Ordnung des Thesaurus, Anarchie des Taggens – im Bibliothekskatalog glücklich vereint?

Neue Webdienste vereinen die Vorteile von Thesauri und durch privates „Tagging“ gewonnenen „Ego-Daten“.Wenn ein Pharmakologe nach „acetylsalicylic acid“ sucht, dann meint er damit Aspirin, auch Acetylsalicylsäure genannt. Oder „2-acetoxybenzoic acid“, oder „CAS 50-78-2“ – und das sind nur einige der korrekten Bezeichnungen des einen, identischen Stoffs. Um Recherchen angesichts einer Flut wissenschaftlicher Literatur in zahlreichen Sprachen einfach und zielgenau durchführen zu können, hat sich schon vor Jahrzehnten die Indexierung mit sogenannten Thesauri durchgesetzt.
Ein Thesaurus führt Begriffe zusammen, die unterschiedliche Bezeichnungen haben, er unterscheidet zwischen verschiedenen Bedeutungen des gleichen Worts (auch ASS steht für Acetylsalicylsäure – aber leider ebenso für Ammonsulfatsalpeter) und verbindet über- und untergeordnete Begriffe miteinander.
Thesauri werden üblicherweise von wenigen Informationsspezialisten gepflegt und angewendet. Daneben gibt es Millionen kleine parallele Informationswelten, in denen wir unsere Informationen für den Privatbedarf strukturieren. Wir tippen ständig Datei- und Ordnernamen in unsere Rechner – Namen, die wenigstens für uns selbst eindeutig sein mögen, immer in der Hoffnung, eine wichtige Datei oder E-Mail anhand des Ordnernamens auch noch im nächsten Jahr wiederzufinden. Solche Systeme werden auch als „Folksonomy“ bezeichnet, als Jedermanns-Taxonomie.
Thesauri und „Folksonomies“ wachsen zusammen
Bis vor wenigen Jahren waren die Welt der Informationsspezialisten mit ihren Thesauri und die Millionen kleinen Welten der Folksonomies voneinander getrennt. Doch gibt es leicht bedienbare Webdienste, mit denen zum Beispiel Hochschuldozenten durch „Tagging“ (also frei improvisierte Schlagworte) für ihre Studierenden Lehrmaterialien, Literaturhinweise und Weblinks sammeln und strukturieren können. In Social-Bookmarking-Diensten ist es zudem möglich, Tags von anderen Benutzern zu übernehmen, oder sich auf gemeinsame Schlagworte zu einigen – man spricht dann von „Collabularies“.
Seit der Verfügbarkeit dieser neuen Werkzeuge ist eine vielfältige Praxis des öffentlichen, oft gemeinschaftlichen Strukturierens von Informationen herangewachsen – insbesondere von Informationen im und aus dem Web. Weblogs, Microblogs, Wikis und Sharing-Dienste werden heute auch von Wissenschaftsautoren genutzt, um kontinuierlich neue, kleine und kleinste Informationsschnipsel in die Welt zu setzen. Selbst ein Heer bestausgebildeter Informationsspezialisten hat keine Chance, da mit einem Thesaurus hinterher zu kommen.
„Ego-Daten“ als Informationsresource
Kein Wunder also, dass die „Informationslaien“ selbst aktiv werden und taggen. Interessant daran ist, dass sie dabei aus Eigennutz handeln; „getaggt“ wird fast ausschließlich, um in eigenen Informationssammlungen etwas wiederzufinden. In den Social Bookmarking-Diensten entsteht durch die Ansammlung solcher Ego-Daten zwar eine qualitativ interessante Informationsresource, aber das ist „nur“ ein von den Beteiligten unbeabsichtiger Nebeneffekt.
Die Bibliotheken stehen nun vor einer historischen Herkulesaufgabe: Sie haben die Stärken der beiden Informationswelten aus der Ära vor und nach dem sozialen Web zu vereinen. Kölner Bibliotheksbenutzer wissen bereits, wie das aussehen könnte. Im Kölner UniversitätsGesamtkatalog (KUG) werden zu jedem Buchtitel die dazugehörigen benutzergenerierten Tags aus dem Social Bookmarking-System BibSonomy angezeigt. Das eröffnet den Bibliotheksbenutzern einen neuen Navigationsweg: Vom strukturierten Bibliothekskatalog, mit Schlagwörtern aus den Thesauri und Klassifikationssystemen der Bibliothekare, gelangen sie in die informellen Informationssammlungen der BibSonomy-Benutzer.
Die Benutzer des KUG können aber auch per Mausklick die präzisen bibliographischen Angaben mitnehmen in ihr eigenes, kostenloses Benutzerkonto bei BibSonomy. Von dort können die Daten wiederum bruchlos in die eigene Literaturverwaltung auf dem PC, in Programme wie EndNote oder Citavi, übernommen werden.
Potenziale des Semantic Web
Ein noch gewagteres Experiment als BibSonomy ist Faviki. Die grundlegende Idee ist hier, dass das Web bereits einen umfassenden, stets aktuellen Thesaurus hat, der darüber hinaus auch noch von allen kostenlos verwendet werden darf: Die Wikipedia. Durch ihre Kategoriensysteme, Quer- und Synonymverweise hat sie tatsächlich Merkmale eines Thesaurus. Faviki hat das übrigens nicht zuerst entdeckt; die mit Informationen aus der Wikipedia betriebene DBpedia ist schon längst Kristallisationskern des sogennanten semantischen Webs.
Faviki ist ein Social-Bookmarking-Dienst, bei dem die Benutzer ihre Tags nicht nur frei improvisieren, sondern stattdessen auch die Artikelnamen aus der Wikipedia als Schlagworte verwenden können. Die Benutzer sollen sich mithilfe leistungsfähiger automatischer Textanalyse passende Schlagworte vorschlagen lassen und quasi beliebig in anderen Sprachen ausgeben lassen können.
Angesichts der Potenziale des Social Web und des Semantic Web hat der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium in der Bundesrepublik, die Bibliotheken 2011 dazu aufgefordert, sich von alten Systemen zu verabschieden, die noch „nicht in das offene Web integriert sind“. Viele Bibliotheken haben sich bereits auf diesen Weg gemacht.
ist Blogger, Sozialwissenschaftler und Bibliothekar. Er arbeitet als Fachreferent für Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsinformatik an der TIB/UB Hannover und ist daneben als Dozent und Autor rund um das Thema Web 2.0 in Wissenschaft und Bibliothek für zahlreiche Berufsverbände, Organisationen und Weiterbildungseinrichtungen aktiv. Website: www.wikify.org
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Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2011
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