommen ...
... und die gesellschaftlichen Folgen des Computers auch sicher nicht bedacht. Das hat ihn auch nicht so sehr interessiert. Er wollte schwierige Probleme lösen. Und dafür kam ihm die Maschine gerade recht. Aber er hat immer auch gesagt: Wir Menschen müssen uns den Computer untertan machen, sonst werden wir die Untertanen des Computers.
Rechtzeitig zum 100. Geburtstag Zuses wird sein Nachlass jetzt digitalisiert – eine Ehre, die noch keinem Computerpionier zuteil geworden ist. Was erwarten Sie sich davon?
Eine ganze Menge. Zuse hat ja überhaupt nicht im traditionellen Sinn wissenschaftlich gearbeitet und schon gar nicht publiziert, im Mittelpunkt stand bei ihm immer das Werk. Zudem sind viele seiner Ideen in Stenografie verfasst und noch gar nicht erschlossen. Da schlummern zum Verständnis Zuses und seiner Arbeit noch zahlreiche Schätze.
ist einer von zwei Leitern eines Redaktionsbüros und arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.
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Juni 2010
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