Übersetzungsförderung

Zeitgenössische deutsche Literatur im Spiegel der slowakischen Übersetzung

Nadežda Zemaníková

Nadežda ZemaníkováDiese Skizze der slowakischen Übersetzungslandschaft nach 1989 fokussiert slowakische Übersetzungen der zeitgenössischen deutschen Literatur und verzichtet bewusst sowohl auf Darstellungen der übersetzten literarischen Texte aus Österreich und der Schweiz, als auch auf Texte der Kinder- und Jugendliteratur sowie Sachbuchübersetzungen ins Slowakische. Der Schwerpunkt liegt auf den belletristischen deutschen Texten, die nach 1989 erschienen sind, wobei ausschließlich auf Buchübersetzungen verwiesen wird.

Die historisch neue Situation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs brachte nicht nur in den Ländern des ehemaligen Ostblocks eine verstärkte Bedeutung des Buchmarktes mit sich, sondern veränderte die Koordinaten des literarischen Lebens und die Konstellationen des Literaturbetriebs auch im vereinigten Deutschland. Um im Ausland lesens- und übersetzenswert zu erscheinen, musste sich die Literatur den neuen Herausforderungen stellen und eine stärkere mediale, oft marktorientierte Präsentation erfahren. Die veränderten Bedingungen beeinflussten auch die Entwicklungen auf dem Gebiet der literarischen Übersetzung ins Slowakische.

Ladislav Šimon wählte bereits bei seiner Übersetzung von Robert Schneiders Schlafes Bruder (Sestra spánku, Slovenský spisovateľ, 1997) einen auf der internationalen literarischen Bühne geschätzten Bestseller. Mit dem Roman Der Vorleser (Predčítač, Slovart, 2006) konnte er dem slowakischen Lesepublikum den weltweit erfolgreichsten deutschen Titel der letzten zwei Jahrzehnte vermitteln, der eine zwar mit konventioneller Erzähltechnik geschilderte, aber sehr ungewöhnliche Liebesgeschichte mit dem Thema des Holocausts und dem deutschen Nazismusdiskurs nach 1945 verbindet. In der beliebten Edition MM, in der der Verlag Slovart seit 1997 bedeutende Werke von ausländischen Autoren des 20. Jahrhunderts auf den Markt bringt, ist auch Šimons nächste Übersetzung Schlinks erschienen, Die Heimkehr (Návrat domov, Slovart, 2007). In dem Roman, der allerdings weniger positive Resonanz bei der deutschen Literaturkritik gefunden hat, werden Nachforschungen eines Sohnes zur unklaren Vergangenheit seines verschwundenen Vaters durch einen Groschenroman über die Heimkehr eines Wehrmachtssoldaten aus russischer Gefangenschaft initiiert.

Auch weitere Beispiele der literarischen Beschäftigung mit der Vergangenheit als Möglichkeit kollektiver Erinnerungsarbeit können genannt werden. In der bereits stabilisierten Nachkriegszeit spielt Hans-Ulrich Treichels Erzählung Der Verlorene, übersetzt von Adam Bžoch (Stratený, Slovart, 2005). Aus der Perspektive eines kleinen Jungen wird dort das Bild einer aus Ostpreußen geflüchteten Familie gezeichnet, die auf dem Flüchtlingstreck ihren erstgeborenen Sohn verloren hatte.

Zu den Übersetzungen der nicht nur in Deutschland meistverkauften Bücher gehört auch der Roman Die Vermessung der Welt des jungen österreichisch-deutschen Schriftstellers Daniel Kehlmann (Vymeriavanie sveta Kalligram, 2009, übersetzt von Juraj Dvorský), der mit dem Treffen der Wissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß eine ganz andere Art der historischen Vergegenwärtigung bietet und bei der Lektüre vorwiegend durch das intelligent unterhaltende Moment besticht.

Nur in einigen Ausnahmefällen der Gegenwartsliteratur wagen es jedoch die slowakischen Übersetzer und Übersetzerinnen, mit der starken tschechischen Konkurrenz auf dem slowakischen Buchmarkt in Wettstreit zu treten. Ihre tschechischen Kollegen und Kolleginnen reagieren meistens mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit auf literarische Neuerscheinungen, die in Deutschland von größeren Leserkreisen beachtet worden sind.

Auf die erste Buchübersetzung der Nobelpreisträgerin Herta Müller Heute wär ich mir lieber nicht begegnet (Dnes by som sa radšej nestretla, Artforum, 2011, übersetzt von Adam Bžoch), die das Entsetzliche in den traumatischen Erfahrungen der Ceausescu-Diktatur auf eine sehr eindringliche Weise literarisch ausdrückt, musste das slowakische Lesepublikum bis zum Frühjahr dieses Jahres warten.

Das Thema der europäischen Teilung wird auch im mehrperspektivischen Roman Christoph Heins Landnahme (Osídlenie, Kalligram, 2006, übersetzt von Mária Zemaníková) aufgenommen.

In Monika Marons Roman Stille Zeile sechs, der nach fast zwanzig Jahren seit seiner Veröffentlichung in der slowakischen Übersetzung von Katarína Szehérová (Zátišie číslo 6, Q111, 2010) erschienen ist, bekommt die Auseinandersetzung mit der geteilten deutsch-deutschen Vergangenheit die Form einer Generationenkonfrontation. Die Erzählung Am kürzeren Ende der Sonnenallee von Thomas Brussig  (Na dolnom konci Slnečnej ulice, Drewo a srd, 2007, übersetzt von Svetlana Žuchová), eine heiter komische Darstellung des Jugendlebens im Schatten der Berliner Mauer, erreichte das slowakische Publikum acht Jahre nach ihrer Verfilmung auch in Buchform.

Foto: Bernhard Ludewig © Goethe-InstitutFür den im Osten aufgewachsenen Autor Ingo Schulze ist die Aufarbeitung der Geschichte des nach 1989 verschwundenen ostdeutschen Staates zu einem zentralen Thema geworden. Marián Hatala wagte sich an die slowakische Übersetzung seines voluminösen Wenderomans Neue Leben (Nové životy, Slovart, 2008), eines Briefromans mit Herausgeberfiktion. Die in den neunziger Jahren außerordentlich erfolgreichen Bücher der erwähnten Autoren sind jedoch in der slowakischen Übersetzung nicht zugänglich (Brussigs Helden wie wir und Schulzes Simple Storys liegen nur in tschechischen Übersetzungen von Jana Zoubková vor).

Ähnliches gilt für das publikumumschwärmte Debüt von Judith Hermann Sommerhaus, später, das slowakische Leser und Leserinnen bis jetzt nur im Original lesen können. In der Übersetzung von Monika Brečková erschien jedoch Hermanns zweites, mit einem ähnlichen Minimalismus verfahrendes Buch Nichts als Gespenster (Nič, len prízraky, Vydavateľstvo Spolku slovenských spisovateľov, 2008). Genauso fehlt das mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis gekrönte Debüt Birgit Vanderbekes Das Muschelessen, das slowakische Lesepublikum kann aber ihre Liebesgeschichte Alberta empfängt einen Liebhaber in der Übersetzung von Ladislav Šimon nachlesen (Alberta prijíma milenca, Slovenský spisovateľ, 2002).

Mehrere Autoren, die in Übersetzungen der neunziger Jahre noch vertreten waren, würde man nach der Jahrtausendwende in der slowakischen literarischen Übersetzungslandschaft vergeblich suchen. Interessante Beispiele dafür wären Bodo Kirchhoff mit Infanta (Slovenský spisovateľ 1995), einer Liebesgeschichte zwischen einem Deutschen und einer jungen Philippinin, oder Luise Rinser (Abaelardova láska, Slovenský spisovateľ, 1992), beide übersetzt von Daniela Humajová.

Gegenwartsschriftsteller der älteren Generationen sind lediglich durch wenige übersetzte Texte repräsentiert. Vor zehn Jahren wurden ausgewählte Erzählungen von Günter Grass unter dem Titel seiner ersten Prosaarbeit aus dem Jahr 1955 Meine grüne Wiese herausgegeben (Moja zelená lúka, Vydavateľstvo Spolku slovenských spisovateľov, 2001, übersetzt von Ladislav Šimon).

Gänzlich fehlen Buchübersetzungen der Nachwendetexte von Christa Wolf, aber beispielsweise auch von Martin Walser, Wolfgang Hilbig oder Volker Braun.

Deutsche Lyrik wird in den slowakischen Buchübersetzungen durch zwei herausragende, aus dem Osten stammende Dichter vertreten, die beide im Jahre 1977 aus der DDR in die Bundesrepublik übersiedelten: Reiner Kunze (Búrkové mračná odtiahli, MilaniuM, 2003, übersetzt von Marián Hatala) und Sarah Kirsch (Krídla okna, Ars poetica, 2006, übersetzt von Mila Haugová). Hans Magnus Enzensbergers  Texte aus der älteren Sammlung Im Gegenteil übersetzte Ladislav Šimon (Naopak, Studňa, 2004).

Neben älteren Übersetzungen der Dramentexte Heiner Müllers (zuletzt Vietor a krik sveta, Slovenský spisovateľ, 1992, übersetzt von Ján Štrasser und Peter Zajac) sei hier die vermittelnde Rolle von Anna Grusková erwähnt, die vielfältige zeitgenössische Dramen der jüngeren Generation deutscher Dramatiker unter dem Titel Nemecká dráma (Divadelný ústav, 2004) herausgegeben hat. Theaterstücke von Theresia Walser, Albert Ostermeier, Dea Loher, Roland Schimmelpfennig und Igor Bauersima wurden von Jana Cviková, Elena Diamantová, Anna Grusková, Martin Kubran und Peter Lomnický übersetzt.

Weder einige für diverse Autorenlesungen angefertigte Übersetzungen noch zahlreiche wertvolle, für die Veröffentlichung in den slowakischen Literatur- und Kulturzeitschriften Revue svetovej literatúry, aber auch RAK, Dotyky oder Vlna übersetzte Texte konnten in dieser kurzen Darstellung beachtet werden.

Autorin: Nadežda Zemaníková
ist Germanistin und Dozentin an der Matej Bel-Universität in Banská Bystrica, Slowakei
Übersetzung: Eva Gruber

Copyright: Goethe-Institut Bratislava
November 2011

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