Workshop in Tallinn, Estland

Die Straße



Das matschige und holprige Innere von Kalarand voll von Bauschutt und Müll, mit jungem Buschwerk und Pionierpflanzen spiegelt unlängst Geschehenes und auch bisher ungeschehen gebliebene Umgestaltungen. In dem über den rohen doch reizenden Gegebenheiten liegenden, für das Auge unsichtbaren Medien- und Wirtschaftsraum wird im Zusammenstoß unterschiedlich ausgerichteter Kräfte ein Zukunftsbild des Ödlands gezeichnet. Die Stille ist angespannt genug, dass auch die einfachsten Pfosten aus Sägeholz hier zu Bedeutungsträgern werden können. Die Pfosten stechen auf der einen Seite in die Erde, den Beton und die Ziegel unter sich und auf der anderen Seite in den abstrakten Kommunikationsraum über sich. In eine Reihe gestellt verbindet das Auge sie zu zwei Achsen. Es entsteht eine auf bekannten Maßen beruhende Vorstellung eines linearen Elements des städtischen Raums – einer Straße oder sogar zweier Straßenfronten.

Ja, das ist ein Vorschlag!

Anstelle der geplanten Umwandlung des Kulturkilometers in eine Straße zeichnet die Installation einen Straßenraum zum Meer hin. Was wäre, wenn die Straße sich hier befände, inmitten des zukünftigen bebauten Gebiets und nicht am Rand, wie es die heutigen Zeichnungen zeigen?

Eine inmitten des zukünftigen bebauten Gebiets verlaufende Straße könnte den Kulturkilometer in einen attraktiveren, an beiden Seiten bebauten Straßenraum verwandeln. Das große Gebäudemassiv wird menschlicher und wohnlicher aufgeteilt. Dies bedeutet einen für alle zukünftigen Wohnflächen näheren Nahverkehrskorridor. Zusätzlich bleibt der Eisenbahndamm des Kulturkilometers als Schicht der städtischen Geschichte erhalten. Diese kann ihre Entwicklung als städtischer Park fortsetzen, der in Zukunft den Hafen am Meer von den Reiseterminals bis hin zum Minenhafen mit seinen roten Kasernen zu einem Ganzen verbindet und sich von dort in Form leichter Verkehrswege verzweigt.

Auf dem Eisenbahndamm treffen sich Stadtbewohner aus alten wie aus neuen Siedlungen, ebenso Kulturtouristen und Menschen aus anderen Teilen der Stadt. Die Führung der Straße zum Meer hin verringert die Störungen des Kulturkilometers durch unangenehme Kreuzungen mit Autostraßen.
Autoren: Peeter Pere, Indrek Peil, Henn Runnel
Fotos: Reio Avaste / Archiv des Goethe-Instituts